21.04.1980

„Ich höre noch Schreie in der Nacht“

SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani im zerstörten Kambodscha (II)
Von den 1356 Arbeitern, die 1975 in der Textil-Fabrik Kampong Tscham beschäftigt waren, haben sich nur 410 zurückgemeldet. Von den 37 Technikern haben nur vier überlebt. Magere, blasse Arbeiter, die ständig zu weinen anfangen, stehen heute an ihrem Arbeitsplatz. Sie scheinen die Vergangenheit nicht vergessen zu können.
Und: Tschea Tscham Tschea, der Direktor der Textilfabrik, war ein Pol-Pot-Kader -- bis vor zwei Jahren.
Tschea, der immer noch ein schwarzes Hemd und schwarze Hosen trägt, trat als Bauer 1970 den Roten Khmer bei, er wurde Guerillakämpfer, dann politischer Kommissar. Nach dem Sieg von 1975 stieg er innerhalb der Roten Khmer weiter auf, bis zum Mai 1978. Da wurde seine Einheit wie alle anderen Einheiten der "Militärzone 203", des an Vietnam grenzenden südöstlichen Militärgebiets, in einen Putsch gegen Pol Pot verwickelt.
Der Aufstand, von Vietnam angestachelt und von So Phim, dem Kommandeur der "Zone 203" angeführt, schlug fehl. Truppen, die Pol Pot ergeben waren, umzingelten die Rebellen, richteten So Phim hin und brachten auf Pol Pots Befehl systematisch alle seine Anhänger und deren Familien um.
Tschea gelang es, nach Vietnam zu entkommen. Im Januar 1979 kehrte er im Gefolge der Invasionstruppen Hanois nach Kambodscha zurück und übernahm die Textilfabrik in Kampong Tscham im Namen der neuen Regierung.
"Wo waren Sie während der Zeit der Massaker von 1975, 1976 und 1977?" fragte ich ihn. Alle alten Arbeiter und die vier Techniker, die sich im Zimmer des Direktors versammelt hatten, blickten verlegen zu Boden.
Die Antwort lag in ihrem ängstlichen Schweigen: Tschea war die ganze Zeit in der Gegend von Kampong Tscham gewesen und hatte wahrscheinlich auch etwas mit den Massengräbern an der Straße zum Flughafen zu tun.
"Bis vor zwei Jahren hätte er noch Dünger aus mir gemacht, wenn er gewußt hätte, was ich war. Jetzt bittet er um meine Mitarbeit", sagte in einer anderen Fabrik ein Ingenieur. Unter Pol Pot hatte er die Tatsache verheimlicht, daß er als Student im Ausland gewesen war, und vorgegeben, er sei ein einfacher Fahrrad-Rikschafahrer gewesen: Sein Direktor war ebenfalls ein Roter Khmer aus der "Zone 203".
Überall im Kambodscha von heute, in den Fabriken, in den Distrikt- und Provinzverwaltungen ist die Situation ähnlich, die Machtstruktur die gleiche: an der Spitze ein oder zwei verläßliche kommunistische Kader. Unter ihnen aber die Beamten und die Techniker der früheren antikommunistischen Lon-Nol-Administration, die die Massaker der Roten Khmer überlebt haben.
Pol Pot hat die Intelligenz des Landes so gründlich vernichtet und seine eigenen Reihen so systematisch gesäubert, daß den Vietnamesen gar keine große Wahl blieb, als sie das neue kambodschanische Regime einsetzten. Selbst in die Zentralregierung mußten sie Leute übernehmen, deren Vergangenheit dubios ist.
Heng Samrin selbst, der Präsident der Volksrepublik Kamputschea, war bis zum Mai 1978 ein kleiner militärischer Provinzkommandeur der Roten Khmer in der "Zone 203".
Der Protokolloffizier, der mich zum Interview mit ihm begleitete, war jedoch derselbe, der mich 1973 in den gleichen Tschamca-Mon-Palast zu Marschall Lon Nol geführt hatte.
Hung Sen, der 29jährige Außenminister des neuen Regimes, war ebenfalls bis 1978 ein Roter Khmer in der "Zone 203"; aber der wichtige Direktor der ihm unterstehenden Informationsabteilung kontrollierte in früheren Zeiten als Leiter der Sicherheitsabteilung am Flughafen Pochentong von Pnom Penh meinen Paß.
Das gleiche gilt für alle Ministerien: Außer einigen kommunistischen Kadern S.157 an der Spitze arbeiten von den Abteilungsleitern bis hin zu den Fahrern viele Beamte, die unter dem antikommunistischen Lon-Nol-Regime gearbeitet oder gar gekämpft haben. So erklärt sich, daß die Regierung Kambodschas heute von Argwohn und von Angst durchdrungen ist.
Frühere erbitterte Feinde, Opfer wie Mörder, arbeiten im Namen des Überlebens der Khmer-Nation zusammen. Aber für wie lange?
"Die Kommunisten benutzen mich, weil sie mich brauchen. In einem oder zwei Jahren werden sie mich verstoßen", sagt Mok Sakun, dessen Frau, ein Sohn und zwei Brüder von den Roten Khmer getötet wurden. Er selbst war früher ein wohlhabender Industrieller in Pnom Penh, jetzt ist er im Handelsministerium angestellt.
Viele der Intellektuellen und Techniker, die jetzt von der neuen Regierung beschäftigt werden, denken genauso. Einige fürchten sogar ein schlimmeres Schicksal, als hinausgeworfen zu werden, und nutzen die augenblickliche Laschheit in Sicherheitsfragen, um sich abzusetzen.
Im Februar flohen aus einem einzigen Ministerium vier Beamte dieser Herkunft mit den noch überlebenden Angehörigen ihrer Familien nach Thailand.
Aber nicht nur Nicht-Kommunisten arbeiten jetzt für eine Regierung, die -wie sie sehr wohl wissen -- kommunistisch ist und bleiben will. Nicht nur sie sind voll Furcht und Argwohn.
Mißtrauen beherrscht auch die Beziehungen unter den hohen kommunistischen Kadern. Denn sie kommen aus zwei vollständig unterschiedlichen Lagern, die sich noch bis vor kurzem einen erbitterten Vernichtungskampf lieferten.
Eines Morgens hörte ich zufällig im "Grand Hotel" von Siem Reap einen politischen Vortrag, den der neue Provinzgouverneur seinen Mitarbeitern hielt. "Es gibt noch Feinde in unseren Reihen. Es gibt noch Pol-Pot-Agenten, die versuchen, uns zu vernichten. Wir müssen wachsam sein. Wir müssen bereit sein, sie zu vernichten."
Gouverneur Saroeun gehört nicht zu den Überlebenden der "Zone 203". Er war nie ein Roter Khmer, sondern ein normaler Kommunist, und das schon seit langer Zeit.
1954 hatte er Kambodscha verlassen, er verbrachte die letzten 25 Jahre in Partei- und Armeeschulen Vietnams.
Im Januar 1979, nach der vietnamesischen Invasion Kambodschas, kehrte er zurück, um eine der strategisch wichtigsten Regionen zu übernehmen. Er gehört jener kommunistischen Fraktion an, die Khmer Vietminh heißt, die sich schon immer Pol Pot widersetzte S.158 und das größte Vertrauen Hanois genießt.
Es gab mindestens 5000 Khmer Vietminh, die in Vietnam geschult und trainiert wurden, aber Pol Pot nahm zwischen 1973 und 1978 die meisten von ihnen gefangen und ließ sie hinrichten.
Es gibt nur noch einige hundert Überlebende, wie den Gouverneur von Siem Reap, aber in ihren Händen befinden sich bereits drei wichtige Ministerien in der neuen Regierung, einige Schlüsselpositionen in den Provinzen und vor allem die neue kambodschanische Armee.
Verteidigungsminister ist Pen Sovanh, Sekretär der wiederhergestellten, aber immer noch geheimen Kommunistischen Partei Kamputscheas, angeblich oberster Khmer-Vietminh-Führer. Er hat lange Zeit in Vietnam gelebt, in Vietnam studiert und ist mit einer Vietnamesin verheiratet.
Er ist der "starke Mann" des neuen Regimes, und er gilt als Rivale von Präsident Heng Samrin für den Fall, daß es zwischen den beiden kommunistischen Fraktionen zu einer Kraftprobe kommt. Die Khmer Vietminh können für sich geltend machen: Sie hatten nichts mit den Massakern der Roten Khmer zu tun, und sie waren lange vor 1978 gegen die mörderische Politik Pol Pots.
"Rote Khmer, Khmer Vietminh, Lon-Nol-Anhänger, Sihanouk-Anhänger -- sie sind alle so verschiedener Herkunft, sie hängen so unterschiedlichen Ideologien an, daß sie nicht vereinigt werden können", sagte in Pnom Penh ein hoher Berater aus Hanoi. "Wir Vietnamesen bilden das Bindemittel, welches das Land zusammenhält."
Im Kambodscha von heute sind die Vietnamesen weit mehr als das Bindemittel. Sie sind alles. Sie sind überall.
200 000 Mann bekämpfen die Reste der Pol-Pot-Anhänger, halten die Zentren aller verlassenen Provinzstädte besetzt, wandeln die früheren Marktplätze in Parkplätze für ihre Militärfahrzeuge um. Sie bewachen die wichtigsten Einrichtungen des Landes, die Brücken, Deiche, Flughäfen und in Pnom Penh die Hotels, in denen die Ausländer wohnen. Vietnamesische Zivilberater sitzen in jedem Ministerium, in jeder Abteilung, in jedem Distrikt.
Sogar die Leibwächter Heng Samrins sind Vietnamesen. Der Aufseher, der die Schlüssel des früheren Königspalastes verwahrt, ist Vietnamese, und die Soldaten, denen Sihanouks Schatzkammer anvertraut ist, sind Vietnamesen. Sie sitzen unter einem Porträt von Ho Tschi-minh in der Eingangshalle und trinken Tee. Das Postamt ist ein wichtiger Punkt. Dort arbeitet nur ein einziger Vietnamese, aber er ist für die "Eingänge und Ausgänge" zuständig.
"Wenn die Kambodschaner ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln können, werden wir sie das tun lassen", sagt ein vietnamesischer Berater.
Bislang können die Kambodschaner nicht einmal ein Wort am Telephon sprechen, ohne daß die Vietnamesen die Möglichkeit haben, dabei zuzuhören: Zwischen Pnom Penh und den Provinzen stellen die vietnamesischen Militärleitungen die einzige Fernsprechverbindung dar.
Vietnamesisch wird allmählich zur zweiten Sprache Kambodschas. In verschiedenen Ministerien finden Intensivkurse für Vietnamesisch statt. Die Studenten an der kürzlich wiedereröffneten medizinischen Fakultät erhalten wöchentlich sechs Stunden Vietnamesisch.
Vietnamesisch wird zusammen mit Khmer auch auf einigen Hinweisschildern an den Straßen und außerhalb bestimmter Behörden benutzt. Mein Passierschein, mit dem ich das Land bereiste, war auf vietnamesisch und französisch ausgestellt.
Obwohl allgegenwärtig, wirkt die vietnamesische Präsenz diskret und nicht provozierend. Besonders in Pnom Penh zeigen sich die Vietnamesen zurückhaltend. Ihre Botschaft, die direkt gegenüber der DDR-Vertretung liegt, hat keine Fahne aufgezogen. Die meisten Spitzenfunktionäre, einschließlich des Botschafters Ngo Dien, der schon von 1954 bis 1962 in Kambodscha lebte, sprechen Khmer und können sich wie Kambodschaner benehmen.
Um Ressentiments bei den Khmer zu vermeiden, haben die vietnamesischen Soldaten den Befehl, nicht mit der Bevölkerung zu fraternisieren. So ist den Vietnamesen strikt verboten, Kambodschanerinnen zu heiraten.
Nach Angaben aller Mitarbeiter internationaler Organisationen in Pnom Penh wird der vom westlichen Ausland für Kambodscha gespendete Reis keineswegs als Verpflegung für die vietnamesische Armee verwendet. Täglich S.159 kann man auf den Straßen Dutzende alter schäbiger Militärlastwagen sehen, die Reis für die Besatzungstruppen aus Hanoi bringen.
Die Besatzungsarmee versucht, sich möglichst selbst zu versorgen. Überall kann man vietnamesische Soldaten sehen, die in Gärten an ihren Kasernen ihr eigenes Gemüse anbauen und in den Flüssen fischen.
Gerüchte, die im Westen kursieren, daß in einigen Teilen des Landes angeblich Land an vietnamesische Bauern verteilt wird, sind in Kambodscha unbekannt: Ich fand auch keine Indizien dafür.
Dennoch bleiben die Vietnamesen Ausländer. Obwohl die Kambodschaner nahezu ausnahmslos zugeben, die Armee Hanois habe sie vor Pol Pot gerettet, keimen in der Bevölkerung antivietnamesische Gefühle, vor allem in Pnom Penh, wo die Menschen mit dem wiedergewonnenen Sinn für Sicherheit gern mehr zurückhaben möchten als nur das nackte Leben.
"Ich habe mich in meinem alten Haus umgesehen und konnte nicht einmal einen Löffel finden", sagte Tram Sayon (der Vater und zwei Brüder wurden von Pol Pot getötet). Sie sprach damit auf die Tatsache an, daß die Vietnamesen nach der Eroberung Pnom Penhs systematisch alles plünderten, was Pol Pot noch zurückgelassen hatte.
Drei Wochen lang verließen mit Zeltbahnen bedeckte Militärlastwagen Kambodscha in Richtung Vietnam; beladen mit Radios, Kühlschränken, Motorrädern und allem, was noch zu verwenden war.
Jetzt behaupten etliche Khmer gern, daß die Autos und Nähmaschinen, die Vietnam der neuen Regierung spendet, kambodschanisches Beutegut sei, das in Saigon nur neu angestrichen und zurückgeschickt wurde.
"Hier in Pnom Penh haben einige Leute schon vergessen, daß wir sie gerettet haben", sagt ein vietnamesischer Berater.
Um das Volk an die Schrecken der Pol-Pot-Zeit zu erinnern, veranstaltet die Regierung Ausstellungen mit Zeichnungen und Ölgemälden von Überlebenden der Massengräber und stellt hier und dort große Plakate mit gespenstischen Hinrichtungsszenen auf.
Die neuen Grundschulbücher Kambodschas, die gerade aus Saigon eingetroffen sind, enthalten ähnliche Bilder S.160 und ein Kapitel über die Verbrechen der "Pol-Pot-Ieng-Sary-Clique".
Auf dem Lande jedoch, wo die Reste der Pol-Pot-Anhänger noch in kleinen Gruppen im Untergrund lauern, bleiben die Massengräber, die immer noch entdeckt werden, eine wirkungsvolle Denkstütze für die Notwendigkeit der vietnamesischen Anwesenheit und ein makabres Abschreckungsmittel gegen jegliche Illusion, die Truppen aus Hanoi würden sich bald zurückziehen.
"Wir haben unsere eigene Miliz, aber wenn wir zahlenmäßig unterliegen, können wir die Vietnamesen zu Hilfe rufen. Sie sind nicht weit weg", sagte Heng Buorseng (der einzige Überlebende einer 12köpfigen Familie), ein Lehrer in Vot Toul, einem kleinen Dorf an der Autostraße 6, südlich von Kampong Thom.
Nach seinen Angaben leben noch 1000 Rote Khmer in einem nahegelegenen Wald unter dem Kommando von Pol Pots Verteidigungsminister Son Sen. Einige hatten sich kürzlich ergeben, weil sie krank und hungrig waren. 1975 lebten hier 170 Familien, nur drei sind übriggeblieben. 583 Leute wurden hingerichtet.
Ich muß skeptisch geblickt haben, denn sie luden mich ein, ihnen zu folgen. Knapp einen Kilometer hinter der Pagode von einst waren zwei große Brunnen mit Knochen gefüllt.
"Meine Geschwister sind darunter", sagte der Lehrer geistesabwesend. Ein älterer Mann kam und legte seine Hand gegen meinen Hals, um zu zeigen, wie die Leute durch einen Stockschlag getötet wurden. Ein anderer fragte mich hysterisch, warum die Welt nicht helfe, Pol Pot zu fangen und ihn zu töten.
15 Kilometer weiter hatten die Pol-Pot-Leute ihr Distrikt-Vernichtungsgelände. Dort wurden am Fluß 50 000 Einwohner getötet, die aus Pnom Penh gekommen waren. Bis Ende vergangenen Jahres konnten die Bauern von Vot Toul ihre Büffel nicht zur Tränke führen. Während der Regenzeit war das Wasser schwarz und seifig von Blut und Bregen. Kambodscha war schon immer S.162 ein Land der Legenden und Märchen. Die Natur ist von Geistern belebt.
Von dem künstlichen Hügel in der Mitte Pnom Penhs sagt man, er sei vor Jahrhunderten von Chinesen über dem "Naga" erbaut worden, der siebenköpfigen Schlange, dem Symbol der Khmer. Denn der Kaiser hatte angeblich gehört, der Naga wolle herauskommen und ganz China verschlingen.
Jetzt ranken sich um jeden Fluß, jeden Hügel, jedes Feld, jeden Teich neue schreckliche Geistergeschichten -- wie um jenen Teich in Battambang, in den die Roten Khmer angeblich ganze Lastwagenladungen mit Menschen warfen, die dann von Krokodilen zerrissen wurden.
Auf dem abschüssigen Hügel von Kirirom, 12 Kilometer von Battambang entfernt, im kühlen Schatten einer prächtigen Höhle, lächelt ein riesiger liegender Steinbuddha mit abwesendem Blick in den Augen. Vor ihm liegen Hunderte verwester Leichen von Männern, Frauen und Kindern in ihren zerrissenen schwarzen Lumpen. Ihre Arme sind noch mit Kabeldraht zusammengebunden, sie liegen durcheinander und übereinander neben den Stöcken und Stangen, mit denen sie zu Tode geprügelt wurden.
Die Tschhlop hatten ihre Opfer vor den Gott der Barmherzigkeit gebracht, um sie zu verhöhnen: "Bittet ihn doch um Hilfe. Mal sehen, was er für euch tun kann." Das selige Lächeln des Buddha war ihr letzter Anblick von der Welt gewesen, bevor die Stöcke auf ihre Schädel niedersausten.
Man kann noch den kurzen Weg sehen, den die Opfer zurücklegen mußten, S.163 wenn sie von der nahe gelegenen Pagode heruntergeführt wurden, die ihr Gefängnis war.
Durch die Fenster sieht man auf die Ebene, eine der reichsten Regionen Kambodschas, hier und da vom dunklen Fächer der Zuckerpalmen gesprenkelt.
"Wie kann die Natur so schön sein, wenn ich so verzweifelt bin", hat jemand in zittriger Schrift mit Holzkohle geschrieben, bevor er zum Sterben geführt wurde. "Adieu Hügel Kirirom. Auf Nimmerwiedersehen."
Ein anderer, der mit Sen Hong unterschrieb, hat eine Botschaft für eine Frau hinterlassen: "Ich liebe dich, aber du wirst es niemals erfahren. Denn du bist ein Stern, und ich bin nur ein Erdenwurm, der zermalmt wird."
"Die Chinesen pflegten zweimal wöchentlich herzukommen, um die Todesarbeit zu überprüfen", sagt Ing Pech, Forscher im früheren Lyzeum Toul Sleng, in dem an die 20 000 Opfer gequält und getötet wurden.
Er wiederholt damit die derzeitige Standardpropaganda der Vietnamesen: Die Chinesen hätten Pol Pot zu den Massakern veranlaßt, sie hätten ihm gar versprochen, für jeden treulosen Khmer, den er beseitige, 30 "gute Chinesen" zu schicken, die ihm helfen würden, ein starkes Kamputschea aufzubauen.
So absurd sie auch klingt, diese Erklärung der Massaker wird im heutigen Kambodscha ständig wiederholt, man hört sie fast wörtlich von den unterschiedlichsten Menschen in den unterschiedlichsten Teilen des Landes.
Eines ist sicher: Die Chinesen wußten sehr wohl, was unter Pol Pot geschah. Ihre Botschaft in Pnom Penh, jetzt ein Gästehaus des Verteidigungsministeriums, war nur einen Block weit entfernt von dem Toul-Sleng-Gefängnis. "Sie konnten die Schreie der gefolterten Menschen hören", behauptet jetzt die Propaganda.
20 000 chinesische Berater waren seinerzeit in Kambodscha. Sie konnten den Holocaust gar nicht übersehen. Tatsächlich sollen sich einige dieser Berater bei Chinas Botschafter Sun Hao und sogar beim damaligen Pekinger Politbüro-Mitglied Wang Tung-hsing über die Massaker beklagt haben. Ihnen sei jedoch bedeutet worden zu schweigen, weil dieses "eine innere Angelegenheit Kamputscheas" sei.
Jetzt haben die Vietnamesen leichtes Spiel, Pol Pot mit China gleichzusetzen und den Kambodschanern zu erklären, ohne chinesische Hilfe hätte Pol Pot nie tun können, was er tat.
Photos von Botschafter Sun Hao mit Ieng Sary und Mao Tse-tung mit Pol Pot werden von den Vietnamesen verbreitet, die neue Khmer-Regierung greift zum gleichen Propagandamittel.
Zweifelsfrei steht fest, daß Peking nach der Übernahme Pnom Penhs durch die kommunistischen Guerillakämpfer im April 1975 seinen Favoriten Pol Pot gegen gemäßigtere Rote-Khmer-Führer unterstützte. Da die Chinesen Pol Pot für ihren besten Verbündeten gegen die Vietnamesen hielten -- die in Chinas Augen bereits damals Marionetten der Sowjet-Union waren --, gewährten sie ihm reichlich Hilfe und lieferten ihm hochentwickelte Waffen.
Über den alten Hafen Kampong Som und den neuen Flughafen Kampong Tschhnang, den die Chinesen völlig wiederaufbauten, lieferte Peking Pol Pot Panzer, 130-mm-Geschütze und Flugzeuge. "Die Chinesen rüsteten 23 Khmer-Divisionen aus, um uns anzugreifen", sagte ein hoher Vietnamese in Pnom Penh.
Die Chinesen antworten darauf, diese Waffen hätten den Kambodschanern helfen sollen, sich gegen vietnamesische S.165 Eroberungsversuche zu verteidigen.
Tatsache bleibt, daß die Pol-Pot-Leute gar nicht in der Lage waren, das Kriegsmaterial zu verwenden, das sie von China erhielten, und die Vietnamesen später das meiste unversehrt wiederfanden, manchmal noch verpackt.
Es dient jetzt dazu, die neue pro-vietnamesische kambodschanische Khmer-Armee auszurüsten. Eine chinesische MiG-17 mit chinesischer Aufschrift und Pol-Pot-Markierung wurde allerdings ausgespart. Sie ist jetzt vor dem Nationaltheater in Pnom Penh aufgestellt, zusammen mit anderen chinesischen Waffen. So sollen die Khmer an den "chinesischen Plan zur Eroberung Südostasiens unter Benutzung Kambodschas als Sprungbrett" erinnert werden.
In Kambodscha glauben die Menschen heute alles mögliche. Nach vier Jahren Massaker, Krankheiten, Hunger und täglichem Terror scheinen die überlebenden Kambodschaner in keiner Hinsicht normale Menschen zu sein.
"Wissen Sie, daß es in Kambodscha einen Völkermord gegeben hat?" fragte mich völlig unvermittelt der Zollbeamte Sambath (seine Eltern, zwei Brüder und eine Schwester wurden unter Pol Pot getötet) am Flughafen Pochentong.
Man trifft in Kambodscha heute oft Menschen, mit denen man sich normal unterhalten kann -- bis man feststellt, daß sie in einer Art Trance leben.
"Ich höre die Stimmen", sagte mir eine Frau, "ich höre sie die ganze Zeit. Die Stimmen der Tschhlop, die da sagen: Dich am Leben zu erhalten ist kein Gewinn, dich zu beseitigen kein Verlust."
Viele Menschen können die Tatsache nicht verkraften, daß sie überlebt haben. Dr. Hun Tschhen Ly etwa (fünf Brüder wurden mit ihren Frauen und Kindern ermordet, seine Frau und zwei Jungen verschwanden), Direktor des Battambang-Krankenhauses, schluchzt und zittert, als er seine Familiengeschichte erzählt, und entschuldigt sich bei mir, daß er als einziger am Leben geblieben sei.
Die Menschen fürchten sich vor dem Schlaf, weil sie von Alpträumen gequält werden.
"Ich träumte, daß Pol Pot zurückgekommen ist, daß die Tschhlop die Kartoffel entdeckt haben, die ich gestohlen hatte", sagt die Kambodschanerin Long Vanthan (vier Kinder verhungerten, der Ehemann wurde hingerichtet, weil er nicht eine Zuckerpalme hinaufklettern konnte und damit bewies, daß er ein Bourgeois war). Sie war früher Gymnasiallehrerin, jetzt ist sie mit ihrer einzigen überlebenden Tochter beim "Frauenverband von Kamputschea" angestellt.
Andere quält die Tatsache, daß sie nicht rebellierten, daß sie nicht einmal S.166 den Versuch unternahmen, ihre Angehörigen zu retten. "Sie nahmen meinen Mann mit, und ich fragte nicht einmal nach dem Grund. Ich wußte, sie hätten mich auch mitgenommen", sagt eine andere Frau. Und eine weitere: "Ich fürchte mich noch immer vor Kindern."
Die Tschhlop hatten in vielen Fällen Kinder beauftragt, sich auf Bäumen und hinter den Hütten der Leute zu verstecken, um deren Gespräche abzuhören und sie zu denunzieren. Sie hatten gar die Erlaubnis erhalten, sie zu töten. "Die Gefährlichsten waren die Neun- und Zehnjährigen. Pol Pot hatte ihnen dieses Spiel beigebracht. Für sie war es das gleiche wie eine Eidechse zu töten oder einen Schmetterling zu fangen", sagte die Frau.
Manche Kambodschaner scheinen über die Erlebnisse ihre Identität verloren zu haben. "In meinem nächsten Leben hoffe ich, nicht wieder als Khmer geboren zu werden", hörte ich während meiner Reise zweimal von verschiedenen Leuten.
Verhuscht, traumatisiert, in ihrem eigenen Land verloren -- die Kambodschaner wirken wie Patienten, die einer psychologischen Massentherapie bedürfen. Statt dessen werden sie von einer neuen Dampfwalze erfaßt: von Hanois Propaganda-Maschine.
Jeder Khmer, der für die neue Regierung arbeitet, jeder Student, bald auch jeder Bürger, nimmt an der vietnamesischen "Umerziehung" teil.
Die Dauer der Kurse schwankt von drei Tagen bis zu acht Monaten mit einer Endstufe in Hanoi für die hohen Funktionäre. Der Inhalt der Kurse ist bei gewisser Differenzierung für alle gleich:
* Marxismus-Leninismus;
* Geschichte der indochinesischen Revolution;
* Analyse des Pol-Pot-Regimes;
* Rechtfertigung der vietnamesischen Präsenz in Kambodscha.
"Die augenblickliche Situation ist unabänderlich", sagt man den Khmer und schreckt sie mit der Behauptung: "Jede Alternative zu dem augenblicklichen Regime bedeutet die Rückkehr Pol Pots."
"Die drei Völker Indochinas müssen sich gegen die chinesischen Imperialisten und Reaktionäre vereinigen, denn sie sind wie die Beine eines Dreifußes, der einen Topf über dem Feuer hält. Wenn ein Bein schwächer ist oder bricht, kippt der Topf um", bekommen die Kambodschaner in den politischen Kursen zu hören.
Das Ergebnis ist durchschlagend: Menschen verschiedener Herkunft und Erziehung aus den verschiedensten Gegenden des Landes wiederholen die Parolen wie Papageien: Die Kurse werden bewertet, und diejenigen mit den besten Noten erhalten die besten Arbeitsplätze.
Prinzessin Sisovath Sorithivong Monivong -- sie hat ihren Mann und drei Kinder verloren --, der ihr Vetter Prinz Sihanouk den Spitznamen "Lola" (Khmer-Ausdruck für Quatschtante) gegeben hatte, wurde zum Mitglied der "Vereinigten Front für die nationale Rettung" ernannt. Sie referiert jetzt über Marxismus-Leninismus mit der gleichen Geläufigkeit, wie sie bis 1975 über die Gefahr des Kommunismus zu sprechen pflegte:
"Die Vietnamesen sind hier, um unseren Schlaf zu schützen. Es ist besser, wenn sie bleiben, denn wir brauchen eine lange Zeit, um den Baum wieder wachsen zu lassen, den Pol Pot abgehackt hat."
Hochwürden Tep Veng, der neue Leiter der wiedererstandenen buddhistischen Kirche, hat nur 15 Tage an der "Umerziehung" teilgenommen, aber sie reichten aus, um ihn davon zu überzeugen, daß Buddhismus und Sozialismus die gleichen Werte hegen, daß sie "Wasser der gleichen Quelle" sind. Ein Besuch in Moskau hat ihn überzeugt, daß es in der Sowjet-Union große Religionsfreiheit gibt.
1975 amtierten 28 000 hauptamtliche buddhistische Priester in Kambodscha. Nur 800 sind wieder aufgetaucht, der Nachwuchs wird von Mönchen ordiniert, die aus Vietnam kommen.
So hat es denn den Anschein, daß sogar der Buddhismus in Kambodscha zu seiner Wiedergeburt die Berater aus Hanoi braucht.
Die religiöse Wiederbelebung jedoch scheint spontan und echt. Bauern suchen aus den Schutthaufen Stücke zerbrochener Buddha-Statuen und leimen sie wieder zusammen. Mütter hängen ihren Kindern handgemachte Buddha-Amuletts um den Hals. Über den alten, von den Roten Khmer zerstörten Pagoden stellen die Menschen Strohdächer auf, errichten einfache Altäre und kommen wieder zum Gebet.
Pol Pot war, wie die meisten Kambodschaner, als Kind in einer Pagode S.167 erzogen worden. Später, als Parteichef, ordnete er die systematische Zerstörung der Pagoden an, ließ Tausende von Bonzen hinrichten und zwang die überlebenden, die Kutte abzulegen und zu heiraten.
Der Aberglaube ist immer noch wesentlicher Bestandteil des kambodschanischen Lebens. Viele Menschen, vor allem auf dem Lande, glauben daher, Pol Pot sei die Strafe gewesen, die das Volk der Khmer für ein sündhaftes Leben verdient hätte.
Nach einer alten Prophezeiung waren die Khmer gewarnt worden, daß ihr Land durch einen großen Krieg verwüstet werde, auf den eine Zeit der "schwarzen Krähen" folge. Danach werde eine Armee aus dem Osten das Land besetzen. Die Bezeichnung "schwarze Krähen" paßt auf die ganz in Schwarz gekleideten Roten Khmer, während die östlichen Invasoren die Vietnamesen sein könnten.
"Ich wußte, daß die Roten Khmer erledigt waren, als ich nachts im Wald von Pursat die Vögel ''ah Pol Pot, ah Pol Pot'' schreien hörte", sagte mir allen Ernstes ein ehemaliger Jurastudent, der jetzt wieder in Pnom Penh arbeitet, "und ich begriff, daß unser Sühnen vorbei war." "Ah" bedeutet in der Khmer-Sprache "verdammt".
Im nächsten Heft
Die Truppen Pol Pots leisten nur noch sporadisch Widerstand - Trotz restaurativer Ziele hat auch das neue Regime den Kommunismus zum Ziel
S.157 In Pnom Penh. * S.162 Vor Kampong Tscham. * S.163 Um Munition zu sparen, töteten die Roten Khmer viele ihrer Opfer durch den Schlag mit einem Holzknüppel ins Genick. *
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 17/1980
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