20.07.1981

PSEUDONYMEDer Strohmann

Sieben Monate nach dem Tod des französischen Autors Romain Gary wurde publik: Er hat auch unter dem Pseudonym Emile Ajar geschrieben.
Plötzlich und niederschmetternd wie ein Gewitter brach der Ruhm über den empfindlichen, weltscheuen Künstler herein, dessen Existenz bis dahin nur ein unscharfes Photo belegt hatte: Ein Passant erkannte den Geheimnisvollen an der Pariser Metro-Station Sevres-Babylone, Photoreporter stürzten sich auf ihn und jagten ihn durch die Straßen, bis er panisch in ein Damenwäsche-Geschäft floh und sich in der Umkleidekabine zu verstecken versuchte. Doch einen Hinterausgang hatte der Laden nicht.
So wurde, an einem Novembernachmittag des Jahres 1975, der mysteriöse Emile Ajar dingfest gemacht, der ein paar Tage zuvor für seinen Roman "Du hast das Leben noch vor dir" den begehrtesten Literaturpreis des Landes, den Prix Goncourt, erhalten und aus Ekel vor jedem Literaturbetriebsrummel zurückgewiesen hatte.
Seit dem Erscheinen seines ersten Romans "Gros Calin" (1974) hatte die französische Kritik über Ajars wahre Identität spekuliert. Sein Manuskript war dem Verlag aus Brasilien zugeschickt worden, ein Anwalt besorgte die Korrespondenz, und auch dem Lektor und der Verlegerin, mit denen sich Ajar dann unter quasi konspirativen Umständen traf, wollte er seinen wirklichen Namen nicht preisgeben.
Dem "Mythos" Ajar förderlich war das Gerücht, er sei in Wahrheit ein libanesischer Terrorist namens Hamil Raja, abträglich jedoch der Verdacht, mit dem Pseudonym narre ein prominenter Autor die Öffentlichkeit -- Queneau, Aragon und Gary wurden genannt.
Doch nun konnten die Pariser Kopfjäger ihre Dossiers schließen: Der widerspenstige Goncourt-Preisträger (dessen Buch sich zu einem Super-Bestseller mit schließlich 1,2 Millionen Auflage entwickelte) war enttarnt als der 32jährige Paul Pavlowitch, der auf einem Bauernhof in Südfrankreich mit Frau und Kind eine sonderliche Aussteiger-Existenz führte.
Der schon zuvor als "Ajar" verdächtigte Romain Gary freilich, so erwies sich nun, war (als Vetter seiner Mutter) mit Pavlowitch verwandt und bekannt, und so stellte Gary -- in einer von "Le Monde" als Faksimile publizierten Erklärung -- noch einmal nachdrücklich fest, daß er mit Ajars Werken "in keiner Weise" zu tun habe.
Der enttarnte "Ajar" tat mehr: Er attackierte seinen Onkel Gary, er stellte ihn -- in seinem nächsten Buch "Pseudo" (1976) -- als abgewrackten Society-Literaten dar, der die schriftstellerischen Ambitionen seines Neffen stets nur mit Verachtung und Neid verfolgt habe, überdies als unersättlichen Weiberverzehrer, dessen Appetit -- o Schande der Familie! -- sogar Pavlowitchs Mutter erlegen sei.
Ajars "Pseudo", niedergeschrieben in einer Kopenhagener Nervenklinik, stellte sich als verzweifelte Flucht nach vorn dar: Paul Pavlowitch gab endlich seine wahre Geschichte des Paul Pavlowitch preis, die Geschichte eines labilen, von Identitätsängsten gejagten Paranoikers, eines Stammkunden psychiatrischer Anstalten, der endlich in seiner Geheim-Existenz als "Ajar" ein empfindliches Gleichgewicht gefunden hatte und nun durch deren Vernichtung in den alten Wahnsinn zurückstürzte, in die Angstdelirien der Nichtexistenz.
Angesichts dieser hemmungslosen Konfession verstummten die indiskreten Ajar-Jäger betroffen. Doch nun, fünf Jahre später, heulen sie um so lauter auf: Paul Pavlowitch hat gestanden, daß "Pseudo" tatsächlich "pseudo" war, eine abenteuerliche und virtuose Mystifikation wie der ganze Emile Ajar -- Romain Gary, der 66jährig im letzten Dezember Selbstmord beging, schrieb die Bücher, insgesamt vier, Neffe Paul unterzeichnete nur als Strohmann Verträge und hielt Reportern den Kopf hin.
Nur einmal tat der harmlose Paul noch mehr: Während Gary wie ein Besessener an "Pseudo" arbeitete, hockte Pavlowitch in einem Hinterzimmer und tippte Tag für Tag ab, was entstand -zunehmend fassungslos über das monströse Gary-Porträt, das ihm da unterschoben wurde, und entsetzt über die Psychotiker-Karriere, die ihm Gary andichtete und zu der er sich ja fortan bekennen mußte. Dabei hatte er nie ein Irrenhaus von innen gesehen.
Paul Pavlowitchs Enthüllungsbuch "L'homme que l'on croyait" wirkte in der Pariser Literaturszene so sensationell, daß mancher es schon als neue, alles übertrumpfende Mystifikation zurückweisen wollte. Doch nun hat Garys Sohn Diego ein nachgelassenes Gary-Manuskript publik gemacht, Titel: "Vie et mort d'Emile Ajar", das Pavlowitchs Bericht komplettiert:
"Ajar" war eine mit der Umsicht eines großformatigen Versicherungsschwindels in Szene gesetzte Fiktion: Für den besessenen Autor Gary eine Art Triumph über sich selbst, für den tumben Strohmann Pavlowitch ein Abenteuer, das ihn zeitweise zu verschlingen drohte, und für beide zuletzt eine Falle, in der sie sich -- jeder den "Verrat" durch den anderen fürchtend -- gegenseitig zerfleischten.
Was aber trieb den erfolgsverwöhnten Starautor litauisch-jüdischer (und S.143 etwas dunkler) Herkunft, den einstigen Jagdflieger und Diplomaten mit der schillernden Aura des Playboys und Globetrotters, der, virtuos zwischen französisch und englisch wechselnd, Bestseller um Bestseller produzierte, obwohl er sich spätestens seit dem Prix-Goncourt-Erfolg "Die Wurzeln des Himmels" (1956) auf seinen Tantiemen hätte ausruhen können -was trieb Gary als Sechzigjährigen dazu, "Ajar" in die Welt zu setzen?
Gary, so er selbst, hatte schlicht die Nase voll davon, Gary zu sein, abgestempelt durch seinen Ruhm, aber auch abgestempelt als alter Gaullist und konservativer Liebling der Literatursalons. Der Mythos Ajar sollte für ihn eine Erneuerung sein, eine Wiedergeburt -- und er bekam seinen Triumph, 1975, indem er als Gary selbstparodistisch mit einer Romansatire über die Potenznöte eines welkenden Playboys seine alten Leser belustigte, während gleichzeitig der knackige junge Ajar mit der Parole "Du hast das Leben noch vor dir" zum Liebling des jungen Publikums avancierte.
Doch der Mythos Ajar war auch eine Geburt der Angst. Nicht alles in "Pseudo" war "pseudo". Der Verrückte jedoch, den Identitätsängste und Verfolgungswahn immer tiefer in Mystifikationen hineintrieb, war nicht der Neffe, sondern der Onkel: Er schrieb wie ein Berserker, weil er nur so über ein tiefes Gefühl der Nichtexistenz siegen konnte.
Schon zwei Jahre vor seinem Tod hörte Gary, laut Pavlowitch, zu schreiben auf, mit einem Ajar- und zwei Gary-Romanen als Lebensreserve. Doch die Angst wuchs, und nach dem Selbstmord seiner Exfrau Jean Seberg --Gary beschuldigte das FBI, sie durch eine Verleumdungskampagne in den Tod getrieben zu haben -- glaubte Gary bald sich, bald Pavlowitch von Attentätern verfolgt, die das Geheimnis Ajar zerstören wollten: Die Angst, als Ajar entlarvt, und die Angst, vor der Nachwelt um den Ajar-Ruhm betrogen zu werden, potenzierten sich in monströsen Pakten und Fluchtmanövern.
Als der Mann, der eigentlich Roman Kacew hieß und auch unter den Pseudonymen Fosco Sinibaldi und Shatan Bogat Bücher publiziert hat, sich im Dezember 1980 erschoß, muß die Angst über ihn gesiegt haben, weder Gary noch Ajar, sondern zutiefst niemand zu sein. Und fortan ist wohl auch der arme Strohmann a. D. Pavlowitch wieder ein Niemand.

DER SPIEGEL 30/1981
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