21.04.1980

NACHRUFJEAN-PAUL SARTRE †

Der Mensch ist frei", "zur Freiheit verdammt", verurteilt, in einer absurden Welt ohne Gott, sich selbst zu wählen, seine eigene Existenz zu entwerfen, sich nach eigenem Gesetz in heroischer Einsamkeit zu verwirklichen -- so verkündete Jean-Paul Sartre vor drei Jahrzehnten.
Er war der Philosoph der Davongekommenen, der mächtigste Mandarin von Paris, in den Keller-Bars von Saint-Germain-des-Pres huldigten ihm die Studenten: Der Zeitgeist, der sie um 1945 durchdrang, kam aus Sartres Kopf, ihr Lebensgefühl nährte sich aus seinen Werken -- aus dem Vorkriegsroman "Der Ekel" und der (von Husserl und Heidegger inspirierten) 800-Seiten-Ontologie "Das Sein und das Nichts", aus dem Resistance-Stück "Die Fliegen" und dem Höllen-Drama "Bei geschlossenen Türen", aus Analysen über Baudelaire und "Saint Genet" und dem Sartre-Film "Das Spiel ist aus".
Längst vergangene Zeiten. Als der alte Sartre im Mai 1968 zu den Pariser Studenten auf die Barrikaden stieg, war sein Ruhm noch gewachsen, doch sein Einfluß dahin. Die Jungen hatten andere Lehrmeister gefunden, sie riefen ihm zu: "Geh nach Hause, Großpapa]"
Er erkannte es wohl: "Ich habe", so schrieb er in den "Wörtern", der Autobiographie seiner Kindheit, "meine Feder lange Zeit für einen Degen gehalten; heute weiß ich über unsere Ohnmacht Bescheid."
Trotzdem hat Sartre die beschwerlichen, fragwürdigen "Wege der Freiheit" weiter beschritten. Er ging sie, über Irrtümer stolpernd, oft in die Irre laufend, bis ins Alter hinein, folgte ihnen auch dann, als fast jeder in ihm nur noch den redlichen Ritter von der Traurigen Gestalt verehrte, der in die politische Welt gezogen war, um die Literatur zu suchen -- die französische, versteht sich, und die des großen bürgerlichen Jahrhunderts, in dem die Person des Romanhelden selbst im Scheitern noch so unversehrbar schien.
Dabei war auch ihm bald schon klargeworden, wie schlecht es in Wirklichkeit um die von ihm proklamierte Autonomie des einzelnen stand, wie hoffnungslos das Individuum im Räderwerk der Gesellschaft hing -- und wie wenig aussichtsreich die Mühsal sein mußte, Existentialismus und Marxismus zu versöhnen.
Er hat, etwa in seiner unvollendeten "Kritik der dialektischen Vernunft", verzweifelt nach dieser phantastischen Einheit geforscht; er glaubte sie in der "Terror-Freiheit" der souveränen "Gruppe" gefunden zu haben. Sartre übertrug den Existentialismus des einsamen Kämpfers sozialanarchisch -- ohne Volkssouveränität, ohne Diktatur des Proletariats -- auf die ebenso einsame Gruppe, er machte gänzlich unmarxistisch aus ihrer Freiheit als "gelingender Sozialität" die "absolute Macht des Menschen über den Menschen".
Ebenso erhoffte er dann im monumentalen Biographie-Fragment vom "Familien-Idioten" Gustave Flaubert aus "existentialistischer Psychoanalyse" und Historischem Materialismus eine neue Anthropologie zu begründen.
Doch der Widerspruch war nicht aufzuheben, das Dilemma blieb: Sartres eigene Existenz hat es drastisch bezeugt. Denn wenn dieser Bürgersohn auch für den Kommunismus Partei ergriff, dann stets als störrischer Einzelkämpfer, der jederzeit widerrufen konnte -schließlich war ja sein Verhältnis mit der KP sowenig verbrieft wie seine lebenslängliche Liaison mit Simone de Beauvoir, der "Großen Sartreuse". Auch aus dem späteren "Marxianer" Sartre, so schien es, sprach noch immer der junge Orest der "Fliegen": "Ich bin dazu verurteilt, kein anderes Gesetz zu haben als mein eigenes."
So polemisierte er erst für, dann wider die Sowjet-Union, erst für, dann gegen Castros Kuba. So pries er die chinesische Kulturrevolution und verfluchte zugleich Maos "rotes Büchlein", das "den Kopf mit Steinen beschwert". Die KPF war für ihn die "größte konservative Partei Frankreichs". Kein Wunder, daß die "Literaturnaja gaseta" in ihm den "typischen bürgerlichen Intellektuellen" witterte.
Beirren konnte ihn auch das nicht. Obwohl er wußte, daß er "nicht für die Politik geschaffen war", hat er unaufhörlich die politische, die sozialistische Aktion gesucht. Obgleich er die "unwiderruflichste aller bürgerlichen Einsamkeiten: die Einsamkeit eines Schöpfers" gewählt hatte, zog es ihn immer wieder in den Klassenkampf.
Er klagte gegen den Algerien-Krieg der Franzosen, hielt Gericht über die Amerikaner in Vietnam und ging auf die Straße, um gemeinsam mit seiner treuen Simone die verbotenen Zeitungen der "proletarischen Linken" zu verteilen, um vom Benzinfaß herab Arbeiter aufzuwiegeln und so vielleicht doch noch vom verabscheuten Staat der Fünften Republik den ersehnten Prozeß gegen sich zu erzwingen -vergebens, das Wort de Gaulles behielt auch zu Pompidous Zeiten Gültigkeit: "Man verhaftet Voltaire nicht."
Daß das Warten auf neue Barrikaden illusorisch, daß "die Hoffnung auf eine baldige und vollständige Befreiung utopisch" war, hat er kaum bezweifelt. Dennoch machte er sich "nach allen Enttäuschungen etwas vor, um einmal noch, trotz des Alters, das mich zu zerstören beginnt, die junge Trunkenheit des Alpinisten zu verspüren".
Im Ernstfall, so hat der einsame Agitator und Partisan einmal gedroht, würde er, wenn auch ungern, sogar Bürgerköpfe rollen lassen, sobald ein Revolutionstribunal es verlange. Aber Francois Mauriac kannte seinen "unheilbar sanftmütigen" Kollegen besser. Sartre, sagte er, würde "noch jede Bombe entschärfen, bevor er sie wirft".
Jean-Paul Sartre, der kleine, scheue, schielende Mann, der großherzige Humanist, der die Bürger haßte und die Menschen liebte, der aus Rechtschaffenheit und um seiner Freiheit willen den Nobelpreis zurückgewiesen hatte, starb letzten Dienstag 74jährig in Paris.
In "Das Sein und das Nichts" hat er 1943 geschrieben: "Die Geschichte eines beliebigen Lebens ist die Geschichte eines Scheiterns."

DER SPIEGEL 17/1980
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JEAN-PAUL SARTRE †

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