22.09.1980

RUDOLF AUGSTEINWas ein Hirte so alles weiß

Was ein Hirte so alles weiß
Es gab einmal einen Kardinal Döpfner, Erzbischof von München und Freising. Er war Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Durch Erfahrungen gewitzt, hatte er erkannt, daß es weder klug noch weise wäre, den katholischen Wählern der Bundesrepublik vorzuschreiben, welche Parteien sie zu wählen hätten. Es gab auch einmal einen Prälaten namens Josef Homeyer, Sekretär der katholischen Bischofskonferenz, es gibt ihn noch.
Sechs Wochen nach dem Tod Döpfners, aus Anlaß der Bundestagswahlen 1976, wurde er im Deutschlandfunk gefragt, ob alle Parteien gleich wählbar für die gläubigen Katholiken seien. Er antwortete ohne "inschränkung: Ja. Ich würde das eindeutig sagen. Jene, die " " eindeutig auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, sind im " " Prinzip wählbar, und da es eben mehrere sind, muß die " " Entscheidung des einzelnen gefällt werden, denn das ist ja " " nun gerade der Sinn der Wahl. "
Der Reporter hakte nach, ob die katholische Kirche nicht aufgrund des Dissenses in bestimmten gesellschaftspolitischen Grundfragen eine Abwahl der SPD/FDP-Regierung wünschen müsse, auch wenn sie das "en Gläubigen nicht direkt empfehle. Die Antwort: Nein. Was die " " Kirche wünschen muß, ist, daß alle Parteien, die auf dem " " Boden des Grundgesetzes stehen wollen und sicherlich auch " " grundsätzlich stehen, sich an diesem Grundgesetz orientieren. " " Das ist ihre entscheidende Sorge. "
Man sieht, der Prälat hatte sich aus dem Fenster gelehnt. Er hatte das Grundgesetz und das Bundesverfassungsgericht als die einzig entscheidenden Instanzen bezeichnet. Er hatte sogar noch hinzugefügt, konkret müsse der einzelne wissen, was er zu wählen habe.
So war nun nie die Praxis der katholischen Kirche. Auf einer Regenbogenbrücke von frommem Schein errichtet, hatte sie bis zu Döpfners Zeiten nie darauf verzichtet, das Gewissen der Gläubigen zu strapazieren.
Dies bedeutet ja gar nicht, daß alle Meinungen der Bischöfe von vornherein zu verwerfen seien. Zu verwerfen ist ihr Anspruch, daß sie eine höhere, eine auf einen Jesus Christus gegründete Weltordnung zu befehlen hätten. Wer uns das heute noch erzählt, wird einen zweiten Kulturkampf erleben, der nicht mit dem Gang nach Canossa endet.
1976 wurde Homeyers klare Aussage von seinem Chef, dem amtierenden Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Joseph Kardinal Höffner, als eine "Privatmeinung" abgetan. Aber da Kardinal Döpfner noch nicht lange genug tot war, mußte sein Nachfolger Höffner 1976 noch vorgeben, auch seinerseits nur eine private Meinung, und nicht etwa ein Wort der Bischöfe, kundzutun. Welche denn?
Nun die: Zuallererst müsse die Wahlentscheidung von der Reform des Paragraphen 218 beeinflußt werden. Das bedeutete: Wer also diesen unwirksamen und abgestandenen Paragraphen ändern wolle, sei nicht wählbar. Offenbar gab es nach Ansicht dieses Hirten -- wen hütet er übrigens? -- kein anderes wichtiges Problem auf dieser Welt.
Diese Gesinnung, neuerdings durch Papst Wojtyla offenbar im Schwange, läßt uns gar keine Wahl mehr. Wir müssen darauf beharren, daß die Welt zugrunde geht, wenn die kirchlichen Schein-Heiligen ohne irgendeine Kenntnis der Verhältnisse Wahl-Urteile sprechen.
Hier zeigt sich eine intellektuelle Minus-Ausstattung, die zur Empörung Anlaß gibt. Man wünschte wirklich, die Herren, denn Damen sind da ja nicht gefragt, müßten so leben wie in anderen zivilisierten Ländern auch, nämlich von den Spenden ihrer Gläubigen.
Diese Leute, die nie lernen mußten, mit der Arbeitswelt umzugehen, die nie mit einem Betriebsrat zu tun hatten und deren Produktivität nun wirklich zu wünschen übrigläßt: Sie würden ihren Laden ja gar nicht halten können, wenn ihnen nicht viele nichtgläubige Steuerzahler aus irrationalen Gründen das materielle Dasein ermöglichten. Der Staat organisiert ihnen, was sie aus eigenem nie zuwege bringen würden. Dafür hat er das unbezweifelbare Recht, daß die Hirten sich nicht als Finanzminister aufspielen.
Sie mögen sich doch bitte darüber unterhalten, ob ein Gott ist in drei Personen. Sie mögen uns doch bitte selber überlassen, Probleme zu regeln, für die sie weder Verständnis noch Kenntnis noch irgendeine Moral mitbringen.
Da die Kirche Trost und Rat spendet, wird sie mit Recht geschont. Aber wir wollen doch klar aussprechen, daß ihre geistige Ausstattung die materiellen Mittel, die ihr zufließen, nicht rechtfertigt. Sie hat, zumindest in der Personifizierung der Kardinäle Höffner und Ratzinger, wenig genug zu bieten.
Die römischen Herren werden alimentiert. Wenn sie über die ihnen gezogenen Grenzen hinausgehen, muß man ihnen klarmachen, daß sie sich vergaloppiert haben. Schließlich ist Deutschland keine katholische Festung wie Polen, sondern es gab hier einen Martin Luther.
Wir haben uns mit äußerster Geduld angehört, was die Herren Bischöfe zum Paragraphen 218 und zur Ehescheidung mitzuteilen wußten -- Themen, deren praktische Grundlagen ihnen von Natur her fremd sein sollten. Wir werden uns nicht mehr anhören, was sie zu Fragen der Arbeitslosigkeit, der Renten, der Staatsverschuldung etc. pp. von sich geben. Diese Fragen sind diffizil genug, auch für Leute, die was davon verstehen. Ignoranten wie Ratzinger und Höffner können dazu nichts beitragen.
Es geht nicht darum, der römischen Kirche eins überzubraten. Es geht darum, ihr ein für allemal klarzumachen, daß sie in den Dingen dieser Welt nicht schon deshalb kompetent ist, weil sie von ihnen profitiert. Wir wollen keine Nebenregierung, und vor allem keine von so unkompetenten Leuten. Selbst die Gewerkschaften, als weltliche Interessenvertreter, wissen ja, wovon sie reden. Die Kardinäle Höffner und Ratzinger wissen das nicht.
S.18
Ja. Ich würde das eindeutig sagen. Jene, die eindeutig auf dem Boden
des Grundgesetzes stehen, sind im Prinzip wählbar, und da es eben
mehrere sind, muß die Entscheidung des einzelnen gefällt werden,
denn das ist ja nun gerade der Sinn der Wahl.
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Nein. Was die Kirche wünschen muß, ist, daß alle Parteien, die auf
dem Boden des Grundgesetzes stehen wollen und sicherlich auch
grundsätzlich stehen, sich an diesem Grundgesetz orientieren. Das
ist ihre entscheidende Sorge.
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Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 39/1980
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