20.04.1981

LUFTFAHRTWie die Königin

Die Spritverteuerung verhilft Turboprop-Maschinen zu einem Comeback - selbst bei der feinen Lufthansa.
Die Passagiere, die in Hamburg auf ihren Flug nach Köln warten, drängen sich an die Fenster, als die zweimotorige Propellermaschine fiepend und knatternd auf die Abflughalle zurollt.
"Komisch" und "merkwürdig" finden die meisten das knallrot lackierte Flugzeug, das aussieht wie ein Rosinenbomber aus den Zeiten der Berlin-Blockade.
Wenig später werden die belustigten Jet-Reisenden gewahr, daß sie nun selber mit dem nostalgischen Vogel fliegen sollen. Und da schlägt bei etlichen das Erstaunen in Empörung um.
"Das ist ja die Spitze", entfährt es einem, der ganz offensichtlich der Klasse der Oft-Flieger angehört. "Nicht zu fassen", poltert aufgebracht ein anderer, dem Angst im Gesicht steht. Am oberen Ende der wackeligen Bord-Treppe angekommen, klopft er mehrmals prüfend an den Flugzeugrumpf und fragt die Stewardeß: "Fliegt das Ding denn überhaupt?"
Das Ding, das in diesen Tagen auf Westdeutschlands Flughäfen so viel Erstaunen erregt, ist die neueste Akquisition der Lufthansa-Tochter Deutsche Luftverkehrsgesellschaft (DLT). Seit Beginn des Sommerflugplans setzt das Unternehmen drei Turboprop-Maschinen des Typs Hawker Siddeley 748 ein.
Die propellergetriebenen Oldtimer fliegen vor allem auf solchen Strecken, S.76 auf denen das Passagieraufkommen so gering ist, daß sich der Einsatz der treibstoffschluckenden Jets Boeing 737 oder 727 für die Lufthansa nicht lohnt.
So brummt die 48sitzige Hawker Siddeley (HS) in der Mittagszeit von Hamburg nach Köln und wieder zurück. Bisher düste auf dieser Strecke etwa zur gleichen Zeit ein Lufthansa-Jet vom Typ Boeing 727, in dem meistens nicht einmal die Hälfte der 146 Plätze besetzt war.
Dank der kleinen und sparsamen Maschinen kann die DLT sogar eine Reihe neuer Verbindungen anbieten. Die roten Brummer fliegen von Nürnberg oder Stuttgart nach Wien und von München nach Venedig oder Genf. Auch die Jet-set-Insel Sylt kann von Düsseldorf aus per Propeller angeflogen werden.
Für ältere Lufthansa-Kunden ist der Turboprop-Flug nichts Neues. Über ein Jahrzehnt lang flog die Staatslinie ihre Kundschaft auf Kurz- und Mittelstrecken mit Turboprop-Maschinen des Typs Vickers Viscount. Doch nach und nach wurden diese Maschinen gegen Jets ausgetauscht; die letzte Vickers Viscount der Lufthansa wurde 1971 aus dem Verkehr gezogen.
Die Turboprop-Antriebe waren in der Entwicklungsgeschichte des Flugzeugbetriebs die unmittelbaren Vorgänger der Düsentriebwerke; und tatsächlich sind sie von der Bauart her ein Mittelding zwischen herkömmlichen Propellermotoren und modernen Strahlturbinen.
Das Comeback verdanken die vergleichsweise langsamen Turboprops -die HS 748 bringt es auf eine Reisegeschwindigkeit von 452 Stundenkilometer, die kleinste Boeing 737 fliegt 830 km/h -- der enormen Verteuerung des Flugbenzins. Eine Hawker Siddeley etwa schluckt auf 500 Kilometer zwei Drittel weniger als eine Boeing 737.
Turboprop-Hersteller erleben daher überall einen unerhofften Boom. Allein in Amerika, so schätzen die Flugzeughersteller, werden sich bis 1985 etwa 2000 neue Turboprop-Flugzeuge verkaufen lassen.
Auch in Europa steigt die Nachfrage. So bestellte die Schweizer Regional-Gesellschaft Crossair fünf neue Turboprops. Die österreichische Austrian Air Services fliegt seit einem Jahr ebenfalls mit neuen Propellerflugzeugen.
Die Renaissance der pfeifenden Propellermotoren hat die Branche einigermaßen überrascht. In Europa, in Nordamerika und sogar in Brasilien -- bei der Firma Embraer, an der auch VW und Daimler-Benz beteiligt sind -- arbeiten die Ingenieure fieberhaft an neuen Modellen. Bis 1985 sollen zehn neue Turboprop-Typen in Serie gehen.
Tatsächlich lieferbar sind zur Zeit nur zwei gleichermaßen betagte Modelle: die holländische Fokker-Friendship (F. 27) und die von DLT eingesetzte Hawker Siddeley 748 von British Aerospace. Obwohl die Hawker Siddeley bereits seit 1960 gebaut wird, wirbt die DLT für den von der Konstruktion her alten Vogel mit dem Slogan: "Mit neuen Flugzeugen in die achtziger Jahre."
Tröstlich für die Lufthansa-Passagiere, die sich von der feinen Airline veräppelt vorkommen: Die HS 748 ist auch heute noch das meistgeflogene Regierungsflugzeug der Welt. Und selbst Monarchen fliegen noch mit ihr: Eine der Maschinen, mit ähnlich roter Bemalung, wie sie die Lufthansa-Werbeabteilung für die DLT-Bomber verordnete, steht seit Dezember 1963 zu Diensten der britischen Königin.

DER SPIEGEL 17/1981
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