18.02.1980

Betr.: Standgericht

Datum: 18. Februar 1980 Betr.: Standgericht
Der SPIEGEL meldete in seiner vorigen Ausgabe (7/1980) Neues vom Kandidaten Strauss: Wie er sich als Mitarbeiter des Kanzlers im Grossen Krisenstab während der Schleyer- und der Flugzeug-Entführung aufgeführt habe. Dazu schrieb die "Süddeutsche Zeitung": "Als ... der Landesgruppenvorsitzende der CSU ... am Montag ... das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL aufschlug, fand er auf Seite 27 'Enthüllungen', die ihm das Urteil 'infam' entlockten ... DER SPIEGEL zitierte aus einem Buch des Hamburger 'Stern'-Reporters Peter Koch ... in dem es heisst, 'verkleidet in der Form der Wiedergabe von Volkes Meinung', habe Strauss 'den Vorschlag in die Diskussion (geworfen), Standgerichte zu schaffen und für jede erschossene Geisel einen RAF-Häftling zu erschiessen'. Aus eigenen Recherchen wollte indessen der SPIEGEL wissen, die 'Protokolle des Kanzleramts' sprächen noch eindeutiger für eine Urheberschaft von Strauss."
Friedrich Zimmermann, Landesgruppenvorsitzender der CSU und im Krisenstab dabei, hat damals alles mitstenographiert und wäre als Zeuge bestens geeignet. Nach Studium seiner Aufzeichnungen war Zimmermann zu Kanzleramts-Staatssekretär Manfred Schüler gegangen und hatte "den Verfall der Sitten" beklagt. Wenn Regierung und Opposition vertraulich beieinandersässen, dürfe keine Seite die andere hernach zitieren. Die Regierung solle die Darstellung des SPIEGEL aus der Welt schaffen.
Womit sie sich schwertat. Hatte doch Regierungssprecher Klaus Bölling am Montag beziehungsreich nur sagen mögen, er könne den SPIEGEL-Bericht nicht bestätigen, "schon deshalb nicht, weil diese internen Aufzeichnungen des Bundeskanzleramtes selbstredend vertraulich sind". Am Donnerstag widersprach Schüler ("Die Axt im Haus erspart den Zimmermann") der SPIEGEL-Geschichte: Die vom SPIEGEL genannten Protokolle seien eigentlich gar keine. Es handele sich vielmehr um kurzgefasste Darstellungen, die von den Sitzungsteilnehmern nicht autorisiert worden seien (siehe Seite 7). Mithin, die Ausdeutung bleibt offen: Es war alles noch viel schlimmer als in den Kanzleramtsaufzeichnungen festgehalten.
Richtig ist: Strauss hat sich nicht hinter Volkes Meinung versteckt, sondern nach Zeugnis und Unterlagen von Sitzungsteilnehmern selber für standrechtliche Erschiessungen plädiert. Und richtig ist auch: Der SPIEGEL hat zwar geschrieben, die Protokolle des Kanzleramtes sprächen noch eindeutiger gegen Strauss, als Autor Peter Koch schreibt. In jener Passage aber, in der Straussens Haltung präzise beschrieben wird, hatte sich der SPIEGEL ganz bewusst allgemein ausgedrückt: "den Unterlagen zufolge", den Aufzeichnungen anderer Teilnehmer.
Schüler handelte unter Druck. Denn Zimmermann hat Vergeltung angedroht. Bei Geheimgesprächen zwischen Regierung und Opposition auch aus letzter Zeit habe er Äusserungen des Bundeskanzlers mitgeschrieben, die, so die "SZ", "tagelang die Schlagzeilen der Weltpresse beherrschen würden, wenn sie sie erführe".
Nur zu, Axt Zimmermann.

DER SPIEGEL 8/1980
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