21.04.1980

PAKISTANVolk mit Talent

Die Hunderttausende afghanischer Flüchtlinge in Pakistan klagen nicht über Hunger, Kälte oder Krankheit: Sie wollen nichts als Waffen, um „die roten Hunde“ aus ihren Stammesgebieten zu vertreiben.
Sie kommen nur so hereingeströmt, an jedem Tag werden es mehr. Wenn das so weitergeht", klagt Faslur Rahman Safi, Pakistans Flüchtlingskommissar im nordpakistanischen Peschawar, "haben wir bald die ganze Bevölkerung Afghanistans bei uns."
Niemand kann genau sagen, ob derweil 600 000, 700 000 oder noch mehr Afghanen in den zahlreichen armseligen Lagern nahe ihrer Heimatgrenze leben.
Stolze Belutschenfürsten, unbeugsame Paschtunen-Stammesälteste hausen als Flüchtlinge mit ihren Clans in Reisighütten oder, in pakistanischen Vorzeiglagern wie Dschamrud und Asachail, zu je zehn, zwanzig in einem kleinen Zelt, in dem in den kalten Wintermonaten gelegentlich auch noch der Esel unterkommen mußte.
Dennoch wirken die Lager nicht überfüllt, vorwiegend ältere Männer mit kunstvoll geschlungenen Turbanen, kleine Jungen und Mädchen bevölkern die schlammigen Plätze und Pfade der Camps.
"Unsere jungen Männer gehen als Mudschahidin in Gruppen zu Tausend zurück über die Grenze, um die roten Hunde daheim zu bekämpfen", sagt Stammesfürst Dschamal vom Clan der Ahmedsai. "Alle paar Wochen lösen sie sich ab, die Krieger müssen sich ausruhen, ihre Wunden müssen heilen."
Und die Frauen? Dschamal weist mit einer Kopfbewegung auf Zelte hinter hohen Reisigmauern. Niemand, so ist es Tradition, darf das "Frauenvolk" sehen. Jeder Paschtune baut S.184 sein großes Fort aus Lehm mit Schießscharten und Wachtürmchen -- nur für sein Frauenvolk.
Selbst Brüder und Fremde kommen nicht hinein, sie werden im Gästehaus des Stammes bewirtet. Und zieht der Stamm mit seinen Herden zu Futterplätzen, dann verschwinden die Frauen unter der "burka", einer sackähnlichen Vollverschleierung mit schmalen Sehgittern.
In diesen Lagern wird klar, daß die linken Revolutionäre in Kabul ein Sakrileg begingen, als sie Frauen der Paschtunen von Männer-Kommandos auf Lastwagen zu Reihenuntersuchungen schafften. Kein Arzt darf in den Camps Frauen betreuen, weder bei Lungenentzündung noch bei Zangengeburt helfen.
Krankheiten und Kälte, mangelnde Ernährung und die Gefahr von Seuchen in der jetzt beginnenden warmen Jahreszeit würden von allen Flüchtlingen überall sonst auf dieser Welt laut beklagt werden. Aber die Afghanen in Pakistan haben, trotz aller Gerüchte um CIA- und China-Hilfe, nur eine Klage: "Warum gibt uns denn niemand Waffen?"
Ihre gemischte Armierung -- sie reicht von Musketen aus dem Osmanischen Reich über Enfield-Schießgewehre der Engländer aus der Zeit des Ersten S.185 Weltkrieges bis zu erbeuteten sowjetischen AK-47 -- würden sie liebend gern gegen "Panzerabwehr- und Flugzeugabwehrraketen eintauschen", so Stammesführer Hasrat Gul vom Clan der Babakor Chail.
Dem kleinen Ort Darrha, innerhalb der unkontrollierbaren Stammesgebiete am Khaiber-Paß gelegen, hat die Flut kämpferischer Flüchtlinge enormen Aufschwung gebracht.
In den "tribal areas", wo jeder Mann aus Selbstwertgefühl wie Selbsterhaltungstrieb Waffen trägt, war Darrha immer schon ein vielbesuchter Ort. Denn dort leben die geschicktesten Waffenschmiede des Mittleren Ostens, Männer vom Paschtunenstamm der Afridi, die selbst Auto-Achsen zu Waffen umbauen.
In seinem nach Basar-Manier zur Straße offenen "Waffengeschäft für Heilige Krieger", dessen drei Wände mit Sten-, Mauser- und Winchester-Gewehren vollgepackt sind, brüstet sich Nasir Gul: "Ich kann jede Waffe nachbauen, ich muß das Original nur ein paar Tage studieren können."
Doch die afghanischen Krieger sind mit der Qualität des Geräts oft unzufrieden. "Stahl von Schrottautos und alten Traktoren", meint einer von ihnen, "ist für Waffen nicht unbedingt geeignet. Die Läufe werden viel zu schnell heiß, oft schon nach vierzig, fünfzig Schuß."
Den im grenznahen Peschawar residierenden politischen Führern der islamischen Freiheitskämpfer ist längst klar, daß sich die Flüchtlinge mit Waffen aus Darrha kein einziges ihrer Stammesgebiete zurückerobern können. Neue Flüchtlinge aus dem Kunartal berichteten über massive afghanisch-sowjetische Kampfhubschrauber- und Panzereinsätze gegen ganze Dörfer.
"Was wir brauchen, ist klar", sagt Professor Burhanuddin Rabani, Führer der antikommunistischen Kampforganisation Dschamiat-i-Islami. Und: "Das Problem ist nicht, mit hochtechnisiertem Gerät fertigzuwerden, unser Volk hat ein Talent für Waffen. Das Problem ist: Wie kommen wir an sie heran?"

DER SPIEGEL 17/1980
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