25.02.1980

GESTORBENAlfred Andersch

Alfred Andersch, 66. Der Romancier ("Winterspelt"), Erzähler ("Ein Liebhaber des Halbschattens") und Essayist war eine Gründer- und Schlüsselfigur der deutschen Nachkriegsliteratur, aber er gehörte nie zu deren ruhm- und erfolgreichsten Autoren. Die Schriftsteller-Karriere des Münchner Offizierssohns, der vor 1933 in der KPD aktiv, nach Hitlers Machtergreifung mehrere Monate im KZ Dachau inhaftiert war und 1944 in Italien aus der Wehrmacht zu den US-Truppen flüchtete, begann bei Kriegsende, angetrieben von antifaschistisch-radikaldemokratischem Engagement. Zusammen mit Hans Werner Richter gab Andersch in München die Zeitschrift "Der Ruf" heraus. Als sie 1947 verboten wurde, starteten Richter und Andersch mit anderen die Schriftsteller-"Gruppe 47". Mit dem Bericht über seine Desertion, "Die Kirschen der Freiheit" (1952), und dem Roman über Verfolgung und Widerstand im NS-Reich, "Sansibar oder der letzte Grund" (1957), fand er positive Beachtung, am Roman "Die Rote" (1960) verrissen die meisten Kritiker seine Neigung zu prätentiösem Chic. Ende der fünfziger Jahre zog sich Andersch aus dem Adenauer-Staat ins Tessin zurück. 1976 entfachte er mit dem Gedicht "Artikel 3 (3)", in dem Vergleiche zwischen der Bundesrepublik des Radikalenerlasses und dem Naziregime gezogen wurden, die wohl heftigste Kontroverse seiner Laufbahn. Andersch starb, zwei Jahre nach einer Nierentransplantation, letzten Donnerstag in seinem Haus in Berzona.

DER SPIEGEL 9/1980
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GESTORBEN:
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