21.04.1980

BERLINPuschl puschi

Maßstäbe für die ganze Welt soll die Internationale Bauausstellung in Berlin setzen. Bei der Planung geht es vorerst zu wie im Dorfkrug.
Dem Berliner Bausenator Harry Ristock geht es mittlerweile wie einst der Berliner Bauherrin Sigrid Kressmann-Zschach. Wenn die Architektin loslegte, wurde es meist gigantisch, so wie beim Steglitzer Kreisel; wenn nun der Sozialdemokrat ein Projekt in die Hand nimmt, wird es auch allemal eine große Nummer.
Erst baute Ristock, privat seinem Schrebergarten und kleinen Kakteen auf der Fensterbank zugetan, für eine knappe Milliarde Mark das "Internationale Congress Centrum" (ICC). Nun hat er für 1984 eine natürlich wieder internationale Bauausstellung (IBA) aufgelegt, so für drei bis vier Milliarden. Und schon deren offizielle Präsentation entsprach selbstredend dem vorgesehenen Weltniveau.
Alt-Bundespräsident Walter Scheel war gebeten, als "Ehrenbürger" der Stadt die "Werbetrommel" zu rühren. Bundesbauminister Dieter Haack rühmte die "außerordentlich hohen Maßstäbe". Der ehrgeizige Bausenator selber breitete -- vor der eigens und erstmals eingeflogenen Bonner Bundespressekonferenz -- seine Vision aus von "einem menschenwürdigen Zusammenleben im nächsten Jahrtausend".
Doch als der Vorhang hochging bei dieser Veranstaltung am 5. Februar im Saal 2 des ICC und den Blick freigab auf die Köche nebst köstlichem Büfett, war hinter den Kulissen der Schau bereits Entscheidendes gegen die IBA gelaufen. Der Haushaltsausschuß des Bundestages hatte kurzerhand 13 von 62 vorgesehenen Planstellen für das Vorbereitungsteam gestrichen; vom ursprünglich siebenköpfigen Leitungsgremium der IBA war schon mal fast die Hälfte weg.
Drei Top-Leute hatten sich, nach durchschnittlich vierteljähriger Tätigkeit, wieder zurückgezogen: zwei Planungsdirektoren -- der Bonner Stadtplaner und Professor für Städtebau in Darmstadt Thomas Sieverts sowie der Kölner Architekt und Professor Oswald Mathias Ungers -- und einer von zwei Geschäftsführern, der Ministerialdirektor im Bundesbauministerium Ulrich Pfeiffer.
Und nun, während das Monatsmagazin "Lui" noch an den Kiosken liegt, in dessen jüngster Nummer Ristock die "große Linie" des zweiten IBA-Geschäftsführers Jörg Jordan rühmt, packt auch der schon seine Koffer. Jordan geht zum Monatsende, um in Hessen Staatssekretär und "starker Mann" (Regierungschef Holger Börner) im Wiesbadener Umwelt-Ministerium zu werden, "alles in allem mit einem Drittel Gehaltsnachlaß" (Jordan).
Auf Berliner Art, immer mit dem Mund vorweg, wurde die Bauausstellung bisher plakatiert; die Sanierung des verlotterten Viertels Kreuzberg, wo noch immer zum Unwillen der IBA-Planer die Amerikaner Straßenkampf üben, soll beispielsweise Maßstäbe setzen für die ganze Welt. Doch die Vorbereitung dieses globalen Werks müssen jetzt vorerst einsame drei Manager bewältigen, die Architekten und Direktoren Hardt-Waltherr Hämer, Josef Paul Kleihues und Lothar Juckel.
Ihre Zielvorgabe ist so vage wie hochtrabend. Es soll, so steht es in der vom Abgeordnetenhaus beschlossenen Senatsvorlage, "Berlin in Zukunft als Ort geistiger Auseinandersetzung um Urbanität und menschengerechtes Bauen aus der Reflexion gesellschaftlicher Veränderungen ausgewiesen werden".
Kein neues Hansaviertel, wie es 1957 Walter Gropius mitbaute, steht diesmal zur Debatte, kein Wohnkomplex, wie ihn Corbusier damals anlegte -- es geht gleich um die ganze halbe Stadt, folgt man den Höhenflügen des Harry Ristock. Für das rund 500 Hektar große Ausstellungsareal steht nicht etwa nur die Reanimation der "südlichen Friedrichstadt" samt der Stadtbrache um den ehemaligen Anhalter Bahnhof mit viel "Spontanvegetation" auf dem Programm.
In Wettbewerben ist auch die "Umnutzung vorhandener Bausubstanz" zu Kinderkrippen gefragt, die "Innenhofbegrünung am Kottbusser Damm", ein Kammermusiksaal wie ein Verkehrsmuseum im Freien.
Gegen solche und ähnliche "Stadtreparaturen" unter dem Motto "Innenstadt als Lebensraum" wenden sich S.133 freilich bereits Ristocks eigene Leute. Die "IBA-Flucht in die Stadtlandschaft", kritisiert etwa eine Arbeitsgruppe der Bauverwaltung, verdränge die "ökonomischen Zwänge und deren soziale Folgen", die die "Architektur unserer kaputten Städte prägen".
Um gegen solche Einwände und trotz aller Wolkigkeit der Ristockschen Gedanken eine schlüssige Gesamtkonzeption durchsetzen zu können, wäre eine qualifizierte Führungsmannschaft unerläßlich. Bausenator und IBA-Aufsichtsrat jedoch haben bislang keinen Ersatz für die Abtrünnigen gefunden.
Mit der platten Wendung, seine Hochschule habe die erbetene Beurlaubung verweigert, verabschiedete sich der renommierte Ungers, offenbar zeitig geschockt von den Widrigkeiten im Vorfeld. Stadtplaner Sieverts wurde deutlicher: Durch die Streichung der Stellen sei eine "Planungsbasis" erheblich geschmälert worden.
Geschäftsführer Pfeiffer vermißte die Zusammenarbeit mit der Bauverwaltung und erschien dem Berliner Senat auch zu teuer. Er hätte nach der IBA nicht mehr auf seinen Bonner Posten als Ministerialdirektor zurückkehren können und erhebliche Pensionsverluste erlitten. Die von ihm erbetenen 150 000 Mark Ausgleich war den Berlinern der Bonner nicht wert.
Kollege Jordan schließlich, der demnächst aussteigt, fühlt sich durch die Berufung der neuen Mit-Geschäftsführer seiner sozialplanerischen Entfaltungsfreiheit beraubt und zum "Justitiar, Buchhalter, Kämmerer, Personalchef" abgewertet. Der SPD-Linke hatte gezögert mit seinem Rückzug, aus Solidarität mit den Genossen, wie er versicherte. Doch als er die Solidarität dann doch aufkündigte, lernte er die Parteifreunde erst richtig kennen. Die Sozis nahmen ihn so heftig an wie die in solchen Dingen geübte CDU.
"Kleiner mieser Egoist", wertete der Christdemokrat und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der IBA, Klaus Franke. Sozialdemokrat und Stadtoberhaupt Stobbe: Dieser Jordan "sollte besser nicht Staatssekretär sein; der Mann hat so viel von der Zeit des Regierenden Bürgermeisters gefordert wie nicht mal ein Gasag-Direktor". Und das noch: "Was soll's, soll ich wegen dieses Herrn puschi puschi machen?"
Vielleicht hätte er schon ein bißchen nett sein sollen. Denn inzwischen glauben nicht mal mehr Stobbes Kabinettsherren, daß es mit der IBA noch pünktlich was wird. "Das ist alles so gut vorbereitet", spottet Finanzsenator Klaus Riebschläger, "daß es auch noch ein Jahr später gemacht werden kann." Viel passieren kann den Verantwortlichen nach Einschätzung des IBA-Geschäftsführers Hämer ohnehin nicht mehr: "Man kann nicht beweisen, daß es nicht noch schlechter gekommen wäre."

DER SPIEGEL 17/1980
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