25.02.1980

Nomenklatura: Moskaus Macht-Elite

Die herrschende Klasse der Sowjet-Union (III) / Von Michael Voslensky 1980 Fritz Molden Verlag GmbH, Wien/München. Der vollständige Text ist soeben unter dem Titel „Nomenklatura“ (550 Seiten; 48 Mark) erschienen.
Es ist eine weitverbreitete Ansicht, daß der Generalsekretär des ZK der KPdSU die Sowjet-Union regiert. Diese Ansicht ist falsch.
Um sich davon zu überzeugen, genügt es, über eine Frage nachzudenken: Wenn so verschiedene Leute wie Stalin, Chruschtschow und Breschnew eigenmächtig über die Politik der UdSSR bestimmen, warum bleiben alle entscheidenden Tendenzen dieser Politik immer gleich?
Weil eben nicht die Generalsekretäre das Land regieren, sondern die Nomenklatura-Klasse. Und die Politik des ZK der KPdSU ist nicht die Politik der Generalsekretäre, sondern die Politik der Nomenklatura.
Die Väter der Nomenklatura, Lenin und Stalin, bestimmten die Richtung und die Leitlinien der Politik des Nomenklatura-Staates noch ganz nach ihren Wünschen. Chruschtschow und Breschnew dagegen sind lediglich als hochgestellte Vollstrecker des Willens der Nomenklatura zu verstehen.
Der Generalsekretär des ZK ist der allerhöchste Nomenklaturist. Wer den Versuch unternimmt, die Führung der Nomenklatura-Klasse an sich zu reißen, ohne sich diesen Posten gesichert zu haben, fliegt unweigerlich aus der Führung hinaus wie Malenkow und Schelepin (siehe Kasten Seite 182).
Der Generalsekretär leitet sowohl das Politbüro als auch das Sekretariat des ZK. Sein Verhältnis zu diesen höchsten Organen der Nomenklatura entspricht jedoch keineswegs dem eines Chefs zu seinen Untergebenen.
Die Nomenklatura ist ein Milieu, in das ein einzelner nur mit starker Unterstützung eindringen kann. Deshalb versucht man das in Gruppen, deren Mitglieder einander unter die Arme greifen und andere zurückdrängen. Wer eine Nomenklatura-Karriere machen will, schmiedet sich sorgfältig eine Gruppe zusammen und benutzt jede Gelegenheit, eine für diese Gruppe nützliche Person zu gewinnen.
Der Anführer der Gruppe ist bemüht, selbst in die Gruppe eines höheren Nomenklatura-Funktionärs aufgenommen zu werden -- er wird so zu dessen Vasall. Die Zelle der herrschenden Klasse des Realsozialismus ist also eine Gruppe von Vasallen, die einem bestimmten Herrn untersteht.
Je höher dieser Nomenklatura-Herr steht, desto mehr Vasallen hat er. Er protegiert seine Vasallen, und sie unterstützen ihn, singen sein Lob und sind ihm scheinbar treu ergeben.
Scheinbar -- weil sie ihm nur bis zu einem bestimmten Augenblick dienen. Die Beziehungen zwischen einem Nomenklatura-Herrn und seinen Vasallen sehen nur von außen idyllisch aus. Der erfolgreichste Vasall wartet nämlich nur darauf, den Herrn zu stürzen und sich an seine Stelle zu setzen.
So geht es in allen Gruppen der Nomenklatura-Klasse zu; einschließlich S.181 der höchsten: im Politbüro und im Sekretariat des ZK.
Hinzu kommt: Nach dem Abgang des alten Generalsekretärs sieht sich sein Nachfolger, also der erfolgreichste seiner Vasallen, an der Spitze der Vasallengruppe des Vorgängers, und nun muß er nur noch seine eigene Gruppe auf die höchste Stufe nachziehen.
Die Spitze der Nomenklatura hat ihn formell als ihren Herrn anerkannt, indem sie zugelassen hat, daß er den Posten des Generalsekretärs besetzt. In Wirklichkeit aber sehen die Mitglieder der Führungsspitze in ihm einen Emporkömmling, der sie überholt hat. Sie betrachten ihn als Ersten unter Gleichen. Deshalb wird zu Beginn jeder Amtsperiode eines neuen Generalsekretärs das Prinzip der kollektiven Führung betont.
Der Generalsekretär selbst hat das Ziel, die uneingeschränkte Macht in seinen Händen zu konzentrieren. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, daß sein Ziel bekannt ist. Mit Gewalt verjagen kann er die widerspenstigen Mitglieder des Politbüros und des Sekretariats nicht. Da sie der höchsten Stufe der Nomenklatura-Klasse angehören, hat jeder von ihnen zahlreiche Vasallen.
Der neue Generalsekretär muß also das beste Verhältnis zu allen Mitgliedern der Nomenklatura-Spitze haben. Jeder von ihnen muß ihn auf dem Generalsekretärsposten als das geringste von allen möglichen Übeln ansehen.
Indessen muß der Generalsekretär sehr erfindungsreich eine Koalition gegen diejenigen aufbauen, die ihm besonders im Wege stehen, und schließlich ihre Beseitigung erwirken. Gleichzeitig bemüht er sich, Mitglieder seiner eigenen Gruppe in die Nomenklatura-Spitze hineinzubringen.
Die übliche Methode besteht darin, die eigenen Vasallen immer weiter avancieren zu lassen und sie auf Positionen mit Zugang zur Nomenklatura-Spitze zu plazieren. Je mehr ihm das gelingt, desto größer wird seine Stärke. Im optimalen Fall besteht dann die Spitze aus Vasallen, die der Führer selbst ausgewählt hat -- wie unter Lenin und Stalin. Wenn das erreicht ist, verstummt das Gerede von kollektiver Führung, Politbüro und Sekretariat sinken zu Gehilfen des Generalsekretärs herab.
Die Machtentfaltung des Generalsekretärs in der geheimnisvollen Abgeschiedenheit der "Direktivorgane", des Politbüros und ZK, widerspiegelt sich nach außen hin als der Aufbau seines Personenkults.
Als Maßstab des Personenkults dient der Nomenklatura der Lenin-Kult, der oft groteske Formen annimmt. Jeder Generalsekretär des ZK ist in seiner Eigenschaft als Haupt der Nomenklatura-Klasse bestrebt, den Kult seiner S.183 Person anzufachen. Im Idealfall -- der bisher nur von Stalin erreicht wurde -wird er Lenin gleichgestellt.
Der byzantinische Personenkult um den Generalsekretär kann vor der Welt jedoch nicht verbergen, daß sich auf dem Gipfel der Nomenklatura-Klasse ein Kampf abspielt -- in erster Linie um eben diesen Posten, obwohl jeder, der ihn gerade innehat, stets als unersetzlich und als gleichsam für diesen Posten geboren dargestellt wird.
Ständige Meinungsverschiedenheiten und dramatische Diskussionen, wie in einem Parlament des Westens, gibt es im ZK der KPdSU nicht. Die Machtkämpfe im Kreml werden nicht mit den Mitteln parlamentarischer Redekunst geführt, sondern durch jahrelanges Auflauern und raffinierte Intrigen.
Der Rhetorik bedient man sich erst in der letzten Etappe, wenn man dem bereits zu Fall gebrachten Gegner ein politisches Etikett anheften will. Vorher gibt es keine offene Stellungnahme gegen ihn. Im Gegenteil: Man ist bemüht, seine Wachsamkeit durch demonstrative Freundschaftlichkeit einzulullen.
Hauptziel des Machtkampfes im ZK ist der Posten des Generalsekretärs. Aber diesen Posten kann nur ein einziger erobern. Deshalb bemüht sich die Spitze, die günstigsten Ausgangspositionen zu beziehen. Die meisten Chancen, zum Generalsekretär gewählt zu werden, hat nicht etwa, wer als besonders stark oder tüchtig gilt, sondern das Mitglied des Politbüros, das nicht sonderlich gescheit und eher harmlos erscheint.
Diesen Eindruck erweckte Stalin Anfang der zwanziger Jahre, verglichen mit den anderen Mitgliedern des Leninschen Politbüros, ebenso Chruschtschow nach dem Tode Stalins; nach Chruschtschows Sturz wurde Breschnew als schwacher Provinzler eingestuft, während Schelepin als der starke Mann galt.
Bekanntlich waren die Feudalfürsten immer bestrebt, einen möglichst schwachen Kandidaten auf den Königsthron zu setzen. Die Fürsten der Nomenklatura-Klasse wählen nach dem gleichen Prinzip den Generalsekretär des ZK.
Aus diesem Grund darf ein Politbüromitglied, das unbedingt Generalsekretär werden will, nicht mit seinen Fähigkeiten und seiner Dynamik glänzen, sondern sollte beschränkt und flügellahm erscheinen, bescheiden und in Arbeit vergraben wie Stalin den dummen Hans spielen oder den durchschnittlichen Parteifunktionär wie Chruschtschow oder Breschnew.
Für einen führenden sowjetischen Politiker ist nicht nur Profilierung, sondern S.185 auch ein jugendliches Alter hinderlich. Die Mitglieder des Politbüros sind alte Männer.
Die Nomenklatura-Spitze hält zäh an ihrer Macht und an ihren Privilegien fest und verstößt alle, die in Zukunft eine politische Rolle spielen könnten: Funktionäre mit einem eigenständigen politischen Profil und solche, die bereits in relativ jungen Jahren an die Spitze der Nomenklatura-Herrschaft geklettert sind.
Obwohl sie alle, mit Ausnahme des Generalsekretärs, gleich farblos aussehen, besitzen die Mitglieder des Politbüros und des Sekretariats des ZK in Wirklichkeit bedeutende politische Fähigkeiten.
Einem noch von Lenin eingeführten Brauch folgend, tritt das Politbüro einmal wöchentlich zu einer Sitzung zusammen, und zwar am Donnerstag. Der Tag wurde mit Bedacht gewählt. Am Freitag werden die Sitzungsprotokolle mit den numerierten Beschlüssen gedruckt, und für die jeweiligen Behörden werden die einschlägigen Beschlüsse kopiert; am Montagmorgen gelangen sie in die Hände der Amtsleiter, die dann sogleich an ihre Durchführung gehen können.
Alle Mitglieder des Politbüros sind gleichgestellt, mit Ausnahme des Generalsekretärs, der als Leiter des Politbüros gilt. Im Sekretariat des ZK dagegen herrscht unverhohlene Hierarchie.
Jeder Sekretär des ZK der KPdSU hat ein eigenes kleines Sekretariat. Die höheren Sekretäre verfügen über zwei Mitarbeiter und zwei Sekretäre, die niederen über einen Mitarbeiter und zwei Sekretäre.
Die Sekretäre der Sekretäre des ZK arbeiten jeden zweiten Tag vom Morgen bis spät in die Nacht hinein, um das Tagespensum zu bewältigen. Sowohl die Mitarbeiter als auch die Sekretäre der ZK-Sekretäre gehören zur Nomenklatura des Sekretariats des ZK der KPdSU, mit Kremlration und Regierungstelephon.
Wenn man im Gebäude des ZK in Moskau über den rosa-grünen Läufer auf dem Parkett des Korridors geht, ist lange keine Tür in Sicht. Das bedeutet, daß sich hinter der Wand das Büro eines Mitglieds der ZK-Spitze befindet. Endlich eine mit dunklem Kunstleder beschlagene Tür, daran unter Glas ein weißes Schildchen mit den Initialen des Vornamens und dem Familiennamen. Es ist der Name eines der höchsten Führer der Sowjet-Union.
Ein geräumiges, helles Vorzimmer. Hinter einer Barriere, an einem Schreibtisch aus hellem Holz sitzt der Sekretär des Sekretärs, ein junger Mann; links von ihm steht ein kleiner Tisch mit einer ganzen Batterie von Telephonen. Das Vorzimmer hat zwei Türen; die eine führt in das nicht sehr große S.188 Arbeitszimmer des Mitarbeiters, die andere in das große des ZK-Sekretärs.
Auch in diesem Heiligtum bekommt man keinerlei Luxus zu Gesicht. Wie alles im Gebäude des ZK blitzt der Raum vor Sauberkeit. Er ist trocken und sachlich und enthält nichts Persönliches. Kein Photo der Frau oder der Kinder.
An der Wand hängt ein Lenin-Bild. Ein großer, aber einfacher Schreibtisch mit einer Standardlampe, zur Linken ein kleiner Tisch mit den Telephonen. Ein langer Konferenztisch, ein Stahlschrank. Am Ende des Raumes eine Tür, die in ein kleines Ruhezimmer führt. Darin ein Bett, ein Kühlschrank, ein Tischchen, eine Lampe, ein Lehnsessel. Dahinter die Toilette und eine Dusche.
Diese Anonymität unterstreicht: Hier herrscht nicht er persönlich, der mächtige Sekretär des ZK, hier herrscht durch ihn die anonyme Klasse der Nomenklatura.
Die Sowjet-Union ist ein Bundesstaat und besteht aus Unionsrepubliken. Der Machtapparat in den einzelnen Republiken ist eine Kopie der Spitze der Nomenklatura-Klasse im Zentrum.
Mit einem Unterschied: Die Zweiteilung in Politbüro und Sekretariat fehlt. Statt dessen gibt es ein Büro des ZK der KP, das alle seine Sekretäre sowie den Vorsitzenden des Ministerrats, den Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjet der Republik und noch einige der wichtigsten Würdenträger der Nomenklatura im Republikmaßstab umfaßt.
Das Direktivorgan in den Republiken ist das Büro des ZK. Es tritt einmal wöchentlich zusammen, faßt Beschlüsse, ernennt Nomenklaturisten, entscheidet über das Schicksal von Menschen. Die Sekretäre des ZK und ihr Apparat erteilen ebenfalls Anweisungen, auch sie haben eine Leibwache, riesige Wohnungen, Staatsdatschas, ZK-Pensionen.
Die Herren der Republiken bekommen jedoch täglich den Arm ihrer Moskauer Herren zu spüren -- bald hilfreich, bald strafend und stets lenkend.
Theoretisch sind diese Republiken souveräne Nationalstaaten, die sich freiwillig zu einer Union zusammengeschlossen haben und das Recht haben, aus diesem Verband auszutreten. Doch dieses in den sowjetischen Verfassungen immer wieder festgehaltene Recht ist eine Fiktion. Es gibt keinerlei gesetzliche Grundlagen für die Prozedur eines solchen Austrittes; mehr noch: Jedes Wort für eine Erweiterung der Selbständigkeit einer Republik im Rahmen der UdSSR -- vom Austritt ganz zu schweigen -- gilt als Propaganda eines "bürgerlichen Nationalismus" und ist strafbar.
In jeder Republik herrschen politisch uneingeschränkt Russen: die vom ZK der KPdSU hierher geschickten Nomenklaturisten. Diese Russen besetzen die Schlüsselpositionen in der Republik.
Es gilt als ungeschriebenes Gesetz, daß der Zweite Sekretär des ZK einer nationalen KP ein Russe ist, und zwar einer aus Moskau. Es ist auch schon vorgekommen, daß ein Nomenklaturist aus Moskau auf den Posten des Ersten Sekretärs des ZK der KP einer Republik entsandt wurde, so etwa der langjährige Erste Sekretär des Moskauer Gebiets- und Stadtkomitees der Partei, Chruschtschow, in die Ukraine; Breschnew war Erster Sekretär in Moldawien, dann in Kasachstan.
Die übrigen Sekretäre der Partei-Zentralkomitees in den nationalen Republiken sind Angehörige der jeweiligen Nationen -- jeder von ihnen hat aber einen russischen Aufpasser.
Fast überall ist der Vorsitzende des KGB in den Republiken ein Russe, wie denn überhaupt der Apparat des KGB zum überwiegenden Teil aus Russen besteht. Auch das Militärkommando der Republiken liegt in Händen von Russen. Die Einheimischen, die auf wichtige Posten gestellt werden, sind vorwiegend russifizierte Funktionäre, mit Russinnen verheiratet, in Rußland ausgebildet.
Die Nomenklaturisten selbst haben keine nationalen Gefühle. Sie sind ausschließlich an ihrer Macht und an den mit ihr verbundenen Privilegien interessiert, so daß sie wirkliche Internationalisten S.190 sind. Auf dieser Basis entstand die von der Nomenklatura in den letzten Jahren propagierte These, das Sowjetvolk sei "eine neue historische Gemeinschaft". Diese These ist ein Mittel zur Verschleierung des halbkolonialen Regimes der Nomenklatura in den sowjetischen Nationalrepubliken.
Der lautstarke "Sowjet-Patriotismus" wird in der Sowjetpresse aus jedem Anlaß verkündet: Der Großmacht-Chauvinismus der Nomenklatura ist das Kernstück der offiziellen sowjetischen Ideologie. Er drückt die Weltanschauung der zur Macht emporgeklommenen Karrieristen aus, die heute als herrschende Klasse an der Spitze der Großmacht Sowjet-Union stehen.
Diese Ideologie sichert der Nomenklatura eine gewisse Unterstützung von seiten des russischen Volkes. Die Nomenklaturisten sind in ihrer überwiegenden Mehrheit Russen. Sie herrschen über die Sowjet-Union und die anderen von der UdSSR abhängigen Länder des Realsozialismus. Deshalb findet ihr Großmacht-Gehabe und ihr Chauvinismus, der besonderen Nachdruck auf einen russischen Patriotismus legt, einen gewissen Anklang im russischen Volk.
Die Kehrseite chauvinistischer Ideologie ist immer die Aufhetzung des eigenen Volkes gegen andere Staaten. Die Nomenklatura spricht dauernd von ihrem Internationalismus. In der Praxis versucht sie, Chauvinismus-Vorurteile und Mißtrauen gegenüber jedem Menschen ausländischer Herkunft zu verbreiten. Die internationalistischen Parolen hindern die Nomenklatura keineswegs daran, im Sowjetvolk die Vorstellung zu kultivieren, jeder Ausländer sei verdächtig, wahrscheinlich ein Feind und Spion.
Nomenklatura-Propagandisten betonen, daß der ideologische Kampf des Realsozialismus gegen seine Gegner keinen Augenblick zum Stillstand kommt. Dieser Kampf wird mit militärischen Fachausdrücken charakterisiert: ideologische Front, ideologische Offensive, ideologischer Gegner usw.
Die ideologische Front zerfällt ihrerseits in die ökonomische, philosophische, historische, literaturwissenschaftliche und andere Fronten. Von denjenigen, die an diesen Fronten stehen, verlangt die Nomenklatura-Klasse Kampfgeist, Wachsamkeit, Unduldsamkeit, Unversöhnlichkeit und andere Tugenden eines Wachhundes.
Dennoch ist es kaum möglich, in der Sowjet-Union überzeugte Kommunisten zu finden, und die sowjetische Propaganda versucht auch gar nicht, die Leute zu überzeugen, sondern begnügt sich damit, den Sowjetbürgern gewisse Formeln als obligate Sprachregelung einzuhämmern.
Wenn jemand an der Richtigkeit einer Formel zweifelt oder etwas anderes sagt, wird er nicht etwa belehrt, sondern bestraft. Die Strafe überzeugt niemanden davon, daß die Nomenklatura recht hat, sondern davon, daß man ihr zustimmen muß. Das genügt. Wichtig ist nur eines: Die Untertanen müssen jegliche Hoffnung auf eine Befreiung vom aufgezwungenen ideologischen Konformismus aufgeben.
Die Nomenklatura-Propaganda behauptet: Die sowjetische Außenpolitik sei eine Friedenspolitik, da es im Realsozialismus keine Klassen oder Gruppen gebe, die an Expansion oder Aggression interessiert wären. Sie sei schließlich eine Gesellschaft von Arbeitern, Kolchosbauern und werktätigen Intellektuellen, die keinerlei aggressive Interessen hätten.
In der Tat, weder die Arbeiter noch die Kolchosbauern oder die Intellektuellen der UdSSR brauchen Aggression oder Expansion. Anders jedoch die herrschende Klasse der Nomenklatura.
Im Innern des Landes betreibt die Nomenklatura die Ausbeutung der unmittelbaren Produzenten. Das von ihr geschaffene Wirtschaftssystem des Realsozialismus ist jedoch wenig produktiv. Eine grundlegende Erhöhung der volkswirtschaftlichen Effektivität könnte nur erreicht werden, wenn dieses S.192 System durch ein anderes ersetzt würde.
Das aber ist für die Nomenklatura undenkbar, denn nur dieses System garantiert ihr das uneingeschränkte Machtmonopol. Deshalb beschreitet die Nomenklatura einen zusätzlichen Weg: Expansion nach außen, Ausweitung ihrer Macht auf andere Länder und Ausbeutung ihrer Reichtümer.
Vor der Revolution hatten die Leninisten erklärt, daß sie allen Kolonien des zaristischen Rußland volle Freiheit schenken würden. Aber schon zu Lebzeiten Lenins wurden sie unter verschiedenen Vorwänden alle an die Kandare gelegt und dann in Unionsrepubliken der UdSSR umgewandelt. Im Jahr 1920 versuchte die Regierung Lenins Polen an sich zu reißen. "Her mit Warschau] Her mit Berlin]" erscholl es in den Liedern der Ersten Roten Reiterarmee. "Her mit Europa]" stimmten damals die sowjetischen Schriftsteller mit ein.
Der erste Ansturm mißlang. Von Warschau mußte man sich zurückziehen. Lenin schickte die 1922 zur Weltwirtschaftskonferenz entsandten sowjetischen Delegierten nicht als Revolutionäre, sondern als "Wirtschaftsexperten" nach Genua. Die "Weltrevolution" durften sie nur in einem Nebensatz erwähnen. Aber die Nomenklatura ließ von der Absicht der Unterwerfung fremder Länder nicht ab.
Die Aufrüstung der Kriegsmaschine des Nomenklatura-Staates erfolgte unter musikalischer Begleitung der Nomenklatura-Propaganda, die Imperialisten wollten jeden Augenblick die Sowjet-Union überfallen. Damit war jedoch keineswegs der Nationalsozialismus gemeint.
Sowjetischen Zeitungen aus dem Jahre 1930 ist zu entnehmen, daß die Kriegsrüstung der UdSSR in den Jahren der engen militärischen Kooperation der Sowjet-Union mit dem Deutschen Reich mit einem sogenannten "Kreuzzug gegen die UdSSR" gerechtfertigt wurde, den Papst Pius XI. proklamiert hatte.
Auch die spätere Bedrohung durch Deutschland verdarb der Nomenklatura nicht den Appetit auf eigene Expansion. Ganz im Gegenteil: Aufgrund eines Geheimprotokolls mit Hitler dehnte die Nomenklatura im ersten Jahr des Zweiten Weltkrieges ihren Herrschaftsbereich auf die Westukraine, Westbelorußland, Lettland, Litauen, Estland, Bessarabien und die Nordbukowina aus. Auch die nördlichen japanischen Inseln -- die Kurilen -- wurden 1945 der Sowjet-Union einverleibt.
Nach Kriegsende behielt die Sowjetnomenklatura die Gebiete, die ihr nach der Absprache mit Hitler zugefallen waren -- für die Unterstützung seines Kampfes gegen die westlichen Demokratien. Und sie fügte ihnen die Neuerwerbungen hinzu, die ihr die westlichen Demokratien überließen -- für die Unterstützung im Kampf gegen Hitler.
Bezahlt wurde großzügig. Die Sowjetnomenklatura bekam einen Teil Ostpreußens, ihrer Herrschaft wurden Polen, Bulgarien, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, S.194 Albanien, Ostdeutschland, das östliche Österreich und Nordkorea unterworfen; Finnland wurde ihrer Gnade ausgeliefert.
Dabei handelte es sich um ein freiwilliges Geschenk, das in keiner Weise durch das Kräfteverhältnis gerechtfertigt war. Der Kalte Krieg brach nicht wegen dieser Territorien aus, sondern weil sich herausstellte, daß die Stalinsche Nomenklatura noch mehr wollte. Sie wollte nicht nur Ostdeutschland, sondern auch Westdeutschland und natürlich auch West-Berlin haben, nicht nur Ostösterreich, sondern ganz Österreich, nicht nur Nordkorea, sondern auch Südkorea, sie wollte Griechenland, Triest, die Dardanellen, Nordiran.
Kuba, Südjemen, Angola, Äthiopien, Afghanistan, Vietnam, Laos, Kambodscha gesellten sich in den sechziger und siebziger Jahren zu den Ländern, nach denen die Nomenklatura mit mehr oder minder großem Erfolg schnappte.
Könnte es nicht sein, daß Aggressivität und Expansionsdrang der Nomenklatura in Wirklichkeit nur Erscheinungsformen eines besonders starken Verteidigungsbedürfnisses sind?
Warum sieht sich eine Klasse, die ihre Herrschaft zu einer gesetzmäßigen und deshalb unabwendbaren lichten Zukunft der ganzen Menschheit erklärt, durch die Existenz des angeblich hinfälligen kapitalistischen Systems gefährdet?
Weil das Gerede über den unvermeidlichen "Sieg des Kommunismus im Weltmaßstab" nur Propaganda ist. In Wirklichkeit urteilt die Nomenklatura ganz praktisch. Sie weiß, daß der Lebensstandard in den westlichen Ländern bedeutend höher ist als in der Sowjet-Union und daß die westliche Bevölkerung ein Ausmaß an Freiheit genießt, das für die Sowjetbürger unvorstellbar ist.
Die Nomenklatura weiß auch, daß ihre Untertanen hierüber informiert sind, sie werden nur durch ständige Einschüchterung im Zaum gehalten. Aber Einschüchterung ist nicht ewig wirksam. Mit Entsetzen denkt die Nomenklatura daran, was geschehen wird, wenn die Untertanen des ständigen Fürchtens überdrüssig werden.
Nach Überzeugung der Nomenklatura kann es dazu allein deshalb kommen, weil es einen freien und reichen Westen gibt. Er demonstriert den Untertanen der Nomenklatura, daß es sich bei aller Unzulänglichkeit des kapitalistischen Systems ohne Nomenklatura-Herrschaft besser leben läßt.
Da es nicht um Verhaltensweisen des Westens geht, sondern schlicht um seine Existenz, kann keine Entspannung und kein "Wohlverhalten" des Westens an der Generallinie der sowjetischen Führung, an ihrer Absicht, das westliche System zu vernichten, etwas ändern.
Dennoch ist die im Westen weitverbreitete Ansicht falsch, daß die sowjetische Führung bereit sei, einen Krieg gegen die westliche Welt zu führen. Nicht nur das Volk, auch die Nomenklatura will keinen Krieg. Genauer gesagt, fürchtet sie ihn. Nicht wegen der Millionen Opfer -- sie fürchtet für sich selbst.
Die Nomenklatura hat Angst vor einem Atomkrieg. Für ihren Sieg ist die Nomenklatura zwar bereit, Millionen von Menschen an der Front zu opfern -- wie sie es schon im Zweiten Weltkrieg getan hat. Doch zweierlei müßte garantiert sein: Die Nomenklatura selbst dürfte nicht zu den Opfern gehören, und ihre Macht müßte unangetastet bleiben. Die Anwendung nuklearer Waffen aber garantiert weder das eine noch das andere.
Deshalb fordert die Nomenklatura so nachdrücklich nukleare Abrüstung -- natürlich die Abrüstung des Gegners, nicht ihre eigene. Dementsprechend widersetzt sie sich jedweder internationalen Kontrolle der Abrüstung.
Die Nomenklatura will keinen Krieg, sie will einen Sieg. Im Kampf der beiden Systeme ohne Krieg zu siegen -- das ist die Aufgabe, die sich die Nomenklatura gestellt hat. Sie hat dafür auch eine griffige Formel gefunden: "Friedliche Koexistenz von Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung".
Dieser Begriff bedeutet jedoch keineswegs einen ungetrübten Frieden, einen idyllischen Zustand der internationalen Beziehungen. Friedliche Koexistenz wird im Programm der KPdSU als eine "spezifische Form des Klassenkampfes in der internationalen Arena" bezeichnet.
Der Sieg des Realsozialismus im Weltmaßstab ist das offen proklamierte Ziel der Nomenklatura. Gemäß dem S.195 Leninschen Prinzip, das schwächste Kettenglied beim Gegner zu finden und dort den Durchbruch zu erzielen, versucht die Nomenklatura ihr Glück in verschiedenen Teilen der Welt. Besonders planmäßig geht sie in Europa vor.
Gegenwärtig entfallen auf die Länder des Realsozialismus über ein Drittel der Weltindustrieproduktion. Sollte Westeuropa unter die Kontrolle der Nomenklatura geraten, würde dieser Anteil drastisch steigen -- und die absolute Vorherrschaft der Nomenklatura wäre gesichert. Das gleiche gilt für den Anteil an qualifizierten Arbeitskräften und an wissenschaftlichem Potential.
Das bedeutet jedoch keineswegs, daß die Nomenklatura nicht auch gleichzeitig in anderen Teilen der Welt politisch offensiv auftritt. Ihre Offensive entfaltet sich vor allem in den Ländern der Dritten Welt: Das Ziel der Nomenklatura ist es, überall Staaten vom Typ der Volksdemokratien zu schaffen (im Bereich der Dritten Welt bezeichnet man sie in Moskau als "nationaldemokratische Staaten"). Ist dies noch nicht möglich, versucht die Nomenklatura, eine den afro-asiatischen Bedingungen angepaßte Finnlandisierung voranzutreiben.
Die Geschichte Afrikas ist in den letzten 15 Jahren reich an Beispielen für die Entstehung von Regierungen volksdemokratischer Art. Die Anforderungen der sowjetischen Nomenklatura an ein politisches Regime der Dritten Welt, das zu einem Land "sozialistischer Orientierung" erklärt werden möchte, sind gering. Von Bedeutung ist keineswegs das Entwicklungsniveau der Produktivkräfte oder gar das Vorhandensein einer Kommunistischen Partei.
Das Kriterium ist, ob die betreffende Regierung eine prowestliche oder eine prosowjetische Politik verfolgt. Daraus resultieren die häufigen Änderungen in der Einschätzung der diversen Staaten der Dritten Welt durch die Nomenklatura-Propaganda.
So wurde zum Beispiel die in Syrien und im Irak regierende Baath-Partei lange Zeit in der Sowjet-Union als faschistisch bezeichnet, während sie gegenwärtig als eine revolutionär-demokratische Partei gilt.
In den Plänen der sowjetischen Nomenklatura nimmt Lateinamerika eine besondere Stellung ein. Diese Region gilt in Moskau als amerikanische Interessensphäre. Daraus erwächst die Aufgabe, dort einzudringen und die Länder Lateinamerikas in eine Frontstellung gegen die USA zu bringen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei Kuba.
Zweifellos war in den Plänen der Nomenklatura auch Chile eine bedeutende Rolle zugedacht. In Moskau wurde lange vor Allendes Regierungsantritt die Meinung vertreten, daß Chile, das sich als dünner Streifen vom Norden nach dem Süden Lateinamerikas erstreckt, schon aufgrund dieser geographischen Lage als Basis für eine kommunistische Partisanenbewegung in den lateinamerikanischen Ländern außerordentlich gut geeignet wäre.
Alles in allem versucht die Nomenklatura, die Gesellschaftsordnung des Realsozialismus nicht nur in den Ländern der Dritten Welt und in Westeuropa, sondern auch in Nordamerika, Australien und Neuseeland zu errichten.
In offiziellen Dokumenten der KPdSU und anderer kommunistischer Parteien wird betont, daß der Sozialismus um kein einziges Land der Welt einen Bogen machen würde und daß der Kommunismus die lichte Zukunft der gesamten Menschheit sei.
Das ist kein verbaler marxistischer Radikalismus, sondern der reale Plan der Nomenklatura-Klasse. In Gestalt der Errichtung des Realsozialismus in allen Ländern will die Nomenklatura ihre Weltherrschaft errichten.
Im Westen stößt man oft auf die Ansicht, man könne sich von der Aggressionslust der Nomenklatura dadurch loskaufen, daß man dieser Klasse helfe, die Hindernisse zu beseitigen, denen sie sich in den Ländern Osteuropas und selbstverständlich auch in der Sowjet-Union gegenübersieht. Doch gerade in Expansionsdrang und Aggressionslust besteht das Wesen der Nomenklatura.
Man kann höchstens der Nomenklatura Länder und Völker -- potentielle Verbündete -- in den Rachen werfen und auf diese Weise etwas Zeit gewinnen. Wenn dann aber alle Fristen verstrichen sind und man allein vor dem Abgrund steht, wird es keine Verbündeten mehr geben.
Ende
S.180 Mit dem polnischen Parteichef Gierek (links neben Breschnew). * S.188 Während der TV-Übertragung des Koppelungsmanövers der Raumschiffe Apollo und Sojus 19 im Juli 1975. *
Von Michael Voslensky

DER SPIEGEL 9/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Nomenklatura: Moskaus Macht-Elite

  • Prinz Andrews BBC-Interview zu Epstein: Der peinliche Prinz
  • Brückeneinsturz bei Toulouse: Todesopfer und mehrere Vermisste
  • Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße
  • Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder