14.07.1980

FERNSEHENReine Hände

Ein heftiger Konflikt in der ARD hat sich an Spendenaufrufen zu Hilfsaktionen für Vietnam und Somalia entzündet. Hungert das Fernsehen die Flüchtlingshilfe aus?
Der Filmbericht des Senders Freies Berlin gehört zum Dramatischsten, was deutsche Fernsehjournalisten in den letzten Jahren zu bieten hatten:
Im Südchinesischen Meer, auf der wenig befahrenen Route von Singapur zum vietnamesischen Mekong-Delta, sucht und birgt das westdeutsche Hilfsschiff "Cap Anamur" südvietnamesische Flüchtlinge, sogenannte boat people in ihren zerbrechlichen Kuttern, und die Kamera zeigt von Fall zu Fall, wie 475 Insassen aus zwölf Booten gerettet werden.
Mal ist ein Ehepaar aus Saigon dabei -- er Chirurg, der hilflos zusehen mußte, wie unfertige kommunistische Ärzte Operationen an seinen Patienten verpfuschten; sie Rechtsanwältin mit Berufsverbot unter dem neuen Regime.
Mal sind es zwei junge Männer -fünfzehn und siebzehn Jahre alte Brüder, die aus Angst vor dem Kriegsdienst in der kommunistischen Armee geflohen sind.
Auch der 13jährige Boi gehört dazu, vierzehntes Kind einer Fischerfamilie, das sich wie die meisten seiner Geschwister im verwüsteten Land allein durchschlagen mußte, weil die Eltern sie nach der Vergesellschaftung des familieneigenen Fischerboots nicht mehr durchbringen konnten.
Boi war nachts schlafend aus dem überfüllten Boot gefallen, schwamm verzweifelt hinterher und holte es, als es mit gebrochener Schraube liegenblieb, nach etwa 14 Seemeilen wieder ein. In dem dümpelnden Kahn waren alle halb verhungert und verdurstet, als die "Cap Anamur" kam.
Der Report von SFB-Redakteur Justus Boehncke hält fest, wie die deutschen Ärzte des Rettungsschiffes die Sitzgeschwüre der zuvor dicht an dicht in ihre Boote gezwängten Flüchtlinge versorgen -- ein TV-Bericht, "den man in nur-aktuellen Fällen einen journalistischen Coup nennen würde", so der Kölner Journalist und "Cap Anamur"-Initiator Rupert Neudeck, "mit bewegenden, erschütternden Bildern".
Doch der Ende Mai, Anfang Juni gedrehte Film blieb den Fernsehzuschauern bisher vorenthalten. Die ARD verschmähte ihn bei der Vergabe aktueller Programmtermine, und es ist nicht gewiß, ob er überhaupt je gesendet werden wird.
Denn unter den zuständigen Intendanten, Chefredakteuren und TV-Direktoren, so mutmaßt ein leitender ARD-Mitarbeiter, gebe es offenbar "persönliche Animositäten" gegen Neudeck -- weil der beispielweise als Fernsehkritiker im "Vorwärts", in der "Stuttgarter Zeitung" und der "Neuen Zürcher Zeitung" mit unverblümten Ansichten unliebsam aufgefallen sei.
Sicher ist, daß es schon massive Einwände in der ARD-Chefredakteurskonferenz gab, nachdem "Report"-Chef Franz Alt vom Baden-Badener Südwestfunk im Juli letzten Jahres zu einem Bericht über das damals gerade gestartete Komitee "Ein Schiff für Vietnam" dessen Kontonummer auf dem Bildschirm hatte einblenden lassen: 16 10 22 20, Stadtsparkasse Köln.
Die Folge war nicht nur eine Spendenlawine von einer Million Mark, die die "Cap Anamur"-Finanzierung erst sicherstellte, sondern auch ein Beschluß der ARD-Chefredakteure: Kontonummern sollten forthin nur noch nach ihrer besonderen Zustimmung gezeigt werden.
Seither hat Neudeck Schwierigkeiten, das Fernsehen für Beiträge über die Vietnam-Aktivitäten des Komitees und auch über dessen später gestartete Aktion "Notärzte für Somalia" zu erwärmen. Und wenn, wie Ende Juni, das "heute-journal" des ZDF dann doch einmal aus einem von Neudecks Ärztetrupp versorgten Somalia-Transitlager für Flüchtlinge aus Äthiopien berichtet (siehe Seite 39), gelangten danach auf wundersame Weise die Kontonummern des Deutschen Roten Kreuzes und der S.38 Unicef auf den Bildschirm, nicht aber die des im Lager allein medizinisch tätigen "Notärzte"-Komitees.
Bei der ARD scherte sich Franz Alt zunächst am wenigsten um das Konten-Veto der TV-Chefs. So zeigte er Mitte Mai einen "Report"-Bericht über äthiopische Flüchtlingskinder in Somalia, die während der Dreharbeiten vor der Kamera wegstarben (Filmkommentar: "Schauen Sie jetzt nicht weg"), und sendete dazu drei Kontonummern, darunter die des "Notärzte"-Komitees.
Weil aber damals zur "Report"-Zeit gerade die zusammengeschalteten Dritten Programme mit dem Fußballspiel Deutschland gegen Polen die weitaus meisten Zuschauer an sich zogen, brachte Alt vier Wochen später einen weiteren Somalia-Bericht, diesmal mit fünf Kontonummern, darunter abermals die der "Notärzte".
( Spendenkonten für die Somalia-Hilfe: ) ( "Notärzte für Somalia" 16 75 22 22 ) ( Stadtsparkasse Köln; "Caritas" ) ( Postscheckamt Karlsruhe 202; "Deutsches ) ( Rotes Kreuz" 41 41 41 alle Banken und ) ( Sparkassen; "Diakonisches Werk" ) ( Postscheckamt Köln 500 500 500; ) ( "Internationaler Hilfsfonds" 26 49 21 ) ( 00 Dresdner Bank Friedberg/Hessen: ) ( Uno-Flüchtlingskommissar ("UNHCR") 059 ) ( 8888 Deutsche Bank, Bonn 1 (Stichwort ) ( jeweils "Somalia-Hilfe"). )
Allerdings: Die Einblendung ließ sich der Südwestfunk diesmal eigens von ARD-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf genehmigen.
Das Publikumsecho auf beide Sendungen schwoll, so Alt, zur "stärksten Reaktion seit dem ''Report''-Start vor 18 Jahren" an: 6000 Anrufe beim Sender, insgesamt sieben Millionen Mark Spenden auf den angegebenen Konten, davon allein 4,7 Millionen für Neudecks "Notärzte".
Schon der erste Somalia-Bericht von "Report"-Reporter Wolfgang Moser hatte die Bundesregierung mobilisiert und vorletzte Woche die Mogadischu-Reise des Bonner Ministers Gerhart Baum und von SPD-Vize Hans-Jürgen Wischnewski mit einem Flugzeug voller Hilfsgüter ausgelöst (SPIEGEL 28/ 1980). Allenthalben wurde spontan für die Hungernden in Somalia gesammelt, beim SPD-Wahlparteitag in Essen und bei den Grünen in Hannover, in Grundschulen wie in Sportvereinen.
Bei der ARD aber verdichteten sich derweil Widerwillen und Widerstand gegen den dort so genannten "Kampagnenjournalismus". Sichtbar wurde dabei, daß sich der Konflikt um die Neudeck-Hilfe an einem Bündel journalistischer, politischer und verbandspolitischer Motive entzündete.
Journalistisch schieden sich, freilich am ungeeigneten Objekt, die Geister zweier Denkschulen: einerseits die Verfechter einer moralisch-humanitären, Partei ergreifenden Richtung, des "Mobilisierens durch engagiertes Informieren" (Alt), andererseits die Anwälte des sachlichen, selbst angesichts von Katastrophen quasi unbewegten Berichtens -- des "Auftrags, die Dinge so zu schildern, wie sie sind", so der Politik-Koordinator der ARD, Carl Weiß.
Sprach sich Alt, der in politischen Fragen "natürlich auch keine einseitige Parteinahme" des Fernsehens will, gegen die "journalistische Moral der reinen Hände" aus, wenn "da Menschen sterben", so verwahrte sich Chefredakteur Winfried Scharlau vom Norddeutschen Rundfunk "ganz entschieden gegen diese Art von humanitärem Rummel". Verhöhnen die einen daher CDU-Mann Alt als "Herz-Jesu-Marxist", so zeiht der seine Kontrahenten einer "Politik des Garnichtstuns".
Auch der politische Stellenwert von Neudecks Aktivitäten ist bei der ARD umstritten, seit der Kölner vorletztes Frühjahr nach französischem Vorbild das Komitee "Ein Schiff für Vietnam" gründete -- mit so unterschiedlichen Mitgliedern wie Schriftsteller Heinrich Böll und Springer-Kolumnist Matthias Walden, Bundestagspräsident Stücklen und DGB-Chef Heinz Oskar Vetter, Berlins Pfarrer Albertz und Stuttgarts Landeschef Lothar Späth, Autoren wie Hilde Domin, Günter Graß, Martin Walser.
NDR-Mann Scharlau beispielsweise, einst selber ARD-Korrespondent in Südostasien und 1977 Autor des "boat people"-Berichts "Flucht übers Meer", ortet das Komitee mit seiner "Cap Anamur" auf falschem Kurs -- weil Auslandssender, die in Vietnam empfangen werden, die Rettungsnachrichten "da reinblasen, und schon geht die nächste Flüchtlingswelle los".
Kaum habe, anderes Beispiel, der Uno-Flüchtlingskommissar von 1975 bis 1977 den Abtransport von 30 000 Kambodscha-, Laos- und Vietnam-Flüchtlingen aus Thailand bewältigt, "da hatte er 70 000 neue". Das Rettungsschiff, so Scharlau, schaffe mithin erst das Problem, das es zu lösen beabsichtige.
Neudecks Vietnam-Aktion sei "mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand gemacht", rügte der Hamburger Chefredakteur. Sie sei zudem "selektiv humanitär", weil sie den meist aus wirtschaftlichen Motiven flüchtenden Vietnamesen hierzulande zum Asyl verhelfe, während beispielsweise Äthiopier und Pakistani im gleichen Fall abgewiesen würden.
Franz Alt hingegen, selber Komitee-Mitglied, vermag das alles nicht "einzusehen, weil''s keine Alternative gibt -- denn die hieße: Einfach absaufen lassen". Den in einer ARD-Chefredakteurskonferenz erhobenen und laut Alt verbürgten Vorwurf, Neudeck sei ein "Verbrecher", gibt der "Report"-Chef somit sinngemäß an die Urheber zurück.
Der TV-interne Disput, den Alt teilweise bereits in einem Berichtsband preisgegeben hat,
( "Wie helfen wir Asien? oder: ''Ein ) ( Schiff für Vietnam''", Herausgeber ) ( Rupert Neudeck. "rororo aktuell" Band ) ( 4633; 206 Seiten; 6,80 Mark. )
spiegelt eine Auseinandersetzung in der Helferszene selbst, etwa zwischen Neudeck und dem Deutschen Roten Kreuz, wider.
DRK-Generalsekretär Hans-Jürgen Schilling hatte es im Sommer letzten Jahres schlicht für "Unfug" erklärt, das Flüchtlingsproblem dadurch lösen zu wollen, daß die Vietnamesen "über die ganze Welt verstreut" würden, statt ihnen etwa eine größere südostasiatische Insel als "Kunststaat" zu verschaffen. Die Rettung des Lebens stelle demnach "nur die halbe humanitäre Antwort" dar -- eine Auffassung, die das DRK, so meint Kritiker Neudeck, zu jahrelangem "Tiefschlaf" veranlaßt habe. S.39
Neudeck kontert mit dem Böll-Wort, "daß es sich um Ertrinkende handelt, im buchstäblichen Sinne", und daß "sich keiner, aber wirklich keiner anmaßen darf, zu sagen: Der muß ertrinken, der soll ertrinken, der nicht."
Der Streit zwischen Rotem Kreuz und dem Neudeck-Komitee spielt auch in das Gerangel um die Nennung von Kontonummern im Fernsehen hinein. Das DRK lehnte es, wie sich "Report"-Autor Moser erinnert, bei seinem ersten Somalia-Bericht sogar ab, die eigene Kontonummer zusammen mit der des "Notärzte"-Komitees einblenden zu lassen. Und unauffällig, aber zielstrebig suchte die einflußreiche DRK-Zentrale dann die unbequemen, aber effizienten Komitee-Aktivisten aus der humanitären Konkurrenz zu verdrängen.
Die etablierten Wohlfahrtsverbände haben Erfahrung in der Abwehr kleiner Rivalen. So machten sie über ihre Lobby beispielsweise Mitte der sechziger Jahre gegen eine ARD-Fernsehlotterie speziell für Contergankinder mobil. Die Lotterie fand nicht statt -eine Entscheidung, die sich später allerdings als richtig herausstellte. Denn die Lotterie-Interessenten vom Contergankinder-Hilfswerk waren alsbald in dubiose Machenschaften mit Spendengeldern verwickelt und bekriegten sich mittels Verbandsgeldern vor Gerichten gegenseitig.
In diese Zeit, Mai 1968, fiel eine Spendenkonto-Regelung speziell für die "Tagesschau". Die Redaktion vermerkt seither, wenn Notfälle es gebieten, DRK-Kontonummern gleich innerhalb der Sendung und blendet Kontonummern der anderen etablierten Verbände -- nach einem entsprechenden Hinweis während der Sendung -- jeweils am Ende der "Tagesschau" ein.
Daß künftig im gesamten Ersten TV-Programm "grundsätzlich nur die Kontonummern der großen karitativen Organisationen" eingeblendet werden sollen, bestimmten Mitte Mai dieses Jahres die Programmdirektoren. Und die ARD-Intendanten schrieben im Juni die fürs Deutsche Fernsehen "anerkannten Wohlfahrtsverbände" in einem Beschluß fest: Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonisches Werk -- dazu, mit administrativer Gründlichkeit, das Verbot, "daß Moderatoren oder andere Mitwirkende sich unmittelbar an die Zuschauer mit der Bitte um Spenden wenden".
In jedem Fall ist die "vorherige Zustimmung der Fernseh-Programmkonferenz" einzuholen -- auch dann, "falls in besonderen Ausnahmefällen auch einmal ein anderes Spendenkonto auf einer Schautafel gezeigt werden soll".
Ob die Ausnahme erlaubt wird, falls der Sender Freies Berlin doch noch seinen "Cap Anamur"-Bericht im Programm unterbringen kann, steht dahin. Der frühestmögliche Sendetermin, der dem SFB im eigenen ARD-Programmanteil, also ohne Entgegenkommen der größeren Anstalten, offenstünde, liegt im September.
Bis dahin aber reichen die Mittel des Komitees nicht, auch wenn im Straßburger Europaparlament letzte Woche alle Fraktionen, von den Christdemokraten bis zu den Kommunisten, einstimmig beschlossen, die "Cap Anamur" (bisherige Bilanz: 3000 Gerettete) als Schiff der Europäischen Gemeinschaft politisch zu unterstützen und zu finanzieren.
Der Beschluß hat ohnehin nur empfehlenden Charakter. Und das frühere Votum des Parlaments, ein EG-eigenes Rettungsschiff für Vietnam auszurüsten, wurde von der EG-Kommission schlicht ignoriert. Selbst wenn sie diesmal handelt, käme die Hilfe angesichts bürokratischer Entscheidungsabläufe wohl zu spät.
"Unser Geld", sagt Neudeck, "langt allenfalls noch bis Ende August."
S.37 unten: vietnamesische "boat people", Ende Mai 1980. * Oben: Vor dem Auslaufen ins Südchinesische Meer in Kobe/Japan, im August 1979 (r.: Initiator Neudeck); * S.38 Spendenkonten für die Somalia-Hilfe: "Notärzte für Somalia" 16 75 22 22 Stadtsparkasse Köln; "Caritas" Postscheckamt Karlsruhe 202; "Deutsches Rotes Kreuz" 41 41 41 alle Banken und Sparkassen; "Diakonisches Werk" Postscheckamt Köln 500 500 500; "Internationaler Hilfsfonds" 26 49 21 00 Dresdner Bank Friedberg/Hessen: Uno-Flüchtlingskommissar ("UNHCR") 059 8888 Deutsche Bank, Bonn 1 (Stichwort jeweils "Somalia-Hilfe"). * "Wie helfen wir Asien? oder: ''Ein Schiff für Vietnam''", Herausgeber Rupert Neudeck. "rororo aktuell" Band 4633; 206 Seiten; 6,80 Mark. *

DER SPIEGEL 29/1980
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