21.04.1980

Irak: „Das Blut floß nicht ungesühnt“

Verschärfter Konflikt zwischen USA und Persien wegen der Geiselaffäre, Sowjetbesatzung in Afghanistan, ungelöste Nahost-Konfrontation zwischen Israel und den Arabern, und nun ein weiterer beinahe offener Krieg in der explosiven Region: Der hochgerüstete Irak fordert den durch die Revolution geschwächten Iran heraus.
Ich werde nicht zögern, die Hand abzuhauen, die nach unserem Land greift", erboste sich Anfang April der irakische Staatspräsident Saddam Hussein.
Wenige Tage zuvor hatte ein fanatischer Anhänger des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini eine Handgranate gegen Husseins Vizepräsidenten Tarik Hussein Asis geworfen und ihn schwer verletzt. "Das diktatorische Regime Chomeinis hat sich entlarvt", erkannte die irakische Tageszeitung "El-Thaura", und Staatschef Saddam Hussein drohte: "Das Blut floß nicht ungesühnt."
Inzwischen ist im Streit der islamischen Nachbarn schon reichlich Blut auf beiden Seiten geflossen. Der bereits seit Monaten durch gegenseitige Beschimpfungen und Verdächtigungen angeheizte Propagandakrieg zwischen Bagdad und Teheran scheint in einen unerklärten heißen Krieg auszuarten.
Anfang April hatte der Irak vier Divisionen mit einer Sollstärke von rund 40 000 Mann an der 900 Kilometer langen Grenze mit dem verhaßten Nachbarland stehen. In Teheran ließ Ajatollah Chomeini einmal mehr mobil machen und kommandierte 210 000 Armee-Soldaten und Revolutions-Gardisten in das Krisengebiet.
Am Schatt el-Arab, dem seit langem umstrittenen Mündungsgebiet von Euphrat und Tigris, kam es letzte Woche zu Gefechten, in die auf beiden Seiten Artillerie, Panzer, Kampf-Hubschrauber und Kampfflugzeuge eingriffen. Über 300 gefallene Kämpfer, die "in Allahs Paradies eingezogen sind", meldete allein die iranische Seite.
Der Irak wie der Iran haben Flottenverbände in Marsch gesetzt, um das strategisch wichtige Gewässer, das für die Iraker nur der "Arabische", für die Iraner nur der "Persische" Golf heißt, voreinander zu schützen.
Nach dem Mordanschlag eines angeblich iranischen Terroristen auf den irakischen Informationsminister Jassim ließ die Regierung in Bagdad aus Furcht vor einer Fünften Kolonne in der vorigen Woche 20 000 im Irak lebende Schiiten über die Grenze jagen und das Oberhaupt der Schiiten im Irak, den Ajatollah Bakr el-Sadr, unter Hausarrest stellen.
Ein offener Konflikt zwischen dem Irak und dem Iran aber erhöht die Explosionsgefahr in der Region. Die ohnehin durch die Geiselnahme in Teheran, den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan und die ungelöste Palästinenserfrage belastete Lage in Nahost wird durch den Grenzstreit noch mal unstabiler, und das zu einem Zeitpunkt, da US-Präsident Carter die Konfrontation mit dem Iran durch neue Boykottmaßnahmen abermals verschärfte.
Denn es scheint so gut wie unmöglich, den regionalen Konflikt von der Parteinahme der ohnehin involvierten Supermächte freizuhalten; der zwischen den islamischen Nachbarn umstrittene Schatt el-Arab liegt im Zentrum der Ölproduktion und berührt damit die Interessen aller Industrienationen.
So hat Carters Sicherheitsberater Brzezinski auch schon gedroht, im Falle eines offenen Krieges zwischen dem Iran und Irak eine amerikanische Intervention "mit geeigneten Maßnahmen" nicht auszuschließen.
Im Gegenzug warf die sowjetische Nachrichtenagentur "Tass" dem -- mit Moskau verbündeten -- Regime in Bagdad vor, es habe eine antiiranische Kampagne gestartet und rüste im Exil lebende Gegner des Ajatollah Chomeini mit Waffen aus.
Die Hauptkontrahenten sind weitaus drastischer: "Dieser verrückte Rassist Chomeini ist nichts weiter als ein Schah im Turban", verkündete die irakische Nachrichtenagentur "Ina", und der Rundfunk in Bagdad rief die Perser schon mehrmals dazu auf, "mit dem Chomeini-Unsinn endlich Schluß zu machen". S.141
Der beschimpfte Chomeini warf der linksnationalistischen irakischen Führung vor, sie stehe im "Dienst des großen Teufels" Amerika und werde wie das Schah-Regime im Iran "auf dem Misthaufen der Geschichte enden".
Aber vieles spricht dafür, daß die Islamische Republik Iran, in einem bewaffneten Konflikt mit dem Nachbarn auf sich selbst gestellt, eher den kürzeren zieht. Denn der hochgerüstete Irak verfügt über eine gut ausgebildete Armee, mit der sich die nur noch bedingt einsatzfähigen Reste der ehemaligen Super-Streitmacht des gestürzten Schah nicht messen können.
Aufgrund dieser Lageeinschätzung tut die Führung in Bagdad wenig, um die Kriegswut zu bremsen. Der Irak erhofft sich von einem militärischen Sieg über den Iran eine Stärkung seiner Position im arabischen Lager und -- was das Wichtigste ist -- die Absicherung seines Hegemonie-Anspruchs auf die Golfregion.
Denn das einst revolutionäre, für einen panarabischen Sozialismus kämpfende Regime, das 1968 durch einen blutigen Putsch die Macht gewann, ist heute mehr an der selbst zugeschriebenen Rolle eines "Wächters am Golf" interessiert, so wie vor wenigen Jahren noch der Schah.
Irak-Präsident Saddam Hussein braucht in seinem Land gegen die Perser keine Stimmung zu machen. Schon seit dem 7. Jahrhundert, kurz nachdem arabische Beduinenheere Persien unterworfen und mit dem Schwert zum Islam bekehrt hatten, sind die Beziehungen der Nachbarvölker, von denen die einen Araber, die anderen Nachfahren der Indogermanen sind, schwer belastet.
Konfrontation tut dem Irak auch sonst gut: Etwa 40 Prozent der irakischen Bevölkerung sind schiitische Moslems, das irakische Offizierskorps besteht fast ausschließlich aus schiitischen Arabern, auf die der Revolutionssieg ihres Glaubensbruders Ajatollah Chomeini im nahen Iran nicht ohne Eindruck blieb.
Unter dem Schah wäre es in den sechziger Jahren mehrfach beinahe zum Krieg gekommen. Teheran unterstützte damals die kurdischen Rebellen im Irak, auch stellte der Schah territoriale Forderungen im gemeinsamen Grenzgebiet von Schatt el-Arab, um seine Expansionspolitik in der Golfregion abzusichern.
Schah-Feind Chomeini stand damals auf der anderen Seite. Von seinem irakischen Exil in Nadschaf aus knüpfte der Flüchtling mit Billigung der Führung in Bagdad ein subversives Netz zu Regimegegnern im Iran.
Die Konspiration, die sich später als wirkungsvoll erwies, hatte erst ein Ende, als Bagdad 1975 mit Teheran einen Burgfrieden schloß: Der Schah ließ die auf Autonomie drängenden Kurden im S.143 Irak fallen und legte den Zwist um das Schatt-el-Arab-Problem durch ein Grenzabkommen bei.
Nur Libyens Dauerrevolutionär Gaddafi nannte den Frontwechsel der Baath-Partei damals einen "Verrat an Arabien". Denn die Genossen aus Bagdad nahmen auch mit dem Nato-Mitglied Türkei freundschaftliche Kontakte auf, um gemeinsam gegen die renitenten Kurden vorzugehen, die in beiden Ländern zu Hause sind.
Aber auch im übrigen arabischen Lager geriet der Irak immer mehr in die Isolation. Aufgrund persönlicher Querelen unter den Baath-Funktionären kam es zum Dauerkrach mit dem gleichfalls von der Baath-Partei, der Partei der arabischen Wiedergeburt, geführten Syrien.
Den bisherigen Freunden in Moskau grollten die Iraker, weil die Sowjets nach ihrer Meinung nicht genug für die Ausrüstung und Bewaffnung der irakischen Armee getan hatten und den ohnehin schwächeren und damit leichter lenkbaren Syrern den Vorzug in Nahost gaben.
Der Irak entzog den Sowjets den bereits erteilten Auftrag, am Schatt el-Arab einen supermodernen Marinestützpunkt zu bauen, und schickte die Familienangehörigen der im Irak arbeitenden Sowjet-Experten nach Hause. Gleichzeitig begann eine Hexenjagd auf Moskau-loyale Kommunisten in Regierung, Partei und Armee des Irak.
Bagdads neue Freunde sind Feudalisten: Der zum Staatspräsident aufgestiegene Saddam Hussein, lange schon als Vize der starke Mann des Regimes, machte 1979 seinen ersten Auslandsbesuch bei König Hussein von Jordanien, mit König Chalid von Saudi-Arabien schloß er einen Beistandspakt gegen den Revolutions-Export des Ajatollah Chomeini in die gefährdete Golfregion.
Zum Kampf der Iraker gegen Chomeini gehört auch die Unterstützung aufsässiger Minderheiten im Iran mit Waffen und Geld. Sowohl die Separatisten unter den Belutschen im Ostiran wie die iranischen Kurden im Nordwesten können auf irakische Hilfe rechnen.
Kurdenführer im europäischen Exil behaupten sogar, die Führer in Bagdad hätten einem autonomen Kurdenstaat, gebildet aus dem jetzt noch irakischen und iranischen Kurdistan, bereits zugestimmt -- gewiß aber wohl nicht für die in diesem Gebiet liegenden irakischen Erdölzentren Kerkuk und Erbil.
Noch massiver unterstützt der Iran die seit Chomeinis Machtübernahme immer stärker werdende Aufstandsbewegung in der persischen Erdölprovinz Chusistan. In das mehrheitlich von Arabern bewohnte Grenzgebiet drangen vor zwei Monaten irakische Truppen bis zu elf Kilometer auf iranisches Territorium vor; bei Ahwas und Abadan schossen im Irak ausgebildete arabische Rebellen die Pipelines mehrmals in Brand.
Insider behaupten, daß die im Irak ausgebildeten Rebellen heute schon über 50 000 Kämpfer gegen Chomeini schicken können; in der irakischen Propaganda wird das iranische Chusistan schon seit längerem nur noch "Arabistan" genannt.
Vieles spricht dafür, daß der Irak darauf aus ist, die Machtprobe gegen Chomeini militärisch zu entscheiden. Ultimativ verlangte die Führung in Bagdad den Abzug der iranischen Truppen von den drei arabischen Inseln im Golf, Kleiner Tunb, Großer Tunb und Abu Mussa, die der Schah 1971 im Handstreich besetzte, um die Straße von Hormus besser kontrollieren zu können.
Zu den Hauptlieferanten der irakischen Armee gehört Frankreich, mit dem die Führung in Bagdad kürzlich ein Waffenlieferungs-Abkommen über vier Milliarden Mark abschloß.
Auf der Wunschliste der Irakis stehen Hubschrauber, Kampfpanzer, Schnellboote und Radar-Anlagen für die Seeaufklärung. In den letzten Wochen hat der Irak die ersten der insgesamt bestellten 36 Flugzeuge vom Typ "Mirage F-1" erhalten und gleichzeitig weitere 24 Maschinen gleichen Typs bestellt. Auch über die Lieferung des modernsten Typs, der "Mirage 2000", wurde verhandelt.
Der Revolutionsrat in Teheran hat am vorigen Mittwoch die Perser zum "Heiligen Krieg" gegen das Nachbarland aufgerufen. Und ausgerechnet der iranische Außenminister Ghotbsadeh, der in der Teheraner Geiselaffäre der Uno noch jede Kompetenz bestritt und sich jede Einmischung verbat, wandte sich am vorigen Mittwoch in einem Hilferuf an die Vereinten Nationen.
Im Irak, so der Außenminister in seinem Schreiben an Generalsekretär Waldheim, würden "die schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit" begangen, von denen die Uno keine Informationen habe. "Alle aufrechten Länder warten mit Sorge auf die Reaktion der Vereinten Nationen."
S.143 Soldaten der Armee und der Revolutionsgarden. *

DER SPIEGEL 17/1980
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