30.06.1980

RAUSCHGIFTTeuflische Rakete

„Engelsstaub“, eine künstlich hergestellte Droge, die Schizophrenie-ähnliche Wahnzustände auslöst, breitet sich in den USA aus.
Im Polizei-Hauptquartier von Baltimore streckte der Student Charlie Innes, wegen eines Sittendeliktes inhaftiert, die Hände durch das Zellengitter. Zwischen seinen Fingern quoll eine gallertartige Masse hervor: Der 26jährige hatte sich die Augen aus den Höhlen gekratzt.
In New Jersey ging der 17jährige Barry Evans in das Haus einer alten Dame und knüppelte sie tot. Dann legte er sich neben die Erschlagene. Als er am nächsten Morgen erwachte, konnte er sich an nichts mehr erinnern.
Innes und Evans standen unter Einfluß eines Rauschgiftes, dessen Wirkung gefährlicher und folgenschwerer ist als die jeder bislang bekannten Droge: Phencyclidin (chemisches Kürzel: PCP), ein weißes Schmerzpulver aus der Apotheke amerikanischer Tierärzte, macht die Konsumenten aggressiv gegen sich und ihre Umwelt.
Das Teufelszeug, in der Szene "Engelsstaub" oder "Raketentreibstoff" genannt, ist derzeit die beliebteste Droge auf dem US-Rauschgiftmarkt: Jeder zehnte Amerikaner zwischen 12 und 25 Jahren nimmt PCP mehr oder weniger regelmäßig, über sieben Millionen haben die Droge immerhin schon mal probiert. Allein im letzten Jahr starben über 120 Phencyclidin-Süchtige.
Sie sprangen von Hausdächern, hackten sich mit einem Beil die Beine ab und verbluteten, ertranken in Pfützen oder legten sich seelenruhig auf die Eisenbahnschienen. "Es ist", beschrieb ein PCP-Süchtiger die Wirkung des Giftes, "als sei man von seinem Körper losgelöst."
Andere Engelsstaub-Konsumenten berichten von Halluzinationen und Verfolgungsängsten: Während des Trips kommen ihnen Menschen häufig vor wie fratzenschneidende Monster, Autos verwandeln sich in Drachen, Bäume werden zu bedrohlichen Riesen -- eine Wahnwelt wie von Hieronymus Bosch.
Lange rätselten Neurophysiologen und Biochemiker, wie die psychischen Horrorgemälde im Gehirn entstehen. Erst vor kurzem fanden sie heraus, daß Phencyclidin-Genuß ein regelrechtes Gewitter im zentralen Nervensystem auslöst:
* PCP wirkt, so eine jüngst in dem britischen Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlichte Untersuchung, direkt auf die Nervenzellen des Hippokampus -- einer Gehirnregion, die Emotionen und Triebverhalten beeinflußt und überdies für die Speicherung neuer Informationen mitverantwortlich ist.
* PCP hindert das Gehirn daran, zwischen sensorischen Informationen (etwa von Augen, Ohren oder Geruchssinn) und psychischen Informationen (Gefühlen und Gedanken) zu unterscheiden: Innen- und Außenwelt vermengen sich zu einem Chaos von Realität und Phantasie.
Entwickelt wurde die Horror-Droge in den fünfziger Jahren von dem amerikanischen Pharma-Hersteller Parke, Davis & Company als Analgetikum, das die Wundschmerzen frisch Operierter lindern sollte.
Doch schon während der klinischen Tests häuften sich die Berichte über S.180 unangenehme Nebenwirkungen: Selbst nach einer kleinen PCP-Dosis wußten Patienten plötzlich nicht mehr, wo ihr Kopf geblieben war -- und wandelten dann, frisch genäht, wahnwirr durchs Hospital, um ihn zu suchen. Andere PCP-Versuchspersonen in den Kliniken, beschreibt das US-Magazin "Human Behavior", hielten Ärzte und Krankenschwestern "für Vampire mit drei Meter Flügelspanne".
1965 zogen die Parke-Manager ihr offensichtlich halluzinogenes Präparat aus dem Verkehr; seitdem darf PCP nur mehr von Tierärzten benützt werden -- etwa als Tranquilizer für Schlachtvieh.
Zwei Jahre später erschien Phencyclidin erstmals auf dem Drogenmarkt: Im Juni 1967, als die Blumenkinder San Franciscos während eines Rockkonzerts daran naschten und 30 Hippies völlig ausgefreakt in einer Klinik behandelt werden mußten, schien es sich noch um einen Einzelfall zu handeln.
Doch 1974, bei einer Rock-Fete in Oakland, war der Engelsstaub plötzlich wieder da; danach breitete er sich rascher aus als je ein Rauschgift zuvor. Inzwischen wird die Droge mit den vielen Namen in nahezu allen US-Bundesstaaten gehandelt. "PCP ist die am leichtesten erhältliche Droge neben Marihuana und Alkohol", schrieb der Chicagoer Drogenberater Randy Weber.
Auf dem deutschen Giftmarkt ist Engelsstaub bislang nur in Mini-Mengen aufgetaucht. Auch in Zukunft, vermutet Drogenbekämpfer Erich Straß vom Bundeskriminalamt, werde PCP "hierzulande keine Rolle spielen": Deutschlands Drogen-Konsumenten, offenbar fixiert auf pflanzliche Rauschgifte wie Haschisch oder Heroin, fahren seit jeher nicht auf Chemie-Drogen ab; selbst LSD, in den frühen siebziger Jahren von Studenten zwecks Bewußtseinserweiterung geschluckt, blieb eine Modewelle.
Viele der amerikanischen Hinterhof-Labors, die früher illegal LSD und Amphetamine herstellten, haben sich inzwischen auf die Produktion von PCP umgestellt: Aus Grundstoffen für etwa 125 Dollar -- etwa Piperidin, Benzol und Kaliumzyanid -- kann jeder Chemiestudent Engelsstaub im Straßenverkaufswert von rund 100 000 Dollar zusammenkochen. "Kein anderes Rauschgift ist so profitabel", kommentiert der New Yorker Drogenexperte Peter Merle.
Die Billig-Droge wird in allen Formen konsumiert: Als Pulver kann sie wie Kokain ("Crystal") geschnupft, zu Pillen gepreßt ("tic-tac") einfach geschluckt werden. Und mit PCP in Sprayform lassen sich Marihuana oder gehackte Kräuter besprühen und dann rauchen ("Sherman''s").
Vornehmlich Dauerverbraucher werden während der bis zu 48 Stunden dauernden Trips von Angstgefühlen und Depressionen förmlich geschüttelt; viele PCP-Süchtige hören seltsame Stimmen oder kakophone Musik, manche halten sich wärend der "High"-Phase für den Teufel. Häufig entlädt sich die psychische Folter in hemmungsloser Selbstaggression, die bis zur langsamen Selbstverstümmelung geht: Wegen der analgetischen Wirkung von PCP fühlen die Engelsstaub-Esser keine Schmerzen.
Diese Phencyclidin-Psychose gleicht in ihren Symptomen und Folgen jenen psychischen Zuständen, die Psychiater unter dem Oberbegriff Schizophrenie einordnen. Die frappierende Ähnlichkeit zwischen PCP-Psychose und Schizophrenie brachte Neurophysiologen und Biochemiker auf den Gedanken, Phencyclidin könnte eine Art Auslöser für schizophrene Anfälle sein.
Die Wissenschaftler vermuten, daß spezielle PCP-Empfänger ("Rezeptoren") im Gehirn Phencyclidin binden; das derart gefesselte PCP wiederum, so ihre Hypothese, beeinflußt die Funktion der sogenannten Neurotransmitter -- jener chemischen Botenstoffe, die Informationen hin- und herbefördern.
Ähnliche Rezeptoren, die auf Opiate (Morphium und Heroin) ansprechen, hatten Forscher schon vor zehn Jahren entdeckt. Diese Opiat-Sensoren konnten, so folgerten die Wissenschaftler, eigentlich nur den Zweck haben, körpereigene Opiat-Substanzen zu binden.
Tatsächlich entdeckten zwei schottische Biochemiker, daß der Mensch solche Stoffe produziert -- sogenannte Endorphine,
( Endorphine: zusammengezogen aus ) ( griechisch "endogen" = von innen her ) ( stammend und "Morphin" = Rauschmittel ) ( aus Schlafmohn. )
die dem Morphium chemisch verwandt sind. Sie schützen, etwa bei schweren Verletzungen, vor der Wahrnehmung des Schmerzes; mehr noch: Sie sind sozusagen die materielle Grundlage von Lust und guter Laune.
Wie mit den Endorphinen, meinen die Wissenschaftler, könnte es sich auch beim Phencyclidin verhalten. "Es ist durchaus möglich", urteilte der Pharmakologe und Psychiater Professor Solomon Snyder von der amerikanischen Johns Hopkins University, "daß der Körper auch sein eigenes PCP produziert."
Dieses endogene Phencyclidin, so die Vorstellung vieler Forscher, könnte über die PCP-Rezeptoren Schizophrenie auslösen -- freilich nur bei Menschen, die auf besondere Weise PCPsensibel sind.
Daß nicht alle Menschen gleich auf PCP reagieren, beobachtete der US-Drogenforscher Steven Lerner von der University of California: "Manche haben auf ihrem ersten Trip durchaus vergnügliche Gefühle", andere klagen über steife Muskeln, taube Glieder und üble Psycho-Verstimmungen.
Doch um nach einer Woche PCP-Konsums noch Wirkung zu verspüren, müssen die Engelsstaub-Novizen ihre Tagesdosis schon kräftig erhöhen -mit schlimmen Folgen: Wie Roboter, deren Steuerelektronik verrückt spielt, staksen sie rast- und ziellos durch die Gegend, ihre Augäpfel quellen hervor, das Sprechvermögen reduziert sich auf unverständliches Grunzen.
Trotzdem brauchen sie, schnell süchtig geworden, schon bald die nächste Ration. "Es ist unverständlich", so Peter Merle. "Die Leute gieren nach einer Droge, bei der nicht einmal die Trips angenehm sind."
S.180 Endorphine: zusammengezogen aus griechisch "endogen" = von innen her stammend und "Morphin" = Rauschmittel aus Schlafmohn. * Aus dem amerikanischen Dokumentarfilm "Die PCP-Story". *

DER SPIEGEL 27/1980
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