21.04.1980

BÜCHERTurbulenzen im Topf

Der Atomwissenschaftler und Forschungsmanager Heinz Maier-Leibnitz hat ein Kochbuch geschrieben: Er kocht nach der Stoppuhr und mit physikalischen Tricks.
Seine erste Gemüsesuppe versalzte er vor fünfzig Jahren. Seither lernte er unermüdlich -- aus Büchern und in Restaurants, "durch die Hilfe von Freunden und die schweigende Kritik feindseliger Besucher".
Hauptberuflich entwickelte der Eßlinger Professorensohn eine "Spektroskopie der Atomkerne", ließ das Garchinger Atom-Ei bauen, leitete einen deutsch-französischen Versuchsreaktor und engagierte sich forschungspolitisch.
Im Umgang mit der Kernphysik wurde Heinz Maier-Leibnitz, 69, immer wieder nobelpreisverdächtig. Weitaus größere Popularität jedoch als alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen versprechen dem Physiker nun, nach seiner Emeritierung, die Erfahrungen mit dem Kochlöffel: In einem "Kochbuch für Füchse", das Ende dieses Monats erscheint, verrät Maier-Leibnitz, wie Gourmets in wenig Zeit anspruchsvolle Gäste glücklich machen können.
( Heinz Maier-Leibnitz: "Kochbuch für ) ( Füchse". Piper Verlag, München; ca. 224 ) ( Seiten; ca. 49 Mark. )
Um wie Maier-Leibnitz Enkel und Freunde, Abgeordnete und Minister ohne sichtbare Mühe allein zu bewirten, dabei "den großen Köchen nachzustreben und keine Surrogate zu dulden", bedarf es ausgeklügelter Methode: Technische Kniffe, ein genauer Zeitplan und der Küchenwecker in der Jackentasche sind für den brutzelnden Naturwissenschaftler die wichtigsten Hilfen. Auch vom Gefrierschrank und gelegentlich von Mikrowellen macht er Gebrauch.
Mit diesem Rüstzeug bereitet Maier-Leibnitz mundwässernde Gerichte, vom vollständigen "Menü für furchterregende Gäste" über Maultaschen (für den geborenen Schwaben "das Höchste") bis hin zum schlichten Frühstücks"Ei für Snobs".
Das üblicherweise servierte Frühstücksei -- butterweiches Dotter, das Eiweiß steinhart -- hatte den Experimentalphysiker herausgefordert. Nun verrät er, etwas verschämt über soviel Perfektionismus, wie Gelbes und Weißes gleichermaßen zart auf den Tisch kommen können: "Vier Tassen Wasser aufkochen, vom Feuer auf eine zweite Platte stellen, die so eingestellt ist, daß sie die Temperatur im Topf gerade hält (das muß man natürlich probieren), und das Ei in einer mit kaltem Wasser gefüllten Tasse zugeben. Für jedes weitere S.227 Ei wird das kalte Wasser um 30 Milliliter verringert."
Auch Tricks für die rechte Dampf-Dosierung und schonendes Schmoren ("Keine Turbulenzen]") oder Millimeter-Maße von Kartoffelscheiben verraten den Beruf des Hobbykochs.
Tyrannisch wird er dabei nie. Denn der eher bescheidene Liberale hält nichts von "extremen Maßnahmen", etwa vom gänzlich mehl- und fettfreien Kochen oder den ewigen Pürees der Nouvelle Cuisine ("für Zahnlose").
So ist durchaus erlaubt, für die Maultaschen auch fertigen, käuflichen Nudelteig zu nehmen. Nicht aber, den Zeitplan für die Menü-Herstellung zu mißachten. Durch ihn wird die "Große Küche -- schnell und gastlich" (so der Buch-Untertitel) erst möglich.
Um etwa nach stundenlanger Sitzung dem Präsidium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die schwäbische Traditionsspeise mit Salaten und Nachtisch servieren zu können, entschwand der kochende Vorsitzende Punkt zwölf Uhr an den Herd. Dort lief alles auf die Minuten genau ab:
12.00 Wasser für Kartoffeln kochen
12.02 Chicoreesalat anmachen
12.04 Tomaten schneiden
12.10 Maultaschen in Brühe
12.15 gebackene Äpfel vorbereiten
12.20 gekochte Kartoffeln schneiden
12.20 Äpfel in den Ofen
12.28 Tomatensalat anmachen
12.29 grünen Salat anmachen
Um 12.30 Uhr konnte das Präsidium zum Löffel greifen.
Amateurköche, die wie Forschungsmanager Maier-Leibnitz "mit ihrer Zeit sehr, sehr haushalten müssen", können nach solchen Strategien schließlich auch eine Runde "furchterregender S.229 Gäste" freundlich stimmen. Dazu gehörte am Tisch des Physikers beispielsweise der Präsident der amerikanischen Atomkommission, Glenn T. Seaborg.
Seaborg ist, so sein Gastgeber, ein "Nobelpreisträger mit mehr Würde, als ein Mensch normalerweise aushält". Begleitet von Gattin, Assistenten und Leibwächter, zeigte er sich zunächst lustlos. Bei Grießnockerlsuppe, Perlhuhn mit Zwiebeln und Gratin dauphinois "blühte der Besucher auf", nahm von Suppe und Huhn gar dreimal.
Nach sechsjähriger DFG-Amtszeit 1979 aus der Wissenschaftsorganisation ausgeschieden, wird der Professor künftig seltener als früher Minister, Präsidenten und Großindustrielle bewirten.
Nutznießerin seiner Künste ist seit einem Vierteljahr vor allem seine zweite Ehefrau, die Allensbacher Meinungsforscherin Elisabeth Maier-Leibnitz-Noelle-Neumann.
S.226 Heinz Maier-Leibnitz: "Kochbuch für Füchse". Piper Verlag, München; ca. 224 Seiten; ca. 49 Mark. *

DER SPIEGEL 17/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BÜCHER:
Turbulenzen im Topf

  • Urteil in London: Lebenslang für U-Bahn-Schubser
  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld