21.04.1980

ROCKMUSIKKeuschheitslegende

Die englische Sängerin und Songschreiberin Joan Armatrading geht auf Deutschland-Tournee.
Die Persönlichkeits-Couturiers des Rockgeschäfts hätten ihr kaum ein Image weiter außerhalb der Norm verpassen können: die farbige englische Sängerin, Gitarristin und Komponistin Joan Armatrading, 29, führt ein zurückgezogenes Leben streng im Dienst ihrer Kunst wie eine Priesterin der sogenannten ernsten Musik.
In ihrem Metier sind solche Heimchen-Existenzen ohne Affären und Skandale selten; Alkohol, Drogen oder Männer scheinen im Privatleben der Vegetarierin Joan Armatrading keine Rolle zu spielen. Ihr unnahbar selbstbewußtes Auftreten im Konzert machte sie zum Idol einer "weitgehend weiblichen, im allgemeinen gebildeten Anhängerschaft" (US-Rockblatt "Rolling Stone").
Von ihrer Aura einer Kultfigur für eine erlesene Gemeinde scheint sich die Tochter von England-Einwanderern aus der Karibik, die mit sieben Jahren nach Birmingham gekommen war und dort aufwuchs, immer mehr zu befreien: Ihr Auftritt stand auf dem Programm des ARD-"Rockpalast-Festivals" vom letzten Samstag, das Millionen Fernsehzuschauer zwischen Großbritannien und der Sowjet-Union live miterlebten. Diesen Samstag startet sie ihre dritte Deutschland-Tournee.
Zum "Außenseiter-Star im heutigen Musik-Geschäft, in dem Persönlichkeit sich gewöhnlich mehr auszahlt als Charakter" S.260 ("The New York Times"), wurde Joan Armatrading wegen ihrer hartnäckigen Weigerung, sich dem Publikum anzubiedern. Das hat ihr schon den Vorwurf der Arroganz eingetragen.
Und sie hat eine Abneigung gegen jeden Ausrutscher in Show-Attitüden: Bei ihren Auftritten steht sie meist im schlichten Dreß aus Hemd und Jeans auf der Bühne, und als Schmuck hat sie einen Schlüssel an edlem Kettchen um den Hals.
Für die "Frankfurter Allgemeine" ist Joan Armatrading eine "scheue Melomanin mit dem fast schon exzentrisch wirkenden Verzicht auf Ausstattungsplunder". Ihre "Normalität" und "Zurückhaltung" wirken "wie ein exotisches Element und leider auch schon wie ein Markenzeichen für das nach Etiketten gierige Business". Die ambitionierte Joan Armatrading würde, wie sie sagt, "Glitzer-Klamotten oder Sex-Fummel nie anziehen. Ich setze auf meine Musik."
Die steht in keiner Beziehung zu verwegenen Rock-Exzessen und bewegt sich immer in äußerst geschmackvollem Rahmen. Sie ist eine formvollendete Mixtur aus Rock, Jazz, Reggae und Blues, ein originelles Gewebe aus subtilen Rhythmuswechseln und einer in vielen Klangfarben schillernden Instrumentierung.
Mustergültig virtuos ist auch das Gitarrenspiel der Rockmusikerin, die seit 1973 sechs LPs veröffentlicht hat und sich auch schon in den Bestsellerlisten placieren konnte. In Kürze erscheint ein neues Album mit dem Titel "Me Myself I".
1977 hatte Joan Armatrading Konzerte mit dem Song "Tall In The Saddle" beendet und dieses Anti-Macho-Stück "allen Männern" gewidmet, "die von sich glauben, sie wären ein Gottesgeschenk für die Frauen". Und weil sie in ihren Liebesliedern oft Situationen beschreibt, in denen Frauen zudringliche Männer abwehren, hat die Frauenbewegung versucht, die eigenwillige Musikerin als feministisches Zugpferd einzuspannen.
Das hat sie aber wiederholt energisch abgelehnt. Von der Frauenbewegung sei sie "so weit weg, wie man es nur sein kann. Ich schreibe nicht für Frauen, ich schreibe für Joan Armatrading".
Ihr Ziel ist die erfolgreiche Karriere, auf ihre Musik und nicht auf hilfreiche Publicity-Gags gegründet. Dafür vergräbt sie sich in die Isolation und ist auf keiner Branchen-Party zu sehen.
Allenfalls teilt sie in Interviews mit, daß sie Comics liest oder Romane von Agatha Christie und Pearl S. Buck, wenn sie nicht ehrgeizig an der Perfektion ihrer musikalischen Fähigkeiten arbeitet oder neue Songs schreibt.
In einem ihrer Lieblings-Stücke, dem Song "People", lamentiert sie fast über ihr selbstgewähltes Eremiten-Dasein, wenn sie singt: "Leute links von mir, Leute rechts von mir -- ich will allein sein, aber es wird andauernd mieser."
Von solchen Emotionen dringt kaum etwas ans Publikum. Anders als bei mutig sich selbst offenbarenden großen Rocksängerinnen wie Aretha Franklin oder Janis Joplin bleibt ihre Stimme stets maßvoll gezügelt und verrät keine Gemütsbewegung.
"Deprimierend unpersönlich" fand ein Kritiker des "Rolling Stone" eine Armatrading-Platte von 1977. Ihr Titel: "Show some Emotion".

DER SPIEGEL 17/1980
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DER SPIEGEL 17/1980
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