22.09.1980

Auch die Bayern setzen nicht auf Sieg

SPIEGEL-Umfrage zur politischen Situation vor der Bundestagswahl
Am 5. Oktober wird es weder einen Wahlsieg der CDU/CSU noch eine absolute Mehrheit der SPD geben.
Diese Prognose wäre nur dann falsch, wenn entweder die Umfragen der führenden Demoskopie-Institute schon seit Monaten nicht repräsentativ wären oder wenn es kurz vor der Wahl noch zu einem Meinungsumschwung käme, wie er in der Geschichte der Bundesrepublik ohne Beispiel wäre. Das eine ist so unwahrscheinlich wie das andere.
Für den SPIEGEL ermittelte das Bielefelder Emnid-Institut in der ersten Septemberhälfte Wähleranteile von 47 Prozent für die CDU/CSU, von 44 Prozent für die SPD und von sieben Prozent für die FDP, mithin einen Vier-Prozent-Vorsprung der Koalition vor der Opposition.
Das Bonner Infas-Institut sieht SPD und FDP derzeit 7,5 Prozent vor der CDU/CSU, das Allensbacher Institut für Demoskopie meldete eine Differenz von 7,8 Prozent.
Andere Umfragen dieser Institute (so von Emnid letzte Woche für "Bild") und Untersuchungen anderer Institute bestätigen die weit bessere Situation der Regierungsparteien. Das Frankfurter Contest-Institut zum Beispiel, das wie Emnid und Allensbach für die Bonner CDU-Zentrale tätig ist, ermittelte eine Differenz von 5,5 Prozent.
Bei Infas betrug der Vorsprung in den letzten Monaten zwischen sechs und 7,5 Prozent, bei Emnid war er mit vier bis sechs Prozent nicht ganz so groß. Aber auch anhand der Bielefelder Zahlen ist es für Emnid-Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner "so gut wie sicher, daß es am 5. Oktober für die Unionsparteien nicht zum Sieg reichen wird".
Anders als bei Infas und bei Emnid gibt es bei Allensbach erhebliche Schwankungen fast von Monat zu Monat. Im Juli betrug der Vorsprung der Koalition nur vier Prozent, im August verdreifachte er sich fast, im September ging er wieder zurück.
Mit diesem stürmischen Auf und Ab steht Allensbach allein. Die Zahlen dürften so unrealistisch sein wie die Behauptung der Allensbach-Chefin Elisabeth Noelle-Neumann Mitte Juli in einem "Bild"-Interview, die SPD könne auf die absolute Mehrheit hoffen. Das Noelle-Institut lieferte dafür weder im Juli noch sonst irgendwann Belege.
Aber ausgerechnet die fragwürdigen Allensbach-Zahlen lösten in den letzten Wochen viele Schlagzeilen und Kommentare aus. Die "Welt" etwa sah die "Union im Aufwind. Die Wahl wird wieder spannend". Daß selbst bei Allensbach der Abstand zwischen SPD/FDP und CDU/CSU einen Sieg der Opposition fast ausschließt, hinderte das Blatt nicht an dieser Schlagzeile auf Seite eins.
"Bild am Sonntag" genügte auch das nicht. Am vorletzten Sonntag verhieß das Blatt auf der Titelseite eine "Wende im Wahlkampf". Doch "warum die Union wieder jubeln kann", erfuhr der Leser im Blattinnern nicht. Dort wurden weder ein Institut noch Parteizahlen genannt.
Allzu unscharf ist auch in seriösen Artikeln vieler Blätter vom "Aufwind" der CDU/CSU die Rede. Er beschränkt sich nach neueren Umfragen auf einen Zugewinn von ein bis zwei Prozent. Die Unionsparteien können deshalb lediglich darauf hoffen, auch nach dem 5. Oktober die stärkste Fraktion im Bundestag zu bleiben.
Das politische Meinungsbild hat sich in den Monaten von April bis September kaum verändert. Das zeigte sich, als Emnid für den SPIEGEL mehrere Fragen aus einer früheren Untersuchung wiederholte.
Im April erwarteten 64, im September sogar 69 von 100 Bundesbürgern einen Wahlsieg "der SPD und FDP mit dem jetzigen Bundeskanzler Helmut Schmidt". Mit einem CDU/CSU-Sieg rechneten vor fünf Monaten 33, nun 28 Prozent.
Weiterhin fehlt es viel zu vielen CDU/CSU-Anhängern an Vertrauen in den Kanzlerkandidaten der Partei ihrer Wahl und an Hoffnung auf einen Sieg.
Im April hätten sich 14, im September 15 von 100 Unions-Anhängern bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers für Schmidt und nicht für Strauß entschieden. Damals 29 von 100, nun sogar 38 von 100 Unions-Wählern erklärten, daß sie mit einem Sieg der Gegenseite rechneten.
Solche defätistische Stimmung, die sich über fünf Monate gehalten hat, S.34 läßt sich in den letzten Tagen vor der Wahl nicht mehr umkehren.
Auch die Ansichten der Wähler zur Ostpolitik haben sich kaum verändert. Zweimal -- im Juli und im September -- stellte Emnid die gleiche Frage: Was die Bundesbürger von einem Treffen des Kanzlers Helmut Schmidt mit dem SED-Chef Erich Honecker halten.
Dazwischen lagen dramatische Ereignisse: In Polen streikten Arbeiter, sie stürzten Parteichef Gierek und erkämpften freie Gewerkschaften. Das schon terminierte Treffen zwischen Schmidt und Honecker wurde abgesagt.
Gleichwohl glichen sich die Antworten, als sei nichts geschehen. Damals 51, nun 52 Prozent sprachen sich für ein Treffen Schmidt--Honecker aus. Dagegen waren beide Male 19 Prozent, und in beiden Umfragen meinten 29 Prozent, ihnen sei ein deutsch-deutscher Gipfel gleichgültig.
Stets äußert sich eine Mehrheit der Bundesbürger positiv zur Ostpolitik, unabhängig davon, wie groß oder wie gering die Kriegsfurcht jeweils ist, und ganz gleich, um welches Einzelthema es geht.
Schmidts Moskau-Reise zum Beispiel erklärten 66 Prozent der Befragten für nützlich, nur 29 Prozent für schädlich.
Und stets können die Koalitionsparteien sicher sein, daß von ihren Wählern weitaus die meisten ihren Standpunkt teilen, während auf der anderen Seite viele CDU/CSU-Anhänger anders denken als die Partei, die sie wählen:
Nur sieben von 100 SPD-Anhängern werteten Schmidts Moskau-Besuch negativ, nur fünf von 100 sind gegen das Treffen des Kanzlers mit Honecker. Aber 44 von 100 CDU/CSU-Anhängern sind mit dem Ergebnis der Moskau-Reise zufrieden, und 30 von 100 sprachen sich für Schmidts DDR-Reise aus.
Mit Reden, wie sie Strauß im Bundestag zur Moskau-Reise gehalten hat, trifft der Kanzlerkandidat deshalb nur die Meinung einer Minderheit, die kleiner ist als die Anhängerschaft der CDU/CSU. Strauß hatte Schmidt vorgeworfen, er sei "mit nichts" heimgekehrt, der Zeitpunkt sei "instinktlos" gewählt worden, Schmidt habe die Sowjetführer aufgewertet, "politische Umgebung, Hintergrund und Dramaturgie" seien falsch gewesen.
Mit solchen Reden vermag der Kandidat keine Wechselwähler anzuziehen. Selbst Straußens Landsleute rechnen denn auch überwiegend mit einer Niederlage ihres Ober-Bayern.
52 Prozent der Bewohner des weißblauen Freistaates nehmen an, daß SPD und FDP am 5. Oktober die Wahl gewinnen werden und daß demnach ihr Franz Josef ihnen erhalten bleibt.

DER SPIEGEL 39/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Auch die Bayern setzen nicht auf Sieg

  • Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen
  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen