21.04.1980

Triumph der Angst

Ivan Nagel über den Strauß-Film „Der Kandidat“ Ivan Nagel, 48, Theatermann und Kulturkritiker, war Intendant des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, Organisator des „Theater der Nationen“ und geht als Kultur-Korrespondent für die „FAZ“ nach New York.
Vier deutsche Filmemacher entschlossen sich im vergangenen Jahr, einen Film über Deutschland im Winter zu machen, dem Winter vor den Wahlen 1980. Zwei von ihnen gehören zu den bekanntesten Regisseuren nicht nur hierzulande: Volker Schlöndorff ("Der junge Törless", "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", "Die Blechtrommel") und Alexander Kluge ("Abschied von gestern", "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos", "Die Patriotin").
Stefan Aust ist Mitarbeiter von "Panorama", politisch-dokumentarisch erfahren; Alexander von Eschwege machte jüngst seinen ersten Fernsehfilm, assistierte davor bei Schlöndorff, Hauff, Trotta.
Die Regisseure einigten sich darauf, daß ihr Film etwas mit Franz Josef Strauß zu tun haben sollte: "Der Kandidat." Das Resultat ist nicht Wahlpropaganda geworden, eher Denkaufgabe als Überredungsangriff. In Teilen ist es: ein Porträt des Kandidaten. In Teilen auch: Erinnerung an Geschichte und Geschichten, die die Jüngeren kaum kennen, die Älteren nicht so genau behalten, vielleicht auch gern vergessen haben.
Dann wieder: Interviews, Bälle, Kundgebungen aus unserer Umwelt, die sich ja freiwillig oder gezwungen bis zum 5. Oktober mit dem Kandidaten beschäftigen wird. Vielleicht auch länger. Aus vielen, möglicherweise zu vielen Elementen setzt sich zusammen, was der Film von Anfang an werden wollte: ein Bild von Deutschland in diesem Augenblick. Das Bild enthält S.246 sich der Prognose, der Bangemacherei. Es sagt an keiner Stelle: Wenn ihr Strauß wählt, haben wir in drei, vier, zehn Jahren eine verstockte oder hysterische, eine tief zerrissene oder mit Gewalt zusammengeschweißte, eine gefährdete und gefährliche Bundesrepublik.
Es droht nicht mit kommendem Ständestaat, mit der Herrschaft von kompetenten und wohlhabenden Mächtigen über ein christlich demütiges Volk; auch nicht mit jenem System von Zwang, Leistung, Ordnung, Moral, Wehrhaftigkeit, die Franz Josef Strauß offenbar für die Voraussetzung nationaler Kraft und abendländischer Größe hält. In die Zukunft schaut dieser Film nicht (weder in eine Straußsche noch in eine Schmidtsche).
Er blickt um so genauer in unsere verquere, überanstrengt pflichteifrige Vergangenheit von Wiederaufbau und Wiederaufrüstung zurück. Er zeigt 1948 unter den alten herrschenden Gesichtern ein junges Gesicht, das heute nicht mehr wiederzuerkennen ist, weil seine Aufmerksamkeit sich in Schläue und Mißtrauen, seine Intelligenz sich in Härte verwandelt hat. Die Vergangenheit hat sich übernommen und möchte sich in diesem Wahljahr noch einmal, gründlicher als je übernehmen.
Um das verwandelte Gesicht Strauß sieht die Kamera unsere Gegenwart, die seltsam gedrückt, ereignislos abwartend, wie gelähmt wirkt. Ist das Ereignis, auf das sie wartet: Die Chance von Strauß, die Rückkehr der fünfziger Jahre, der altneue Kalte Krieg diesmal zugleich nach innen und außen?
Der Film schweigt über die Zukunft. Darin liegt eine intellektuelle Ehrlichkeit, die scharf absticht von jenen bierseligen Krisenprophetien, mit denen wir uns neuerdings allabendlich nach der "Tagesschau" erhitzen und erleichtern. Im Schweigen über die Zukunft liegt aber auch Angst. Der Film stellt Angst dar: kunstgemäßer und nüchterner als jede verbale Katastrophenwarnung.
Über Franz Josef Strauß ist kein Film zu machen, der nicht auch ein Film über Angst wird. In jeder Rede, die er hält, sprühen ihm die Gefahren für Deutschland nur so aus dem Mund. Die Gabe, die er sich zuschreibt, ist "ein besonders waches Gefühl dafür, wenn der Friede bedroht ist". Bedroht sind auch: die Wirtschaft, das Bündnis, der Staat. Er allein könnte die Gefahren abwenden; aber seine Rezepte erzeugen oft mehr Angst als die Gefahren.
Zudem verordnet Strauß seit fast 30 Jahren kein Heilmittel, sondern eine Krankheit: die ständige Angstbereitschaft des deutschen Volkes. "Meine Damen und Herren, in diesem Jahr geht es um Deutschland."
Als die vier Regisseure versuchten, in diesem Wahljahr einen Film über Deutschland zu machen, stießen sie vielerorts auf Angst und Angstbereitschaft. Beide Fernsehanstalten verweigerten ihnen jedes dokumentarische Material aus ihren Archiven. Zu befürchten sei, daß der geplante Film "Der Kandidat" die Wahlchancen "eines der beiden Kandidaten" beeinträchtigen könnte.
So wacht das Fernsehen nicht nur über seine eigene Ausgewogenheit, sondern auch über die eines Kluge, eines Schlöndorff. Es gibt zum Beispiel eine S.249 18 Jahre alte Bundestagsrede von Strauß nicht heraus, die bei ihm allein archiviert ist.
Wie wird sich das Fernsehen verhalten, wenn die Bewahrung der Demokratie einmal wirklich Risiko und Furchtlosigkeit verlangen sollte? Wie wird sich der CSU-Pressesprecher verhalten, der jetzt Volker Schlöndorff mit seiner Kamera aus einer öffentlichen Kundgebung ausweist? Wie wird sich der Kinobesitzer verhalten, der nach einem Gespräch mit einem CDU-Abgeordneten die Aufführung des Filmes absagt?
Vielleicht fiel es Aust, Eschwege, Kluge und Schlöndorff gar nicht so schwer, die Zukunft aus dem Film zu eliminieren, auf Prognosen zu verzichten. In einem Film, der so zustandekam, spricht jeder Take aus der Gegenwart deutliche Warnung.
"Der Kandidat" beginnt mit einer Reihe starrer und stummer Bilder. Man sieht eine Rheinlandschaft mit Sonnenaufgang, darüber fliegen tonlos einige Hubschrauber. Straßen und Aussichtsterrassen in Bonn erscheinen im Frühlicht, sie sind noch menschenleer; wieder setzt der Ton aus. Es kommt einem vor, als hätte etwas Schlimmes die Menschen aus den Städten, von den Flußufern vertrieben; und das Ohr, das Auge reagieren auf eine beschädigte Situation mit beschädigter Wahrnehmung. Das sind keine bloßen Tricks: Der Filmemacher mustert sein Land, mustert seine Mittel.
Später der triumphale Einzug in eine Versammlungshalle, vom Balkon her aufgenommen: voran einige Ordner, dann eine massive, rückwärts fahrende Fernsehkamera, vor deren Linse der Kandidat selbst rasch schreitet, strahlend und winkend, dann sein Gefolge, strahlend, aber nicht winkend, dann wieder Ordner. Der Einzug verlängert sich, die Halle nimmt kein Ende, der Kandidat winkt und strahlt, sein Gefolge strahlt, aber winkt nicht, die Kamera unten dreht und dreht, die Kamera oben dreht und dreht, aus dem Triumph wird Alptraum.
Weil der deutsche Film vor wenigen Jahren noch sehr wenig konnte, hatte er die Chance, Technik und Denken gleichzeitig zu lernen. An den besten Stellen dieses Filmes fallen erworbenes Können und erworbene Mündigkeit zusammen.
Kurz vor Ende des Filmes läuft das Tonband von Straußens Wienerwald-Rede: Beschimpfungen gegen Kohl, Biedenkopf, Köppler, gegen die "Versumpfung und Verfettung" der CDU. Die Kamera verzichtet darauf, "diese Zwerge im Westentaschenformat", diese "Postenjäger und Schwätzer in Hinterhöfen von Gasthäusern" etwa mit Standphotos witzig durchzuillustrieren. Immer wieder fällt das Bild aus, die Leinwand wird schwarz; der Schock dieser Leere schafft Raum vielleicht fürs Fürchten, besser fürs Nachdenken.
Solches Vakuum entsteht immer wieder an den schönsten, merkwürdigsten Stellen des Filmes. Sie sind nicht Demonstrationen der von Kluge erarbeiteten Vollendung brüchiger Montagetechnik.
Das Vakuum ist hier Abbild einer entleerten, keine volle Präsenz und Verantwortung der Menschen mehr verlangenden oder auch duldenden Wirklichkeit. Daß vor allem die Politik S.252 nur noch nüchterne, halbmechanische Erhaltung der Normalität geworden ist, trägt zur Leere und Depression (auch zur heimlichen Panikbereitschaft) dieser Tage bei.
Die Brüche und Pausen des Filmes sind aber nicht nur Abbilder; sie verschaffen dem Zuschauer Chancen, mit einer ihm noch belassenen Freiheit und Objektivität, mit dem fremden Blick zu urteilen. Sie sind sogar, Kluge sagt es deutlich in einem Interview, Räume einer Sympathie für Strauß. Denn nicht Strauß ist an der Entleerung der Politik schuld, eher die Leere an Strauß.
Oft umgibt den Kandidaten, dem dieser Film beharrlich und nicht boshaft zusieht, eine ganz und gar unmystische, etwas ärmliche Trauer. Es ist, als sei er mittlerweile eher Opfer als Täter der größeren, verschwiegenen Rat- und Entscheidungslosigkeit, welche die Scheinentscheidungen Tag für Tag umhüllt, entwertet.
Er will nicht glauben, was wir auch nicht glauben möchten: daß es Geschichte gar nicht gibt, daß Politik aus dem hoffnungsleeren täglichen Überleben besteht.
Er wird zum Schauspieler eines Kraftmenschen im aussichtslosen Versuch, den Stillstand zu dramatisieren. Seine fadenscheinige, unglaubhafte Chance ist die Leere, die er sich und uns nicht gewünscht hat. Die Vierte Partei war ihm nicht Taktik, sondern (mindestens unbewußt) ein grotesk-tragischer Traum:
Für eine Wahlperiode die Hoffnung der Verbissenen, Sehnsüchtigen, Hoffnungsverlassenen zu sein -- und dann wohl wie ein Poujade vergessen zu werden.
Ich glaube nicht, daß dieser Film sehr gut geworden ist. Die vier Regisseure, die drei Techniken, mit denen er arbeitet, kommen nicht so recht zusammen. Kluges enorm schwierige Montagetechnik, die Technik des historischen Feature, die Technik des Porträts als Reportage: Alle drei Verfahren arbeiten mit tausend Teilchen und verlangen deren durchgehende, kalkulierte Anordnung.
Das Bild aus Bruchstücken harter, intellektuell-hintergründiger Bilder (Kluge), der Dokumentarbericht aus der Vergangenheit (Aust, Eschwege), das genaue und einfühlsame Registrieren von Menschen und Politikern (Schlöndorff): Jedes System hat Überhang in die anderen Systeme und verwirrt sie. Der erzählende Rhythmus, der montierende Rhythmus, der szenische Rhythmus -- sie stören einander oft beträchtlich.
Solche Störungen als Absicht höherer Stufe zu entschuldigen wäre so unehrlich, wie der Film "Der Kandidat" ehrlich ist bis zur Selbstaufgabe. Das Bild von Deutschland im Winter hat er uns nicht gegeben; aber vielfaches Material zum Nachdenken.
Von Ivan Nagel

DER SPIEGEL 17/1980
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