21.04.1980

STARSDas Preisfohlen

Die von ihrem Mann und einem geschickten Marketing zur „schönsten Frau“ beförderte Bo Derek ist jetzt auch in Deutschland zu besichtigen -im Kino als „Traumfrau“.
Wir haben uns schon angewöhnt, McDonald's für etwas Eßbares und Carter für einen Präsidenten zu halten. Aber nun kommt's denn doch zu happig aus dem Land der grenzenlosen Zumutbarkeit. Ein neues Schönheitsideal ist angekündigt, eine neue Sexgöttin, die erste der achtziger Jahre, wie "Playboy"-Chef Hugh Hefner prophetisch im Dezember 1979 verkündete.
Nun ist Bo Derek also da, in der Göttern zeitgemäßen Form aus Zelluloid und mit zahllosen Zöpfen. In Blake Edwards männlicher Menopausen-Komödie "Die Traumfrau" spielt sie die Titelrolle, und der phänomenale Erfolg dieses eher im Geiste alternden Male-Chauvinismus gehaltenen Films wird vor allem ihr gutgeschrieben.
Tief in den Mythenfundus griffen die Presseherolde, um ihr den Platz zu sichern. Mit einer "antiken Göttin" verglich sie "Times", eine "neue Venus" sieht die "Welt am Sonntag" in ihr, der "Stern" eine moderne Aphrodite, als "neuestes Sexwunder" bestaunt sie die "Bild am Sonntag", die Franzosen, in vergleichender Hysterie schon immer Meister, riefen sie gar zur neuen Mae West des Hollywoodkinos aus, und der "Playboy", stets blasphemisch, ließ sie im März auf acht Seiten hüllenlos erscheinen, so wie Gott sie schuf.
Der heißt John Derek und läßt sich in Hollywood durch die ununterbrochene Reihenfolge seiner Ehen als Göttergatte feiern. Nach einem bemerkenswerten Debüt neben Humphrey Bogart in Nicholas Rays engagiertem Jugenddrama "Knock On Any Door" spielte der heute 53jährige in einer Reihe minderer Filme, verlegte sich dann aber mehr auf die Produktion von Sexbomben und Hard-Core-Pornofilmen. Ehefrau Nummer zwei -- die ersten Ehen liegen bei amerikanischen Zelebritäten meist im gnädigen Dunkel von College-Aventüren -- war ein Schweizer Blondchen, das Derek unter dem Namen Ursula Andress zum Weltstar pushte. Mrs. Derek Nummer drei wurde das Busenwunder Linda Evans. Die 23jährige Mary Cathleen Collins ist nun unter ihrem Künstlernamen Bo die bislang letzte Derek.
Ihr Mentor, Schöpfer, Manager, Ehemann entdeckte sie als 16jährige am Strand von Long Beach, als die Bretter, die ihre Welt bedeuteten, noch zum Surfen dienten. John Derek engagierte sie für einen Film, den er mit seiner damaligen Frau Linda auf Mykonos S.254 drehte. Der Film erblickte zwar nie das Dunkel der Kinos, aber Derek wußte von da an, daß er, wie er es nennt, ein "Preisfohlen" gekauft hatte. Er trennte sich von Linda, um sich ganz auf dessen Training konzentrieren zu können. Zusammen produzierten sie den Porno "Love You", Bo bekam eine kleine Rolle in der "Weißen Hai"-Imitation "Orca, der Killerwal", dann hielt der Professor Higgins von der Sex-Fakultät die Zeit für gekommen.
Vor dem Auftritt Bo Dereks, man erinnert sich, galt ein Mädchen mit einem Namen, der wie eine iranische Rasierklingenfabrik klingt, als Herrscherin der Männerträume. Farrah Fawcett-Majors hieß diese Fönheitskönigin, und sie verströmte eine Erotik, die einen glauben machte, das intimste Separee, in das man sie locken könnte, sei eine Squash-Zelle. Daß sie nun vom Thron gestürzt wurde, liegt weniger an Bo Derek, und auch nicht daran, daß etwa ihr Deodorant versagt hätte, sondern an den umsatzsichernden Innovationszwängen der Wechsler, die den Tempel der Schönheit besetzt halten.
Das Kunstwerk Frau im Zeitalter seiner technischen Re(pro)duzierbarkeit unterliegt denselben Marktgesetzen wie etwa die Autoindustrie oder die Bestsellerproduktion. Schon wird Bo Derek, genau wie ihre Vorgängerinnen, in engen, nassen T-Shirts abgelichtet, millionenfach auf Postern als Spindluder vertrieben. Eines der wesentlichen Gesetze bestimmt die Notwendigkeit, bei kaum verändertem Inhalt immer neue Formen zu entwerfen. So gesehen wird die zeitliche Kongruenz des Auftauchens und Verschwindens der S.255 Heckflossen an den Autos mit dem Aufstieg und Fall des aggressiv-erotischen Stars Jane Russell kaum erstaunen. Ist Bo Derek also das Pendant zur kompakten Leichtbauweise?
Ihr Auftritt in der "Traumfrau", den der "Stern" "das aufregendste Filmdebüt seit Marilyn Monroe" nennt (wo seid ihr, Maria Schneider, Charlotte Rampling, Meryl Streep?), legt eine positive Antwort nahe. Wie sie da in ihrem durchscheinenden Badeanzug an Mexikos Gestaden entlangschreitet, ihren makellosen, nur 1,62 Meter großen Körper leicht wiegend, ist sie die perfekte Frau ohne Eigenschaften.
Verglichen mit den Entrees einer Marlene Dietrich im "Blauen Engel" oder einer Rita Hayworth, die in "Gilda" ihre Mähne zurückwerfend "Put The Blame On Mame, Boys" sang, wirkte Bo Dereks Solo wie aus einem Werbefilm von Touropa und Vidal Sassoon. Ihr Pep beschränkt sich aufs exakt ausgebremste Schütteln ihres Zöpfchen-Gestrüpps und die korrekte Handhabung von Messer und Gabel.
Was sie in der "Traumfrau" zeigen darf, ist neben ihrem Diätkörper jene sexuelle Libertinage, wegen deren Fehlens ihre Vorgängerin Farrah offensichtlich verstoßen wurde. Diese Freizügigkeit wirkt natürlich auf den alternden Gockel, den Bo im Film verführen muß, wie eine Katastrophe, so, als würde ein Großwildjäger zum Löwenschießen in den Zoo geschickt.
Die emanzipierte Libertinage hat für den reinen Male-Chauvinisten den kalkulierten Nachteil, daß sie die aggressiv erträumte totale Verfügbarkeit der Frau durch die schuldlindernde Dimension der immer angenommenen positiven Willensäußerung ersetzt. Und was ein alter Chauvi ist -- der braucht sein schlechtes Gewissen. Für eine Erotik mit Rückgaberecht, wie sie Bo Derek ausstrahlt, mag er sich nicht plagen.
So dokumentiert ihre kometenhafte Karriere, zum Trost der Feministinnen, auch den unaufhaltsamen Abstieg männlicher Primaten-Instinkte. Die Traumfrau ist leicht zu haben, aber nicht mehr zu besitzen.
Wolfgang Limmer
Von Wolfgang Limmer

DER SPIEGEL 17/1980
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