11.05.1981

„Deutsche tragen gemeinsame Schuld“

Ministerpräsident Menachem Begin im israelischen Rundfunk Der Text des Interviews, das Ministerpräsident Begin dem staatlichen Rundfunk gab, wurde von der Deutschen Presseagentur übersetzt. Der folgende Nachdruck ist leicht gekürzt.
FRAGE: Sie haben eben Kanzler Schmidt erwähnt. Sie greifen ihn und Frankreichs Präsident Giscard persönlich und sehr heftig an. Sind Sie nicht besorgt, daß diese Erklärungen -- die in sich berechtigt sind und gemacht werden mußten, wie Sie gestern sagten -- zu einer Spaltung, zu einer Sackgasse in unseren Beziehungen mit Europa, mit wichtigen Ländern in Europa führen könnten?
ANTWORT: Hören Sie, mein Freund. Ich war noch nie so erfreut wie an diesem Morgen, nachdem das, was ich gesagt habe, in Frankreich und Deutschland veröffentlicht worden ist -- und einen kleinen Sturm ausgelöst hat. Sehr erfreut. Hätte ich nicht so antworten sollen? Habe ich mich aus heiterem Himmel heraus entschlossen, Herrn Schmidt oder Herrn Giscard d''Estaing anzugreifen? Herr Schmidt ging nach Saudi-Arabien und gab dort eine Erklärung ab, die jeden Juden aufschreckte, selbst Herrn Peres, der es angemessen fand, mich für das, was ich über Herrn Schmidt sagte, zu kritisieren.
Der Mann nahm sich die Freiheit, nach seinem Besuch in Saudi-Arabien zu sagen, daß das deutsche Volk ein Problem mit beispielsweise den Holländern, den Dänen und einigen anderen Ländern habe. Das jüdische Volk existiert für ihn nicht. Er hat keinen Wertmaßstab für die jüdische Nation -- keine moralische Verpflichtung. Die Holländer, die Dänen -- dieser Eindruck, den er macht: et cetera et cetera. Und wir sind unter dem et cetera et cetera. Hat es jemals etwas so Abstoßendes gegeben? Daß ein Deutscher, der deutsche Staatschef, in solch einer Art und Weise mit dem umgeht, was die Deutschen uns angetan haben. Und später sagt er, daß Saudi-Arabien ein Verbündeter Deutschlands ist, der wichtigste nach den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft oder der Nato. Nun, auch das ist ein Skandal.
Immerhin spricht ein sozialistischer Führer über Saudi-Arabien als den wichtigsten Verbündeten nach beispielsweise den Vereinigten Staaten. Ein sozialistischer Führer spricht über ein Land, das bis in den Kern verdorben ist. Ein sehr intelligenter amerikanischer Staatsmann hat gesagt, daß Saudi-Arabien gar kein Land ist -- es ist eine Familie. 4000 Prinzen und Prinzessinnen saugen das Blut dieser Nation -- und es gibt viel Blut. Sie haben 130 Milliarden Dollar in amerikanischen Banken beiseite gelegt und Zig-Milliarden Dollar in britischen. Dies ist jenes elende Land, von dem uns Saki el-Jamani
( Saudischer Erdölminister. )
Witze über Kamele und Mäuse erzählt. Kein Wunder. Er fährt einen Cadillac, aber sein Verstand gehört noch dem 16. Jahrhundert an. Aus diesem Grunde haben alle seine Vergleiche mit Kamelen und Mäusen zu tun.
Und nun sagt der Kanzler Deutschlands, dieses Land sei das wichtigste nach Amerika und Europa, ohne zu erwähnen, was die Deutschen uns angetan haben, mit Ausnahme unserer Einbeziehung in das et cetera et cetera, nach der Erwähnung anderer Länder. Und danach zu sagen, daß ein palästinensischer Staat gebildet werden muß, denn das ist die Bedeutung der Selbstbestimmung -- und anschließend zu sagen, daß wir mit der Organisation verhandeln müssen, die als PLO bekannt ist, mit jenen Mördern -- allein bei dieser Bezeichnung läuft es mir kalt den Rücken herunter, denn der Buchstabe L steht für Befreiung (Liberation). Was habe ich also gemacht? Ich habe geantwortet. Und ich habe hauptsächlich auf eine Sache geantwortet.
Schauen Sie, mein Freund. Über Generationen hinweg haben Israels Feinde gesagt, daß die Juden habsüchtig seien. Ich habe nie einem Nicht-Juden vergeben, der so etwas gesagt hat. Denn ich erinnere mich an meinen Vater, möge er in Frieden ruhen. Er ist von den Deutschen getötet worden. War er geizig? Ich erinnere mich an all die Juden, mit denen ich zusammengelebt habe -- unschuldige Menschen, Handwerker, Tischler, Schneider und Schuster. Sie haben ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts verdient. Fuhrleute, Wagenbesitzer. Das jüdische Volk habgierig zu nennen war die größte aller Beleidigungen.
Und was ist jetzt geschehen? Wie ich schon sagte, was tut Herr Schmidt? Geht er nach Saudi-Arabien, um eine Prinzessin zu küssen? Hätte er das getan, der Himmel behüte, dann hätte man sie womöglich zusammen mit ihm umgebracht. Er geht nach Saudi-Arabien, um Geschäfte zu machen. In Ordnung, also geht er ohne den Leopard. Aber er hat andere Waffen. Ich verkaufe dir Waffen, und du verkaufst mir Öl. Also, wer ist hier habgierig? Ich sage nicht, daß er persönliche Vorteile im Auge hat. Ich kenne ihn nicht persönlich. Aber aus nationalem Blickwinkel ist dies Habgierigkeit der schlimmsten Sorte.
Und Herr Giscard d''Estaing hat, wie bekannt, überhaupt keine Prinzipien. Nur das, den Arabern Waffen zu verkaufen und von ihnen Öl zu kaufen. Ich weiß dies aus erster Hand. Er ist bereit, jede Art von Waffe zu verkaufen, darunter die schlimmste, an Irak und an Libyen -- nachdem Tschad überrollt worden ist. Und all dies nur, um Öl zu bekommen. Nichts anderes ist ihm wichtig ...
Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich habe vielleicht eine besondere Einstellung zu dem, was die Deutschen unserem Volk angetan haben, und dies ist nicht nur eine persönliche oder subjektive Sache. Ich weiß, wie meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und zwei Cousins -- einer vier Jahre, der andere fünf Jahre alt -- in ihren Tod gingen. Mein Vater, zusammen mit 500 Juden, ging an ihrer Spitze. Er war Sekretär der Gemeinde in Brest. Er sang die "Hatikwa" mit ihnen, sie sangen "Ich glaube". Die Deutschen stießen sie in den Fluß, eröffneten von beiden Seiten Feuer mit Maschinengewehren, und der Fluß färbte sich rot mit Blut. Das Wasser wurde zu Blut. So starben sie. So starb mein Vater. Meine Mutter war eine alte Frau, krank im Hospital. Sie trieben sie und alle kranken Frauen aus S.30 dem Hospital zusammen und schlachteten sie ab.
Vielleicht haben andere keine solche Erfahrungen. Ich leugne das nicht. Ich lebe damit, und ich werde damit leben bis zum Tag meines Todes. Was sie unserem Volke angetan haben, was sie unserem Volke angetan haben! Ich habe dem deutschen Volk als Ganzem nie vergeben. Ich werde ihm nie vergeben, denn sie tragen gemeinsame Schuld. Solange Hitler Siege brachte, bejubelten sie ihn. Später, als der Niedergang begann, haben sie sich ein wenig abgewendet.
Ich will nicht die Hand eines Deutschen schütteln, der an dem Krieg teilgenommen hat. Ich bin jetzt Ministerpräsident. Ich erfülle meine offizielle Rolle. Als Herr Genscher, der Außenminister, zu mir kam, habe ich ihn empfangen und mit ihm gesprochen, natürlich nicht auf deutsch. Er sprach Englisch, und ich sprach mit ihm in Englisch. Ich hätte nicht deutsch mit ihm gesprochen. Und wenn Herr Schmidt nach Israel gekommen wäre, dann hätte ich ihn begrüßt. Warum? Dies ist Teil meiner offiziellen Pflichten. Aber persönlich? Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Als ich einmal mit meiner Frau in Rom war, besichtigten wir die Bibliothek des Vatikans. Wir haben beide Latein studiert, und so lasen wir die alte Bibel in lateinisch -- alle Bücher, die dort waren. Ein Ehepaar kam auf uns zu -- wir sprachen natürlich hebräisch -- und fragte, welche Sprache wir sprächen.
Wir sagten ihnen: "Wir sprachen hebräisch." -- "Oh, Sie sind aus Israel?" -- "Wir sind aus Israel." -- "Oh, wir mögen Sie so gern, wir haben soviel Respekt vor Ihnen." Also fragte ich: "Und woher kommen Sie?" -- "Wir sind aus Deutschland." Dann fragte ich ihn: "Wie alt sind Sie?" -- "45 Jahre" -- 45 Jahre? Dann waren sie im Zweiten Weltkrieg 20, 25 Jahre alt. Ich sagte nichts. Ich wich zurück, ganz einfach. Vielleicht war er an dem Mord meines Vaters oder unserer kleinen Kinder beteiligt. Wenn ich über meinen Vater spreche, dann spreche ich von allen Vätern, über meine Mutter, dann von allen Müttern, über meine beiden kleinen Cousins, dann von allen Kindern in Israel. Solch ein Grauen hat es nicht gegeben, seit Gott den Menschen und der Mensch Satan erschufen. Unter einem zivilisierten Volk, das Goethe und Schiller und Heine hervorgebracht hat.
Der Mann also, der Staatschef jenes Landes ist, will uns erzählen, was Saudi-Arabien ist -- das Land, das den Dschihad (den Heiligen Krieg) erklärt hat. Das will er nicht in Rechnung ziehen, wenn er zu denen und zu uns spricht? Er will nicht sagen: Wir haben Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Staat? Das will er nicht sagen? Aber er konnte sagen, daß meine Starrsinnigkeit wie eine griechische Tragödie ist, mit anderen Worten, unser Schicksal ist besiegelt. Warum? Weil ich der Teilung Jerusalems nicht zustimme? Weil ich Arafat nicht Judäa und Samaria übergeben will? Damit dieser von den Städten Samarias aus unsere Kinder morden kann? Dies gehört zu den Skandalen unserer Zeit. Es gibt noch einige lammfromme Juden, denen die Knie zittern, weil ihr Ministerpräsident vielleicht ein zu heftiges Wort über Kanzler Schmidt äußern könnte, der Hitler bis zum letzten Moment im Zweiten Weltkrieg treu blieb. Er war Offizier seiner Armee.
FRAGE: Die Frage ist, ob persönliche Angriffe gegen Staatschefs in internationalen Beziehungen die korrekte Antwort darstellen. Mit Ihrer Erlaubnis erinnere ich an das Beispiel, das Sie aufbrachten, als die ägyptischen Zeitungen Sie persönlich verunglimpften. Sie sagten, sie bestünden nicht auf der Ehre der Person Menachem Begins, doch Sie könnten keine Verleumdung eines Staatschefs dulden, was gleichbedeutend ist mit einem Angriff auf das ganze Volk, auf das Land selbst.
ANTWORT: Was, habe ich Herrn Schmidt in persönlicher Weise angegriffen? Ich habe darüber gesprochen, was mit dem deutschen Volk und mit uns geschehen ist und was er jetzt sagt. Habe ich etwas über seine Charaktereigenschaften gesagt? Habe ich ihn mit Shylock verglichen, wie sie es in Ägypten mit mir gemacht haben? Er hat es nicht verdient, von mir mit Shylock verglichen zu werden. Shylock war ein sehr stolzer Jude. Wenn Sie den "Kaufmann von Venedig" aufmerksam lesen, dann werden Sie sehen, daß die Interpretation des Shylock-Charakters falsch ist. Ein sehr stolzer Jude. Was habe ich über ihn gesagt? Ich habe nicht gesagt, er sei habgierig. Ich sagte, daß er eine Politik der Habgier führt. Wie habe ich ihn angegriffen? Später habe ich gesagt, jawohl, ich weiß, wer in einem bestimmten Saal saß, als sie zeigten, wie die Generale, die Hitler zu ermorden versucht hatten, mit Klaviersaiten aufgehängt wurden. Er war zu diesem Schauspiel geladen.
FRAGE: War Kanzler Schmidt ein Nazi?
ANTWORT: Ich weiß nicht, ob Kanzler Schmidt ein Mitglied der Nazi-Partei war, aber er war ein guter Offizier, ein guter Kämpfer in der deutschen Armee, bis er von den Briten gefangengenommen wurde. Er hat nie seinen Treueeid auf seinen Führer Adolf Hitler gebrochen. Und er hat an der Ostfront gekämpft. Ich weiß nicht, was er mit den Juden an der Ostfront getan hat. Niemand kann das wissen. Die Juden wurden hauptsächlich an der Ostfront vernichtet. Ich weiß nicht, ob er in Brest war, in Litauen. Ich weiß es nicht, ich kann es nicht wissen. Ich weiß nur, daß er in der Armee war, die einen Befehl erhielt ... (Auslassung im offiziellen Text) ... daß, wenn die "Einsatztruppen" zur Vernichtung der Juden kamen, die Armee die Juden nicht direkt tötete, aber sie umzingelte die Städte völlig und sorgte für Ruhe, bis die "Einsatztruppen" ihr Werk vollendet hatten.
FRAGE: Nach dem, was Sie gesagt haben, werden Sie angesichts der Kritik, die Ihre Äußerungen in Deutschland ausgelöst haben, nicht weich in den Knien wie jene von Ihnen erwähnten Juden? Fürchten Sie nicht, daß Ihre heftigen Angriffe gegen zwei Führer die israelischen Beziehungen zu Europa aushöhlen und ernste Schwierigkeiten verursachen?
ANTWORT: Ich fürchte nichts, mein Freund. Und wenn bei einer Gelegenheit ein anderer genau dasselbe sagt, so muß ich doch mein Volk verteidigen, und nicht Herrn Schmidt. Und ich brauche nicht das jüdische Volk, seine Ehre und seine Zukunft, gegen die Feigheit einiger Juden zu verteidigen -- und was Herr Schmidt sagt, betrifft unsere Zukunft und nicht unsere Vergangenheit. Er verbündet sich mit dem "Dschihad"-Staat, er sagt den Saudis: Helft ruhig der PLO. Die Saudis geben dieser Organisation von Mördern mehrere hundert Millionen Dollar. Und er ermutigt die Saudis, das zu tun. Er sagt, daß die Araber einen palästinensischen Staat erhalten müssen, Staat Nummer 22. Dies ist ein Ausdruck unberechenbarer Feindseligkeit gegenüber dem Staate Israel. Es ist dazu angetan, die Zukunft des Staates Israel zu gefährden. Aber er wird keinen Erfolg haben.
S.29 Saudischer Erdölminister. * S.30 In der polnischen Exilarmee in Palästina. *

DER SPIEGEL 20/1981
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1981
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Deutsche tragen gemeinsame Schuld“

  • New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie