22.09.1980

Die Herde denkt anders

SPIEGEL-Umfrage unter deutschen Katholiken über den Hirtenbrief
Die katholischen Bischöfe der Bundesrepublik wollen der CDU/CSU bei der Wahl am 5. Oktober zu einer Mehrheit verhelfen, aber sie haben bei dieser Aktion nur eine Minderheit der Katholiken auf ihrer Seite.
Dieses Ergebnis brachte in der vergangenen Woche eine Blitzumfrage des Bielefelder Emnid-Instituts für den SPIEGEL. Befragt wurden knapp tausend Männer und Frauen, repräsentativ für die 16 Millionen erwachsenen Katholiken in der Bundesrepublik.
81 von 100 Befragten hatten von dem Hirtenbrief "gehört oder gelesen". Abgesehen von der Enzyklika, mit der Papst Paul VI. im Jahre 1968 den katholischen Frauen die Pille verbot, dürfte es schon seit Jahrzehnten keinen kirchlichen Text gegeben haben, der binnen weniger Tage so viele deutsche Katholiken beschäftigte.
Den Wortlaut hatten allerdings nach der "Frankfurter Rundschau" nur wenige andere Zeitungen veröffentlicht. Deshalb schilderten die Emnid-Interviewer die strittigsten Punkte des kirchenamtlichen "extes: In dem Hirtenbrief kritisieren die Bischöfe, daß "vielen " " ungeborenen Kindern das Recht auf Leben verweigert wird", und " " sie kritisieren in diesem Zusammenhang die jetzige Fassung " " des Paragraphen 218. Sie kritisieren ferner, daß staatliche " " "Gesetze die Ehescheidung begünstigen", und sie kritisieren " " schließlich, daß es in der Bundesrepublik "eine gefährlich " " hohe Staatsverschuldung" gebe. "
Je 23 von 100 Katholiken gehen "jeden oder fast jeden Sonntag" oder "mindestens einmal im Monat" zur Kirche. Mithin können die Bischöfe in weitem Sinne 46 von 100 Katholiken zum Kirchenvolk zählen.
Aber zu welchem Aspekt des Hirtenbriefs Emnid die Meinung der deutschen Katholiken auch erforschte, S.25 in keinem einzigen Punkt fanden die Bischöfe die Zustimmung einer so großen Minderheit. Mit anderen Worten: Sonntags sitzen unter den Kanzeln mehr Katholiken, als den Bischöfen auf ihren politischen Abwegen folgen wollen. Die Herde denkt anders als die Hirten.
Nur 31 von 100 Katholiken sprachen sich für Hirtenbriefe zu Wahlen aus, weitaus die meisten sind entweder dagegen oder nehmen diese Schriftstücke sowenig zur Kenntnis wie andere Lebenszeichen der längst von ihnen verlassenen Kirche.
Ebenfalls nur 31 von 100 Katholiken bejahten den Inhalt des Hirtenbriefes einschließlich des Themas Staatsverschuldung. Die Mehrheit hält entweder nur Abtreibung und Ehescheidung für denkbare Themen oder meint, die Bischöfe sollten überhaupt schweigen oder die Katholiken nur mahnen, zur Wahl zu gehen.
Sogar nur 25 Prozent der Katholiken halten den Hirtenbrief für "parteipolitisch neutral". Eine Zwei-Drittel-Mehrheit ist davon überzeugt, daß der Text "der Ansicht der Oppositionsparteien CDU und CSU entspricht".
Und auch als nach den umstrittenen Themen des Briefes gefragt wurde, zeigte sich, daß die Bischöfe nur für eine Minderheit der Katholiken sprechen können.
So sind lediglich 27 von 100 Befragten wie die Oberhirten der Ansicht, daß der Abbruch einer Schwangerschaft "nur erlaubt werden soll, wenn das Leben der Frau gefährdet ist" (so eine von vier Emnid-Antwortvorgaben).
32 von 100 Katholiken bejahten in etwa die heutige gesetzliche Regelung, weiteren 41 Prozent ist auch der neugefaßte Paragraph 218 noch nicht liberal genug. Sie befürworten Straffreiheit bei Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten (die sogenannte Fristenregelung) oder überhaupt.
Ob der Hirtenbrief "der CDU/CSU Stimmen bringen wird" (wie 56 Prozent der Befragten meinen), ist zweifelhaft.
Für weitaus die meisten Katholiken kommt der Brief ohnehin zu spät. 62 von 100 wählen immer dieselbe Partei, weitere 22 von 100 haben sich diesmal schon festgelegt. Nur 15 von 100 hatten sich vorige Woche noch nicht entschieden.
Von ihnen bejahte zwar etwa jeder dritte die Frage, ob der Hirtenbrief seine Wahlentscheidung beeinflussen wird. Aber es bleibt durchaus offen, ob und wie dies geschieht.
Denn unter den Katholiken ist die Zahl der noch unentschlossenen Wähler um so höher, je größer ihre Distanz zur Kirche ist, je jünger sie sind und je entschiedener sie sich gegen den Hirtenbrief äußern.
S.24
In dem Hirtenbrief kritisieren die Bischöfe, daß "vielen ungeborenen
Kindern das Recht auf Leben verweigert wird", und sie kritisieren in
diesem Zusammenhang die jetzige Fassung des Paragraphen 218. Sie
kritisieren ferner, daß staatliche "Gesetze die Ehescheidung
begünstigen", und sie kritisieren schließlich, daß es in der
Bundesrepublik "eine gefährlich hohe Staatsverschuldung" gebe.
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DER SPIEGEL 39/1980
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