21.04.1980

SOWJET-UNIONWelche Träume?

Westliche Konsum-Bräuche sind in Moskau ein Dauerhit. Da der Staat die Sucht nicht bremsen kann, versucht er mitzuverdienen.
Sie kommen aus der Süßwarenfabrik "Rote Front", und doch könnten sie, so sorgen sich Leserbrief-Schreiber, die Jugend verderben: Kaugummis aus sowjetischer Produktion.
Sie bieten der gelangweilten Großstadtjugend harmlose Abwechslung, halten sie von der Straße und vom Suff fern und werden von Altgenossen dennoch als "Kriminellen-Nester" denunziert: Diskotheken in Moskau.
Sie waren einst Arbeitskluft amerikanischer Kuhhirten, sind heute die schier einzig standesgemäße Ausgehkleidung höchster Funktionärs-Kinder, auch Künstler- wie Literaten-Uniform; doch wer's im Sozialismus wirklich weiterbringen will, meidet sie: Jeans.
Westliche Konsum-Bräuche stehen in der Sowjet-Union hoch im Kurs, vor allem im Olympia-Jahr. Weil alle Anti-Propaganda wenig hilft, wählt der Planer-Staat zuweilen das kleinere Übel -- und verdient an der Sucht seiner Bürger nach allem Ausländischen lieber selbst mit.
Kleinere Fabriken im estnischen Tallinn und in Odessa hatten schon vor Jahren mit der Herstellung sowjetischer Kaugummis begonnen. Doch diese ersten heimischen "Schewatschkis" waren landesüblich süßlich und verloren ihren Geschmack zu schnell.
Mit Importware konnten sie es nicht aufnehmen, dem beliebtesten Schmuggelgut sowjetischer wie ausländischer Touristen. Eine Zehnerpackung hatte immerhin einen Gegenwert von etwa fünf Rubel, einem Tageslohn, und erleichterte das Leben ungemein: Damit konnte eine Theaterkarte reserviert, ein Bürokrat in Bewegung gesetzt oder ein Milizionär besänftigt werden.
Für das begehrte Souvenir wagten sich russische Kinder an den Miliz-Wachen vorbei in Ausländer-Häuser; um "Wrigleys" zu schnorren, riskierten zuweilen russische Diplomaten ihre Karriere -- wenn ihre Sprößlinge nämlich damit in der Schule auffielen, konnte das Rückberufung der Eltern von einem Auslandsposten bedeuten.
Kaugummi, so erklären sich Russen selbst die Sucht, vermittelt den strikt erzogenen und stets zur Disziplin angehaltenen Jugendlichen ein Gefühl von Freiheit, Lässigkeit, gar des Ausbruchs. In alten US-Filmen, die zuweilen im Programm sind, pflegt der Typ, der es den anderen zeigt, meist kauend seine Überlegenheit zu demonstrieren.
Was Wunder, daß sowjetische Lehrer die Eltern ermahnen, ihren Kindern S.180 keinen Kaugummi in die Schule mitzugeben: Sie fielen damit unangenehm auf, lenkten die Mitschüler ab, paßten nicht mehr auf, kurz, kauende Schüler seien schlichtweg undiszipliniert.
Dennoch war gegen die Kau-Sucht nicht anzukommen -- und so begann jetzt eine Moskauer Fabrik auf Maschinen aus Oberfranken mit der Produktion von "schewatelnaja resinka", russisch: Kaugummi, der sich kaum noch vom US-Original unterscheidet, für 60 Kopeken (1,80 Mark), einem Stundenlohn, für eine Fünferpackung, die in der Bundesrepublik 50 Pfennig kostet.
Genossen-Kritik an dem Produkt westlicher Dekadenz wies ein Mediziner in der Wochenschrift "Nedelja" zurück: Kaugummi sei harmlos und könne sogar beruhigend wirken. Schüler, so allerdings auch der Wissenschaftler, sollten darauf verzichten -auch bei Hausaufgaben. Warum, begründete er nicht.
Bei einem anderen Hit aus dem Westen, dem nicht nur die Jüngsten verfallen, langt es noch nicht zur Eigenproduktion -- und die wäre wohl auch kaum gefragt. Denn "Dschinzy" haben beim Herrn oder der Dame von Welt in Sowjetlanden ausschließlich von Levi's oder Wrangler zu sein. Kopien sind out.
Tragen darf sie der Sowjetjugendliche seit den Moskauer Weltjugendfestspielen 1957, als sich die proletarische Westmode nicht mehr unterdrücken ließ.
Jeans, die echten, bringen heute Renommee, dem Besitzer freilich manchmal auch Unglück. Denn für Jeans wird in sowjetischen Großstädten zuweilen geraubt und sogar gemordet, wie der Fall zweier Teenager zeigte, die eine Schulkollegin umbrachten, um ihr die Hosen abnehmen zu können. Für original US-Jeans werden auf dem schwarzen Markt 200 Rubel bezahlt -- mehr als ein durchschnittlicher Monatslohn. Studenten raboten oft einen Sommer lang allein für zwei Paar Jeans. Eltern sparen für den Schulabschluß des Sprößlings, um ein gutes Zeugnis mit Jeans zu belohnen, sogar als Hochzeitsgeschenk sind "Dschinzy" kaum zu übertreffen.
Gewaschen oder gereinigt werden sie nicht, denn sie sollen ja die Originalfarbe behalten. Ausgebleichte Jeans gelten bei Russen nicht als schick. Deshalb zieht man sie auch dort nicht an, wo sie allzu sehr strapaziert werden könnten: beim Sport, im Wald, zum Picknick. Knüller sind Jeans -- zu einem T-Shirt mit garantiert westlichem Aufdruck -in der Disco, einem Entertainment, das in Moskau eben gerade aufblühte und nun schon wieder gefährdet scheint.
Unter dem Vorwand von Olympia hatten einige Funktionäre, verantwortlich für die völlig unterentwickelte Gastronomie des Gastlandes, zaghaft versucht, in der Hauptstadt etwas Discoähnliches zu arrangieren. Vor dem "Sinjaja ptiza" (Blauer Vogel), einem Keller-Cafe in einer kleinen Seitengasse der Tschechow-Straße, stellen sich tagtäglich auch bei eisigen Minus-Graden ab 15 Uhr lange Schlangen Halbwüchsiger an.
Das Lokal, das etwa hundert Besucher faßt, bietet gegen drei Rubel (neun Mark) Eintritt -- viel Geld für einen Sowjet-Jugendlichen -- einen "Koktejl" samt Sandwich und, wichtiger, zünftige Plattenmusik. Wie jede Gaststätte in Moskau schließt auch diese Disco schon um elf.
Dennoch scheint der Keller vielen Jugendlichen ein Paradies. Dort sind sie unter sich, können die Enge daheim, den Alltag, die Langeweile vergessen, sich bei Rhythmen austoben, die sie für heiß halten -- zuviel für manche Eltern und Ideologen.
"Dort werden unsere Kinder verdorben", protestieren Mütter, deren Töchter Abend für Abend in den "Blauen Vogel" entschwanden. Dann sagte eine junge Arbeiterin aus einem Juwelen-Betrieb, die firmeneigene Edelsteine mitgenommen hatte, auch noch aus, sie sei dazu von einem Typen verleitet worden, den sie im "Blauen Vogel" getroffen hatte. Damit geriet der Keller zur "Brutstätte der Kriminalität". Die Einrichtung weiterer Etablissements dieser Art, für die bereits die Ausstattung angeschafft worden war, wurde gestoppt.
Nun bleibt nur noch ein altrussisch aufgemachtes Lokal an der Leningrader Chaussee, das einfach "Bar" heißt, nachdem der geplante Name "Träume" ("Welche Träume?" haderten Beamte) abgelehnt worden war. Dort darf man zu den Plattenklängen nicht tanzen, nur zuhören für sein Geld.
Wenn es strikt nach den Wünschen der Moskauer Parteiorganisation ginge, dürfte der Ton nicht mal fremdländisch sein -- es soll nur russische Produktion gespielt werden. Doch der Drang nach allem Ausländischen läßt sich, solange dies so rar ist und heimische Produkte kaum Ersatz-Qualität erreichen, durch ideologische Appelle und Verordnungen nicht eindämmen.
Wer Kaugummi kaut, zeigt damit eben schicke Lässigkeit, wer Jeans trägt, demonstriert, was er sich leisten kann. Für Pepsi-Cola zahlen die Russen 60 Kopeken je Mini-Flasche, obwohl sie den Geschmack nicht goutieren und zuviel Kohlensäure drin ist. Die Firma Coca-Cola, die für Olympia groß einsteigen wollte und schon Dutzende bunter Kioske nach Moskau geliefert hat (in denen es nun Eis oder Würstchen gibt), will boykottieren.
Zaghafte Versuche mit Pizza und Hähnchengrill, gleichfalls als Olympia-Bereicherung vorgesehen, scheiterten schon an den Realitäten russischer Versorgung. "Marlboro"-Zigaretten russischer Produktion werden wie nachgemachte Jeans von konsumbewußten Bürgern abgelehnt: Derart Beschenkte verlangen, wenn dann das Geschenk wirklich etwas gelten soll, Päckchen mit dem Aufdruck "Made in USA".
Sogar ein Wegwerf-Produkt kapitalistischer Überflußgesellschaft gilt russischen Jugendlichen zuweilen schon als Status-Symbol: Für Plastik-Beutel mit bunten West-Aufdrucken bieten sie überraschten Touristen schon mal ein oder zwei Rubel. Und mancher Zögling des Sowjetstaats dekoriert daheim die Stubenwand mit den gesammelten Etiketten und Annoncen westlicher Waren -- Symbolen der Sehnsucht.

DER SPIEGEL 17/1980
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