21.04.1980

„Einer hält die MP ins Lokal“

Raub und Mord auf Bestellung: Organisiertes Verbrechen in Westdeutschland Leichenteile mit Marterspuren in einem Stausee, Erpressung von „Schutzgebühren“ bei Wirten - das sind „Mafia-Syndrome“ in Westdeutschland, wie ein Kriminologe sagt. Zunehmend haben die Fahnder mit Banden italienisch-amerikanischer Machart zu tun. Bei der Jagd nach Killern und Räubern stößt die Kripo auf eine Mauer der Angst. Festgesetzte Gangster werden schon mit Bomben befreit, wie vorletztes Wochenende in Wuppertal.
In der fensterlosen Gefängniskirche zu Wuppertal-Bendahl sangen die Häftlinge "Er weckt mich alle Morgen", der Pastor predigte über den ungläubigen Thomas. Danach spazierten 49 Häftlinge der Abteilung IV durch den Hof der Justizvollzugsanstalt, umgeben von Mauern, fast so gewaltig wie die von Jericho.
Da tat es plötzlich einen lauten Knall. Eine der Doppeltüren aus Sieben-Millimeter-Stahl, 2,15 Meter hoch und 1,07 Meter breit, flog fast zwanzig Meter weit aufs Gras. Dutzende von Einzelteilen schwirrten schrapnellgleich durch die Luft. Die zweite Tür wurde ebenfalls aufgerissen. Die Männer warfen sich zu Boden. Nur eine Gruppe von fünf Gefangenen rannte sofort durch das Loch nach draußen, als ginge es um ihr Leben.
Am schnellsten flitzte der Italiener Arcangelo Maglio, dahinter die Jugoslawen Branislav Saranovic und Jovan Osmajlic. Draußen nahm sie ein dunkelblauer Alfa (Modell Alfetta, OB-NC 73) auf. Zwei weitere Häftlinge flohen längs der Wupper davon -- Mitläufer, die Ende der Woche wieder eingefangen waren.
Es war der beste Bums der deutschen Gefängnis-Geschichte. Erstmals wurden Gefangene mit Dynamit befreit; keiner der Hofgänger wurde dabei verletzt.
Und auch die Zeit hätte nicht besser gewählt sein können. Am Sonntagmorgen bewachten nur zwei neue Assistenten-Anwärter die Häftlingsgruppe. Die Polizeireviere in der Stadt waren nur mäßig besetzt, die Sondereinsatzkommandos beim CDU-Wahlkampfauftakt in Essen gebunden.
Den Knall an der Wupper würdigte Werner Hamacher, Chef des Düsseldorfer Landeskriminalamtes, als "eine neue Qualität, die da sichtbar wird". Für den Wuppertaler Leitenden Oberstaatsanwalt Alfred Spieß war er ein Echo aus der großen weiten Welt. Spieß vermutete "internationale Kooperation".
In der Tat liefen Aktionen wie in Wuppertal bislang nur in Italien oder den USA, wo Gangs großen Kalibers so etwas öfter für ihre Leute inszenieren. Und auch das Gewerbe der Befreiten erinnert an italo-amerikanisches Format, den Deutschen mehr aus Filmen bekannt.
Der Italiener Maglio, 29, mit dem Vornamen Erzengel, saß in Untersuchungshaft, weil er unter anderem von dem italienischen Landschaftsgärtner Oreste Tomasco in Radevormwald ein "Schutzgeld" von 150 000 Mark zu erpressen versucht haben soll -- wahrscheinlich in höherem Auftrag. Wegen Zuhälterei und Diebstahl war er zuvor S.127 in der Schweiz verurteilt worden. In Wuppertal betrieb er zuletzt das Restaurant "Le Pascha", mit einer Essensdurchreiche zu einem Bordell, und eine Ecke weiter das "Cafe de Paris".
Die beiden Jugoslawen waren, wenn sie nicht gerade in Stockholm, Paris oder Amsterdam Visite machten, im Rhein-Ruhr-Raum unterwegs. Branislav Saranovic, 36, genannt "der Doktor", hatte gerade die ersten Monate einer achteinhalbjährigen Haft hinter sich, die er wegen "räuberischer Erpressung" beim Kassieren von "Schutzgeldern" in einem Düsseldorfer Lokal und Spielsalon verbüßen sollte.
Jovan Osmajlic, 31, genannt "der Schöne", erwartete im Gefängnis seinen Prozeß. Er hatte, so die Anklage, als "Sicherheitsbeauftragter" des Spielklubs "Sabra" in der Düsseldorfer Luisenstraße zwei neugierige deutsche Konkurrenten niedergeschossen, darunter die Düsseldorfer Halbwelt-Größe Karl-Heinz Kamp. "Wer es wagt", folgert ein Polizeibericht in Osmajlics Prozeßakte, "einen Kalle Kamp anzuschießen, muß ungeheure Macht haben."
Nach Kripo-Erkenntnissen gehören alle drei zu einem jugoslawisch-italienischen Clan von möglicherweise 50 Mann, der überregional operiert: Mal beordert er einen Killer aus Italien für einen Mord nach Deutschland, mal einen Jugoslawen zum Killen nach Wien; dann wieder räumt er mit einem Sonderteam hier und da in Europa illegale Spielkasinos mit Waffengewalt ab.
Was da an der Wupper hochflog, ist Alarmzeichen für eine Gruppenkriminalität, die sich neuerdings immer stärker auch in der Bundesrepublik bemerkbar macht. Nicht die simple, locker und mehr zufällig zusammengewürfelte Bande prägt dieses Modell der Unterwelt, aber wohl auch noch nicht das straff und hierarchisch organisierte Syndikat amerikanischer Herkunft.
"Es gibt bei uns", sagt LKA-Chef Hamacher, "keine Mafia, keine Verbrechersyndikate und keine Verbrechensindustrie. Aber es gibt Gruppen mit einem hohen Maß an Organisation." Und sie weisen schon dem Syndikat und der Mafia verwandte Züge auf, "sie begehen Straftaten mit weit vorausgreifender Planung, in Arbeitsteilung oder mit angeworbenen Spezialisten".
Sie kümmern sich, wie die "AG Kripo" -- eine Arbeitsgemeinschaft der Landeskriminalämter und des BKA -ermittelte, um Verhaftete, schüchtern Zeugen ein, beseitigen Beweismittel, bezahlen Verteidiger und unterstützen die Angehörigen ihrer Inhaftierten. Und ihr Tätigkeitsfeld ist vielfältig wie das der Syndikate, wenn auch nicht so flächendeckend.
Wo diese seit Jahren wachsende, "subkulturelle, organisierte Gegenmacht" (BKA-Chef Horst Herold) vorwiegend antritt, ist den Wiesbadener Kriminalisten inzwischen klar:
* Organisierter Kraftfahrzeugdiebstahl, Anfang der siebziger Jahre in Gang gekommen, vor allem für Kunden in den Öl-Staaten (via Damaskus, Amman und, seltener, Beirut). Orientalische Großkaufleute ordern telephonisch oder per Telex Farbe und Baujahr, vorzugsweise Mercedes und BMW; Porsche-Renner werden für den US-Markt geklaut -- allein im Vorjahr rund 12 000 Luxuslimousinen. Kleinkriminelle beschaffen die Autos, Spezialisten fälschen Papiere und Fahrgestellnummern, Schleuser-Trupps besorgen den Transit.
* Transportdiebstahl auf Bestellung funktioniert nahezu reibungslos. Allein 1979 verschwanden mehr als 300 Lkw-Ladungen mit einem geschätzten Wert von 30 Millionen Mark. Bevorzugte Ladungen: Elektro- und Elektronik-Geräte aller Art, Zigaretten, Schokolade, Textilien, Edelmetalle, aber auch Schrott. Mal ordern Großhehlerbanden bereits den Container im Amsterdamer Hafen; mal verschwindet die Ladung während der Pinkelpause des Fahrers von einem deutschen Parkplatz -- Aufklärungsquote letztes Jahr: zehn Prozent.
* Stehlen und Hehlen geht nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage; gegenwärtig gefragt sind Teppiche und Juwelen, Kunst und Antiquitäten. Da bei den meist hochwertigen Waren ein Absatz in der Nähe des Tatorts kaum möglich ist, so eine BKA-Studie, bauen solche Gruppen auf den Verkauf im Ausland -- "internationale Beziehungen sind die Regel".
Für bundesdeutsche Verhältnisse in großem Umfang neu, für alte Mafiosi aber eine klassische Methode ist das Abkassieren von "Schutzgebühren". Insbesondere in der Kriminalisierung des Nachtlebens bürgern sich mehr und mehr italienische Verhältnisse ein. Im westdeutschen Vergnügungs- und Gaststättengewerbe geht es nicht mehr nur halbseiden und manchmal brutal zu, zusehends werden neben den Kunden auch die Wirte geschröpft. Wenn ihr Lokal nicht zerschlagen werden soll und sie selber heile Knochen behalten wollen, müssen sie zahlen.
Für den Hamburger Kriminologen Hans-Jürgen Kerner ist das noch "ein Mafia-Syndrom", für Werner Gerhardt, den Berliner Inspektionsleiter der Polizei-Abteilung "Organisierte Kriminalität", bereits Normalzustand: "Das kommt mittlerweile in jeder westdeutschen Großstadt vor."
Betroffen sind einstweilen vornehmlich Italiener und Jugoslawen, Pizzabäcker und Cevapcici-Köche. In Saarbrücken und Saarlouis verlangten rabiate Kassierer zwischen 10 000 und 15 000 Mark -- das ist im Saarland der Tarif. "Wir haben zwar viele Fakten, aber keine Täter", sagte der Münchner Staatsanwalt Hans-Günter Melchior. Im Gerichtssaal herrsche "eine Atmosphäre der Angst". Freisprüche sind an der Tagesordnung.
Die Angst der Belastungszeugen bestimmt stets den Verlauf solcher Verfahren. In Darmstadt glaubte die Staatsanwaltschaft fünfzehn Italiener ausgemacht zu haben, die nach Mafia-Manier S.130 Schutzgebühren erpreßt haben sollten. Überliefert wurde die Anmahnung: "Überleg dir gut, was passiert, wenn dein Lokal mit Gästen voll ist und einer hält die MP rein." Alle Zeugen jedoch fielen schließlich um, und die angeblichen Erpresser hatten plötzlich honorige Gründe, die Hand aufzuhalten.
Da war es ihnen doch nur um Zuschüsse für die kranke Mutter eines Landsmanns und für einen inhaftierten Kollegen gegangen -- schlichte 25 000 Mark. Und einer der Wirte habe ihnen 2000 Mark geradezu aufgedrängt mit den Worten: "Ich bin euer Freund, wenn ihr mehr braucht, kommt zu mir."
Selten, daß ein Wirt, wie in Frechen bei Köln, sein Gedächtnis auch noch vor Gericht behält. Und selten ist allerdings auch, daß ein Richter das verlorene Gedächtnis der Zeugen ignoriert und die Angeklagten, wie in Düsseldorf den jetzt aus der Wuppertaler Anstalt geflohenen Jugoslawen Branislav Saranovic, dennoch verurteilt.
Das war dem Richter Otto Strauß von der Zwölften Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts denn doch zu bunt, daß sich der Geschäftsführer des "Domino"-Klubs im Düsseldorfer "Manhattan" partout nicht mehr daran erinnern wollte, wie eigentlich sein Spiellokal zu Bruch gegangen war. Für die Frankfurter Oberstaatsanwältin Adelheid Werner ist das Wunder alltäglich: "Da kommt immer mal eine Anzeige, daß Stühle und Messer geflogen sind. Aber nie waren an diesen Stühlen und Messern Hände dran."
Im Ruhr-Revier knacken die Ermittler noch immer an einer kriminellen Organisation, obwohl sie deren 40 Köpfe und fünf illegale Tätigkeitsbereiche per Telephonüberwachung und Observation haarscharf ausgemacht haben.
Die Gangster vom Kohlenpott sind sehr flexibel, ständig unterwegs zwischen Italien und Deutschland. Sie verdienen an Schutzgebühren wie an falschen Goldbarren, an nachgemachten Rolex-Uhren wie an gestohlenen Lederwaren. Und in illegalen Spielkasinos anderer haben sie sich eine Mitbeteiligung auserbeten.
Als die deutschen Besitzer eines Dortmunder Spielsalons das nicht einsehen wollten, halfen die Italiener "mit einem spitzen Gegenstand" nach (Ermittlungsakte). Die Deutschen lenkten schließlich ein und fanden sich, um die Zahlungsmodalitäten festzulegen, zu insgesamt vier "Versöhnungsessen" unter anderem im noblen Dortmunder Restaurant "Römischer Kaiser" ein. Einer der Teilnehmer an der Tischrunde: der aus dem Wuppertaler Knast entflohene "Erzengel" Maglio.
Eine Rolle spielte der nun freigesprengte Maglio, so die Ankläger, auch bei einem anderen Essen im gediegenen Gasthaus Schloß Lüntenbeck, wo der italienische Landschaftsgärtner Tomasco aus Radevormwald von seinem eigenen Großmut überzeugt werden sollte -- wenn er schon nicht die 150 000 Mark Schutzgebühren zahlen wolle, so möge er doch wenigstens 16 000 Mark Spesen für die Unkosten begleichen.
Ihre drei Anwälte hatten Maglio und seine Freunde zu diesem Arbeitsessen gleich mitgebracht. Und die sind jetzt, wegen Mittäterschaft, ebenfalls angeklagt.
In der Wuppertaler Italo-Szene ist Maglio allerdings ersetzbar. Vier Männer führen dort die Geschäfte, und Staatsanwalt Jörn Bachmann, Leiter einer Wuppertaler Sonderkommission zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, behauptet: "Ich kenne sie alle." Er kennt sie so gut, daß er nur noch mit Colt umhergeht.
Die vier, davon geht der Fahnder aus, seien die Capos eines fernen Auftraggebers. Um sie herum gruppiert sich nach den Erkenntnissen Bachmanns etwa ein Dutzend ständiger Mitarbeiter, zu denen wohl auch Maglio gehörte. Das weitere Umfeld verstärkte sich "je nachdem, was an Arbeit anfällt".
Da tauchen beispielsweise nach den Beobachtungen der Ermittler "dauernd mittellose Italiener aus dem Mezzogiorno auf, die angeblich in Wuppertal Urlaub machen, in Wirklichkeit aber die Lage peilen, dann in Italien Bericht erstatten und Weisung erhalten".
Die Szene ist auffällig gut unterrichtet, und die Fahnder glauben nun auch einen Grund zu kennen. Seit Ende Februar sitzt ein Wuppertaler Polizist in Haft, dringend verdächtig, Informant der Italiener gewesen zu sein.
Am hellichten Tag, Schlag zwölf, wurde am 28. August vorigen Jahres das Wuppertaler Juweliergeschäft Brune von vier eigens eingeflogenen Italienern überfallen. Sie hielten Passanten und den Inhaber in Schach, räumten für 1,8 Millionen Mark Pretiosen ab und waren Minuten später wieder verschwunden. An der Schweizer Grenze wurde tags darauf einer der Beteiligten, Leonardo Savino, samt Beute geschnappt.
Aus Italien eingeflogen wurde wahrscheinlich auch ein Killer namens Sergio. Kurz darauf fehlte in Remscheid Luigi Masetti, der bei seinen Landsleuten wegen seiner Geschwätzigkeit verschrien war. Als Angler später in der bergischen Ennepe-Talsperre einen Leichentorso entdeckten, tippten Kriminalisten sofort auf Masetti; das Leichenteil wies Marterspuren auf.
Für Kriminologen sind dies -- vollstreckte Todesurteile, Folterspuren, zerstückelte oder spurlos verschwundene Leichen -- Indizien für eine hochentwickelte kriminelle Organisation syndikatähnlichen Zuschnitts. Und daß selbst so ein brutaler Mord wie der an Masetti bislang nicht aufgeklärt werden konnte, paßt ebenfalls ins Bild, zeigt die Schwierigkeiten der Ermittler angesichts einer straff strukturierten Subkultur.
"Bei der Suche nach solchen Organisationen und ihren Hintermännern in der Bundesrepublik", räumt LKA-Chef Hamacher ein, "stoßen wir auf viele Indizien, finden aber wenig Beweise. Das kann auch gar nicht anders sein."
Die polizeiliche Erkenntnislücke empfanden ganz spontan auch die Insassen im alten Knast von Wuppertal. Noch Nächte nach dem gelungenen Ausbruch schallte immer wieder ein ausgelassener Singsang der Gefangenen aus den vergitterten Fenstern: "So ein Tag, so wunderschön wie heute."
S.127 Polizeieinsatz in Hamburg. *

DER SPIEGEL 17/1980
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