21.04.1980

LIBERIAAufmachen, Revolution]

Ein Staatsstreich beendet die Vorherrschaft der Ameriko-Liberianer.
Nach sechs Wochen Hauen und Stechen fand Hauptfeldwebel Doe, nun sei es genug. Er nahm sich zwanzig Mann und marschierte zum Präsidentenpalast. Dort pochte er ans Tor und rief: "Aufmachen, Revolution." Die Wachen gehorchten. Ob sie den Aufmarsch für einen Scherz hielten oder ob sie mit Doe unter einer Decke steckten, blieb unklar.
Die Sturmabteilung eroberte zunächst das Schlafzimmer des Präsidenten. Tolbert sackte in einem Feuerstoß zusammen, Frau Victoria wurde festgenommen. In den folgenden Stunden bis zum Morgengrauen starb noch eine Reihe prominenter Politiker. Den Marschtritt bestimmen nun auch in Liberia die Militärs -- wie in fast zwei Dutzend anderen afrikanischen Staaten.
Hauptfeldwebel Kanaan Doe beendete eine 133 Jahre alte Dynastie. Er ist der erste echte Afrikaner auf dem Präsidentensessel in Monrovia, seit dort 1847 schwarze Rückwanderer aus den USA den nach Äthiopien ersten unabhängigen Staat Afrikas aufbauten.
Die Staatsgründung geht auf die Schenkung der "Amerikanischen Kolonisationsgesellschaft" zurück, die 1821 an der damaligen "Pfefferküste" von eingeborenen Häuptlingen ein Stück Land für freigelassene amerikanische Negersklaven erwarb.
Der Kaufpreis wurde zeitgeistüblich in Naturalien entrichtet: sechs Musketen, ein Faß Schießpulver, zwei große Fässer Tabak, sechs Eisenbarren, 16 eiserne Töpfe, ein Posten blaues Kattun, drei Paar Schuhe, eine Kiste Seife, Messer, Gabeln und ein Faß Rum.
Die Neusiedler gaben sich eine Verfassung, die eng an die amerikanische angelehnt war, und hißten in Monrovia, benannt nach US-Präsident James Monroe, ein Sternenbanner, das sich von dem ihrer alten Heimat nur durch die Anzahl seiner Sterne (einer) und Streifen (elf) unterschied.
Mit der Freiheit allerdings hatten sie anderes im Sinn als ihre freigeistigen Mäzene aus Massachusetts und Pennsylvania. Einmal vom Joch der Sklaverei befreit, hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als ihrerseits die eingeborenen schwarzen Ureinwohner zu unterjochen.
Dabei blieb''s. Die Bevölkerung Liberias besteht heute aus 50 000 Ameriko-Liberianern, die politisch und wirtschaftlich alle Fäden in den Händen haben, und 1,6 Millionen einheimischen Negern, die ihnen zu Diensten sind.
Die schwarze Aristokratie -- kenntlich an Namen wie Andrews, Wallace, Tubman, Tolbert -- hat sich seit fast anderthalb Jahrhunderten mehr oder minder unverschnitten erhalten, denn die "schwarzen Yankees" mischen sich mit Afrikanern ebenso ungern wie Südafrikas Buren.
William Tolbert trat 1971 nach 19jähriger Vizepräsidentschaft unter dem konservativen Amerika-Fan William Tubman sein Amt mit dem Versprechen an, die Auswüchse des Zwei-Klassen-Systems zu beseitigen.
Doch dem guten Willen folgten nur zaghafte Taten. Es gelang ihm zwar, das Monopol der Firestone-Gummibarone weiter zu demontieren, die Liberia in ihren Glanzzeiten mit Hilfe der Ameriko-Liberianer wie eine Privat-Kolonie verwalteten. Er reiste auch nicht mehr in einer von Eingeborenen geschleppten Hängematte über Land wie sein Vorgänger. Aber die korrupten Sippen, die schon Tubmans Reformen unterlaufen hatten, blieben weiter am Ruder.
Firestone teilt heute seine Macht mit Konzernen wie der schwedisch-amerikanischen Minengesellschaft Lamco, der deutschen Krupp GmbH und der Thyssen AG. Als Landeswährung dient nach wie vor der US-Dollar. "Mutterland" ist immer noch Amerika, obwohl die Deutschen aufgeholt haben.
Was ihn an die Deutschen band, enthüllte Tolbert letztes Jahr gegenüber Bonns Außenminister Hans-Dietrich Genscher: Sein Vater, so berichtete er, habe im Ersten Weltkrieg das liberianische Vermögen des deutschen Handelshauses Jansen sichergestellt und es später seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben. Tolbert: "Seitdem spielt das Prinzip der Ehrlichkeit in meinem Verhältnis zu Deutschland eine große Rolle."
In seinem Verhältnis zum eigenen Volk spielte es keine so große Rolle. Im vergangenen Jahr verpulverte Tolbert fast einen ganzen liberianischen Jahresetat für die Gipfelkonferenz der "Organisation Afrikanischer Einheit" in Monrovia.
Die Bonner Bundesregierung legte a fonds perdu noch einmal 19 Millionen Mark für den Ankauf einer Mercedes-Flotte und anderen Kongreßzubehörs drauf.
Im April vergangenen Jahres brach sich der seit langem schwelende soziale Unmut erstmals Bahn. Als die Regierung eine drastische Erhöhung des Reispreises ankündigte, ging das Volk auf die Straße. Es gab 76 Tote und 400 Verletzte.
Seit der Osterrevolte ist Liberia nicht mehr zur Ruhe gekommen. Massenentlassungen, Inflation und galoppierende Ölpreise brachten Liberia an den Rand des Staatsbankrotts. Im März rief die oppositionelle "Fortschrittliche Volkspartei" zum Generalstreik auf, die regierende "Wahre liberale Partei" ließ daraufhin die Anführer verhaften.
Unter dem Eingeborenen-Präsidenten Kanaan Doe soll alles besser werden. Doe will Privatbesitz, soweit er "nicht ehrlich erworben wurde", an die Armen verteilen.
Außenpolitisch hat sich Doe zunächst noch nicht festgelegt. Hinter dem Präsidentenschreibtisch hängt immer noch die historische Afrika-Karte, über die ganze Generationen von Diplomaten ihre Witze gerissen haben. Etwa auf der Höhe von Liberia stand früher in schnörkeligem Kursiv: "Hic sunt leones" -- hier sind die Löwen.
Irgend jemand strich vor Jahrzehnten den Originaltext aus und schrieb darüber: "Here are the Yankees."
Die Präsidenten Tubman und Tolbert ließen die Karte aus Spaß hängen. Nun rätselt das diplomatische Korps in Monrovia, ob Hauptfeldwebel Doe sie wohl abnimmt.
S.153 Entwicklungsminister Rainer Offergeld in Bonn. *

DER SPIEGEL 17/1980
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