21.04.1980

NEUEHEBRIDEN Messias aus Amerika

In diesem Jahr noch soll das britischfranzösische Kondominium unabhängig werden - ein Relikt, das hauptsächlich vom Streit der beiden Kolonialmächte lebte.
Fast 40 Jahre haben fleißige britische Kolonialbeamte gebraucht, um die göttlichen Amerikaner zu vertreiben. Mit Hilfe ihres königlichen Prinzgemahls Philip haben sie es nun geschafft.
Den Herzog von Edinburgh haben sich die etwa 200 Bewohner eines Dorfes auf der Südseeinsel Tanna als Erlöser ausgewählt. Er entschwand gleich nach seiner Geburt aus ihrer Mitte, erzählen sie sich, wird aber bald zurückkehren, die Kranken heilen und die Alten jung machen.
Der Messias aus dem Buckingham-Palast wird, so die Legende, mit einem Schiff vor der Küste aufkreuzen und seinen Fuß auf einen bestimmten Felsen setzen. Dann wird er Geschenke verteilen und das Paradies auf Erden stiften.
Die Legende auf den Neuen Hebriden, einer Inselgruppe im Südpazifik, rund 2000 Kilometer östlich von Australien, geht auf eine Vision des Clanchefs Kahu aus dem Dorf Ikohukahuk zurück.
Der sah 1939 einen großen weisen Mann -- John --, der mit Schiffen anlandete und der Insel Reichtum und Glück brachte. Diese Vision sollte sich 1942 fast erfüllen, als GIs im Krieg gegen die Japaner Insel für Insel eroberten, Nachschubbasen errichteten und die Eingeborenen mit Lebensmitteln beschenkten.
Seither erwarten die melanesischen Urbewohner alles Heil von "John from America", im Eingeborenen-Englisch auf "John Frum" verkürzt. Auf Tanna, der am stärksten bevölkerten Insel der Neuen Hebriden, errichteten die Eingeborenen dem göttlichen Amerikaner Schreine und Tempel. Als ein John-Frum-Anhänger aus dem Gefängnis mit einer US-Sanitäts-Uniform zurückkehrte, wurde das Rote Kreuz zum Symbol des erwarteten Heilands.
Die britischen Beamten hatten stets versucht, den Cargo genannten Kult auszurotten und den Geist der Amerikaner zu vertreiben. Um John Frum abzusetzen, war ein britischer Prinzgemahl gerade gut genug, zumal viele Eingeborene ihn für den Chef des Commonwealth halten. Der frühere britische Statthalter John Champion hatte den Polofan Philip durch einen Mitspieler um Amtshilfe ersucht.
Englands später Sieg über Amerika ließ jedoch den anderen Herrn der Neuen Hebriden nicht ruhen: Frankreich. Denn die 80 Vulkaninseln zwischen S.171 den ehemals britischen Salomon-Inseln und dem französischen Neukaledonien sind das letzte Kondominium dieser Welt, seit Großbritannien und Ägypten ihre gemeinsame Herrschaft über den Sudan 1955 aufgaben. In diesem Sommer nun soll das Kolonialrelikt in die Unabhängigkeit entlassen werden.
Entdeckt hatte die Inselgruppe bereits 1606 der portugiesische Weltumsegler Pedro Fernandes de Queiros. Aber die Eilande waren ohne strategischen Wert für Europas Großmächte und besaßen keinerlei Reichtümer. 1878 tauschten England und Frankreich diplomatische Depeschen aus, in denen sie ihr gegenseitiges Desinteresse an den Neuen Hebriden bekundeten.
Das nutzte der in Irland geborene, später naturalisierte Franzose Higginson. Von seinem Domizil auf Neukaledonien aus kaufte er für Pfennigbeträge etwa 700 000 Hektar Land auf und errichtete ein privates Königreich. 1882 gründete er die "Compagnie caledonienne des Nouvelles-Hebrides", den Vorläufer der später allgewaltigen "Societe francaise des Nouvelles-Hebrides" (S.F.N.H.).
Higginsons Landkäufe brachten Frankreich auf den Plan. 1885 entsandte die Grande Nation Kriegsschiffe, und kurze Zeit darauf waren auch die Briten zur Stelle. 1887 unterzeichneten Briten und Franzosen eine Konvention zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf den Inseln, 1906 schließlich ein gemeinsames Regierungs-Protokoll, das bis heute rechtliche Grundlage des Kondominiums ist.
Eine rechtliche Grundlage freilich nur für die heute etwa 8500 Europäer. Die gut 120 000 eingeborenen Melanesier sind bis heute staatenlos. Erst seit wenigen Jahren können sie einen britischen oder französischen Reisepaß bekommen. Ansonsten gilt englisches und französisches Recht nebeneinander. Wird ein Eingeborener straffällig, kann er sich das Gericht aussuchen -- und wählt vornehmlich das französische. Denn die Strafen sind milder und die Mahlzeiten im Gefängnis besser: Abends gibt es den beliebten französischen Wein.
Beide Länder unterhalten getrennte Verwaltungen. So erwarten am Flughafen der Hauptstadt Vila englische Beamte in englischer Uniform, französische Beamte in französischer Uniform den Gast, der seinen Kontrolleur frei wählen kann. Allerdings ist das englische Visum billiger. Bezahlt wird in australischen Dollar, für die jedoch Australiens Notenbank nicht zuständig ist, oder in eng an den französischen Franc gebundenen neuhebridischen Franc.
Bis auf den Straßenverkehr gibt es kaum Gemeinsames. Nur die Einheimischen haben eine Synthese versucht, sie sprechen ein spezielles Franglais, von S.172 ihnen Bichlamar genannt. Doch darin dominiert eindeutig das Englische.
Während die Briten ihr Kolonialreich einst zuallererst nach ökonomischen Interessen gründeten, die Franzosen hingegen vornehmlich aus kulturellen Ambitionen, war es auf den Neuen Hebriden genau umgekehrt: Im Gefolge der S.F.N.H. erwarben französische Siedler große Ländereien und beherrschten die Wirtschaft, während die Briten durch ihre zumeist presbyterianischen Missionare erfolgreich Seelen jagten und Englisch verbreiteten.
Anfang der 70er Jahre hatten die Briten die Insel-Elite fest in ihrer Hand. Ihr flexibleres Schulsystem kam den Eingeborenen entgegen, den Absolventen stand die britische Universität des Südpazifik offen.
Die Franzosen hingegen bestanden auf ihrem zentralistischen Ausbildungssystem. Die Schüler mußten nicht nur französische Geschichte büffeln sowie Frankreichs Städte und Flüsse auswendig lernen, die sie nie sehen würden, sondern auch das Abitur nach Pariser Normen ablegen. Folge: Kein Eingeborener schaffte den Sprung auf eine französische Universität.
Dafür waren die Franzosen im Geschäftsleben erfolgreich. Zum Ärger der Briten verkauften immer mehr Siedler ihre Ländereien an Amerikaner. Denn auf den Neuen Hebriden gab es keinerlei Steuer, das Kondominium war auf dem besten Weg, die Bahamas als Steuerparadies abzulösen.
Auf dem Höhepunkt des steuerfreien Booms hatten sich 1100 Gesellschaften in der Hauptstadt Vila etabliert, darunter 40 Banken. Erst als die australische Regierung bei ihren Firmen eine Nutzung des pazifischen Steuerparadieses unterband und die Briten Gewinn-Transfers untersagten, flaute der Boom ab. Immerhin zahlen die gut 700 Steuerfirmen auch heute noch ein Fünftel des Volkseinkommens.
Der Star unter den Landverkäufern war der Amerikaner Harold Peacock, der 50 000 US-Bürger auf die Südseeinseln bringen wollte. "Keine Autos, keine Steuern, keine Verschmutzung auf den Neuen Hebriden", warb Peacock und lockte in der amerikanischen Armeezeitung "Stars and Stripes" in Vietnam abgemusterte GIs: "Wenn Sie Angst haben, Ihre Vietnamesin den Eltern mitzubringen, installieren Sie sich doch auf den Neuen Hebriden."
Die Franzosen waren froh, ihre unrentablen Plantagen loszuwerden, denn die Preise für das Hauptausfuhrprodukt Kopra waren stetig gesunken. So machte Peacock Riesengewinne. Er teilte die Ländereien in kleine Parzellen und verkaufte sie für das Vielhundertfache des Kaufpreises.
Die Briten rächten sich derweil, indem sie die Insel-Elite zum politischen Aufruhr gegen den Ausverkauf anstachelten. In der National Party, die sich nach einigen Jahren in Vanuaaku Pati ("Partei der Heimat") umtaufte, sammelte sich die anglophile politische Creme. Ihr Ziel: schnelle Unabhängigkeit.
Das wiederum war den Franzosen nicht recht. Denn während die Briten ihre Subsidien senkten, pumpten die Franzosen immer größere Beträge in die Kolonie. Sie bauten Straßen, Hospitäler und vor allem Schulen, in denen der Unterricht -- im Gegensatz zu den britischen -- gratis erteilt wird. Allein in den letzten fünf Jahren investierten die Franzosen 100 Millionen Mark ins Erziehungssystem -- fünfmal mehr als die Briten.
Gleichzeitig unterstützte Frankreich gemäßigte politische Gruppen, die sich auf die traditionelle Gesellschaftsstruktur stützten -- und auf die Götter aus den USA.
Einer von ihnen ist der bärtige Prophet und inselweit bekannte Schürzenjäger Jimmy Stevens. Stevens' Organisation, die Nagriamel, hatte ihren Schwerpunkt auf der Insel Espiritu Santo. Auf Druck der Franzosen gab die S.F.N.H. sogleich mit großem Pomp 2500 Hektar an die Stammeshäuptlinge zurück.
Die frankophile Natatok-Partei der Gemäßigten bildete 1977 denn auch die erste Eingeborenen-Regierung, deren Rechte freilich sehr eingeschränkt waren. Der Sieg der Franzosen war nur möglich, weil die anglophile Vanuaaku Pati (VP) freiwillig auf ihre Mandate verzichtete, obgleich sie die Mehrheit erobert hatte: Wegen angeblichen Betrugs hatten die Franzosen Neuwahlen veranstaltet, ihre Partei schloß auf. VP-Chef Walter Lini, ein presbyterianischer Priester, rief daraufhin eine provisorische Gegenregierung aus und kassierte Steuern sowie Wegezölle auf den von seiner Partei kontrollierten Inseln.
Als Lini bei der Regierung der benachbarten Fidschiinseln sogar um Waffen und Ausbildungscamps für seine Guerrilleros nachsuchte, war das ein Signal für die Kolonialmächte, der Inselgruppe die versprochene Unabhängigkeit baldmöglichst zu gewähren. Ende vergangenen Jahres schließlich eroberte die VP 26 der 39 Mandate und wählte Lini zum Regierungschef.
Da schlugen die Franzosen wieder zu, mit Hilfe von Amerikanern. Jimmy Stevens und seine Leute erstürmten Luganville, die Hauptstadt der stets zum Separatismus bereiten Santo-Insel.
Hinter Stevens standen andere -alte -- Franzosen-Freunde: die auf den Bahamas residierende Aurora-Corporation mit ihrem Chef Harold Peacock. Der hatte nach bewährtem Muster Werbebroschüren verschickt und das Steuerparadies Santo gepriesen. Auch eine eigene Verfassung legte Peacock vor. Ein Artikel garantiert "das fundamentale Recht, Waffen zu tragen".
Damit jedoch brachten die Amerikaner Frankreich gegen sich auf, das Unabhängigkeitsbestrebungen in seinen pazifischen Restkolonien befürchtet. Auf Neukaledonien stationierte französische Truppen könnten den Aufstand jedoch niederschlagen.
Großbritanniens nächster Militärstützpunkt Hongkong liegt dagegen über 8000 Kilometer entfernt.

DER SPIEGEL 17/1980
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