21.04.1980

„School-pen, Rupies, Bonbons]“

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Sri Lanka, das neue Lieblingsziel des deutschen Ferntourismus
Zwei lehmverschmierte Männer, abgesehen von einem Lendenschurz nackt, stehen bis zum Bauch in einer Grube, die mit einem schmutzig-trüben dünnen Brei angefüllt ist, und sieben nach Edelsteinen.
Es ist heiß, kein Schatten schützt sie. Aus einer zweiten Grube, die von der ersten keine zwei Meter entfernt ist, kriecht unerträglicher Gestank. In ihr schwimmen die Fäkalien der Schatzsucher bei Ratnapura.
Edelsteingewinnung wie zu König Salomos Zeiten, wie ein Reiseführer poetisch verspricht? Oder doch eher hoffnungslose Zurückgebliebenheit der Dritten Welt, deren malerisches Elend dazu ausersehen ist, dem europäischen Touristen wohlige Schauer ("Hier ist eben alles anders") über den Rücken zu jagen?
Jedenfalls hat das Edelsteinfieber, das die Reisfelder um Ratnapura mit Tausenden metertiefen Löchern zerwühlt, die sich alsbald mit fauligem Regenwasser füllen, zur Rückkehr der schon totgeglaubten Malaria geführt -- für den Besucher aus Europa allenfalls ein Problem der Tablettendosierung: Einmal die Woche und noch vier Wochen nach der Rückkehr ...
An den kleinen Halbedelsteinen werden die in den eigenen Kloaken wühlenden Schürfer kaum reich. Allenfalls dienen die Turmaline, Achate und Topase dem Wohlstand von ein paar Moslems, auf Ceylon "Moors" genannt, die als Händler der Insel über einigermaßen stattliche und unter dem Palmenblätter-Hütten-Einerlei auffallende Villen verfügen.
Die hochschwangere Frau, die in Colombo gegenüber dem Bahnhof Fort Station um halb sechs, es ist noch dunkel, mit ihren zwei-, drei- und vierjährigen Kindern von einem leeren Gemüsekarren kriecht, vertritt schon eher einen durchgängigen Reichtum der Insel, den Kinderreichtum.
Wo man auch geht und steht, wohin man auch fährt -- stets quellen aus dem mit üppiger Vegetation umwucherten Elend Kinder; vierjährige Jungen oder Mädchen, die eine zweijährige Schwester an der Hand und einen noch nicht einjährigen Bruder im Arm haben. Morgens um 7 stürmen die Größeren weißgekleidet in die Schule. Ceylon hat das Analphabetentum besiegt.
Der Kontakt der Kinder zu den stets freundlich mit blitzendem sanften Lächeln angestrahlten Touristen ist die offen entgegengestreckte Hand und die Drei-Worte-Bitte: "School-pen, Rupies, Bonbons]"
Fährt man im gebirgigen Binnenland, mit Chauffeur versteht sich, über S.238 Serpentinenstraßen, dann kann es schon mal passieren, daß die Kleinen den direkten Steilhang des Bergs herunterstürzen, um das Auto erneut bettelnd zu erreichen: "School-pen, Rupies, Bonbons]"
Der Ceylon-Tourist, den die Verhältnisse in einen Kolonial-Gouverneur verwandeln, der sein unterworfenes und ihn dennoch liebendes Volk auf Rundreise besichtigt, verliert das Wohlwollen von fröhlich bettelnden Kindern und ihn unterwürfig um Geld anhauenden Schwangeren dennoch nicht, wenn er gegen die Dauerbettelei stumpf geworden ist. Auch Abgewiesene lächeln ihm liebevoll nach.
Ceylon, von den Briten 1948 in die Unabhängigkeit entlassen, die es als Republik seit 1972 mit Namen Sri Lanka demonstriert, ist zu einer der Kronkolonien im Königreich des europäischen Wintertourismus geworden.
Mag die offizielle Landessprache seit den späten fünfziger Jahren Singhalesisch sein, die der Präsident Solomon Bandaranaike blutig gegen die tamilische Minderheit durchsetzte -- die Sprache der Ferienkolonie ist jenes Pidgin-Englisch, das Kellner, Chauffeure, Bettler und Neckermann-Reisende gleichermaßen verstehen. Ein Taxifahrer, der einen auf einem abgeernteten Reisfeld weidenden Wasserbüffel zeigte, bewies, daß diese Sprache sehr wohl zu finaler Feinheit fähig ist: "Ricecut finish, buffalo eat."
In Galle, am südwestlichen Zipfel der Insel, kann man die pittoreske Festung des alten Kolonialismus sehen. Das Fort, das die Holländer, gewaltsame Erben der Portugiesen, um den natürlichen Hafen errichteten, macht aus der Altstadt noch immer eine in der Hitze dösende Enklave, mit holländischer Kirche und dem Wappen der ostindischen Kompanie am Stadttor, mit der das alles anfing, vor allem wegen des hochbegehrten Ceylon-Zimts.
Das Hotel "New Oriental", im ehemaligen britischen Gouverneurspalast, könnte dazu herhalten, den Begriff Anachronismus zu definieren: durch die Vorhalle flattern Vögel, die Kellner bedienen lautlos und barfuß, in den Zimmern stehen Photos, als hätte eine englische Familie in den dreißiger Jahren die Räume verlassen, an denen sich seither nichts geändert hat; noch jetzt sieht man ihre Bücher herumstehen --Somerset Maugham was here.
Und das Ganze, obwohl durchaus publik und in unzähligen Reiseführern angepriesen, wird in seiner verschlissenen Kolonialpracht von zwei, drei Gästen frequentiert, denen von einem uralten Ober der Tee in der Vorhalle oder Rice and curry unter dem Fachwerkdach der Eßdiele serviert wird.
Massentourismus ohne Massen? Die haben sich in den neuen Zwingburgen der Hotels am Meer in Beruwala, Bentota, Hikkaduwa und Negombo verschanzt, wo die Bettler und Händler samt ihren Elefanten, Schlangenbeschwörungen und salutierenden Affen die Liegewiesen mit den Swimmingpools nur von der Strandseite begaffen können.
Während die zwecks Bräunung hierher getragene weiße Haut ein Passepartout ist, mit dem man überall hereinkommt (und sei es in das Wohnzimmer eines Gummi- und Teeplantagenchefs), verschließt die braune Hautfarbe der Ceylonesen fast alle Hotelburgen.
Es sei denn, man gehört zur Oberschicht, die man schon daran erkennt, daß sie ähnlich wie die europäischen Gäste mit einem Bauch begnadet ist (Armut ist die radikalste Schlankheitsdiät), und die mit ihren Kindern vorwiegend englisch konversiert.
Im Regelfall gehen nur Männer und Kinder ins Wasser, während die Frauen in grellbunten Saris den Swimming-pool umkreisen.
Die Küste gehört den Kolonisatoren (bis Mai ist es, des Monsuns wegen, die Westküste), das Landesinnere den Einheimischen. Was deutsche, französische und skandinavische Reisedienste praktizieren, ist alte Inseltradition. Die Portugiesen wie die Holländer und Engländer beherrschten die Küste und überließen das Landesinnere den singhalesischen Königen, deren letzter in Kandy seinen Untertanen im Straffall die Haut bei lebendigem Leib abziehen ließ und daher von den Engländern 1815 nach Indien deportiert wurde -so einfach ist Geschichte im Reiseführer zu erklären.
Einheimisch an der Küste in den Hotels ist nur der Service und die Reistafel. Schon bei der folkloristischen Unterhaltung, die aus Feuertänzen und sonstigem Schnickschnack besteht, ist man da nicht so sicher, wenn waghalsig zu Indianern aufgeputzte Tänzerinnen zu lateinamerikanischer Musik ("Besame mucho") etwas von der teufelaustreibenden Tradition ihrer Tänze vermitteln wollen. Mit dieser modernen Einheitsfolklore wird der Tourist von der Costa Brava über Gran Canaria bis nach Bali bedient.
Die ceylonesische Variante sieht das festliche Lobster-Essen dazu vor, wo für Europäer -- billig, billig -- die Schalentiere zu tropischer Nacht vom Palmblattbüfett serviert werden. Sie wären, für Einheimische, fast einen Monatslohn wert. Klar, daß so etwas von Musik untermalt werden muß. Mit Blitzlicht hält der Reisende Candlelight und Hummer für daheim fest.
Die Phrase vom König Kunden, in der europäischen Heimat eine gequälte Sprachgrimasse, hat hier einen grausigen Beigeschmack von Wahrheit. Hart im Nehmen und weich im Geben muß sein, wer sich die paradiesische Strandlandschaft nicht durch eingeborenes Elend verdrießen lassen will.
Manche Könige aus Wanne-Eickel oder Ingolstadt, denen es im Gesicht geschrieben steht, daß sie daheim eher geschurigelt werden als selber schurigeln, putzen hier die Bediensteten, deren Unterwürfigkeit das "Thank you", "Sir" und "Madam" im inflationistischen Überfluß herausprudelt, barsch und ungeduldig herunter -- so bereitet man die rauheren Umgangsformen der toruristischen Dauersaison in Athen oder Torremolinos gewaltsam für Sri Lanka vor.
Während man über den rotsandigen Palmenstrand und über die Wellen herrscht, gelten dem Landesinnern nur Kulturexpeditionen, wobei man, versteht sich, Wagen nebst Chauffeur mietet, billig genug ist es ja. Die beliebten Touren führen zu der ceylonesischen Vergangenheit, wo Sri Lanka sein buddhistisches Erbe als Zeugnis einstiger S.240 Größe vorführt, Buddha sitzend, liegend, meditierend, predigend, schlafend, sterbend; Buddha in Stein gehauen, überlebensgroß oder (wie in Dambulla) in Hunderterstärke aufgereiht, sowohl aus Stein wie aus Holz, von halbzahmen Affen umlagert, von verkrüppelten Bettlern umsäumt.
Die einstigen Hauptstädte Anuradhapura mit dem heiligsten Baum der Buddhisten und Polonnaruwa mit den imposantesten Ruinen liegen an den großen Wasserreservoirs, die, im Mittelalter angelegt, noch heute die Terrassen der Reisfelder mit dem saftigsten Grün zweier Ernten im Jahr bewässern.
Der Tourist sieht Gummibäume, Teeplantagen: Gemeinwesen mit eigenen Schulen und eigenen Krankenhäusern, auf denen die verachtete, fleißige Minderheit der Insel, die Tamilen, arbeiten, Frauen, die den "first flush" pflücken.
Und er sieht Gewürzgärten, deren Kakao, Pfeffer, Muskat, Ingwer, Zimt, Safran die Insel für die Europäer einst so begehrlich machte wie heute das lauwarme blaue winterlose Meer.
Er kann in Kandy den Tempel bewundern, der um Buddhas Zahn herumgebaut wurde, den Elefanten beim Baden zuschauen oder im Botanischen Garten eine unvergleichliche Vielzahl von Orchideen (die gelben Kandy-Tänzerinnen) und Bäume mit marktplatzgroßen Kronen bewundern.
Für die Fahrt nach Kandy (und die zu anderen Zielen) stehen ihm auch zwei vollklimatisierte Züge aus Japan zur Verfügung, für die die Strecke von anderen Zügen freigefegt wird, so daß die Verspätung hier höchstens ein, zwei Stunden beträgt. Stolz erzählt der Zugschaffner, daß seine Landsleute diese Luxuszüge nicht benutzen dürfen, sie würden sie nur kaputtmachen und beschmutzen.
So sind die neuen Herren der Insel auch hier unter sich, und da es auch Bier gibt, kommt deutsche Stimmung auf, während der Zug an Kokospalmenwäldern, an fetten Bananenblättern, an den grünbebuschten Teehügeln oder den gelb abgeernteten Reisfeldern mit ihren dunklen Rändern und den weidenden Büffeln vorbeifährt.
Die normalen Züge sind hoffnungslos überfüllt, spottbillig und selbst für einheimische Begriffe unpünktlich.
Anders als im todernsten Indien geht auch von den in Zügen und Bussen sich Drängenden die Stimmung eines lächelnden, fröhlichen Elends aus, dem sie eine Unzahl von Kindern schenken. Selbst eine so fruchtbare Insel wie Sri Lanka, auf der einem Mangos, Bananen und Ananas förmlich in den Mund wachsen, verwandelt sich so allmählich in ein sinkendes Boot.
Am Strand jedoch ist immer Platz.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 17/1980
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DER SPIEGEL 17/1980
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