22.09.1980

„Ich erfülle nur meine Pflicht“

SPIEGEL-Redakteur Uly Foerster über den Wahlkämpfer Wehner
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner, 74, wird von seiner Parteizentrale nicht im Wahlkampf eingesetzt.
"Aus Rücksicht auf sein hohes Alter", begründet ein Wahlhelfer im Erich-Ollenhauer-Haus den Verzicht. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Wehner führt seinen eigenen Wahlkampf und nimmt auf sein Alter keine Rücksicht. Er läßt sich nicht von Managern in Partei und Fraktion verwursten. Sein Terminkalender wird nicht von Planungsstäben, sondern von Stieftochter Greta Burmester geschrieben.
Denn der SPD-Abgeordnete Wehner, der seit 1949 den Wahlkreis Hamburg-Harburg jedesmal wieder mit Stimmanteilen zwischen 48 (1949) und 64 Prozent (1972) direkt gewonnen hat, verabscheut die Waschmittelreklame, die von den Parteien als Wahlwerbung ausgegeben wird.
"Von riesigen Kundgebungen", läßt er am Sonntag voriger Woche eine SPD-Unterbezirkskonferenz im fränkischen Hof wissen, "halte ich persönlich fast gar nichts." Auf dem "fürchterlichen Plakat-Irrweg" möchte er nicht entlanggehen. Und die "sogenannten Spots" im Fernsehen sind für ihn einfach "Dreck".
Das wichtigste Requisit, das Wehner im Wahlkampf bei sich trägt, ist ein grüner Aktendeckel.
Drinnen sind SPD-Wahlprogramm, -aufruf und Leistungsbericht; ein 25 Jahre altes Bundestagsprotokoll mit Zitaten von Franz Josef Strauß; die Sonthofener Rede des Bayern; ein "Rückblick in Zuversicht" von Bundeskanzler Helmut Schmidt; die CSU-Broschüre über "Die Moskau-Fraktion der SPD, Gefahr für unsere Freiheit"; das SPD-"Programm zur zukunftsgerechten Weiterentwicklung der Altersversorgung"; eine Ausgabe der Verbandszeitschrift "der arbeitgeber"; SPD-Pressemitteilungen.
Ferner: die Bundestagsdrucksachen 8/3490 "Entwurf eines Gesetzes über die Errichtung von Sprecherausschüssen für Leitende Angestellte" und 8/4372 "Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung der Montan-Mitbestimmung"; ein Artikel des Jesuiten-Paters Oswald von Nell-Breuning; eine 30 Jahre alte Erklärung des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Mitbestimmung. Und ein altes, vergilbtes Heft, das vor neunzig Jahren zu "Arbeitsschutz und Achtstundentag" erschienen ist.
Das ist der Stoff, aus dem Wehner Wahlreden macht, Referate, die nicht zum leichten Konsum, sondern zum Absitzen bestimmt sind.
In seinem erbarmungslos drögen Vortrag, bis zu zwei Stunden lang, gibt es keine rundgelutschten Phrasen, wie sie in den Semantik-Abteilungen der Parteien erzeugt werden. Wehner tischt keinen Werbeschmus, sondern Schwarzbrot auf.
Wer das nicht kauen mag, zieht sich den Zorn des alten Polterers zu. In der Eckkneipe Bachmann und Griep, im Harburger Proletarierviertel Wilhelmsburg, wird Wehner laut, als die Werftarbeiter und Rentner nach eineinviertel Stunden Predigt nicht auch noch über das Schicksal des Künstlersozialversicherungsgesetzes aufgeklärt werden wollen: "Gehen Sie doch nicht in eine Versammlung", schreit er einen Zwischenfrager an, "wenn Sie es nicht aushalten können."
Ausharren -- das ist das mindeste, was Wehner, wenigstens von Genossen, verlangt. Aus Sorge, die Darstellung sozialdemokratischer Erfolge und Ziele gehe im Zweikampf zwischen Strauß und Schmidt verschütt, bittet er, so etwa Betriebsräte im westfälischen Hille, "dringend, sich nicht in allgemeine Parolen drängen zu lassen".
Wie inhaltsreiche Argumentation sein soll, führt Wehner in Harburg, Hille und Hof vor. Endlos deklamiert er aus mitgebrachten Papierstößen, hält rot oder weiß eingebundene Broschüren in die Höhe und erzeugt bei der SPD-Gemeinde hundertfach schlechtes Gewissen: "Wer das nicht hat und liest", preist er die SPD-Leistungsbilanz an, "der tut mir leid."
Wehner will die Genossen aufbringen gegen den "Wahlkampf der Schlagworte und Schlagzeilen", drängt sie, "sich selbst zu informieren und damit Nachbarn und Nachbarinnen, Kollegen und Kolleginnen zu helfen, einiges zu verstehen".
Das, sagt Wehner fünfmal, sechsmal in jeder Rede, ist "viel wichtiger als knallige Plakate, Unterstellungen und Verleumdungen". Die Besucher seiner Versammlungen zählen denn auch allenfalls zu Hunderten. Und in seinem Wahlkreis, wo er jede Woche ackert, sucht er persönlichen Kontakt mit Alten, Behinderten, Betriebsgruppen, mit Obstbauern und Hausbesitzern, Handwerkern und Unternehmern.
Stieftochter Greta kutschiert ihn im Volvo von Altersheim zu Altersheim, in Kneipen und Säle. Den Mitarbeitern im Ollenhauer-Haus und in der Fraktion ist der Überblick über Wehners Einsatzplan längst verlorengegangen.
Oft rätseln sie über die handgeschriebenen Zettel, auf denen ihnen Greta Burmester das Programm mitteilt: "5. 9., Vm, WK" steht da, was heißt: Am 5. September ist Wehner vormittags in seinem Wahlkreis.
Nach den öffentlichen Versammlungen drängen sich stets Schlangen an den Tisch, wo Wehner grimmig, doch willig -- Zugeständnis an den Zeitgeschmack -- Autogramme schreibt. Nicht immer hält er die Beherrschung.
Eine Harburgerin, die mit ihrer Steuer nicht klarkommt und die SPD dafür verantwortlich macht, brüllt er nieder: "Sie haben sich wohl von der 'Bild'-Zeitung ins Bild setzen lassen." Einen S.31 Invaliden in Hof, der bebend immer wieder sein Rentenproblem vorträgt, herrscht er an: "Was wollen Sie. Ich bin doch kein Geschäftemacher."
Aber er hilft, der "Onkel". Die Unterlagen des Rentners verschwinden in Tochter Gretas braunem Einkaufsbeutel. Wehner mürrisch: "Sie bekommen in jedem Fall eine klare Antwort."
Bei solcher Basisarbeit ist für Tiraden über "Strauß, seine Zimmermänner und andere Hinterlader" (Wehner) wenig Zeit. Nicht nur, weil sich Wehner strikt an die von ihm ausgegebene Parole hält, "der Doppelkopf aus Bayern" dürfe "weder hochgejubelt noch hochgeschmäht werden, weil er davon nur profitiert", sondern auch, weil er sich "nicht denen mit der Dreckschleuder zur Seite stellen" will.
"Die Demokratie", mahnt Wehner düster, "steht am 5. Oktober auf dem Prüfstand." Und wer da "unser Gemeinwesen" mit einer "Schmutz- und Schlammschlacht lähmt", der hat eben die Lektion aus der Weimarer Republik nicht gelernt.
Die SPD-Wahlkämpfer, die ihn viel lieber herzhaft über Strauß brüllen hören würden, sind oft enttäuscht. "Der red't viel zu schwierig", beklagt sich ein Genosse in Hof, und in Harburg ruft ein Angetrunkener dazwischen: "Biste bald fertig, Herbert?"
"Ich will hier nur meine Pflicht erfüllen", schreit der alte Mann zornig zurück. Und dann erklärt er geduldig und ausführlich Steuerentlastungspaket und Kindergeld, Rentenfinanzierung und staatliche Kreditaufnahme.
Der andere Wahlkampf des Herbert Wehner ist nur für Genossen bestimmt. Auf Öffentlichkeit legt er keinen Wert.
Wo keine Scheinwerfer brennen und keine Kulis gezückt sind, kann offen geredet werden über "den Grafen", der "von Tokio über den Äther reden läßt", in der Bundesrepublik müsse mehr gearbeitet werden, über die "Koalition, die manche Schwierigkeiten, sage ich bescheiden, uns auferlegt". Und auch der Kanzler, auf den Wehner sonst Eloge über Eloge häuft, bekommt sein Fett manchmal weg.
Befragt nach dem Grund, weshalb das Treffen von Schmidt mit Erich Honecker in der DDR während der polnischen Streiks abgesagt werden mußte, giftet Wehner: "In Rostock, wo der Bundeskanzler durch die Stadt flanieren wollte, da arbeiten 700 Polen, Gastarbeiter würde man hier sagen, auf der Warnow-Werft."
Ein Rentner bei Bachmann und Griep, der an jenem Freitagabend schon einen im Tee hat, lallt begeistert: "Herbert, willst du nicht Bundeskanzler werden?"
Lautstark bellt Wehner zurück, was er von sich selber hält: "Ich bin weder ein Staatsmann noch das, was ich einen Politiker nenne. Ich bin ein politischer Pragmatiker."
Von Uly Foerstger

DER SPIEGEL 39/1980
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