21.04.1980

Mehr Schaden

Ein breiter westlicher Olympia-Boykott beläßt Moskau nur noch eine Spartakiade und leitet die Spaltung des Weltsports ein.
Hinter der Fahne aus den USA und dem Schwarz-Rot-Gold der Bundesrepublik marschieren zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau nur kleine Gruppen ein. Dafür vertreten Deutschland drei Abteilungen: eine die Bundesrepublik, eine die DDR und eine dritte hinter der Bärenfahne West-Berlin. Erstmals taucht eine Mannschaft der PLO auf.
Nach den Vorkämpfen sehen sich Amerikaner, Westdeutsche und Palästinenser zwar klanglos ausgemustert. Aber die Ostblock-Medien feiern die "Kämpfer gegen den US-Imperialismus" mehr als ihre eigenen Sowjet-Sieger und als "faire Verlierer". Die Ersatzathleten, vorwiegend linientreue Kommunisten, starteten auf Moskauer Einladung.
So könnte das Olympia-Szenario im Juli bei dem sich abzeichnenden westlichen Moskau-Boykott aussehen. Am vorigen Mittwoch erfuhr NOK-Präsident Willi Daume in Bonn von Kanzler Schmidt, daß auch die Bundesregierung den Verzicht empfehle. Davon erhofft sich US-Präsident Carter Signalwirkung auf die zögernden Westeuropäer.
Zum erstenmal trifft der Boykott-Prügel die UdSSR, bisher Weltmeister des Politboykotts im Sport, als Folge ihres Krieges gegen Afghanistan. "Wer darf mit blutbefleckten Händen auf diesem Fest erscheinen?" hatte die Fachzeitung "Sowjetski Sport" noch im Februar kritisiert, als das IOC die Volksrepublik China trotz ihres Einfalls in Vietnam aufnahm.
Obwohl ein Nationales Olympisches Komitee (NOK), das keine Mannschaft zu Olympischen Spielen meldet, nicht einmal gegen IOC-Regeln verstößt, bedeutete ein westlicher Verzicht den "Gnadenstoß für die Olympischen Spiele" ("Tagesspiegel").
Denn am IOC zerren nun Boykottanhänger im Westen und -gegner im Osten -- bis zum Zerreißen. Das IOC hatte, wie immer zu seinen Spielen, einen Vertrag geschlossen: Das Moskauer Organisations-Komitee (OK) und das sowjetische NOK haben sich als Vertragspartner dazu verpflichtet, das Olympia getreu den IOC-Statuten durchzuführen.
Die Moskauer Olympia-Partner haben ihre Verpflichtungen bislang eingehalten. An der Entscheidung der UdSSR, Afghanistan zu besetzen, sind sie nicht beteiligt. Es gibt auch keine IOC-Regeln, nach der kriegführenden Staaten Olympische Spiele zu entziehen wären.
Dagegen müßte das IOC die USA feuern, von denen es zuallerletzt Schwierigkeiten erwartet hatte, als es 1976 seine Regel verschärfte: Nun S.204 droht jedem NOK Ausschluß, wenn es politischem Druck nachgibt und Olympia "aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen" boykottiert.
Doch nachdem die Afrikaner das Olympia in Montreal straflos verlassen durften, kann das IOC ernsthafte Sanktionen nicht mehr durchsetzen, schon gar nicht gegen die USA.
Aber nur eine wenigstens zeitweilige Disqualifikation Amerikas vermag das Anschluß-Olympia 1984 zu retten: Dann böte sich die Chance, die folgenden Spiele von Los Angeles in eine Stadt zu verlegen, die von den Kommunisten nicht der Revanche wegen boykottiert würde.
Außer "Sanktionen gegen die USA nach den IOC-Statuten" (Olympia-Funktionär Witalij Smirnow) erwarten die Moskauer Vertragspartner vom IOC, daß es Einzelstarter zuläßt, damit Athleten auch gegen die Entscheidung ihrer Regierung und ihres NOK in Moskau starten dürfen. Das Recht zu individueller Teilnahme entspräche sogar den IOC-Regeln, die beim Olympia einzelne Athleten statt Nationalmannschaften gegeneinander im Kampf wähnen.
In dieser Woche berät die IOC-Exekutive über das Startrecht von Einzelkämpfern. Aber der Olympia-Klub neigt eher zum bisherigen Nein. Er befürchtet, andernfalls könne sich jedermann zu Olympischen Spielen melden und die Teilnahme vom Veranstalter manipuliert werden.
Außerdem erwägt das IOC, ob es das nationalistische Brimborium mit Fahnen und Hymnen fallenlassen soll, wie es der internationale Ruder-Verband schon getan hat. Aber eine Entnationalisierung ist gegen Ostblock und Dritte Welt nicht durchzusetzen. Überdies kommt die Rettungsaktion des IOC zu spät.
Der sowjetische Sportchef Sergej Pawlow hat schon angekündigt, US-Sportler dürften auch privat in Moskau starten. Smirnow versprach, diese Fälle "zu prüfen".
"Wir lieben die olympische Bewegung", sagte Sowjet-Funktionär Smirnow kürzlich in München, "aber wenn es sein muß, würden wir auch Schluß mit ihr machen." Ließe das IOC keine Einzelstarter zu und verweigerte es Sanktionen gegen die USA und damit Amerikas Olympiastadt Los Angeles, entspräche das aus Moskauer Sicht einer Unterstützung der Boykott-Urheber.
Es liegt für die Olympia-Organisatoren nahe, daraus einen Vertragsbruch zu konstruieren, dann ohne Rücksicht auf das IOC genehme Sportler einzuladen und das ausgedünnte Feld der Mannschaften für die Eröffnungsfeier nach Gutdünken aufzufüllen. Das IOC wäre am Ende und die Spaltung im Weltsport eingeleitet.
Wenig hinderte die kommunistischen Länder dann, zu verwirklichen, was sie seit 25 Jahren anstreben -- ihre "Uno des Sports".
Im bestehenden IOC sind bei weitem nicht alle Länder vertreten; es ist die einzige weltumspannende Organisation, in der die westlichen Länder noch eine Mehrheit haben. In einem neuen IOC nach Sowjet-Muster hätten alle Mitgliedsländer Sitz und Stimme. Ostblock und Dritte Welt verfügten in aller Regel über sichere Mehrheiten und bestimmten, wer mitspielen darf (etwa Palästinenser, Polisario, West-Berlin als dritte deutsche Mannschaft) und S.206 wer nicht: Südafrika, Israel, Ägypten, Südkorea, Chile.
In vielen Weltsport-Organisationen besitzen Ostblock-Funktionäre schon entscheidenden Einfluß. So steht zu erwarten, daß kommunistische Sportler fernbleiben und Weltmeisterschaften ihren Reiz verlieren, etwa die Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf (1981 in Hartford/USA) und im Schwimmen (1982 in Santa Clara/USA), es sei denn, die Austragungsorte würden gewechselt.
Vielen Interessenten im Westen käme das Ende des IOC und die Spaltung des Weltsports gerade recht. Dann hinderte nichts mehr die völlige Kommerzialisierung des olympischen Amateursports. Das wachsende Bedürfnis nach spannender Sport-Unterhaltung ließe sich ungekemmt vermarkten.
Große TV-Konzerne bestimmten, wie jetzt schon in den USA, welche Sportarten gefördert, welche fallengelassen würden. Die Sportler wären, wie im Profitennis oder Automobilsport, zuerst für die Werbung und für finanzstarke Veranstalter da.
"Ein Boykott würde die internationalen Sportbeziehungen", ahnte der Ehrenpräsident der bundesdeutschen Amateurboxer, Günter van Bel, "erheblich treffen." Für die Box-WM 1982, auf die München zählte, "haben wir mit unserer Bewerbung keine Chance mehr", vermutete Sportwart Heinz Birkle.
An der Handball-WM 1982, falls sie wie vorgesehen in Westdeutschland stattfände, dürfte die bundesdeutsche Weltmeister-Equipe nicht teilnehmen. Denn das Moskauer Olympia-Turnier gilt zugleich als WM-Qualifikation.
Den Sportfunktionären, die den Athleten mit einer Boykott-Entscheidung in den Rücken fallen, drohen Aufstand und Abwahl. Die meisten Olympia-Kandidaten fühlen sich "als Marionetten", wie Leichtathletik-Mannschaftssprecher Günter Lohre klagte, "die man beliebig herumschieben kann". "Mehr Schaden" erwartet die Ruder-Nationalmannschaft in einer öffentlichen Stellungnahme vom Boykott, "als er politischen Nutzen bringt".
"Keine andere Wahl" sah dagegen der ehemalige Reiter-Olympiasieger Alwin Schockemöhle, "als mit den Amerikanern mitzuziehen". Doch die meisten aktiven Athleten meuterten wie Sprint-Olympiasiegerin Annegret Richter, Turnweltmeister Eberhard Gienger und Hammerwurf-Weltrekordler Karl-Hans Riehm gegen einen erzwungenen Olympia-Verzicht. Die Schwimmer wollen auf jeden Fall nach Moskau, und sei es als Touristen.
Schwerwiegender sind die politischen Folgen, die sich für die Bundesrepublik andeuten. "Das sowjetische Volk wird natürlich an die Olympischen Spiele zurückdenken", warnte der sowjetische Bonn-Botschafter Wladimir Semjonow in Essen, "und an alle Umstände, die sie begleiten."
Um die gesamtdeutschen Sportbeziehungen fürchtete schon Bundeskanzler Schmidt. Ost-Berlin drohte bereits "negative Folgen" an. Zudem steht zu vermuten, daß der Ostblock, wie gehabt, die West-Berliner Sportler abermals isoliert.
Bei allem Ungemach, das den Spielen in Moskau droht, dürfen die Gastgeber eine schon abgeschriebene Mannschaft nun doch erwarten: Nachdem die USA ihren Olympia-Boykott verkündet haben, will der Iran seine frühere Absage noch einmal überdenken.
S.204 Vorigen Mittwoch in Bonn. *

DER SPIEGEL 17/1980
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