30.06.1980

SPORTMEDIZINIntern Dynamit

Beendet ein Dopingskandal die Karriere des Didi Thurau? In seinem Urin fanden Kontrolleure nicht nur aufputschende Substanzen, sondern, merkwürdigerweise, auch reichlich Nikotin.
Die Leute reden so viel über Doping", hatte Dietrich Thurau 1977 ganz allgemein bemerkt und dann hinzugefügt: "Aber wer heute nichts nimmt, der bringt auch nichts." Seine Hoffnung damals: "Ich nehme nichts, was mich schnell kaputtmacht."
Drei Jahre später ist aus dem einst als "blonden germanischen Gott" und "Notre bel ami" umjubelten Favoriten der "Tour de France" ein bemitleideter Außenseiter geworden, der um seine Existenz bangen muß. "Er hat leider nicht gehalten, was er versprach", bedauert Eddy Merckx, der die Tour fünfmal gewann und dem begabten Frankfurter zutraute, daß der es als erster Deutscher auch mal schaffen könnte.
"Wenn ich nur halb soviel Talent wie Thurau hätte", urteilt sein Mannschaftsgefährte und Wasserträger Jostein Wilmann aus Norwegen, "dann wäre Bernard Hinault, die große Hoffnung der Franzosen, in dieser Tour nur ein Statist."
Doch als Statist, womöglich gar nur als Zuschauer, figuriert jetzt Dietrich Thurau. In die Kulisse stellt ihn der bedächtige Schweizer Sportmediziner Hans Howald, 44. Der Doktor leitet das Forschungsinstitut der Eidgenössischen Turn- und Sportschule in Magglingen. Dort, in der Tiefkühltruhe des Labors, sind die Beweise eingefroren, die Dietrich Thuraus steile Radlerkarriere abrupt beenden können: Urinproben des Berufssportlers, die Thurau nach zwei Rennen in der Schweiz reglementsgemäß abgeben mußte.
"In der ersten Probe ist mit absoluter Sicherheit Phentermin enthalten", urteilt Doping-Kontrolleur Howald. Der Stoff ist ein naher chemischer Verwandter des berühmt-berüchtigten Aufputschmittels Amphetamin (Handelsname: "Pervitin").
Ganze Generationen von Berufsradfahrern haben sich mit diesen Drogen -- intern "Dynamit" oder "Speed" genannt -- gedopt, darunter der Toursieger Jacques Anquetil. Phentermin, enthalten in einigen Appetitzüglern, die in Deutschland nicht verkauft werden dürfen, erhöht Blutdruck und Herzfrequenz. Vor allem aber verscheucht es Muskelschmerzen und Müdigkeit.
"Die zweite Aufputschdroge, die wir bei Thurau nachgewiesen haben", listet Dr. Howald Thuraus Sünden auf, "ist auch ein heißes Ding." Am meisten jedoch irritiert den Eidgenossen, daß die mehrfache chemische Analyse des Sportlerharns nebenbei "immer enorme Mengen Nikotin erbracht hat, dabei raucht Herr Thurau doch gar nicht". Die Nikotinvorräte in Didi Thuraus Blase sind nach den Schweizer Analysen so beträchtlich, daß der Radstar eigentlich "während der mehrstündigen Rennen geraucht haben müßte".
Der Preisfrage -- wie kommt das Nikotin in den Urin des Nichtrauchers Thurau? -- nähert sich der Dopingkontrolleur Howald mit der gebotenen wissenschaftlichen Vorsicht: "Es gehen Gerüchte um, daß Sportler nach dem Rennen und vor der Dopingkontrolle katheterisiert werden. Dabei wird die Blase nicht nur gespült. Es könnte auch Fremdurin eingebracht werden."
Daß fremder ("sauberer") Urin den Kontrolleuren untergeschoben wird, ist im Radsport nichts Neues: 1978 wurde der belgische Eisentreter Michel Pollentier dabei erwischt, wie er aus einer im Trikot sorgsam eingebauten Gummiblase, deren Ausführungsschlauch unter dem Penis endete, das Urinfläschchen füllen wollte.
Pollentier wurde damals des gerade erkämpften "Gelben Trikots" für verlustig erklärt. Diesmal ist er, als Kapitän der Mannschaft "Splendor", im Wanderzirkus Tour de France wieder mit von der Partie. Ein namenloser Radler wechselte hingegen den Beruf und heiratete, als aus der abgegebenen Urinprobe eine Schwangerschaft diagnostiert wurde -- die seiner Braut.
Dietrich Thurau nennt alle Dopingnachrichten "lächerlich" und "erlogen". Der Frankfurter, nach einem enttäuschenden fünften Platz im Auftakt"Prolog" ohnehin finsterer Stimmung: "Das ist ein Komplott." Auch das, von den Experten "Para-Doping" genannt, hat es im zwielichten Renngewerbe schon gegeben.
Para-Doping, lehrt der Wiener Universitätsprofessor Ludwig Prokop, ist der Versuch, "durch geeignete Mittel die Leistungsfähigkeit des Gegners zu verschlechtern oder ihn durch echte Dopingmittel bei Kontrolleuren auffallen und damit ausschließen zu lassen".
Solchen denkbaren Manipulationen sind bei den Urinkontrollen jedoch mehrere Riegel vorgeschoben: wer dazu ausersehen ist, sein Wasser abzuschlagen -- gewöhnlich die ersten drei eines Rennens und zwei durch das Los bestimmte Nachzügler --, tut dies unter Aufsicht eines Arztes und eines Radsportfunktionärs.
Gefordert werden 100 Milliliter Harn, die in zwei gleich große Portionen aufgeteilt und an Ort und Stelle versiegelt werden. Jedes Fläschchen erhält eine Nummer. Den Namen des Radlers erfährt der analysierende Laborarzt erst dann, wenn das Ergebnis seiner Spurensuche vorliegt und dem Radsportverband der Befund samt der Codenummer übermittelt wurde.
Jeder Verdächtigte hat das Recht, eine "Gegenkontrolle" zu verlangen. Dann wird, in Anwesenheit mehrerer Zeugen, die in Reserve gehaltene zweite Urinflasche entsiegelt und ihr Inhalt unverzüglich analysiert. Dabei darf ein Vertrauensmann des angeschuldigten Doping-Sünders, meist ein Chemiker oder Arzt, anwesend sein. Sachkenntnis ist von Vorteil, denn die zur Analyse benutzten "Gaschromatographen" und S.184 "Spektrometer" sind hochkomplizierte Geräte: Sie entdecken selbst Milliardstel Gramm ("Nanogramm") der verbotenen Substanzen.
Gefahndet wird nach rund vierzig verschiedenen Stoffen. Was die Eisentreter nicht nehmen dürfen, stellt der Sportverband "Union Cycliste Internationale" (UCI) alle Jahre wieder in einer neuen Dopingliste zusammen.
Phentermin ist auch darunter, doch "seit Jahren niemals nachgewiesen" worden. "Deshalb hatten wir einige Mühe", erinnert sich Spurensucher Howald. Den Eidgenossen hat der schnelle Didi noch einen zweiten Kummer bereitet. Seine Urinprobe war derart massiv mit Massageöl verunreinigt, daß das 500 000 Fränkli teure Spektrometer für drei Tage außer Betrieb gesetzt war. Am Phentermin-Ergebnis änderte das nichts.
Doping-Feind Howald hat seine Testverfahren inzwischen soweit verfeinert, daß ihm und seinen Helfern bereits fünf Milliliter, mithin ein Zwanzigstel der abgeforderten Harnmenge, zur Dopingkontrolle ausreichen. Auf diese Weise gerät er, wie er frohgemut hofft, in "keinerlei Beweisnot. Wir haben mehrere versiegelte Urine von Herrn Thurau eingefroren".
Ob es dazu kommt, ist zweifelhaft. Die Radsportfunktionäre haben in der Vergangenheit Dopingsünder nur sehr lasch verfolgt. In keiner zweiten Sportart wird so wild entschlossen gedopt wie bei den Rennradlern.
Seit es Kontrollen gibt, sind alle Sieger der "Tour de France" -- einzige Ausnahme: Frankreichs neuer Superstar Bernard Hinault -- wegen Dopings bestraft worden, abgeschreckt hat das niemanden. "Noch immer", sagt Howald, "ist das UCI-Reglement mit seinen Formalien und Fristen so eingerichtet, daß unsere Arbeit erschwert wird."
Den Sportlern wird erlaubt, erst eine Stunde nach Ende des Rennens, frisch gewaschen, zum Wasserlassen anzutreten. Auf diese Frist legt Thurau wert: "Wir sind doch keine Maschinen" -seine Mannschaftskameraden auch nicht. Joaquin Agostinho, der beste Mann in Thuraus "Puch"-Team, ist wegen Dopings vorbestraft. Sein Helfer Hans-Peter Jakst puschte sich noch am vorletzten Sonntag bei der Deutschen Meisterschaft mit der verbotenen Droge Ephedrin. Howald: "In beträchtlicher Menge nachgewiesen."
Mannschaftsleiter Rudi Altig, 43, der 1966 auf dem Nürburgring Weltmeister der Radprofis wurde, zieht angesichts solcher Hiobsbotschaften nervös an seiner Zigarette: "Wir müssen das Ganze in Ruhe klären."
Darin hat Altig Erfahrung: Der frühere "Tour"-Arzt Dr. Dumas nannte das Kölner Radsport-As die "rollende Apotheke" -- in Altigs Urin drängelten sich schon gleichzeitig zwölf verschiedene Arzneistoffe.

DER SPIEGEL 27/1980
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