22.09.1980

„Die Jungs sollen sich anstrengen“

SPIEGEL-Redakteur Heiko Martens über Wahlkämpfer Lambsdorff
Von allen Liberalen hat er im Wahlkampf den meisten Zulauf. Wenn einer die FDP rettet, dann will er es gewesen sein, er will den Christdemokraten genug Stimmen abjagen.
Begeistert nennt ihn sein Parteivorsitzender den Ludwig Erhard der 80er Jahre. Bekümmert beklagen die Jungen, daß er die FDP in eine "inhaltliche und emotionale Wende" (Judo-Vorsitzender Christoph Strässer) treibt.
Otto Graf Lambsdorff ist für die FDP unentbehrlich. Wenn Genscher morgen nicht mehr könnte, behaupten Parteistrategen, Lambsdorff wäre sein Nachfolger.
Noch auf dem Mainzer Parteitag vor zwei Jahren war Lambsdorff durchgefallen, als es um den Einzug ins Parteipräsidium ging. Heute ist das unvorstellbar. Ohne Lambsdorff, klagen oder loben je nach politischer Ausrichtung seine Parteikollegen, läuft nichts mehr in der FDP.
Lambsdorff hat das kommen sehen. Er habe schon immer gesagt, erklärt er seinen Aufschwung nach Maß, daß es sinnlos sei, im Wählerreservoir der SPD zu fischen.
Und so präsentiert er sich den Wählern aus der konservativen Ecke -- als Garant der Marktwirtschaft gegen Planer von der SPD-Linken, als Warner vor zuviel Sozialstaat, als Mahner für mehr Fleiß und gegen den Gewerkschaftsstaat.
Der liberale Tugendwächter sieht den Zeitpunkt dämmern, "daß wir uns am Riemen reißen müssen", wie schon einmal, nach dem Krieg. "Damals lagen die Trümmerhaufen auf der Straße, für alle sichtbar. Heute sieht die Gefahr niemand."
Der Ökonom macht sie sichtbar, zum Beispiel den Bürgern in der Fußgängerzone von Ingolstadt. 83 Prozent des deutschen Motorradmarktes, rechnet er ihnen vor, seien bereits in japanischer Hand. Und 13 Prozent des Automarktes. In China hätten die Japaner ein Walzwerk 35 Prozent billiger angeboten als die Deutschen. "Höhere Kosten, teurere Produkte können wir uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht leisten." Deutlicher: Die 35-Stunden-Woche ist nicht drin, sie ist ein "ehrenwertes", kein "vernünftiges" Ziel.
Der Schwung ist hin: Unternehmer, die ihr Geld in Pfandbriefen anlegen, statt zu investieren, kann der Graf nicht ab. Eine Vokabel wie "Krankfeiern" ist -- welche Ungeheuerlichkeit -- in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen. Warum mag jeder vom Montagsauto reden, schilt aber den Minister, wenn der mehr Qualitätsbewußtsein fordert? "Die sollen sich anstrengen, die Jungs", sagt Lambsdorff, und meint sie alle, Unter- und Arbeitnehmer. Und auf den Marktplätzen klatschen sie alle, denn jeder weiß, daß der Nebenmann gemeint ist.
Es ist nicht nur die Gunst der Wahlkampfstunde, die den Wettbewerbs- und Leistungsfanatiker aus baltischem Adelsgeschlecht von Flensburg bis S.32 München bekannt gemacht hat. Er hat es so gewollt.
Zu Beginn seiner Bonner Karriere hat er gesagt, er wolle kein Berufspolitiker auf Lebenszeit sein. Für eine, zwei, vielleicht drei Legislaturperioden, dann aber auch richtig.
Für den Grafen, der Wert auf seinen Adelsvorspann legt, bedeutet das: 70 und mehr Stunden in der Woche zu arbeiten, möglichst jeden Morgen Anlaß einer Meldung im Deutschlandfunk zu sein (weil der von den meisten Autofahrern gehört und von den Agenturen nachgedruckt wird), in der Nähe Bonns zu urlauben, um mit Amt und Presse Kontakt zu halten.
Und warum? Weil ihm sein gegenwärtiger Beruf, der Entscheidungen vom Band verlange, besonders liegt, sagt seine Frau. Sicher auch, weil Lambsdorff zwar Graf ist, aber einer ohne Schloß. Weil er hart arbeiten muß und stolz darauf ist, es zu etwas gebracht zu haben. Sicher auch, weil er gerne besser ist als andere.
Herausragendes hat der FDP-Wirtschaftsminister, der vor drei Jahren das Amt in Bonn-Duisdorf übernommen hat, eigentlich nicht geschaffen. Er hat immer verhindert, aber das höchst werbewirksam: wirtschaftspolitischen Dirigismus, internationalen Protektionismus, paritätische Mitbestimmung, natürlich den weiteren Marsch in den Sozialismus. Mit dieser Verhinderungspolitik, sagt der promovierte Jurist, hat er der FDP marktwirtschaftliches Profil wiedergegeben.
Neben den Jungdemokraten gehört SPD-Jungminister Volker Hauff zu Lambsdorffs liebsten Raufkumpanen. Als sich Hauff vor einigen Wochen mit seinem Plan hervortat, über ein gewaltiges staatliches Investitionsprogramm Vollbeschäftigung zu sichern, war Lambsdorffs Urteil schnell zur Hand: politischer Kindergarten.
Das sei so läppisch, daß es "die Jungdemokraten erfunden haben könnten". Abgesehen davon, daß die Milliarden für solche Programme nicht da wären: Wer garantiere denn für die wirtschaftspolitische Weisheit von Bürokratien?
Ein Wirtschaftsminister, der immer nur sagt, was nicht sein darf, tut sich besonders leicht. Wenn andere darüber nachdenken, wie das Energiesparen forciert werden könnte, dann stoppt er: keine Reglementierung, der Markt mit hohen Preisen und die Vernunft der Autofahrer wird's schon richten.
Wenn Sozialdemokraten überlegen, wie durch vorausschauende Planung die Folgen des Strukturwandels der Wirtschaft für die Arbeitnehmer gemildert werden könnten, dann bremst der Graf: Das riecht nach Investitionslenkung, und die zerstört die Mechanismen des Marktes.
Wenn es einem Wirtschaftsminister dann noch gelingt, die politische Verantwortung für hohe Arbeitslosenzahlen von der eigenen Person fernzuhalten -- dann steht er am Ende einer Legislaturperiode nicht schlecht da.
Als Marktwirtschaftler, sagt Lambsdorff dem Wahlvolk, hat man's mit der SPD nicht leicht. Intern fügt er hinzu, daß er das ohnehin nur mit Figuren wie Schmidt, Apel und Matthöfer durchstehen könne -- und der Kanzler nur mit ihm. Eine absolute Mehrheit der SPD würde Helmut Schmidt keine ganze Legislaturperiode durchstehen, glaubt der Graf.
Die Schmidts ihrerseits können es mit dem Wirtschaftsminister, weil man sich auf ihn verlassen kann. Ein Abgang wie der seines Amtsvorgängers Hans Friderichs, der mitten in der Legislaturperiode ins Bankgeschäft umgestiegen war, ist für Lambsdorff undenkbar; er muß die Marktwirtschaft bewachen und kann nicht einfach "abhauen".
Es bleibt nicht aus, daß Lambsdorff bei solchem Selbstverständnis von den Leuten im Wahlkampf gefragt wird, ob er es in einem Bündnis mit der CDU/ CSU nicht viel leichter hätte. "In Sachen Wirtschaftspolitik", bestätigt ein Lambsdorff-Kenner, "käme der mit denen an einem Tag klar."
Doch die jetzige Koalition hat für den Minister eine andere Existenzberechtigung: die Ost- und Deutschlandpolitik. Sie ist für Lambsdorff die historische Begründung für das Bündnis zwischen Sozialisten und Liberalen in Deutschland. Und wenn die Koalition noch vier weitere Jahre dauern soll, dann deswegen: Gemeinsamkeiten mit einer Außenpolitik, wie sie von Franz Josef Strauß vertreten wird, gibt es für den Liberalen nicht.
Trotzdem ist er natürlich nicht "mit diesem Koalitionspartner verheiratet". Wenn nicht mit Strauß, so mit Kiep, Albrecht und Stoltenberg könnte der Graf am Kabinettstisch sitzen.
Lambsdorff weiß, daß ein Umschwenken der Partei nicht Baum, wohl auch nicht Genscher einleiten könnte, daß, wenn es soweit ist, am leichtesten er -- die Fahne der Marktwirtschaft hochhaltend -- das Häuflein der Liberalen anführen würde.
Dann wäre er nicht mehr Vorturner der Marktwirtschaft reiner Lehre; lieber -- und logisch -- Außenminister, der im Bündnis mit den Christdemokraten eine mehr sozialliberale Außen- und Deutschlandpolitik vertritt. Das Spiel mit vertauschten Rollen hat er lange geübt.
Die Frage, ob die FDP nicht spätestens in der nächsten Legislaturperiode zum Sprung nach rechts ansetzen müsse, beantwortet Lambsdorff stets gepflegt vage: Das sei durchaus möglich.
Schon hegen Lambsdorff-Kenner den Verdacht, ihm komme es bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen nicht nur darauf an, den Vorrat an Gemeinsamkeiten mit den Sozialdemokraten für die nächsten vier Jahre anzulegen; zu seiner Marschverpflegung gehöre auch ein Vorrat an Streitigkeiten.
Noch plant Lambsdorff über den 5. Oktober hinaus nur im stillen. Der Schock der Nordrhein-Westfalen-Wahl vom 11. Mai, als die Liberalen aus dem Landtag flogen, sitzt so tief, daß er in seinen Wahlkampfreden immer wieder von der Entscheidung am 11. Oktober spricht.
Und wenn der Schock sich wiederholt? "Ich würde wieder in die Wirtschaft gehen, meine persönlichen Finanzen aufbessern."
An Angeboten aus der Wirtschaft würde es, für einen der Ihren, nicht fehlen.
Von Heiko Martens

DER SPIEGEL 39/1980
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