20.04.1981

ENGLANDGeschockt wie nie

Die Hälfte der 16- bis 19jährigen Farbigen arbeitslos, Wohnungsnot, Getto-Mentalität - der Ausbruch von Rassenhaß im Londoner Stadtteil Brixton war unvermeidlich.
Der Anlaß für die schwersten Unruhen in der Geschichte Greater Londons schien banal. Ein junger Farbiger, so gaben Augenzeugen später an, sei in der Railton Road von der Polizei gestoppt und dann in einen Streifenwagen gezerrt worden.
Das schien, gemessen an der Zugriffhäufigkeit der Bobbies, nicht einmal eine Notiz im Polizeibericht von Brixton wert: Nirgendwo sonst in den 32 Stadtbezirken Londons ist die Straßenkriminalität so hoch, und dichter als in jedem anderen Quartier hausen in den Blocks von Brixton Abertausende farbiger Zuwanderer, gettoähnlich, wie in der New Yorker Bronx, isoliert vom Rest der Sieben-Millionen-Stadt.
Diesmal aber, vorletzten Sonnabend um 17 Uhr, explodierte das mit sozialen Spannungen angefüllte Pulverfaß im Süden Londons.
Etwa 800 Jugendliche, alarmiert durch die Verhaftung in der Railton Road, lieferten sich mit mehr als 1000 Polizisten eine sechsstündige Schlacht um Straßen und Gebäude.
Während die Fußtruppen der Polizei wie römische Gladiatoren hinter ihren Schilden Schutz suchten, wurden sie von jungen Farbigen mit Ziegelsteinen, Molotow-Cocktails und Eisenbolzen bombardiert. Häuser, von Brandsätzen S.142 getroffen, brannten aus und stürzten ein. Autobarrikaden verhinderten das Durchkommen der Feuerwehr.
Brixton, im 19. Jahrhundert noch ein bevorzugtes, mit prächtigen Alleebäumen aufgelockertes Wohngebiet der Mittelklasse, wurde in dieser Nacht zum Synonym für die Kluft, die zwischen den farbigen Minderheiten und den weißen Briten, vor Ort vertreten durch die Polizei, entstanden ist.
Als Innenminister William Whitelaw tags darauf die Kampfzone besichtigte, schirmten ihn Agenten in Zivil von einer aufgebrachten, "Sieg heil" rufenden Menge ab. Whitelaw äußerte zwar "tiefen Horror und Entsetzen", die ihn angesichts der Schäden überkommen hätten, Zuspruch für die Einwohner von Brixton aber, von denen mehrere Tausend eine neue Wohnung suchen, erteilte der Besucher nicht.
Die jugendlichen Farbigen von Brixton hätten Minister-Trost auch gar nicht angenommen. Nur Stunden nach der Trümmer-Tour von Whitelaw kam es in dem Slumgebiet erneut zu schweren Auseinandersetzungen. Die Wochenendbilanz: über 200 Verletzte, 25 zum Teil bis auf die Grundmauern ausgebrannte Häuser, 60 Schrottautos sowie 200 geplünderte Pubs und Geschäfte.
Am Montag war England geschockt wie nie. Eruptive Gewalt in dieser Form war bisher nur im nordirischen Belfast vorgekommen.
"Brixton -- das war der Höhepunkt an Frustration, Enttäuschung, Heimatlosigkeit und Konfrontation", erläuterte Courtenay Laws, Gemeindevertreter in dem betroffenen Bezirk, der Nation. Und auch die "Times", im bisher schärfsten Leitartikel gegen die Sozialpolitik der Regierungschefin Margaret Thatcher, pflichtete dem bei: "Brixton wird den Mythos brechen, daß Arbeitslosigkeit in Großbritannien ohne Konsequenzen akzeptiert wird."
Tatsächlich sind in Brixton die Folgen der Wirtschaftskrise, des rigorosen Sparhaushalts von Margaret Thatcher und die Not der Menschen ohne Job besonders fühlbar.
Ein Fünftel der farbigen Zuwanderer aus dem Commonwealth ist arbeitslos; von den 16 bis 19 Jahre alten Jugendlichen, die zumeist schon in London geboren wurden, ist sogar die Hälfte ohne Broterwerb. Für Jugendliche aber wies das zuständige Arbeitsamt zuletzt nur 13 freie Stellen aus. "Unter den jungen Farbigen, die ziellos herumlungern, herrscht Getto-Mentalität", wundert sich der "Daily Telegraph".
In Wahrheit sind die Wohnverhältnisse so trostlos, daß viele Jugendliche gezwungen sind, die Zeit im Freien zuzubringen, als ob London Rom sei. Der Bau eines Freizeitzentrums beispielsweise, der mit Millionenaufwand schon vorangetrieben worden war, wurde von den Sparkommissaren der Regierung erst vor kurzem eingestellt.
Konflikte mit der Staatsmacht, ob in Uniform oder Zivil, schienen aber auch schon deshalb unausweichlich, weil sich die meisten Farbigen aus der Karibik, aus Schwarzafrika und Asien von der Polizei diskriminiert fühlen -- und das mit Recht.
Junge Farbige, so geht aus dem jüngsten Heft des "British Journal of Criminology" hervor, werden im Süden Londons ungleich härter angefaßt als gleichaltrige Weiße. Gegen zwei Drittel aller schwarzen Teenager, die als verdächtige Personen festgenommen werden, erheben die Behörden sofort Anklage, während bei den Weißen mehr als die Hälfte ungeschoren bleibt.
"Wo ich auch gehe, halten mich die Cops an und wollen meinen Ausweis sehen", klagt ein junger Farbiger in Brixton, "wer ein Gesicht wie ich hat, wird nicht als gesetzestreu angesehen."
Verhaßt sind in Brixton vor allem die Mitglieder der Special Patrol Group (SPG), die seit 1978 in dem Stadtteil Streife gehen. Ihre harten Greifmethoden nach dem Motto "Stop and search" (Anhalten und Durchsuchen) halfen zwar, die Kriminalität ein wenig einzudämmen, steigerten aber die Verbitterung der jungen Leute nur.
Im Januar bereits hatte der Stadtrat von Lambeth, der auch Brixton mitverwaltet, Londons Polizei als "Besatzungsarmee" kritisiert, die ihre Macht mißbrauche, indem sie Farbige, "vor allem aber Jugendliche", kriminalisiere. Die Gemeinde, so der weitsichtige Bericht, werde diese Polizeimaßnahmen "vielleicht nicht überleben können".
Daraus aber zog die Polizeispitze bei Scotland Yard ganz offenkundig keine Konsequenzen. Vorletzte Woche beispielsweise, noch vor Ausbruch der blutigen Kämpfe in dem Kern von Brixton, hatten SPG-Beamte 1000 Menschen angehalten, die gerade auf der Straße waren -- jeder zehnte der Durchsuchten wurde inhaftiert.
Während Innenminister Whitelaw vorigen Montag immerhin ankündigte, er wolle die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen des Aufruhrs von einer Kommission untersuchen lassen, sind die Farbigen pessimistisch.
"Die nächsten Unruhen werden in Birmingham und Manchester ausbrechen", glaubt der Gemeindevertreter Jeff Crawford, "das repressive Verhalten der Polizei wird die jungen Leute überkochen lassen."

DER SPIEGEL 17/1981
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