21.04.1980

THEATERRosa Winkel

Ein Broadway-Stück über Homosexuelle in Hitlers KZs wird jetzt in Deutschland gespielt: „Bent“ von Martin Sherman.
Sie können zusammen nicht kommen, und so nehmen sie sich beim Wort: "Fühlst du meinen Mund?" "Fühlst du meinen Schwanz?" "Jetzt] Oh] Oh mein Gott]"
Zwei Männer in Sträflingsanzügen stehen auf der Bühne, stramm. Der Schauplatz ist das Konzentrationslager Dachau. Nach dem Orgasmus sagen sie: "Wir waren wieder Menschen. Wir haben uns geliebt. Sie können uns nicht umbringen."
An die 300 000 Homosexuelle (Schätzung) sind in deutschen KZs umgekommen; ein amerikanischer Dramatiker hat ihr Schicksal nun ans Rampenlicht gebracht. "Bent" (Doppelsinn: gekrümmt, zugeneigt) heißt Martin Sherman, 39, sein Holocaust-Stück.
Am vergangenen Wochenende hatte "Bent -- Rosa Winkel" am Nationaltheater Mannheim deutsche Premiere (Regie: Jürgen Bosse); der Uraufführung im Londoner Royal Court Theatre, im Mai letzten Jahres, und der Broadway-Aufführung waren Kritiker mit Erschütterung gefolgt: "Ein wichtiges, starkes, pathetisches Stück, das uns alle angeht."
Die Fakten sind erschütternd, keine Frage; die Dramatisierung freilich ist der Wirklichkeit nicht gewachsen, wie könnte sie auch. Sherman behilft sich mit Schockfilm-Effekten, Kino-Klischees, Melodramatik und lakonischen Stummel-Dialogen.
Sein Held, Max, ist ein Berliner Homosexueller, der Kokain schnieft und damit handelt, es gern mit Sado-Maso-Lederkerlen treibt und mit einem Tänzer zusammenlebt, der in einer Schwulen-Bar auftritt; Berlin wie im Film "Cabaret".
Max und sein Freund kommen in die Bredouille, als eines Tages im Jahre 1934 die Gestapo ihre Wohnung stürmt und den Lederkerl der letzten Nacht massakriert: Er war ein SA-Häuptling, und Hitler hatte gerade die Liquidierung von Röhm & Co. verfügt.
Die Freunde fliehen, werden aber bald darauf verhaftet; im Transportzug nach Dachau bricht der Horror los: Um selbst zu überleben, prügelt Max, auf Befehl einer SS-Charge, seinen Freund zu Tode.
"Schwule", erfährt Max, sind im KZ "das Niedrigste". Um dem "Rosa Winkel", Homo-Kennzeichnung, zu entgehen, koitiert Max unter SS-Augen mit einer toten Dreizehnjährigen und ergattert sich so ein anderes Abzeichen, den Judenstern.
Dachaus Todesmühle durchleidet Max mit einem neuen Freund. Während sie sinnlos Steine von einem Haufen zum anderen schleppen, reden sie von ihrer unerfüllbaren Liebe. Als der Freund von einem KZ-Schergen erschossen wird, schlägt für den opportunistischen Max die Stunde der Wahrheit: Er zieht sich die Jacke des Toten an, mit dem Rosa Winkel, und stürzt sich in den Elektro-Zaun.
"Bent" ist für den Autor Sherman der erste Broadway-Erfolg. Mit flotten Szenchen aus dem Homo-Milieu hatte er es vorher an Off-Off-Bühnen zu Ansehen gebracht. Für das KZ-Stück, sagt er, las er eine "Unmenge Bücher", darunter die des jüdischen Kinderpsychologen Bruno Bettelheim.
Bettelheim, ein Wiener, hatte kurz vor dem Krieg ein Jahr in den KZs Dachau und Buchenwald verbringen müssen und aus seinen Erfahrungen eine "Psychologie der Extremsituation" entwickelt: Bis in Formulierungen hinein übernahm Sherman Erkenntnisse und Erlebnisse Bettelheims.
Der historische Holocaust ist für Sherman ("Ich bin homosexuell, und ich bin Jude") freilich auch eine Metapher -- für die "Unterdrückung, der sich Homosexuelle noch heute ausgesetzt sehen". KZ als Abbild der Welt?
Mit solchem Anspruch erweckt das Passionsspiel Unbehagen. In einer Analyse des Lina-Wertmüller-Films "Seven Beauties", in dem gleichfalls KZ gleich Welt gesetzt wird, kam Bettelheim zu einer scharfen Verurteilung.
So schlecht es auch um diese Welt bestellt sei, schreibt Bettelheim -- "die Erfahrung hat uns gelehrt, daß der Unterschied zwischen dieser Welt und der Welt der Konzentrationslager genauso gewaltig ist wie der zwischen Tag und Nacht, zwischen Hölle und Erlösung, zwischen Tod und Leben".
S.229 Mit Heinz Schubert, Peter Rühring. *

DER SPIEGEL 17/1980
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