28.04.1980

Peter Schneider über Thomas Brasch: „Der schöne 27. September“

Mythen des deutschen Alltags Thomas Brasch, 1945 als Emigranten-Kind in England geboren, in der DDR aufgewachsen, seit 1976 in West-Berlin, wurde durch Prosa ("Vor den Vätern sterben die Söhne") und Bühnenstücke ("Rotter“, „Lieber Georg") bekannt. - Peter Schneider, 40, Essayist, Erzähler ("Lenz") und Drehbuchautor ("Messer im Kopf"), lebt in Berlin. Schneider und Brasch haben Mitte April mit Günter Graß und Sarah Kirsch einen Friedens-Appell an die Bundesregierung gerichtet.
Nach einer Lesung in West-Berlin, bei der auch einige westdeutsche und -berliner Poeten ihre Gedichte in dem bekannten untertreibenden Tonfall vortrugen, fragte Allen Ginsberg einen Berliner Kollegen: "But where is the vocal man, show me the vocal man]"
Die Frage blieb unbeantwortet. Nicht nur, weil deutsche Dichter sich lieber bescheiden geben; wohl auch deswegen, weil sie die Frage nach dem Mann mit der Stimme im deutschen Sprachraum etwas befremdlich fanden. Spätestens, seit Klaus Kinski in der Innenkurve der Deutschlandhalle Villons "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" ins Publikum schrie und wimmerte, richteten die deutschen Dichter ihren Ehrgeiz darauf, ihre Gedichte möglichst im Tonfall der telephonischen Zeitansage zu Gehör zu bringen.
Die Unlust am Vortrag hat dann -ich weiß nicht, ob rückwirkend oder vorbeugend -- auch die Gedichte selbst angesteckt: Reim, Refrain, Strophe, Lust am vocal, alles, was ein Gedicht in den Verdacht bringen konnte, sich dem Lied oder der Liturgie anzunähern, fiel jener selbstauferlegten Zensur zum Opfer, deren wichtigster Maßstab ist: Bloß nicht singen]
Wenn doch einmal einer sich traute, ein Gedicht etwa im Stil des talking blues vorzutragen und ein ausgehungertes Publikum zu Beifallstürmen hinriß, so war von den Profis sofort zu hören: "Aber du mußt diese Gedichte mal lesen]" Kein Zweifel, Ginsbergs Frage stieß in Berlin weniger auf Bescheidenheit als auf offene Ablehnung.
Wäre Thomas Brasch damals schon dagewesen, ich hätte ihn Ginsberg sofort vorgestellt. Zwar habe ich Brasch noch nicht vortragen gehört, und vielleicht liest er genauso verklemmt, wie er nicht schreibt.
Aber auf seine Gedichte, die in dem Band "Der schöne 27. September" versammelt sind, passen fast alle Übersetzungen, die das nächstbeste Wörterbuch für das Adjektiv vocal angibt: stimmlich, mündlich, klingend, widerhallend, laut, vernehmlich. Um gleich ein mögliches Mißverständnis auszuräumen: Auf den Begriff "Protestgedichte" lassen sie sich nicht bringen, und sie sperren sich auch gegen Hörgewohnheiten, denen nur die laute Stimme als vernehmlich gilt.
Zwar trifft auf einige Gedichte dieses Bandes durchaus zu, was ein Eckart Krumbholz der einzigen in der DDR verlegten Gedichtsammlung von Brasch voranstellte: "Ein gewisser Hang zur Maßlosigkeit ist dabei nicht zu übersehen; hier wird Brot nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit dem Beil abgehauen." Aber wer glaubt, daß Brasch immer noch DDR-Brötchen zerkleinert, wird nicht satt.
An jenen Flüchtlingsgesprächen, die hierzulande vor den Ohren eines dankbar schaudernden Publikums in allen literarischen Gattungen geführt werden -- am bisher wirkungsvollsten in der Form des Schulaufsatzes mit dem Thema: Mein schlimmstes Ferienerlebnis --, hat Thomas Brasch sich nicht beteiligt, und er holt das auch in seinen Gedichten nicht nach. Eher bestätigt er die Befürchtungen, mit denen sich ein SPIEGEL-Leser den Jubel um einen anderen Reisenden im grenzüberschreitenden Verkehr verbat: "Der hat doch drüben auch schon Unruhe gestiftet]"
Eine Strophe aus dem Gedicht "Drei Wünsche, sagt der Golem" könnte "ie schlimmsten Ahnungen dieses Mannes übertreffen: Auf einer " " Atombombe über dem Bahnhof Frankfurt, antworte ich, / wie " " still ist das hier im siebten Himmel. / Nur der Wind und der " " Gestank der Demokratie: / Lachend falle ich nieder auf das " " Gewimmel. / Auf einer Atombombe fallen in die Stadt Frankfurt " " am Main / zu Ehren der Bundestagswahl die Stimme abgeben, / " " einen Gruß überbringen den Volkspartein: / Das Parlament soll " " bis zum siebten Himmel hochleben. "
Ein derartiger Wunsch unterliegt bei uns dem Kunstvorbehalt, und folglich hat ihn der Dichter frei. Grell und geschmacklos, wie er sich ausspricht, bleibt er im Ohr und mag manchen Golem mit juristischer Bildung neugierig machen, die beiden anderen Wünsche zu hören.
Sosehr diese Strophe zur Entrüstung oder zum dezenten Überhören einlädt, für die Tonlage von Braschs Gedichten ist sie nicht charakteristisch, eher für seine Arbeitsmethode: für den Versuch, sich nicht an Grenzen zu halten; sei es die Grenze zwischen Geschmack und Geschmacklosigkeit oder die zwischen dem lauten und dem leisen Gedicht oder die zwischen dem Liebes- und dem Protestgedicht, und wie die Trendmeldungen sonst alle heißen.
In einer Literaturlandschaft, deren Pole durch Wallraff und Handke markiert scheinen, sind Braschs Gedichte schwer einzuordnen. Am nächsten komme ich ihnen wohl, wenn ich sie musikalisch nenne. Hier beginnt einer, der sich von vielen Sprechweisen beeinflussen läßt und viele beherrscht, ganz auf die eigene Stimme zu hören und sich hinzuschreiben auf einen Tag, eine Stunde, einen Augenblick; so in "em Titelgedicht "Der schöne 27. September": Ich habe keine Zeitun" " gelesen. / Ich habe keiner Frau nachgesehn. / Ich habe den " " Briefkasten nicht geöffnet. / Ich habe keinem einen guten Tag " " gewünscht. / Ich habe nicht in den Spiegel gesehn. / Ich habe " " mit keinem über alte Zeiten gesprochen und / mit keinem über " " neue Zeiten. / Ich habe nicht über mich nachgedacht. / Ich " " habe keine Zeile geschrieben. / Ich habe keinen Stein ins " " Rollen gebracht. "
Wenn überhaupt etwas, so ist dieser Wunsch, Gegenwart herzustellen, Zeit zu gewinnen für einen einzigen Augenblick -- nicht durch beleidigte Abkehr von der Welt, sondern durch den Versuch, Ränder zu ziehen zwischen innen S.246 und außen --, das Programm von Braschs Gedichten. Gedichte als Zwischenberichte, gleichsam zwischen Tür und Angel geschrieben, die den kleinen und großen Schrecken zwischen den Viertelstunden nachgehen, zwischen -dies die Kapiteleinteilung des Bandes -- Morgen, Mittag, Abend und Nacht.
Aus kurzen, oft flüchtigen Begegnungen und Anlässen läßt Brasch seine Mythen des deutschen Alltags entstehen und bringt sie zum Sprechen: den Hausmeister in der Droysenstraße 1, der den Hausflur wischt; das Photo der jüdischen Großmutter, das ihre Lebensgeschichte im wahnsinnigen Deutschland zu erzählen beginnt; ein Lied von Stevie Wonder, das einen an das Gedicht erinnert, das man immer einmal schreiben wollte; die Wiederbegegnung mit Nakry, die in zwei Jahren zehn Jahre gealtert ist und sagt: "Ich schieße, der Streifenpolizist schießt auch. / Der Unterschied, sagt sie, hat seinen Grund."
Vor allem aber: Es sind Gedichte. Die Behauptung, die der Untertitel auf der Umschlagseite aufstellt, wird auf den meisten der folgenden 70 Seiten eingelöst. Jenen Gedichtveröffentlichungen, die sich nur dem Weitsichtigen als Gedichte darstellen und sich dann, sobald er die Brille aufsetzt, als Prosasätze erweisen, bei denen das Zeilenende lediglich die Interpunktion ersetzt, stellt Brasch ein trotziges, durchaus elitäres Formbewußtsein entgegen. Bei ihm füllen sich die Leertasten hinter der Zeile, die Leerzeilen zwischen den Strophen mit den Worten, die nicht gesagt werden, mit den Bildern und Träumen, die sich der Sprache verweigern.
In ihrer Strenge und ihrem Kunstwillen haben diese Gedichte durchaus etwas Altmodisches. Versfuß, Strophe, Reim gelten Brasch nicht als alter Krempel und folglich auch nicht die Vorbilder, die in ihrer Lyrik immer auch an das Instrument dachten, von dem sich die Gattungsbezeichnung herleitet: Villon, Rimbaud, Brecht.
Viele von Braschs Gedichten nähern sich einer Liedform, häufig der Ballade, und für den Kreuzreim, mit dem eigentlich nur noch Udo Jürgens in seinen unsäglichen Schlagern hantiert, sind sie sich nicht zu schade. Allerdings bleiben Braschs Lieder immer in schönen Anfängen stecken, wirken wie Erinnerungen an eine alte Melodie, von der man nur noch den Anfang weiß, und werden dann gleich gestört: Ankündigungen eines privaten, von einem Romantiker betriebenen Senders, die sofort von den Programmen der öffentlichen Sendeanstalten überlagert werden.
So stolpert ein Gedicht, das als Ballade anfing, unversehens in eine Zeitungszeile, einen Kneipensatz, und die Beschimpfung des Publikums von Bob Dylan in der Deutschlandhalle findet plötzlich in einen bitteren, selbstanklägerischen Refrain: S.247 " Die Wetter schlagen um: Sie werden kälter. Wer vorgestern " " noch Aufstand rief, ist heute zwei Tage älter. "
Ähnlich wie mit den Gedichtformen verfährt Brasch mit Raum und Zeit. In dem längsten Gedicht des Bandes kreist er, zunächst ganz Chronist, eine politische Figur in einem präzisen geographischen und historischen Kontext ein: van der Lubbe, Berlin, 1933. Aber mitten in der Erzählung vermischt sich die Stimme des Grenzgängers van der Lubbe, der aus Holland nach Deutschland kam "im eigenen Auftrag" und von den Zuschauern aller Parteien zum Werkzeug der jeweiligen "egenpartei erklärt wurde, mit der Stimme des Erzählers: Die " " Geschichte spielt in meiner Stadt, die der Krieg zerschnitten " " hat und aus tausend Häuserwunden Blut noch heute alle Stunden " " Unterm Pflaster seufzt und stöhnt Totes das sich nicht " " gewöhnt an den Tod. Und darüber fährt feiges Volk das sich " " nicht kehrt weiter taub und blind und stumm Staat macht Angst " " und Angst macht dumm "
Dieses Bauprinzip seiner Gedichte hat Brasch in einem Vierzeiler "Hamlet gegen Shakespeare" selber am bündigsten benannt: "Das Unvereinbare in ein Gedicht: / Die Ordnung. Und der Riß, der sie zerbricht."
Diese Zeilen formulieren allerdings auch einen Maßstab für die Gedichte, die mir mißglückt erscheinen. Überall dort, wo das Gedicht diesen Riß vermeidet, wo die Ballade aufgeht wie in "Vorkrieg", oder das Freie Sprechen die Ordnung nicht sucht wie in "Am Rand eines Erdteils", löst das Gedicht bei mir hauptsächlich den Reiz des Schulterzuckens aus. Der Wunsch nach dem Lied erscheint mir schöner als die Einlösung dieses Wunsches; die Versuchung, endlich einmal zwanglos zu sprechen, ist produktiver als das Erliegen.
Auch stört mich an manchen Zeilen in diesem Band dieselbe kraftmeierische Attitüde, die mir an so unterschiedlichen Schriftstellern wie Wolf Biermann oder Heiner Müller so entsetzlich auf die Nerven geht und von irgendeinem Schlagersänger der 60er Jahre auf den einfachen Refrain gebracht wurde: "Yeah, yeah, yeah, I am a man]" Glücklicherweise ist Brasch auch in solchen Posen, die er gelegentlich einnimmt, so deutlich, daß man nicht lange herumzureden braucht. Sie gehören zu einem Dichter, der zu heftig und zu zärtlich ist, um in die Schublade irgendeiner literarischen Trendmeldung zu passen.
Braschs Gedichte leben aus der gleichen Spannung, die alle guten Gedichte zusammen- und auseinanderhält: Zeugnisse eines bestimmten, unverwechselbaren Zeitgenossen, der von der Sprache besessen ist und in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit aufmerksam lebt.
S.244
Auf einer Atombombe über dem Bahnhof Frankfurt, antworte ich, / wie
still ist das hier im siebten Himmel. / Nur der Wind und der Gestank
der Demokratie: / Lachend falle ich nieder auf das Gewimmel. / Auf
einer Atombombe fallen in die Stadt Frankfurt am Main / zu Ehren der
Bundestagswahl die Stimme abgeben, / einen Gruß überbringen den
Volkspartein: / Das Parlament soll bis zum siebten Himmel
hochleben.
*
Ich habe keine Zeitung gelesen. / Ich habe keiner Frau nachgesehn. /
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet. / Ich habe keinem einen
guten Tag gewünscht. / Ich habe nicht in den Spiegel gesehn. / Ich
habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und / mit keinem über
neue Zeiten. / Ich habe nicht über mich nachgedacht. / Ich habe
keine Zeile geschrieben. / Ich habe keinen Stein ins Rollen
gebracht.
*
S.247
Die Wetter schlagen um: Sie werden kälter. Wer vorgestern noch
Aufstand rief, ist heute zwei Tage älter.
*
Die Geschichte spielt in meiner Stadt, die der Krieg zerschnitten
hat und aus tausend Häuserwunden Blut noch heute alle Stunden Unterm
Pflaster seufzt und stöhnt Totes das sich nicht gewöhnt an den Tod.
Und darüber fährt feiges Volk das sich nicht kehrt weiter taub und
blind und stumm Staat macht Angst und Angst macht dumm
*
Von Peter Schneider

DER SPIEGEL 18/1980
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