15.09.1980

AUTOMOBILEVersenkbare Emily

Nächsten Monat bringt Rolls-Royce sein neues Standardmodell heraus: den 180 000 Mark teuren Silver Spirit.
In der kleinen englischen Stadt Crewe, nicht weit von Manchester, lauern die Jäger, notdürftig getarnt hinter spärlichem Buschwerk.
Das Tele-Objektiv im Anschlag, hoffen sie, einen kapitalen Erlkönig ins Visier zu kriegen, wenn er aus dem gegenüberliegenden Werkstor von Rolls-Royce rollt. Die Jagd gilt dem jüngsten Sproß vom alten Auto-Adel: Die neu entwickelte "Rolls-Royce-Limousine für die achtziger Jahre" -- Typenbezeichnung: Silver Spirit -- wurde bislang nicht enttarnt.
Erst im Oktober will die Firma den Neuling, Nachfolgemodell des nun schon seit 15 Jahren gebauten Silver Shadow, öffentlich vorstellen. Und noch hatten die Photo-Jäger kein Glück: Wann immer ein Testfahrer mit dem Neuen das Werkstor passierte und in den Verkehr einbog, war nur ein gleichsam halbnacktes Automobil zu sehen -- ohne den tempelförmigen Kühlergrill mit der silbrig schimmernden "Emily" obendrauf, die beide zusammen einem Rolls-Royce erst sein Gesicht geben.
Acht Jahre haben Chefkonstrukteur Fritz Feller und sein Team damit zugebracht, die automobiltechnische Firmen-Devise zu erfüllen: "Evolution statt Revolution." Der Umsturz wurde vermieden: Der neue Rolls-Royce ist fast der alte.
In Crewe ist der zeitgemäße Ruf nach verbesserter Windschlüpfigkeit nahezu ungehört verhallt. Geringfügig flacher, geringfügig schlanker und glattflächiger wirkt der Silver Spirit gegenüber seinem Vorgänger. Die Gürtellinie rutschte etwas nach unten; doch um dem alten Konstruktionsziel ("Man muß einsteigen können, ohne den Hut vom Kopf zu nehmen") treu zu bleiben, wurden ringsum die Glasfronten um etwa 30 Prozent vergrößert.
Unverändert blieb der klassische Kühlertempel, bis auf eine Mini-Korrektur, die der deutsche TÜV erzwang: Der Rahmen der Tempelfront ist (bisher nur bei Exportwagen nach Deutschland, künftig aber weltweit) nicht mehr scharfkantig, sondern sanft abgerundet. Daß dem RR-Gesicht des S.278 neuen Silver Spirit indes auch kontinentale Züge anhaften, liegt vor allem an dem geänderten Lampendesign: Statt der klassischen runden Doppelscheinwerfer gibt es jetzt Breitband-Leuchten (auch hinten), die von ferne an die Mercedes-S-Klasse erinnern.
Zweieinviertel Tonnen wiegt das britische Luxusauto, nur ein paar Pfund weniger als sein Vorgänger. Bewegt werden sie wieder, bis zu 190 km/h schnell, von dem bewährten großvolumigen (6,7 Liter) Acht-Zylinder-Motor, der etwa soviel Benzin schluckt wie vier Fiat-Panda-Flitzer, mehr als 20 Liter. Konstrukteur Feller freilich weiß, daß er "für unsere Kunden" solche Verbrauchs- oder sonst wirtschaftliche Kriterien "nicht vorrangig berücksichtigen" mußte.
"Komfort und Sicherheit" stehen bei den Rolls-Royce-Technikern obenan: Die Couch-Garnitur im Fond ist nun mit duftigem Conolly-Leder bezogen -- wie die Pferdesättel der Queen. Die Sitze wurden (für dicke oder für dünne Reiche?) "körpergerecht geformt". Elektrische Muskeln, tief in den Polstern verborgen, heben, senken oder kippen den Kommandositz auf Knopfdruck.
Zur erhöhten Sicherheit haben sich die Konstrukteure des Silver Spirit Veränderungen am Fahrwerk einfallen lassen. Eine neue Hinterachse, bei der herkömmliche Schraubenfedern und Gasdruck-Federbeine stoßdämpfend zusammenwirken, soll Fahrkomfort, Straßenlage und Lenkbarkeit verbessern. Vier diagonal wirksame Streben an den beiden hinteren Halbachsen helfen X- oder O-Beinigkeit verhindern: Die nunmehr stets senkrecht stehenden Räder laufen komfortabler und verschleißärmer und bieten besseren Halt bei eiliger Kurvenfahrt.
Mehr Sicherheit beim Bremsen verschafft dem Silver Spirit eine Bremsflüssigkeit auf Mineralölbasis. Rolls-Royce-Chauffeure atmen auf: Klecksen beim Nachfüllen des Bremsensaftes ätzt künftig keine Löcher mehr in den Lack.
Der traditionsreichen Galionsfigur galt besondere Sorge der Techniker. Um Lady Emily gegen Diebstahl zu schützen, ersannen sie eigens eine mechanische Versenkung: Nach sanftem Druck auf ihren Kopf verschwindet die verchromte Dame durch eine Öffnung in der Kühlerfront.
Ein derart gesteigertes Vergnügen fordert, wie zu erwarten, einen weiter heraufgesetzten Preis. Die Kosten für die technischen Verbesserungen will Rolls-Royce, seit Anfang dieses Monats mit dem Flugzeugkonzern Vickers vereinigt, über eine Preissteigerung von gut zehn Prozent wieder hereinholen: Für deutsche Käufer kostet der Silver Spirit umgerechnet rund 180 000 Mark.

DER SPIEGEL 38/1980
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