21.04.1980

ENERGIEStoff von der Küste

Die BP will in Norddeutschland zwei Kohlevergasungsanlagen bauen; größter Geldgeber soll der Staat sein.
Fern in Australien ließ sich BP-Chef Hellmuth Buddenberg, 55, am Montag vergangener Woche vor eine Kamera des Zweiten Deutschen Fernsehens stellen und verkündete die gute Nachricht: Gemeinsam mit Krupp und der Ruhrkohle AG will BP zwei Kohlevergasungsanlagen bauen und dafür billige Kohle in Australien besorgen.
Die eine Anlage soll in Niedersachsen stehen, die andere in Schleswig-Holstein. Denn, so hatte der BP-Chef beschlossen: "Die logischen Standorte liegen an der Küste."
"Es wird zuviel geredet", findet Buddenberg, "einer muß mal anfangen." Von 1985 an will die BP pro Anlage 500 000 Tonnen des Treibstoffes Methanol aus zuvor vergaster Kohle produzieren. Die aus rund zwei Millionen Tonnen Kohle gewonnene Flüssigkeit soll dem deutschen Benzin beigegeben werden, um den Rohstoff Öl zu schonen.
Die gängigen Automotoren können Benzin mit bis zu sieben Prozent Methanol-Zusatz ohne technische Änderungen verkraften. Kommt der Misch-Sprit voll zum Einsatz, wird gut ein Prozent Öl gespart.
Für die beiden Anlagen braucht Buddenberg die Kleinigkeit von zwei Milliarden Mark. Und weil er die aus den Erträgen seines eigenen Ölgeschäfts einstweilen nicht aufbringen kann, mußte Buddenberg sich nach Verbündeten umsehen.
Den ersten fand er in seinem neuen Freund Berthold Beitz, dem Dirigenten des Krupp-Konzerns. Mit Beitz war der BP-Chef kürzlich in Erdgas-Geschäften nach Moskau gereist; die beiden werden demnächst auch zusammen nach Polen fahren.
Gemeinsam mit der Krupp-Koppers GmbH gründete Buddenberg eine "Planungsgesellschaft für Kohlevergasung". Bis Ende 1980 soll die Gesellschaft die technischen und planerischen Voraussetzungen für die Anlagen klären.
Damit war Krupp -- in der Hoffnung, sein Koppers-Totzek-Vergasungsverfahren durchzusetzen -- mit im Geschäft. Und wenn die neue Entwicklungsgesellschaft gründlich arbeitet, hoffen BP und Krupp auch bald den dritten Finanzier zu gewinnen: den Staat. Bis Jahresende muß das Gemeinschaftsprojekt in das Bonner Kohleveredlungsprogramm aufgenommen werden, damit Subventionen fließen.
Um nicht Ärger mit anderen Interessenten zu bekommen, beknieten Buddenberg und Beitz anschließend den Chef der Ruhrkohle AG, Karlheinz Bund, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Bunds Ruhrkohle, so wußten sie, besitzt Anteile an Kohlezechen in Australien, die preiswert produzieren.
Wie zufällig traf sich Buddenberg in der Nacht vom 11. zum 12. April auf dem Wege von Singapur nach Sydney mit dem Fernost-Urlauber Bund. In der Lounge eines British-Airways-Jumbos beschlossen die beiden, daß die Ruhrkohle zu einem Viertel, Krupp zu einem weiteren Viertel und BP zur Hälfte an dem Geschäft beteiligt sein sollen.
Mit Niedersachsens Wirtschaftsministerin Birgit Breuel, die einen Erfolg für ihre bislang verpuffte Industrieansiedlungspolitik witterte, wurde sich Buddenberg dann rasch über einen Standort einig. Es soll der Ölhafen Wilhelmshaven sein, dessen Zufahrt auch die größten Kohlenpötte durchläßt.
Niedersachsen und Schleswig-Holstein aber müssen, wenn es nach Buddenberg geht, für die jeweils 150 neuen Jobs im Lande etwa eine Million Mark pro Arbeitsplatz aufwenden -- ein selbst für Vollbeschäftigungsfanatiker teurer Einstieg.
Zusammen mit den vom Bund erwarteten Subventionen, so rechneten Regierungsmitglieder in Hannover und Schleswig-Holstein rasch nach, würde das kaufmännisch noch gar nicht kalkulierbare Buddenberg-Projekt dann zu 40 Prozent von der öffentlichen Hand getragen. Der Staat, obgleich im Konsortium nicht vertreten, wäre damit dessen größter Geldgeber.
Bonner Abgeordnete fürchten zudem, die Gasanlage werde -- ähnlich einigen Kernkraftwerken der ersten Generation -- am Ende auch noch laufende Betriebszuschüsse erfordern. Bei weiter steigenden Ölpreisen, erwartet dagegen BP-Chef Buddenberg, würden die Anlagen schon bald rentabel sein.
Doch ehe solche Rechnungen aufgehen, müssen sich die Anlagen-Planer noch mit den spröden Herren aus Hamburg und Umgebung einigen. Die aber sperren sich einstweilen noch gegen Buddenbergs Pläne.
Als Standort für die zweite Gasanlage nämlich hatten Buddenbergs Planer ein Gelände bei Brunsbüttel an der Unterelbe ausgemacht. Dort sorgen schon ein Atomkraftwerk sowie Chemiewerke von Veba und Bayer für anständige Industrieluft.
Um das Brunsbütteler Grundstück, über das angeblich auch mit der Deutschen Shell AG verhandelt wird, noch rechtzeitig ergattern zu können, mußte sich die Buddenberg-Gruppe nun nicht nur mit dem schleswig-holsteinischen Wirtschaftsminister Jürgen Westphal, sondern auch mit dem Hamburger Finanzsenator Wilhelm Nölling einigen. An Industrieanlagen nahe der Hamburger Grenze zeigt Nölling -- der Umwelt und der Arbeitsplätze wegen -immer Interesse.
Buddenberg nahm die beiden Norddeutschen auf seine Kohle-Erkundungstour ins ferne Australien mit, um sie für sein Projekt zu erwärmen. Offizielle Begründung der Reise: Die Minister sollten gemeinsam mit Buddenberg die Chancen billiger Import-Kohle für Norddeutschland ergründen.
Doch schon auf der ersten Etappe seines Australien-Fluges mit Buddenberg, auf der Strecke Hamburg--Frankfurt, fühlte sich der Kieler Minister verschaukelt. Der BP-Chef, so mußte er hören, hatte das holsteinische Grundstück in Brunsbüttel schon klammheimlich eingeplant. Das publizitätsträchtige Projekt sollte auf der Hannover-Messe verkündet werden.
Nur mit Mühe gelang es Westphal, von der australischen Mittelstadt Campbelltown aus, wenigstens seinen Staatssekretär Hans Nebel nach Hannover zu schicken, um die Kieler Mitwirkung zu demonstrieren. Grundsätzliche Einwände gegen das Buddenberg-Projekt scheint allerdings auch Westphal nicht mehr zu haben.
"Wenn die BP bei uns ihre Steuern zahlt", so der Minister, "dann ist das Ding gelaufen."

DER SPIEGEL 17/1980
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