21.04.1980

„So fängt es also an“

Die unsichere Zukunft des neuen Staates Simbabwe
Attila, Cäsar und Laila schlafen friedlich neben der Eingangstür. Plötzlich fletschen sie die Zähne und stürzen sich mit Geheul auf ein paar Schwarze, die sich durch den Vorgarten des Todds-Hotels bewegen. Dick Williamson pfeift seine struppige Hundemeute zurück.
"Die armen Tiere", sagt er mit säuerlichem Lächeln, "haben den Umschwung nicht mitbekommen. Sie können Schwarze einfach nicht ausstehen."
Ganz leicht fällt das auch dem Herrn der Hunde nicht. Er, Rhodesier mit Leib und Seele, stellt auch heute noch trotzig seine ungültig gestempelten britischen Pässe in einer Glasvitrine aus. Einen Ehrenplatz in dem einsamen Hotel an der Straße von Beitbridge nach Bulawayo haben auch Photos, die den weißen Rebellenführer Ian Smith beim Ritt auf einer Giraffe zeigen.
Die vernachlässigten, im afrikanischen Stil gebauten Rundhütten des Hotels sind noch immer mit Sandsäcken gegen den Feind aus dem Busch geschützt, der nun nicht mehr schießt.
In den letzten sieben Kriegsjahren dagegen mußte sich das Hotel-Personal mehrmals gegen nächtliche Überfälle schwarzer Guerrilleros verteidigen, wie die Einschußlöcher an den Häuserwänden beweisen.
Draußen im Busch von Simbabwe, auf den abgelegenen Farmen, in den einsamen Hotels, in den ärmlichen Krals der Schwarzen, sind Rassenangst, Zweifel und gegenseitiges Mißtrauen noch immer nicht gewichen. Während in der Hauptstadt Salisbury Schwarz und Weiß unter Lichtergirlanden die Unabhängigkeit feiern, fürchten viele auf dem Lande neue Feindseligkeiten.
Schließlich, davon ist die Mehrheit der Weißen überzeugt, steht die Weltordnung auf dem Kopf, das kann kaum gut ausgehen. In Enkeldoorn, einer kleinen Ortschaft südlich von Salisbury, blickt sich der Besitzer eines Pubs erst vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch keiner seiner schwarzen Angestellten es hören kann, und flüstert: "Der Schwarze ist ein geborener Gentleman, man muß das anerkennen. Aber es ist doch klar, daß wir die überlegene Rasse sind."
In Ballaballa, einem verschlafenen Dörfchen im Südwesten von Simbabwe, schüttelt ein weißer Kramladen-Besitzer kummervoll den Kopf. "Stellen Sie sich vor", erzählt er, "diese schwarzen Ganoven kamen vor ein paar Tagen hier hereinspaziert und kündigten mir an, sie würden mir gleich nach der Unabhängigkeit alles abnehmen, was ihnen gefällt. So fängt es also an."
Jetzt denkt er an die Ausreise nach Australien, denn: "Südafrika geht ja auch über kurz oder lang den Bach runter."
Kurzfristig wurde der Burenstaat vergangene Woche in der Tat Fluchtburg für Tausende weißer Rhodesier. In den Tagen vor Ausrufung der Unabhängigkeit S.150 Simbabwes stauten sich Wohnwagenkolonnen im südlichen Grenzort Beitbridge, die großräumigen Anhänger hatten nicht nur Kochtöpfe und Luftmatratzen geladen, sondern auch Ölgemälde, Tafelsilber und andere Wertgegenstände. Dabei fühlen sich die Weißen im Norden Südafrikas selber nicht mehr sicher. In Soekmekaar, einer kleinen Burenansiedlung in Grenznähe, hatten schwarze Guerrilleros erst im Januar den Polizeiposten angegriffen.
Zwar ließ die Regierung in Pretoria alle Schäden innerhalb weniger Tage beseitigen, doch die Angst steckt den Weißen in Nord-Transvaal noch tief in den Gliedern. Das Management im eleganten Magoebaskloof-Hotel forderte und erhielt von der Regierung einen meterhohen Sicherheitszaun für die Quartiere des schwarzen Personals, in der Hoffnung, damit nächtliche Kontakte zu den südafrikanischen Guerrilleros unterbinden zu können.
"Die Ereignisse in Rhodesien haben den Burschen Auftrieb gegeben", sagt der Hotelmanager. Bei Versammlungen in den Grenzgemeinden machen sich die Weißen gegenseitig Angst, äußern etwa die Befürchtung, daß demnächst wohl sogar Schulen von militanten schwarzen Freiheitskämpfern angegriffen würden. "Das neue Simbabwe wird diesen Kaffern Rückhalt geben", mutmaßt ein reisender Handelsvertreter, "dort sind ja die Teufel an die Macht gekommen."
Wer sich in Südafrika dennoch nach Simbabwe traut, hat denn auch vorgesorgt. Motorradfahrer tragen den Revolver nach Wildwest-Manier sichtbar über ihre Lederkluft geschnallt, Autofahrer strecken das Schnellfeuergewehr aus dem Seitenfenster, nach vier Uhr nachmittags können Kudu-Antilopen und Warzenschweine ungefährdet auf den Landstraßen umhertollen.
Wie in den Jahren des Buschkrieges verkehren auch jetzt noch Konvois zwischen den Städten des Landes: An der Spitze fährt ein Kleinlastwagen mit aufmontiertem MG, der Schütze ist durch eine regentonnenförmige Stahlpanzerung gedeckt. Ähnliche Fahrzeuge sichern Flanken und Schluß der Auto-Karawanen.
Das alles wäre nicht mehr nötig. "Ich weiß wirklich nicht, warum wir immer noch Geleitschutz geben müssen", wundert sich ein weißer Hilfspolizist in Gwanda, "der Krieg ist doch vorbei."
Sein farbiger Kollege pflichtet ihm bei: "Seit dem Waffenstillstand ist alles ruhig geblieben. Ich werde viel dringender auf meiner Schafsfarm gebraucht, wo ich Krieg gegen die Schakale führen muß."
Nicht alle Rhodesier in Uniform zeigen so viel Friedfertigkeit. Im "Zimbabwe Ruins"-Hotel, südlich des Ortes Fort Victoria, einer Luxusherberge, die im Krieg selber fast zur Ruine zusammengeschossen wurde, besaufen sich junge weiße Soldaten in wehmütigem Gedenken an vergangene Zeiten. "Dieses Land hätte die Perle Afrikas sein können, nur hätten wir weiterkämpfen müssen -- bis zum Endsieg", würgt Dave, 22, mit gepreßter Stimme hervor.
Der schlaksige junge Mann gehört zu den Special Forces, einer Einheit, die für ihre grausame Kriegführung bekannt war und für die im neuen Simbabwe kein Platz mehr sein wird.
Ein Geschäftsmann aus Salisbury schüttelt den Kopf. "Nur gut, daß wir solche Leute nicht brauchen. Es kann ja sein, daß goldene Zeiten für uns anbrechen."
Dieser Ansicht sind auch die größten Unternehmen im Land. Viele führen schon den neuen Landesnamen im Firmentitel. Die größte Hotelkette etwa mit südafrikanischer Beteiligung nennt sich nun "Zimbabwe Sun Hotels", über der auflagenstärksten Tageszeitung von Simbabwe, die einst "The Rhodesia Herald" hieß, steht jetzt nur noch schlicht "The Herald". Die einstige "Rhodesia Tobacco Association" nennt sich nun "Zimbabwe Tobacco Association" und bezeichnet sich stolz als Industrie für das Volk von Simbabwe.
Der US-Multi Coca-Cola stiftete zur Ankunft des britischen Thronfolgers Prinz Charles in Salisbury zum patriotischen Trubel noch das Spruchband: "Coca-Cola greets Zimbabwe."
Derweil liegt das alte Ruinenfeld, das dem Staat seinen Namen gab, verlassen im ehemals heiß umkämpften Gebiet südlich von Fort Victoria, eine im südlichen Afrika einzigartige, von unbekannten Baumeistern errichtete Festungs- und Kultanlage. Affenherden turnen über meterdicke Mauern und Türme, dichter Busch umschließt das alte Simbabwe mit kilometerweiter Einsamkeit.
Das neue Simbabwe ist in seinen Anfängen wohl in den größeren Städten zu erkennen. Es sind zum Teil durchaus hoffnungsvolle Anfänge.
Sonntag in Bulawayo. Im Stadtpark vergnügen sich, vor wenigen Monaten noch undenkbar, feiertäglich herausgeputzte schwarze und weiße Bürger. Auf einer Miniatureisenbahn jauchzen Kinder aller Hautfarben, wenn der weiße Lokführer die Dampfpfeife zieht. Im Gartencafe nebenan schlecken weiße und schwarze Eltern einträchtig Eiscreme und Torten.
Das alte Rhodesien also doch schon tot? Noch nicht ganz. Auf der Pferde-Rennbahn von Bulawayo sind Schwarze und Weiße noch säuberlich getrennt. Hier koloniale Eleganz, dort afrikanische Ärmlichkeit. "Dies ist der letzte Renntag im alten Stil", erinnert der Veranstalter übers Tribünenmikrophon.
Auf die neue Zeit wartet die schwarze Mehrheit schon lange. Doch der neue Premier, der Marxist Robert Gabriel Mugabe, schickte Emissäre über Land, den Schwarzen Geduld und nochmals Geduld zu predigen. "Wir werden versuchen, so schnell wie möglich die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung zu verbessern", sagte er am vorigen Mittwoch unmittelbar vor dem Beginn der Unabhängigkeits-Zeremonie.
Die Geburt des neuen Staates wurde mit 21 Böllerschüssen gefeiert, die das Rufaro-Stadion in Salisbury erzittern ließen. Polizei und Luftwaffeneinheiten der alten rhodesischen Streitkräfte marschierten ein -- und Trupps der Freiheitskämpfer.
Der einstige Guerilla-Chef Mugabe, mit jedem Tag mehr Landesvater, verzichtet auf revolutionäre Äußerlichkeiten. Ehedem im Mao-Look gewandet, trägt er heute gutsitzende Anzüge mit Krawatte. Mit beschwörend gefalteten Händen fordert er Schwarze und Weiße zur Einigkeit auf.
Ob das gelingt, hängt nach Meinung vieler im neuen Staat Simbabwe davon ab, ob die Hitzköpfe auf beiden Seiten im Zaum gehalten werden können.
"Wenn eine Gruppe von Verrückten durchdreht", so prophezeite ein Kirchenmann in Salisbury, "dann erleben wir ein Blutbad."

DER SPIEGEL 17/1980
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