07.07.1980

ROCKMUSIKFremd gesungen

Ein ungewöhnliches Ereignis in der internationalen Musikindustrie: Der britische Rockstar Peter Gabriel hat die Songs seiner neuesten Platte in Englisch und Deutsch gesungen.
Der englische Rockstar Peter Gabriel, 30, kann nur schwer ertragen, daß Bands aus den USA und Großbritannien immer in ihrer Muttersprache singen. Diese Haltung findet er "arrogant", sogar "kulturimperialistisch".
Die "Vorherrschaft der englischen Sprache" in der Rockmusik, so der populäre Sänger, habe "einige Künstler völlig entmutigt", in ihrer eigenen Sprache zu schreiben. Zur Demonstration, daß es auch anders geht, hat Gabriel eine Platte außer in der englischen Originalversion (Titel: "Peter Gabriel") auch in Deutsch besungen.
"Ein deutsches Album" ist der Untertitel des Werks, das jetzt, nach der englischen Fassung, in der Bundesrepublik herausgekommen ist. Horst Königstein, der auch schon an Texten Udo Lindenbergs mitgearbeitet hat, lieferte die Übersetzung. Und Gabriel zerbricht sich nun manchmal schier die Zunge, wenn er in dem ihm fremden Idiom seine Lieder singt.
Die Bemühung, über die Sprachbarriere zu springen, wirkt skurril, denn nicht immer sind die Texte genau zu verstehen. Aber der Schritt ist außergewöhnlich: Außer den Beatles, die vor Jahren mit "Komm, gib mir deine Hand" und "Sie liebt dich" zwei ihrer Super-Hits auch in Deutsch erscheinen ließen, hat sich bislang kaum ein Rockmusiker von Rang um das Verständnis seiner Songs im Ausland bemüht.
Der Drang des Rock-Artisten Gabriel, auch außerhalb angelsächsischer Sprachgrenzen verstanden zu werden, scheint berechtigt, denn er hat etwas zu sagen. Auf seinem neuen Album entwirft er in zehn Songs ein Bild der Welt, wie es düsterer kaum vorstellbar ist.
Das Glanzstück der einfühlsamen Rock-Poesie Gabriels ist sein Stück "Family Snapshot" ("Schnappschuß --Ein Familienfoto"): das melancholisch gestimmte Porträt eines politischen Attentäters, einer vereinsamten Figur, die mit ihrer spektakulären Irrsinns-Aktion nach Zuwendung schreit.
Gabriel mixt zwei reale Charaktere, den Kennedy-Mörder Lee Oswald und den Attentäter des amerikanischen Südstaaten-Gouverneurs Wallace, und riskiert einen Blick in ihre Seelen. Der Wahnsinn ihrer "aten schrumpft dabei zu einem Kindheitserlebnis: Einsamer Junge " " Hinter der Tür / die Freunde sind alle weg / da ist mein " " Spielzeuggewehr / wo seid ihr - Mama und Papa? / Ihr redet " " nicht mehr / ich werd trauriger Jahr für Jahr / schaut mich " " an - / ich ziele in das Licht. "
Die Musik dazu ist wärmer und weniger hart und schroff als fast in allen anderen Stücken der LP, und stellenweise hat Gabriels Stimme hier das ausdrucksvolle Timbre des derzeitigen amerikanischen Rock-Messias Bruce Springsteen. Bei aller Experimentierlust mit synthetischen Klängen und schrill schneidenden akustischen Signalen hat der britische Sound-Dichter das Standbein fest auf der Rock-Erde.
Damit hat der scheue, introvertierte Musiker den blassen Pomp der englischen Oberschüler-Combo "Genesis" und ihren Rock-Schmus hinter sich gelassen: Mit dieser Band, noch heute in der Rest-Formation ein Hitparaden-Spitzenreiter, hatte Gabriel bis 1975 als Frontmann Triumphe gefeiert.
Die tiefsinnigen, vor Kultur ächzenden "Genesis"-Darbietungen mit ihrer akademisch ertüftelten Musik hatte Gabriel mit überdrehter Schauspielerei und hochgestochen bedeutungsvollem Bühnenzauber zu einer Show-Attraktion gemacht.
Als die Band "Genesis" auf dem Gipfel der Popularität in Europa und Amerika die Früchte ihrer Berühmtheit kassieren konnte, stieg Gabriel aus und wurde Solist.
Die Musikwelt wurde durch "einen der größten Schocks von 1975" ("Melody Maker") geprüft, und Gabriel fühlte sich genötigt, per Kommunique öffentlich seinen Schritt zu begründen, der allen Regeln des Business hohn sprach: "Ich hatte angefangen, nur noch geschäftsmäßig zu denken; für einen oft verletzten, früher scheuen Musiker ist das sehr nützlich. Aber Platten und Publikum nur noch wie Geld zu behandeln S.160 hat bedeutet, daß ich mich von ihnen wegbewegte."
Mit Frau und Kindern retirierte der Star aufs flache Land ins englische Bath und ging in sich: "Ich wollte mein Leben ändern." Der Rock-Zirkus war ihm "weniger interessant" geworden, "es gab keine Risiken mehr". In den Kommerz-Höhen der Supergruppe "Genesis" fühlte er sich "entmenschlicht". "Als Individuum wollte ich wirklich nicht so weitermachen. Das wird ein Lebensstil."
In der Zurückgezogenheit spintisierte Gabriel ein bißchen herum mit Versuchen in Telepathie und Levitation. Geschadet hat ihm das nicht, denn 1977 tauchte er wieder auf aus dem Exil und brachte eine beachtliche Solo-LP heraus.
Wie auch seine beiden nächsten Solo-Alben von 1978 und 1980 trug die Platte den Titel "Peter Gabriel". Damit kritisierte der wunderliche Außenseiter, was ihm am Popgeschäft nicht behagt: "Jede Band versucht, eine Platte als neues Produkt zu verkaufen. Sie vermarkten sich wie Seifenpulver, denn ganz oft verkaufen sie nur wieder denselben chemischen Stoff, aber in einer anderen Verpackung."
Gabriel hingegen verkauft immer wieder annähernd Neues in fast derselben Plattenhülle, mit schick rätselhaften Photos der Londoner Weltmeister im Cover-Design, der Firma Hipgnosis.
Mit jeweils veränderter Studio-Besetzung und verschiedenen Produzenten verbreiterte er sein musikalisches Spektrum: Für die englische Version des "Deutschen Albums" holte er sich den New-Wave-Produzenten Steve Lillywhite. Der brachte Schärfe und Spannung in Gabriels Klang-Eskapaden.
Mit dumpf dröhnenden Drum-Schlägen, monoton minimalisierten Rhythmus-Mustern und dem manchmal elend schreienden Peter Gabriel als Sänger bekamen die pessimistischen Songs den Touch schlimmer Düsternis.
Die Trauer über seelische Beschädigungen, politischen Terror und Entfremdung färbt ihren Grundton. Da offenbart, im Stück "Keine Selbstkontrolle", eine nervös unbefriedigte Seele innere Panik: "Zu weit hab' ich's getrieben / der Kopf platzt -- mir ist schlecht." Im Song "Frag mich nicht immer" skizziert Gabriel die Gemütslage eines ausgehöhlten, isolierten Typs: "Leergeätzt, / vorm Kopf ein Brett / leer das Herz, / leer das Bett."
Gabriel weicht in seinen Songs über geschundene Existenzen nie aus in Larmoyanz oder Selbstmitleid. Fast idyllisch fängt eines der schönsten Stücke an, eine Reverenz an den südafrikanischen Farbigen-Führer Steve Biko, der während der Haft umgebracht wurde: "September '77 / Port Elizabeth --Sonnenschein / in 6-1-9 endlich Ruhe / nur ein Stuhl ging aus dem Leim." Dazu ertönt afrikanischer Chorgesang, verfremdet durch ferne Dudelsack-Klänge.
So anspruchsvoll und kompromißlos Gabriel das Album komponiert und getextet hat -- von der Prätention früher "Genesis"-Jahre ist hier nichts mehr zu spüren. Die US-Vertriebsfirma zeigte deshalb auch Scheu, die Platte in den USA herauszubringen, und bescheinigte Gabriel "kommerziellen Selbstmord".
Aber Gabriels bizarrer Sound bleibt nicht ungehört: In England ist die LP die Nummer eins der Hitlisten, in der Bundesrepublik rangiert sie unter den ersten Zehn.
S.159
Einsamer Junge / Hinter der Tür / die Freunde sind alle weg / da ist
mein Spielzeuggewehr / wo seid ihr - Mama und Papa? / Ihr redet
nicht mehr / ich werd trauriger Jahr für Jahr / schaut mich an - /
ich ziele in das Licht.
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DER SPIEGEL 28/1980
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DER SPIEGEL 28/1980
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