24.11.1980

„Die Sauhund' hau'n wir wieder 'naus“

SPIEGEL-Serie über die Geheimakten der US-Militärregierung in Bayern 1945 bis 1949 (II)
Auf einer Anhöhe am Ufer des Lech, direkt hinter der dicken Stadtmauer neben dem Max-Tor, steht das ehemalige Schloß und spätere Landratsamt der oberbayrischen Kleinstadt Schongau. Seit vielen Jahrhunderten wird von dort über das behäbige Landvolk im Pfaffenwinkel geschaltet und gewaltet.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts, als in dem Alpenstädtchen wegen des "schädlichen Lasters der Zauberey" und "unter lautem Dank zu Gott" noch reichlich Hexen verbrannt wurden, herrschte darin der bayrische Herzog Christoph der Starke. Gegen Mitte des 20. Jahrhunderts, als aller Zauber vorbei war, wirkte dort der Landrat Franz Josef Strauß.
Die wechselnden Herrschaften und die widrigen Zeitläufe hat das mächtige Gemäuer ohne sichtbaren Schaden überstanden. An der Vorderfront des Schloßgebäudes kündet eine Steintafel vom starken Christoph. Das Werden und Wirken seines späten Nachfahren ist hingegen auf ungezählten Schreibmaschinenblättern festgehalten -- in englischer Sprache und wohlverwahrt in den Kellern einer Nationalarchiv-Dependance bei Washington.
Denn die amerikanischen Eroberer, die sich Ende April 1945 vom Hohenfurcher Steig her der wehrhaften Kommune näherten, mit Jeeps und Panzern dann aber ziemlich unbehelligt durch das Max- und das Münz-Tor in die Stadt einfuhren und als erstes die Kreissparkasse in Beschlag nahmen, haben mit einem Stab von zuweilen fünfzig Leuten alles notiert, was sich in den Tagen und Jahren nach dem großen Krieg in dem ruhigen und frommen Bauernland ("quiet and very religious farming locality") alles zutrug -- oder auch nicht.
"NTR" ("nothing to report") war das meistverwendete Kürzel in den Berichten über die letzten Kriegstage aus jenem Landstrich an das angloamerikanische Oberkommando SHAEF, die "Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force".
Die 10. US-Panzerdivision, die sich von den Schwaben-Städtchen Ingelfingen, Ehingen und Babenhausen her dem Landkreis Schongau näherte, stieß nämlich nur noch vereinzelt auf "mäßigen Widerstand": notdürftige Panzersperren aus Baumstämmen und gesprengten Brücken, darunter die beiden Lech-Übergänge in Schongau. Für den Chronisten des VI. Corps war der ganze Feldzug in Oberbayern ohnehin "mehr eine Ausflugstour in die Alpen".
Gleichwohl versenkte der Bauer Martin Schleich, wie die neuen Herren akribisch zu den Akten nahmen, beim Anmarsch der fremden Truppen noch schnell eine Kiste mit Waffen in seiner Odelgrube. Sonst wäre das Schießzeug wohl ebenso in die Hände der Feinde gefallen wie der Panzer, die vier Flakwagen, das 40-Millimeter-Geschütz auf einem Laster, die vier Flugzeuge, die sechs Flugzeugmotoren und die Funkstation, die am Tag der Eroberung Schongaus an den Ufern des Lech verlassen gefunden wurden. Auch 1300 deutsche Soldaten kamen dort an diesem 28. April 1945 noch in Gefangenschaft.
Franz Josef Strauß, zuletzt Führungsoffizier bei der Flakartillerieschule S.110 IV in Altenstadt bei Schongau, war nicht darunter. Der Sohn eines Metzgermeisters aus München hatte sich just an Führers Geburtstag als Oberleutnant selber die Entlassungspapiere ausgestellt und beizeiten Unterschlupf und zivile Kleidung im nahen Pfarrdorf Schwabniederhofen gefunden. Im neuen Gewand und mit altem Schneid nutzte der auf eigene Faust Ausgemusterte die Stunde Null zu einem neuen Start.
Durch die Bekanntschaft mit dem von der Militärregierung eingesetzten Landrat Franz Xaver Bauer, dessen Tochter Ermelinde ihn später als Sekretärin bis ins Bonner Verteidigungsministerium begleitete, wurde Strauß schon bald nach dem totalen Zusammenbruch wohlbestallter Regierungsrat, denn die Amerikaner hatten ihn wegen seiner Englischkenntnisse kurzerhand als Stellvertretenden Landrat geholt.
Doch mit dem ihm noch sehr viel später eigenen Selbstbewußtsein ("Mir ist Wurscht, wer unter mir Kanzler ist") war es dem gelernten Altphilologen Strauß ein leichtes, seinen eher biederen Boß zu überrunden.
Während Landrat Bauer noch im August 1945 die Militärregierung bescheiden und mit Erfolg um die Ausgabe von Hausierscheinen bat, hatte sein Vize längst mit den neuen Herren über die Zukunft der früheren Luftabwehrstellungen in Altenstadt diskutiert und ihnen einen Schneepflug, einen großen Omnibus, drei Lastwagen, einen Personenwagen und kleinere Dinge wie Drehbänke und Automotoren aus alten Wehrmachtsbeständen abgeschwatzt.
Die Militärs regierten in jenen ersten Tagen mit Zuckerbrot und Peitsche. Mal verteilten sie, wie am 6. August 1945, vierzig Zigaretten an alle Männer zwischen 18 und 65 Jahren. Mal verurteilten sie, wie einen Monat später, die Schongauer Bürgerin Charlotte Bauernfeind wegen "Respektlosigkeit" kurzerhand zu 13 Tagen Zwangsarbeit.
Da gefiel natürlich auch die zupackende Art, wie der ehemalige Offizier die Plünderungen in seiner Flakschule (ein Chronist: "In Schongau wurden plötzlich blaue Dirndl Mode") einzudämmen suchte. Schon im Juni ließ der dreißigjährige Regierungsrat bei dem Landratbediensteten und KPD-Mitbegründer Franz Pfanzelt und dem Polizisten Georg Becher eine "Durchsuchung nach zu Unrecht angeeignetem Wehrmachtsgut" durchführen. Außer einem "Holzfaß mit etwas Essig" und "Lebensmittelvorräten in ganz bescheidenen Grenzen" wurden freilich laut Polizeibericht Nr. 746 "verdächtige Gegenstände nicht vorgefunden".
Trotz solcher Fehlschläge avancierte der ortsfremde "Deputy Landrat" beim örtlichen Military Government (MG) bald zum unentbehrlichen "Mr. Strauß", der fortan häufiger in den Reports auftauchte als der eigentliche Landrat. Mr. Strauß organisierte hundert Schuhsohlen aus der örtlichen Lederfabrik und richtete eine Tauschzentrale für gebrauchte Kinderschuhe ein.
Mr. Strauß sammelte für die Militärregierung die Namen der schlechtesten Milcherzeuger und ließ für die Krankenhäuser Kohlen beschlagnahmen. Mr. Strauß wurden auch jene 720,01 Mark nebst diverser Dokumente anvertraut, die bei Josefa Schauer, einer ehemaligen Funktionärin der Deutschen Arbeitsfront, gefunden und beschlagnahmt worden waren.
Mitte Juli 1945 löste Mr. Strauß im Auftrag vom US-Offizier Christian Carlsen sogar einen kniffligen Fall von illegalem Kuhhandel. An der Echelsbacher Brücke waren zwei Männer, die sich dumm stellten und ihre Namen nicht nennen wollten, mit zwei Kühen angetroffen und gestoppt worden. Strauß fand den Übeltäter bald heraus; S.112 Es war sein Namensvetter, der Garmischer Viehhändler Anton Strauß, der alsbald verhaftet wurde.
Besonders intensiv kümmerte sich Strauß, einst Mitglied des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK), um die Verkehrsprobleme des Landkreises. Während er Anfang August 1945 erst Detailpläne für den "Möbeltransport per Eisenbahn" ausarbeiten und die "Registrierung von Fahrrädern" vornehmen durfte, verfügte er Ende des Monats schon über drei Laster, die im Nahverkehr Holz und auf ihrer ersten Fernfahrt 80 Zentner Äpfel aus der französischen Zone herbeischafften.
Obwohl Mr. Strauß für den sprithungrigen BMW der Militärregierung (Zulassungsnummer: 184 2075) immer wieder diensteifrig Benzin besorgte, am 11. September gleich 500 Liter auf einmal, kam er mit seinen eigenen Motorisierungsplänen nicht recht voran. Das von ihm gewünschte landkreiseigene Fuhrunternehmen ("County owned transportation company") blieb in der Diskussion stecken, und die von ihm mehrfach beantragte Fahrschule wurde glatt und endgültig abgelehnt.
Gleichwohl ging es in und um Schongau aufwärts. Die Papiermühle Haindl drehte sich bald wieder. Die dort pro Woche erzeugten 300 000 Kilogramm gingen hauptsächlich an die Armeezeitung "Stars and Stripes" und zu einem geringen Teil an die von der Schongauer Militärregierung veröffentlichten "Mitteilungen". Doch schon am 6. August gab es unter Aufsicht des Landratamts wieder das erste deutsche "Amtsblatt" in Schongau.
Noch Jahrzehnte später gifteten die nach dem Krieg nicht lizenzierten "Schongauer Nachrichten", freilich ohne Namen zu nennen: "Von den zwielichtigen Bütteln vom Military Government ... fühlte sich mancher zur Publizistik hingezogen."
Von September 1945 an gab es wieder privaten Briefverkehr im Pfaffenwinkel, und der seit Mai bestehende "Zivile Kurierdienst" -- "established by the Landrat" -- konnte eingestellt werden. Von November an fuhren wieder Züge nach Weilheim und Kaufbeuren. Und auch eine Trachtenjugend, eine katholische Jugendgruppe und ein Pfadfinder-Fähnlein gab es schon wieder. Mr. Strauß war auch gleich "President of this Youth-Movement". Nur er konnte so gut Gesangbücher, Musikinstrumente und Sportausrüstungen besorgen.
Mr. Strauß schaffte auch die ersten neuen Schulbücher aus dem Kultusministerium in München heran. Im September wurde die Volksschule in Schongau wieder eröffnet und wenige S.113 Tage später auch der Kindergarten. Stolz vermerkte die Militärregierung, daß "dieser Landkreis einer der ersten war, in dem es wieder Volksschulen und Kindergärten gab".
Landrat Bauer war ohne seinen tüchtigen Stellvertreter gar nicht mehr vorstellbar: Wenn hoher Besuch nach Schongau kam, dann war er natürlich stets begleitet "by the Landrat and Mr. Strauß".
Auch Law and Order kamen in Schongau vorzeitig wieder ins Lot. Im S.115 August wurde das Amtsgericht wieder eröffnet und Amtsgerichtsdirektor Josef Mangel eingeschworen, der sich als erstes um die Rückerstattung seines von den Amis requirierten Feldstechers bemühte. Auch ein kommunales Gefängnis mit sechs Sechs-Mann-Zellen und einem 14-Mann-Schlafsaal sowie einer eigenen Frauenabteilung (die zuweilen von farbigen Soldaten heimgesucht wurde) gab es bald wieder.
Die seit Mai mit Holzstöcken bewaffnete deutsche Zivilpolizei war in Schongau bereits im Oktober wieder mit 51 US-Karabinern, einer Pistole, drei Autos und acht Motorrädern gerüstet. Dies war innerhalb der amerikanischen Zone ein echter Wiederaufbaurekord.
Früher als anderswo waren auf diese Weise im Schongauer Land fürs erste Ruhe und Frieden wieder eingekehrt. Das im Oktober wiedereröffnete Kino von Helmut Hammerschmidt (später Intendant des Südwestfunks) war bald auch Zivilisten wieder zugänglich. Der örtliche Chor sang in der Kirche Haydns "Schöpfung". Allein im Oktober wurden sieben Tanzveranstaltungen genehmigt. Und echten Champagner gab es auch schon wieder -- wenn auch nur geschmuggelten aus der französischen Zone.
Kein Wunder, daß in diesem Land am Lech auch die Militärgouverneure zivilere Bedürfnisse entwickelten als anderswo. Seit am 1. August 1945 ein gewisser Jean Otto Kramer und ein Herr von Bertrab laut MG-Akten in Schongau "wegen versuchter Bestechung zur Erlangung von Wehrmachts-Pferden" verhaftet wurden, waren die Ami-Offiziere ganz wild auf die von Hitlers Armee hinterlassenen Gäule. Alle Tiere ohne "Pferdekarte" wurden kurzerhand zu ehemaligen Wehrmachtspferden erklärt: Landrat Bauer sollte sie alle registrieren und bei den Bauern beschlagnahmen lassen.
Doch als der alte Herr wegen anderweitiger Notstände (in Schongau lebten damals in jedem Wohnraum durchschnittlich 2,2 Personen) in dieser Sache zauderte, schritten die Majore Owens und Carlsen wieder mal zur längst bewährten "conference with Mr. Strauß". Schon am nächsten Tag hatten sie eine komplette Liste: 509 Pferde im Landkreis Schongau, 519 in Garmisch. Im Übereifer hatte Strauß sogar einige wertvolle Lipizzaner mit vereinnahmt, die eine andere US-Dienststelle gerade nach Wien repatriieren wollte.
Soweit sie nicht zu Hunderten geschlachtet wurden, erhielten die Reitpferde das Brandzeichen der US-Army -- und Strauß den Auftrag, sich fortan um die Rösser zu kümmern. In den Stallungen der Flakschule entstand eine regelrechte Kavallerie. Veterinär Dr. Fischer mußte die beschlagnahmten Gäule untersuchen. Strauß richtete für die Pferde ein "Food Office A" ein und entwickelte spezielle Quittungsformblätter für Hafer und Heu.
Doch schon einen Monat später war klar, daß der strebsame Studienrat wieder mal sein Soll übererfüllt hatte. Der US-Wochenbericht vom 25. Oktober 1945 klagt über Schweinemangel ("pigs are not to be found") und Kälberknappheit ("calves are very scarce") -- aber Pferdeschwemme ("a number of surplus horses").
Der Überfluß erzeugte gleich neue Nöte. Denn neben vielem anderen fehlte es, wie der Report klagte, nun plötzlich auch noch an "Stroh, Sattelleder, Riemenzeug und Hufnägeln".
Mit richtiger Politik hatte die Sache mit den Rössern und Reitern ja ohnehin noch nichts zu tun. Diese zu entwickeln mußte in einem Landstrich schwerfallen, in dem die Militärregierung schon über die Rekrutierung einigermaßen gebildeter Leute für ihren gewöhnlichen Verwaltungsdienst zu jammern hatte: "Es ist schwierig, Leute mit Spezialkenntnissen in dieser ländlichen Gegend zu finden, weil sie für Personen mit solchen Fähigkeiten ... nicht attraktiv ist."
In ihren politischen Lageberichten konnte die Militärregierung außer einer gewissen "Neigung zur Vetternwirtschaft" und einer "Abneigung gegen und Furcht vor Kommunisten" nichts Bemerkenswertes mitteilen. Mal war "das politische Interesse nicht sichtbar", mal war es "nicht sehr ausgeprägt", mal fehlte es den Schongauern "ganz und gar".
Das politische Leben blieb dementsprechend "unterentwickelt", und alles in allem hatte sich nach dem MG-Report vom 9. November 1945 bis dahin überhaupt "nur ein einziger nach politischen Betätigungsmöglichkeiten erkundigt".
Der Report nennt den Namen des Außenseiters nicht. So bleibt ungeklärt, ob es sich um den sehr betagten und bald verstorbenen Bürgermeister Andreas Lang aus Burggen, den sehr zurückhaltenden Landrat Franz Xaver Bauer oder dessen draufgängerischen Vize Franz Josef Strauß gehandelt hat. Diese drei jedenfalls gründeten die Schongauer CSU und führten sie vier Monate später bei den ersten Kreistagswahlen zum Sieg, wie es "bei einer stillen und sehr katholischen Bauerngegend nicht anders erwartet werden konnte", so die Militärregierung.
Kaum war die Orts-CSU im November 1946 in die Landespartei eingegliedert, konnte sie bei den Landtagswahlen am 1. Dezember schon wieder einen schönen Sieg einheimsen. Die zur Abstimmung vorgelegte neue bayrische Verfassung erhielt mehr als die Hälfte der 16 862 Wählerstimmen, der S.117 für die CSU kandidierende Strauß immerhin 7084. Und hinter der SPD (3011) kamen an dritter Stelle gleich die Voten für die NSDAP (977) -- die selbstverständlich ungültig waren.
Landrat Strauß in Amt und Würden machte nun auch außerhalb des Landkreises Karriere. Bereits sechs Tage nach der Wahl wurde er in den 14köpfigen Landesausschuß der Partei berufen, wo er sich als amtierender Pfadfinderpräsident von Schongau der Jugend im Freistaat annehmen durfte. Kurz vor Weihnachten profilierte er sich auf der CSU-Landesversammlung in Eichstätt dadurch, daß er sich für den liberalen Flügel um Josef ("Ochsensepp") Müller engagierte -- ganz anders als die übrigen CSU-Delegierten aus Oberbayern, die dort "äußerst sichtbar" gegen Müller operierten, laut amerikanischen Berichten sogar "oft an der Grenze von Tätlichkeiten".
Am liebsten blieb Strauß aber vorerst noch in seiner neuen Heimat Schongau, wo er ein für die damaligen Verhältnisse doch erkleckliches Stück Macht in Händen hielt. Ihm unterstand die Preiskontrolle und die Rationierung der Lebensmittel und Güter. Er redete bei der Besetzung von Ämtern mit und überwachte die Bezahlung der deutschen US-Bediensteten.
Mitte 1946 standen 43 Geschäfte ehemaliger Nazis mit fünfzehn eingesetzten Treuhändern "under control of the Landrats office" -- wenn auch außer der großen Papierfabrik meist nur "kleine Geschäftsleute, Händler und Ladenbesitzer".
Selbstverständlich gehörte der Landrat auch zu jenen wenigen Auserwählten, die ihr Telephon nicht nur zu Ortsgesprächen, sondern auch zu handvermittelten Fernverbindungen nutzen durften. Anstatt auf der sonst obligatorischen "Telephone Application" mit ausführlichen Fragen nach der Nazi-Vergangenheit teilte Strauß der Militärregierung auf Amtspapier unter dem Briefkopf "Der Landrat" mit, wie der Eintrag im örtlichen Telephonverzeichnis "richtig heißen" muß, nämlich: "Landrat (Mr. Strauß)".
"Vertraulich" konnte Landrat Mr. Strauß auch seine so vorschnell wieder aufgerüstete Polizei darauf hinweisen, daß "die Gewährung von Unterkunft an Angehörige der Besatzungsmacht in Privatwohnungen durch Zivilpersonen auf Grund eines Erlasses der US-Army verboten" sei. Bei Zuwiderhandlungen solle "der Vorfall unter genauer Schilderung des Sachverhalts schriftlich an das Landratsamt angezeigt" werden.
Die verbotene und dennoch oft allzu innige Fraternisierung zwischen Amis und Zivilistinnen nötigte den Landrat in der Folgezeit zu sehr direkten Zugriffen auf die Bevölkerung. Ganze Wagenladungen von Frauen ("truck loads of women") wurden oft ins Kreiskrankenhaus gebracht und auf Geschlechtskrankheiten untersucht.
Auf einem vorgedruckten "Meldebogen für venerische Krankheiten" mußte Krankenhauschef Dr. med. Michael Schreiber Bericht über jede Untersuchung erstatten -- täglich oft Dutzende von Fällen, darunter viele mit negativem Befund. Dr. Schreiber heute: "Wir haben die meisten gar nicht erst untersucht." Die schließlich doch Untersuchten aber wurden, ungeachtet der Ergebnisse, aufgeführt -- Kassenpatientinnen mit vollem Namen, Privatpatientinnen ohne.
Verdächtige Subjekte wurden auch mehrfach "von der Gendarmerie zur Untersuchung vorgeführt". Denn Dr. Schreiber, der fünfzehn Betten zur stationären Behandlung schwieriger Fälle zur Verfügung hatte, war sich da ganz sicher: "Es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß bei einer nochmaligen Untersuchung der bei der 1. Untersuchung als negativ befundenen Patientinnen ein größerer Teil positiv erkrankt ist."
Durch diese diskriminierenden Massenuntersuchungen glaubten die Autoritäten S.119 in diesem katholischen Land auf jeden Fall sichergestellt, daß alle Frauen "mit Feindberührung" binnen 24 Stunden verhaftet waren. Der örtliche Militärgouverneur: "Und dieses Detachment ist stolz darauf."
Dr. Michael Schreiber, der heute eine Privatklinik in München betreibt und erst unlängst Strauß-Sohn Max Josef nach einem Skiunfall behandelt hat, war natürlich auch vom Landrat berufen worden.
Aus den Archiv-Unterlagen von Washington ergibt sich jedoch, daß sich Strauß zunächst keineswegs besonders für Dr. Schreiber verwendet hatte. Er erkundigte sich vielmehr in einem sehr frühen Stadium danach, ob Schreiber-Vorgänger Dr. Heinrich Aigner im Amt bleiben oder nun ersetzt werden könne.
Der alteingesessene Dr. Aigner war wenige Monate nach Kriegsende für die Amerikaner zu einem aufregenden Rechtsfall ("legal high light") geworden. Er hatte im Mai 1945 dem Holländer Josef Anna Cornelius Goyvaerts eine SS-Blutmarke unterm Arm wegoperiert. Als die Sache aufkam, redete sich der Doktor auf seine Kurzsichtigkeit hinaus: Er habe die Marke für eine Art "erotischer Tätowierung" gehalten.
Aigner wurde zunächst vom Militärgericht zu 15 000 Mark Geldstrafe verurteilt, doch als sich herausstellte, daß der sehschwache Doktor schon vorher SS-Zeichen entfernt hatte, mußte er für ein Jahr ins Gefängnis.
Die Bewältigung der Nazi-Vergangenheit wurde in Schongau, wie anderwärts, auch zu einer gewaltigen politischen Operation. Denn die Militärregierung empfand den stillen Landkreis als "completely nazified".
Im Strom der Flüchtlinge und Ausgebombten fanden die Amerikaner eine Reihe von "wichtigen belasteten Personen": Elsbeth Frick, die geschiedene Frau des in Nürnberg zum Tode verurteilten Nazi-Innenministers Wilhelm Frick, hatte sich als Helferin in einem Asozialenheim verdingt. Das Nazi-Reichstagsmitglied Rüdiger Graf von der Goltz wurde auf einem Landgut gefunden, das er einst einer Frau Salmonsohn per "Arisierung" abgenommen hatte.
Auch Laura Schrödl, die frühere Sekretärin des noch heute in Berlin-Spandau einsitzenden Führer-Stellvertreters Rudolf Heß, wurde in Schongau aufgegriffen. Hildegard Oschatz aus Hitlers Präsidialkanzlei wurde gründlich einvernommen. Margarete Tiedtke, die im Hauptquartier von Admiral Dönitz tätig war, stand unter Hausarrest. Ein Fräulein Bludau, das schon eine Anstellung bei der Militärregierung gefunden hatte, mußte ihren Dienst wieder quittieren, nachdem Zeitungen gemeldet hatten, daß ihr Vater angeblich Chef der Nazi-Spionage in Argentinien gewesen war.
Nach und nach wurden auch die einheimischen Nazis in Schongau entschlüsselt. Bei der so früh wiederbewaffneten Polizei entpuppte sich Georg Becher als früherer Haupttruppführer der Organisation Todt in Verona. Landespolizeikommissar Michael Kellermeier wurde auf Anordnung der Militärregierung entlassen, weil er seit 1940 Mitglied der NSDAP war. Inspektor Otto Modlmeier dagegen durfte im Dienst bleiben, obwohl er schon seit 1937 Parteimitglied war.
Besonders fündig wurden die Amerikaner bei den staatlichen Förstern in Schongau, die zu "mehr als 90 Prozent alte NS-Mitglieder" waren. Oberförster Franz Striesnig entfloh rechtzeitig nach Innsbruck. Der Förster Adolf Putz aus Böbing hängte sich nach seiner Dienstentlassung auf, weil er sich ein Leben ohne seine "beloved forests" nicht vorstellen konnte. Dies war voreilig, denn sein Kollege Karl Klein, früher nebenher Chef des NS-Kreisgerichts, wurde bald nach der Entlassung im Rahmen eines Käfervernichtungsprogramms wieder eingestellt -- freilich nur als "gewöhnlicher Arbeiter".
Diesen Ausweg hatte das Gesetz Nr. 8 der Militärregierung ausdrücklich offengelassen -- und er wurde in Schongau nicht selten begangen. Der Dentist Hans Kreuzer wurde zu der gewöhnlichen Arbeit des Zähnebohrens abgestellt und wirkte dabei nach dem Eindruck der Militärregierung hauptsächlich "for the benefits of ex-Nazis in the Gemeinde". Der NS-Ortsgruppenleiter und Lehrer Eduard Wille durfte sich nicht mehr mit bösen Buben herumplagen, sondern mußte zur Strafe für die "Bavarian Heilkräuter-Action" im Wald herumspazieren.
Den wegen seiner Nazi-Vergangenheit aus dem Dienst entlassenen Lokomtivführer Georg Distler aus der Steinstraße 396 1/2 allerdings brachte Mr. Strauß höchstselbst wieder in Fahrt. Lokomotivfahren sei an sich schon, so bestätigte Strauß in einem Zwei-Zeilen-Brief an die Militärregierung, als "gewöhnliche Arbeit" zu betrachten. Distler, so der Kurzbescheid von Strauß zu diesem Fall, "bleibt im Amt".
Strauß selbst war als früheres Mitglied des NSKK und des NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund) in solche Nöte nie gekommen. Zwar genügten diese Organisationen laut Gesetz, um "in geschäftlichen Unternehmungen" nicht "in irgendeiner anderen Stellung als der eines gewöhnlichen Arbeiters" fungieren zu dürfen.
Doch erstens zählten laut einer Ausführungsverordnung "Regierungsstellen" nicht zu den "geschäftlichen Unternehmungen". Und zweitens figurierte Strauß in der an die Militärregierung übergebenen Auskunftsliste kurzerhand als "nicht belastet" -- obwohl beispielsweise seine spätere Sekretärin Ermelinde Bauer ("Bund Deutscher Mädel") und der Wirtschaftsbeamte Helmuth Kalus ("NSKK") ihre Nazi-Funktionen brav angegeben hatten.
Da die Amis überdies einen Stapel Personalakten aus der Altenstädter Kaserne unbeachtet ließen ("They are army records and therefore of little interest") und deshalb keinen Einblick in die politische Vergangenheit von Strauß hatten, konnte sich der neugebackene S.122 Mister unbeschwert an der Entnazifizierung und an der von der Militärregierung ausgerufenen Suche nach NS-Größen ("Nazi-higher-ups") beteiligen.
Schon im September 1945 rückte Strauß an die Spitze eines Beratungskomitees für die Entnazifizierung. Dieses Gremium sollte "übersehene Fälle" aufdecken helfen, wollte aber auch in "Grenzfällen" eingreifen, um alle Ungerechtigkeiten und vor allem zu schwere Bestrafungen zu vermeiden.
Zu entscheiden war über so heikle Fälle wie den Direktor Dumoulin von der Haindlschen Papierfabrik, der von der Militärregierung der Fragebogen-Fälschung geziehen wurde. Ob Franz Stichahner weiter Bürgermeister der Bergbaustadt Peiting bleiben konnte, obschon dort früher Ortsgruppenleiter und NSDAP-Mitgründer, war vielleicht einfacher zu entscheiden als die Frage, ob der Kaminkehrer Johann Guelmino trotz Nazi-Vergangenheit weiter Schornsteine fegen sollte.
Komitee-Chef Strauß behandelte die von der Militärregierung vorgelegten Fälle derart schleppend, daß er schließlich aufgefordert wurde, doch "wenigstens zweimal pro Woche" zu tagen. Der Vorsitzende versprach Besserung "für die Zeit nach der Ernte", wenn die bäuerlichen Mitglieder des Gremiums wieder mehr Zeit hätten.
Als die Komitee-Arbeit um die Weihnachtszeit schließlich ganz eingeschlafen war, machte die Militärregierung einen neuen Versuch mit einem Kontroll-Ausschuß ("Review Board") -- wieder mit Strauß an der Spitze. Doch als die dort behandelten Fälle nachgeprüft wurden, mußten bald Dutzende der Stellungnahmen des Boards nachträglich korrigiert werden.
Schon im Mai 1946 folgte mit dem "German Denazification Board" noch ein neues Gremium. Doch Strauß machte nun unverhohlen klar, daß "bei diesem Geschäft keiner mehr mitmachen wollte", insbesondere "keine rechtskundigen Leute".
Die fünfzig Anwärter für das Board, die sich schließlich doch meldeten, wurden von der Schongauer Besatzungsmacht gründlicher denn je durchleuchtet. Ausgerechnet der Vorsitzende wurde dieses Mal von Entnazifizierungs-Spezialisten und US-Geheimdienstlern einhellig abgelehnt. In einem Brief an das Board legte die Militärregierung dar, "welche Qualifikationen ein Mann für eine solch verantwortliche Position haben sollte" -- der bisherige Vorsitzende habe sie nicht.
Um seine Vorstellungen zu verdeutlichen, schlug der Entnazifizierungs-Offizier als Ausschuß-Vorsitzenden die frühere Reichstagsabgeordnete der Deutschen Demokratischen Partei (und spätere FDP-Alterspräsidentin des Bonner Bundestages) Dr. Marie-Elisabeth Lüders vor, die damals als Sprachlehrerin in Oberammergau arbeitete. Doch die Frau aus dem Norden, die gegen Hitler gekämpft und in Gestapo-Haft gesessen hatte, wurde von den Schongauern entschieden abgelehnt -- nach Ansicht der Militärregierung "nur weil sie nicht bayerischer Herkunft und noch dazu eine Frau war".
Doch die Entnazifizierung in Schongau war ohnehin längst ins Leere gelaufen. Während bei den Spruchkammerentscheidungen in der amerikanischen Zone 14 Prozent der Angeklagten in die Kategorie I (Hauptbelasteter) eingestuft wurden, gab es im Pfaffenwinkel überhaupt keinen Fall dieser Klasse.
Der frühere NSDAP-Kreisleiter Sponsel, der noch in den letzten Kriegstagen amerikanische Fallschirmjäger erschossen hatte, war von einem US-Militärgericht zum Tode verurteilt und in Landsberg gehenkt worden. Daß es weiter keine schweren Fälle gab, erklärte der öffentliche Ankläger kurzerhand damit, daß "die meisten S.124 der Nazi-Bonzen noch in Internierungslagern sitzen".
Der Spruchkammervorsitzende Josef Graf, Mitglied der SPD, begründete die eklatante Abweichung vom Zonendurchschnitt hingegen damit, daß der Landrat und die beiden öffentlichen Ankläger alle "Mitglieder der CSU" seien und "eng zusammenarbeiteten", insbesondere wenn "CSU-Mitglieder vor der Spruchkammer standen".
Die Militärregierung von Bayern schickte im Sommer 1946 ihren Entnazifizierungs-Inspektor Ado H. Ehrenstamm nach Schongau. 72 Spruchkammer-Fälle wurden nachgeprüft -- mit verheerendem Ergebnis: "Die Vorbereitung und die Urteile in all diesen Fällen" waren nach dem Eindruck der Amerikaner "unkorrekt und strikte Verletzungen des Gesetzes".
Der Öffentliche Ankläger Hans Mathäser, ehedem Blockwart und NSV-Kassenleiter seit 1935, war nach dem Urteil der Amerikaner "einer der unfähigsten Beamten in ganz Oberbayern".
Mathäser wurde zwar im September 1946 abgesetzt, doch sein Nachfolger, der Sudetendeutsche Arnold Riedl, der nebenher auch noch für eine Sondereinheit und die Vermögenskontrolle der Besatzer arbeitete und später die Strauß-Sekretärin Mitzi Schimetka heiratete, entpuppte sich bald als NSDAP-Mitglied seit 1938 (Mitglieds-Nr. 6421553).
Viel zu spät war die Militärregierung auf den Schongauer Dreh gekommen, ehemalige Nazi-Funktionäre als "gewöhnliche Arbeiter" von Stellung zu Stellung zu bugsieren. Die Mahnungen, die Praktiken einzudämmen, verhallten ungehört.
Im bayrischen Südwesten, so das amerikanische Resümee im Herbst 1946, herrschten in Sachen Entnazifizierung "totale Interesselosigkeit" und ein "deutlicher Hang zum Weißwaschen aller Betroffenen".
In Schongau gab es freilich nicht nur Probleme mit den alten Nazis, sondern auch mit deren Opfern. Die unter Hitler vor allem aus Osteuropa zur Zwangsarbeit verschleppten Menschen (US-Jargon: "displaced persons" --DPs) lebten noch wie vor dem Kriegsende in riesigen Barackenlagern. Das Lager Altenstadt bei Schongau neben der ehemaligen Flakartillerieschule war mit zuweilen über 10 000 Insassen eines der größten.
Auch im Verhältnis gegenüber diesen Ausländern erwies sich in Schongau das althergebrachte Volksempfinden als überaus stabil. Während des Krieges wurde von den Schongauer Behörden immer geklagt, daß "das Auftreten ausländischer Arbeiter Formen annimmt, die polizeilicherseits nicht mehr länger geduldet werden können". Gegen "polnische Frechheiten" müßte "seitens der Distriktspolizeibehörde hier einmal energisch durchgegriffen und die Polen nachdrücklichst zur Ordnung gebracht werden".
Im Jargon fast unverändert klagt der von den Amerikaner eingesetzte Schongauer Nachkriegs-Polizeichef Werndl in einem Brief ans Landratsamt, daß die Ausländer im Landkreis "in derart frecher Weise auftreten und Massenplünderungen vornehmen, daß von einer Landplage gesprochen werden muß". Abhilfe sei nur durch "Abtransport dieser Ausländer" möglich.
Und während der Schongauer Nazi-Landrat Thoma allen Polen die Benutzung von Fahrrädern verboten und in Einzelfällen wie beim Landarbeiter Paul Tscheikowski höchstpersönlich vereitelt hatte, "daß Polen die Wohltat dieses Beförderungsmittels gewährt wird", bemerkte der Nachkriegs-Polizeichef Werndl, daß es die Polen "besonders auf Fahrraddiebstähle abgesehen" haben.
Doch auch manche Amerikaner betrachteten die "Polish desperados" im Altenstädter Lager bald durchweg als Kriminelle ("nearly all criminals"). Werndl-Nachfolger Otto Modlmeier, der mit Hilfe von Strauß wieder in sein Amt zurückkehren konnte, erklärt heute sogar, er habe "SS-Methoden erst richtig kennengelernt, als die Amerikaner da waren". Modlmeier meint das aber nicht etwa zimperlich: "Wenn die Amerikaner nicht so hart gewesen wären, hätten sie doch die Verbrechen niemals aufklären können."
Die Polenfeindlichkeit der Deutschen wie der Amerikaner, die Enge in den Baracken, vor allem aber das enttäuschte Bewußtsein, trotz der Befreiung durch die Alliierten nicht zu den Siegern zu zählen, sondern weiterhin wie Aussätzige behandelt zu werden, führte in der Tat zu gefährlichen Eruptionen -- die sich in Plünderungen und auch Mordfällen entluden.
Ins Lager Altenstadt, das von der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Agency) betreut wurde und wo im Laufe von sechs Jahren 789 Polenkinder zur Welt kamen, wurden im Herbst 1946 von US-General Walter Muller Spezialtruppen entsandt. Und Polizeichef Modlmeier orientierte sich an einem Alarmplan mit Codewörtern von "Heinrich" ("Bereitschaft zu Hause") bis "Caesar" ("Äußerste Bereitschaft").
Die Schlacht konnte beginnen, und Polizist Modlmeier fühlte sich bald "mehr in Lebensgefahr als im Krieg". Auf massive Razzien und Verhaftungen reagierten die Polen mit Mordanschlägen: Am 17. November 1946 beispielsweise starben kurz hintereinander drei Radfahrer namens Paul Anderl, Xaver Schleich und Emil Socher aus Kreut durch Gewehrschüsse von "nicht identifizierten Personen (wahrscheinlich polnische DPs)".
Manche der pauschal verdächtigten Polen verschwanden ziemlich spurenlos wie jener Kazimierz Gajewski, der wenige Tage später angeblich wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet und S.126 dann auf der Flucht durch Kopfschuß getötet wurde -- in den Schongauer Polizeiakten und im Sterberegister ist sein Fall nicht enthalten. Andere blieben selbst in den Ami-Akten namenlos wie jene Frau, die am Tor des Altenstädter Lagers erschossen wurde, weil sie einen Haltebefehl des Wachpostens nicht beachtet hatte.
Nach einem der größten Polizei-Einsätze im Altenstädter Lager im Mai 1947 konnte Bezirksinspektor Modlmeier nachts um ein Uhr die Alarmstufe "Berta" ("gesteigerte Bereitschaft") wieder aufheben und an die oberbayrische Landpolizeidirektion in München erleichtert melden: "In Schongau herrscht Ruhe." Hergestellt hatte sie die US-Sicherheitstruppe der Constabulary mit mehr als roher Gewalt, Gewehrsalven über die Köpfe der gegen die Internierung meuternden Polen, und der Ankündigung, beim nächsten Mal werde scharf geschossen.
Nur Landrat Strauß war''s noch nicht ruhig genug. "Das Wildererunwesen nimmt allmählich katastrophale Ausmaße an", meldete er im Januar 1948 an die Regierung von Oberbayern und "zur gefl. Kenntnisnahme" auch an die Militärregierung, "besonders in der näheren Umgebung des DP-Lagers Altenstadt". Dies hätte ja immerhin das gute Verhältnis zu den Besatzungsoffizieren stören können, die längst auch den deutschen "Jägers und Jagdpächters" gerne mal "beer and a hirsh" stifteten -- "to cement good relationships".
Dennoch ging auch in Schongau die Nachkriegsära im Jahr der Währungsreform sichtbar zu Ende. Die Sache mit den vielen Rössern hatte sich allmählich totgelaufen (Strauß: "Die Pferdezwangswirtschaft dürfte vor ihrem Ende stehen"), das geräumige Stadtgefängnis mußte geschlossen werden (Strauß: "Die Gefangenenwärter arbeiten bereits seit dem 1. 12. 1947 ohne Bezahlung"), und ein Streikaufruf des Bayerischen Gewerkschaftsbundes (Strauß: "Ein von zukünftigen Revolutionären gesteuerter Hochverrat am Volk") wurde jedenfalls im Landratsamt Schongau nicht befolgt.
Obwohl oder gerade weil Franz Josef Strauß damals bei seiner CSU ein "klares Programm" vermißte ("Kein Mensch weiß, welche Politik sie eigentlich verfolgt"), verließ er die Idylle am Lech, um fortan den Geist von Schongau nach München und Bonn zu tragen.
Schongau -- vom guten Geist verlassen -- liefert der Republik seither nur noch Kleinstadtromantik, Papier, Leder und einen Käse mit dem Namen "Der Spitzbub". Die würzige und scharfe alpenländische Spezialität hat unter den einschlägigen Sorten immerhin fast die absolute Mehrheit: 48 Prozent.
Im nächsten Heft
Die "schwarzen" und die "weißen" Listen der Amerikaner - US-General Pattons Schwäche für die Bayern - Der Spitzel-Verein des Hans-Georg Bentz - CSU-Gründer fluchen im Caritas-Haus - Obskure Dossiers über Strauß
S.110 Mit Küchenpersonal und Fahrern bei einer Weihnachtsfeier der Militärregierung 1945. * S.113 Oben: Bei einer Prozession; * unten: Mit US-Offizieren. * S.115 Mit US-Offizier Carlsen (2. v. r.) und Kino-Treuhänder Hammerschmidt (2. v. l.). * S.122 Oben: Mit Schneidermeister Schneider in Peiting. * Unten: Mit dem ersten Schongauer Nachkriegspolizeichef Werndl (l.). * S.126 Der Strauß-Vertraute und spätere Lockheed-Repräsentant Ernest F. Hauser mit zwei des Mordes verdächtigten Bewohnern des DP-Lagers Altenstadt. *

DER SPIEGEL 48/1980
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