28.04.1980

Roulette: Konzessionierte Selbstzerstörung

Kann man durch pures Glück oder System am Roulette-Tisch ein Vermögen machen? Der in München als Oetker-Entführer angeklagte Dieter Zlof präsentiert sich eifrig als Beispiel dafür. Ein anderer Münchner Roulettomane sieht als Fazit seiner Kasino-Karriere: Ihm sei nur ein einziger großer Gewinner begegnet, die Bank, und fast ein Drittel aller Spieler, die der Roulette-Sucht verfielen, richteten sich damit für immer zugrunde -- wie er selbst.
Der wahre Gewinner kommt erst, nachdem alle Spieler das letzte "Nichts geht mehr" gehört haben. Allnächtlich kurz nach drei Uhr fährt der Herr, von einigen schulterstarken, rotbefrackten Kasinoangestellten eskortiert, mit dem Personalaufzug in den 9. Stock des Hamburger Intercontinental Hotels, wo sich eine der jüngsten der insgesamt 26 bundesdeutschen Spielbanken (einschließlich Berlin) befindet. Dort kassiert er an den Roulette-, Backarat- und Black-Jack-Tischen 80 Prozent des angefallenen Gewinns im Auftrag seines Arbeitgebers, des Hamburger Finanzsenators.
34 Millionen Mark hat die Hansestadt letztes Jahr an den grünen Filztischen requiriert, fünf Millionen steuerfreier Einnahmen gingen an die Konzessionäre, den Verleger John Jahr und seinen Sohn John jr., den einstigen "Stern"-Redakteur Wilfried Achterfeld und das Interconti. Verglichen mit dem Gesamtumsatz, der allein im Hamburger Etablissement etwa 1,2 Milliarden Mark betrug, nehmen sich diese Summen eigentlich bescheiden aus. Rein statistisch gesehen, haben alle Spielbankbesucher des Jahres 1979 gerade 3,2 Prozent ihrer Einsätze den Rechen der Hamburger Croupiers geopfert. Roulette -- ein Spiel mit geringem Risiko?
Die Betreiber des Zufalls-Gewerbes möchten es gern glauben machen, wenn sie -- zu Recht -- anführen, daß Roulette von allen Glücksspielen die mit Abstand größte Auszahlungsquote aufweist, nämlich 98 Prozent. Freilich ergibt sich dieser hohe Chancenanteil allein aus dem Spielsystem einer -- die Bank -- gegen alle und ist somit für den einzelnen Spieler ohne Bedeutung.
Dessen Gewinnmöglichkeiten liegen je nach Plazierung seiner Einsätze zwischen 1:1, etwa wenn er auf Farbe (Rot oder Schwarz) und 1:35, wenn er "plein" auf eine der 37 Zahlen setzt. Eine für die Bank günstige Sonderstellung nimmt dabei die "Zero" ein. Denn in Wahrheit hat der Spieler, so er auf Zahl setzt, eine Chance von 1:36, er bekommt aber, wenn er gewinnt, nur den 35fachen Einsatz ausbezahlt. Die Zero garantiert damit der Bank ihren zweiprozentigen Mindestgewinn aus allen Spieleinsätzen.
Das Prinzip des Roulette basiert auf dem puren Zufall der geworfenen Zahl, und so ist es kein Wunder, daß es, nach allgemeiner Auffassung, in seiner heutigen Form auf den französischen Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal zurückgeht. In seiner 1649 anonym veröffentlichten "Geschichte der Roulette oder Trochoide und Cycloide" räsonierte er anhand dieses Spiels über die Zusammenhänge zwischen Zufall und Wahrscheinlichkeit.
Ebensowenig verwundert es, daß von Anbeginn der Staat seine kontrollierende und kassierende Hand über den Spielbetrieb hielt. Erstmals offiziell wurde das Roulette um 1700 in Paris vom Polizeiminister König Ludwigs XIV. in den Sälen des Salon Frascati und des Palais Royal zugelassen. Der zügellose Spielbetrieb, wie ihn etwa Balzac in manchen Romanen seiner S.106 "Comedie humaine" beschrieb, veranlaßte allerdings 1838 den Bürgerkönig Louis Philippe, alle Kasinos wieder zu schließen.
Das Moralverständnis der bürgerlichen Revolutionäre führte zehn Jahre später auch in Deutschland zu einem Spielverbot. Begründung der Frankfurter Nationalversammlung: "So wenig eine politische und soziale Maßregel von finanziellen Rücksichten an sich unabhängig gemacht werden darf, sobald sie zumal vom Volke verlangt wird und von wesentlichem Vorteil für die Wohlfahrt des Staates ist, so wenig ist sie dann zurückzuhalten, wenn dadurch die Moralität des Volkes gefördert oder ein Übelstand entfernt wird, welcher die Demoralisierung der einzelnen Individuen begünstigt."
Allerdings wurde der Spielbetrieb in manchen Kasinos noch bis 1872 aufrechterhalten, so in Wiesbaden, wo im Sommer 1865 Dostojewski 3000 Rubel verlor, die ihm sein Verleger für die Rechte an seinen bisherigen Werken und an seinem nächsten Roman bezahlt hatte. In vier Wochen diktierte daraufhin der russische Dichter seinen kurzen Roman "Der Spieler", das klassische Buch über die Roulette-Sucht.
Obwohl Reichsgründer Bismarck das Roulette als eine Chance ansah, "auch einmal ausgelassen" sein zu können, blieben die öffentlichen Kasinos im Kaiserreich und später auch in der Weimarer Republik geschlossen. Eine Ausnahme bildete allein die 1919 eröffnete Spielbank von Zoppot, die ihre Gründung dem Freistadt-Status Danzigs verdankte.
Die Gesetze und Verordnungen von Hitlers Reichsinnenminister ließen ab Juli 1933 öffentliche Spielbanken wieder zu, beschränkt allerdings auf Kur- und Badeorte, "die entweder in den Jahren 1924 bis 1930 eine durchschnittliche Besucherzahl von jährlich 70 000 Besuchern, darunter 15 v. H. Ausländer, aufgewiesen haben oder in der Nähe einer ausländischen Spielbank liegen". Finanzpolitische Überlegungen und vor allem das "Abzocken" ausländischer Touristen standen Pate bei diesen Gesetzen, die auch heute noch die rechtliche Voraussetzung der Bundesländer zur Errichtung von Kasinos bilden.
Allerdings pflegen die Länder diese Bestimmungen recht exzessiv auszulegen. Noch vor Gründung der Bundesrepublik erhielt das rheinland-pfälzische Bad Neuenahr 1948 die erste Spielbankkonzession nach dem Krieg. Die in der Folgezeit wieder- und neueröffneten Kasinos heizten das Spielfieber derart an, daß sich der Bundestag 1952 veranlaßt sah, einen Gesetzentwurf zum Verbot öffentlicher Spielbanken vorzulegen. Trotz erregter Debatten, in denen die Verbots-Befürworter gegen die "Eiterbeulen der Gesellschaft" und "Höllen von sittlichem Verderb" ins Feld zogen, kam das Parlament zu keinem Entschluß. Auch Skandale um die Konzessionsvergabe in Bayern führten nicht zu einem Verbot, im Gegenteil: Der Freistaat Bayern betreibt seine Spielbanken in eigener Regie (Ausnahme: Lindau).
Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts bestätigte dann sozusagen die Pflicht der Länder zur Konzessionierung. Der Spielbetrieb "als an sich unerwünschte Tätigkeit" dürfe nur als staatliche Kontrolle des "nicht zu unterdrückenden Spielbetriebes" verstanden werden.
Um nur ja nicht zu unterdrücken, richten die Kasinos Gratis-Busfahrten für Rentner und Hausfrauen zu ihren Etablissements ein, etwa in Hittfeld, veranstalten sie, wie im feinen Travemünde, allwöchentlich einen "Tag der offenen Tür" oder laden, wie in Hannover, zu Einführungsabenden mit kostenlosem Probespiel. Und kaum einer der Länderfinanzminister, wie 1978 Hamburgs damaliger Finanzsenator Seeler, läßt es sich nehmen, bei Spielbankeröffnungen die erste Kugel zu werfen. Kasino total.
Durch derlei Aktivitäten hat sich der einst exklusive Zeit- und Geldvertreib der Gentlemen und Ganoven zum Breitensport gewandelt. 16 Milliarden Mark setzten die deutschen Spielbanken S.108 im vergangenen Jahr um (zum Vergleich: bei Toto, Lotto, Rennquintett waren es insgesamt 5,2 Milliarden). Geschätzte 510 Millionen Mark konnten Staat und Konzessionäre dabei als Gewinn einstreichen.
Diese "Zuhälterfunktion", wie sie ein um seine finanzielle Existenz gebrachter Roulette-Spieler nennt, bemänteln staatliche Stellen gerne mit dem Hinweis auf den karitativen Verwendungszweck. Unverhohlener formulierte da 1950 der rheinland-pfälzische Minister Hans Hoffmann: "Den sichersten Gewinn hat der Staat (und damit der gute Zweck) kraft der Automatik des Mechanismus und seiner besseren Nerven ... Wo es sich zudem gar nicht in jedem Falle um eine zusätzliche Steuer handelt als vielmehr um Geld, das dem Staate anderswo vorenthalten wurde. Wie oft kassiert er nur so etwas wie eine Art ''Reuegeld''. Die Spielbank als Hilfsinstitut des Finanzamtes."
Als der Bundestag zwei Jahre später den erwähnten Verbotsantrag diskutierte, lag ihm eine Analyse vor, die zu dem Ergebnis kam, "daß ordentliche Menschen in geordneten Verhältnissen aus heiterem Himmel niemals durch das Spielen in Spielbanken zerrüttet wurden".
Das Schicksal des Spielers Klaus Tremmler beweist das Gegenteil. Es ist kein Einzelfall. Tremmler schätzt nach eigener Erfahrung den Anteil aus heiterem Himmel in ernste Not geratener Suchtspieler auf knapp ein Drittel aller Kasinobesucher.
S.106 Gregory Peck (r.) und Walter Huston. *

DER SPIEGEL 18/1980
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