21.04.1980

FORSCHUNGMacht der Gene

Vererbung oder Umwelt? US-Forscher brachten Zwillingspaare, die jahrzehntelang getrennt lebten, zusammen. Es zeigten sich verblüffende Gemeinsamkeiten.
Als sie sich nach 39 Jahren wiedersahen, gaben Jim Lewis und Jim Springer einander kühl die Hand. Doch wenige Augenblicke später fielen sich die beiden Männer in die Arme.
"In seinen Augen sah ich ein Spiegelbild meiner selbst", erinnerte sich Springer. "Ich wollte schreien oder weinen, aber dann konnte ich doch nur einfach loslachen."
Was dann im Gespräch ein Jim über den anderen erfuhr -- sie waren als eineiige Zwillinge geboren, aber völlig getrennt voneinander in verschiedenen Familien aufgezogen worden --, schien den wiedervereinten Brüdern "unheimlich, ja geradezu gespenstisch":
* Beide hatten in erster Ehe eine Linda geheiratet, beide waren geschieden, und bei beiden hieß die neue Partnerin Betty.
* Jim Springer taufte seinen ersten Sohn James Allan, Jim Lewis nannte seinen Ältesten James Alan.
* Beide haben fast identische Trink- und Rauchgewohnheiten, beide S.231 kauen Fingernägel und besaßen als Kind einen Hund namens Toy.
* In der Schule mochten beide am liebsten Rechnen und haßten Rechtschreibung; beide liebten technisches Zeichnen.
* Beide erhielten schließlich eine Polizeiausbildung und gaben Tischlern als Hobby an.
Von solchen Übereinstimmungen im Leben der fast vier Jahrzehnte getrennten Brüder zeigten sich selbst die Wissenschaftler überrascht, die sich seit langem mit Zwillingsforschung befassen und denen das wiedervereinte Paar nun als Studienobjekt dient.
Insgesamt 40 solcher getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge testen und analysieren Forscher der Universität von Minnesota in Minneapolis in der bislang umfangreichsten Untersuchung zu diesem Thema. Von Testpersonen wie Jim Lewis und Jim Springer erhoffen sich Genetiker, Psychologen und Mediziner neue Erkenntnisse über die Bedeutung von Vererbung und Umwelt als Einflußfaktoren im Leben eines Menschen.
Den Anstoß zu der Studie gab die aufsehenerregende Geschichte der Zwillingsbrüder Jim: Psychologe Thomas J. Bouchard, jetzt Chef des Zwillingsforscherteams, erfuhr, daß ein fünf Wochen nach der Geburt getrenntes, von zwei verschiedenen Familien adoptiertes Zwillingspaar sich im Erwachsenenalter wiedergefunden hatte (SPIEGEL 11/1979). Gemeinsam mit vier anderen Wissenschaftlern gelang es Bouchard, noch eine Reihe gleichartiger Fälle aufzuspüren.
Das war ein Glücksfall -- angesichts der Seltenheit von eineiigen Zwillingen: Auf jeweils 250 Geburten kommt ein Zwillingspaar mit identischer Erbmasse -- und in den seltensten Fällen werden solche Zwillingspaare getrennt voneinander aufgezogen.
Im März letzten Jahres begannen an der Universität von Minnesota die ersten Tests. Sechs Tage lang wechselten medizinische Untersuchungen -- von der Lungenfunktionsprüfung bis zur Gehirnstrommessung -- mit Erkundungen der Persönlichkeit. In über 15 000 Fragen wurden Kindheit und Familie, Ängste und Interessen, Gewohnheiten und Fähigkeiten der Testpaare ausgeforscht.
Die riesigen Datensammlungen von zunächst nur vier Paaren sind noch nicht analysiert, Schlußfolgerungen daher noch nicht möglich. Aber schon jetzt, so Bouchard, läßt sich ein vorläufiges Fazit ziehen: Trotz jahrzehntelanger Trennung der Geschwister sind verblüffende Gemeinsamkeiten wesentlich häufiger, als man für möglich gehalten hätte.
Kuriose Übereinstimmungen fielen den Forschern schon bei der Ankunft der Zwillinge zum Test in Minneapolis auf. Bridget und Dorothy, 39jährige Hausfrauen aus England, während des Zweiten Weltkriegs getrennt, trugen fast identischen Schmuck, fast gleichartig verteilt: an beiden Händen sieben Ringe, zwei Armbänder an einem, die Uhr und ein Armband am anderen Gelenk.
Das Zwillingspaar Oskar Stöhr und Jack Yufe, 47 -- der eine wurde in Deutschland als Katholik und Hitlerjunge, der andere als Jude in der Karibik und einem israelischen Kibbuz aufgezogen --, steckten bei der Ankunft auf dem Flughafen in blauen Sporthemden mit Schulterklappen und Brusttaschen, hatten den gleichen Schnurrbart und blickten beide durch Brillen mit Metallgestell.
Bei Bridget und Dorothy überraschten auch wieder die Ähnlichkeiten von Namen: Sie tauften ihre Söhne Richard Andrew beziehungsweise Andrew Richard, die Töchter Catherine Louise und Karen Louise.
Gewichtigere Hinweise auf die Macht der Gene als solche Namensgleichheit scheinen jedoch die biographischen und medizinischen Parallelen der Zwillinge zu geben.
Jim Springer und Jim Lewis beispielsweise, beide im US-Bundesstaat Ohio von Arbeiterfamilien adoptiert, zeigten nicht nur in der Schule die gleichen Schwächen und Stärken, arbeiteten nicht nur -- 120 Kilometer voneinander entfernt -- im gleichen Job, als Hilfspolizisten; sie verbrachten auch die Ferien, ohne voneinander zu wissen, am gleichen Strand: bei Saint Petersburg in Florida.
Bei beiden Jim-Twins fanden die Mediziner den gleichen Blutdruck und Puls, identische Schlafmuster und eine unerklärliche Gewichtszunahme von zehn Pfund im gleichen Lebensalter. Seit dem 18. Lebensjahr leiden die Brüder an Nachmittags-Kopfschmerz, dessen Häufigkeit und Symptome übereinstimmen.
Sind Lewis und Springer die am längsten getrennt lebenden Zwillinge, so wurden Stöhr und Yufe in der unterschiedlichsten Umgebung groß. Die in Trinidad geborenen Jungen -- Vater Jude, Mutter aus Deutschland -- wurden im Alter von sechs Monaten auseinandergerissen. Bei Stöhr und Yufe differieren die äußeren Lebensumstände mittlerweile stark: Der eine ist verheiratet, Ingenieur in einem Industriebetrieb und überzeugter Gewerkschafter; sein Bruder ist geschieden, hat ein Textilgeschäft in San Diego und bezeichnet S.233 sich als "besessen von der Arbeit".
Gegensätzliche Umwelt und Erziehung verhinderten jedoch nicht, daß Oskar und Jack sich in ihrem Verhalten zum Teil verblüffend ähneln: Beide lieben kräftig gewürztes Essen und süße Liköre, lesen Illustrierte von hinten nach vorn, tunken gebutterten Toast in den Kaffee, sammeln Gummibänder am Handgelenk und betätigen vor der Benutzung der Toilette die Wasserspülung. "Wie sie im Stuhl sitzen, wie sie essen -- alles ist gleich", fand Bouchard, "sogar ihr Sprechtempo."
Ähnlich überraschend wie bei Oskar und Jack waren die Gemeinsamkeiten auch bei Bridget und Dorothy, den Frauen mit den sieben Ringen; sie lebten in völlig unterschiedlichen Verhältnissen, die eine in bescheidenem Milieu, die andere im Wohlstand.
In sozial vergleichbare Adoptivfamilien hingegen gerieten zwei andere britische Zwillingsschwestern, Daphne und Barbara. In Minneapolis fielen sie durch ihr ständiges Kichern und ihr gleichartiges Verhalten in Streßsituationen auf: Die Schwestern gingen Auseinandersetzungen aus dem Weg, verdrängten Konflikte -- Mechanismen, die Psychologen normalerweise als erlerntes Verhalten deuten.
Stark erblich bedingt, das deuten die bisherigen Ergebnisse an, ist bei den Zwillingspaaren vor allem der Intelligenzgrad: Die höchste Übereinstimmung zeigte sich stets bei den Intelligenztests.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, so warnen jedoch die US-Forscher, seien jegliche Verallgemeinerungen "nichts als Geschwätz". Auch nach Abschluß der Studie in fünf Jahren werde der Anteil von Erbgut und Umwelt sich nicht in Prozenten festlegen lassen.
Die festgestellten Ähnlichkeiten, so kommentierte die Wissenschaftszeitschrift "Science", seien zweifellos "faszinierend". Doch das könne auch bedeuten, daß die Forscher sich von den Parallelen "stärker haben beeindrucken lassen als von den Unterschieden".
Eines, so "Science", biete die Minnesota-Studie bestimmt, "einen fruchtbaren Boden für Spekulationen".
S.231 Unten: Die Zwillinge als (getrennt aufwachsende) Kinder. *

DER SPIEGEL 17/1980
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