22.09.1980

UNTERNEHMERGehört sich so

Rudolf August Oetker, alleinherrschender Konzernführer, tritt nächstes Jahr in den Ruhestand. Die vielköpfige Familie wurde auf den Abgang bestens vorbereitet.
An den Wänden des holzgetäfelten Eckzimmers in der Bielefelder Lutterstraße 14, von wo das großflächige Imperium regiert wird, hängen seit jeher die vergilbten Familienphotos. Auch Opas Schreibtisch steht da, und an der Tür ist noch das alte Namensschild S.65 angeschraubt: August Oetker steht darauf zu lesen, der Name des Firmengründers.
Wenn im nächsten Jahr Urenkel August, 36, die Nachfolge des amtierenden Seniorchefs Rudolf August Oetker, 64, antritt, stimmt das Türschild wieder. Auch in der vierten Generation soll das fünf Milliarden umsatzschwere Reich mit seinen über 20 000 Arbeitsplätzen und 150 Firmen wie anno dazumal von nur einem Oetker regiert werden.
Der Filius muß bei seiner Machtübernahme nicht fürchten, daß fremde Bankiers und unbequeme Gewerkschafter ihm hierbei dreinreden. Denn schon sein Vater hat Ratschläge und Mitsprache von draußen mit Erfolg abzublocken gewußt.
Vieles hat sich bei Oetkers geändert seit der Firmengründung vor 90 Jahren. Aus der Backpulver-Firma wurde ein Firmen-Konglomerat mit Bierfabriken, Reedereien und Brauereien. Doch der Führungsstil des westfälischen Unternehmens blieb erhalten.
Weil er mit seinem milliardenschweren Vermögen allein haftet, braucht sich der oberste Oetker nicht von mitbestimmenden Aufsichtsräten belästigen zu lassen.
Ob Schiffsneubauten oder der Kauf von Sudhäusern, ob Kreditaufnahmen oder Entlassungen -- der Chef entscheidet alles selbst. Wenn es eilt, müssen sich die Generalbevollmächtigten auch sonntags die Beschlüsse vom Chef genehmigen lassen.
Nirgendwo sonst hängen wie bei Oetker Zehntausende von Arbeitsplätzen von den Entscheidungen eines einzigen Mannes ab, kein anderer bundesdeutscher Familienkonzern dieser Größe wird heute noch so im Alleingang geführt. Für Günter Döding, Chef der Gewerkschaft Nahrung--Genuß--Gaststätten, ist der Oetker-Konzern daher "ein patriarchalisches Fossil".
Ein Jahr noch hat Sohn August Zeit, vom Vater abzugucken, wie das gemacht wird. Dann wird er die Leitung in dem weltweit verschachtelten Vielzweck-Konzern übernehmen.
"Ich mache das nun schon seit 40 Jahren", kündigte Rudolf August Oetker seinen Rückzug an, "das gehört sich so, wenn man 65 Jahre alt wird." Wenige Tage vor seinem 64. Geburtstag am letzten Samstag ernannte das Familien-Oberhaupt seinen Ältesten zum vierten Generalbevollmächtigten.
Erbkräche über Geld und Führung im Konzern soll es in der Bielefelder Sippe nicht geben. Damit sein Lebenswerk nicht durch Ansprüche der fünf Söhne und der drei Töchter zerschlagen wird, zwang er seinen Nachwuchs aus drei Ehen, auf alle Erbforderungen zu verzichten.
Die Unterschrift der Kinder versüßte Oetker mit großzügigen Geschenken, mit Grundbesitz und Fabrikanteilen. Tochter Roselie bekam beispielsweise eine Sekt-Beteiligung bei "Söhnlein". Sohn Christian, 31, wurde mit Anteilen an der Suppenfabrik Eto bedacht. Und der vor vier Jahren entführte und gegen ein Lösegeld von 21 Millionen Mark freigekaufte Richard, 29, bekam Langnese-Honig aus dem holsteinischen Bargteheide.
Allen Sprößlingen steckte der Vater zudem ein Päckchen von insgesamt 24,5 Prozent an der Bank für Brauindustrie in Frankfurt zu.
Nicht dabei ist ein Oetker, dessen Name häufiger als der aller anderen auftaucht: Arend Oetker, 41, Eigentümer der Marmeladenfabrik Schwartau und nebenher ziemlich aktiv als Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie.
Dieser Oetker ist dem Bielefelder Clan nur verwandtschaftlich verbunden: Seine Mutter Ursula ist eine Schwester des amtierenden Patriarchen Rudolf August, die Schwartauer Marmeladenfabrik bekam sie als Erbstück. Den Namen Oetker trägt Rudolf Augusts Schwester, weil sie einen Vetter vierten Grades mit dem Namen der Sippe geehelicht hatte.
Für aufreibende Verbandsarbeit, wie sie Vetter Arend leistet, hätte der Bielefelder Erstgeborene wohl kaum Zeit. Er wird den größten Teil des väterlichen Reichs übernehmen.
Der Salem-Zögling und diplomierte Ökonom (Fachgebiet: Verkehrs- und Transportwirtschaft) wurde im In- und Ausland auf das Bielefelder Chefamt gedrillt. In New York volontierte er bei S.68 Oetkers Fracht-Linie Columbus, in der Londoner Dependance McCaul lernte er den Handel kennen. Zuletzt durfte der Oetker-Sproß, selbst Vater von drei Kindern, im badischen Ettlingen bei der Konzerntochter Dibona Erdnußkerne, Soßen und Süßspeisen verkaufen.
Auch seine Brüder Christian und der seit seiner Entführung schwer gehbehinderte Richard wurden auf spezielle Führungsaufgaben vorbereitet.
Unter der Alleinregie von August soll Christian, der in der konzerneigenen Lampe-Bank hospitierte, sich eines Tages um die Finanzen kümmern. Richard, der Brauereiwissenschaft studierte, wird sich des Oetkerschen Bier-Imperiums annehmen, des drittgrößten der Bundesrepublik.
Noch werden die drei wichtigsten Geschäftsbereiche des Konzerns von angestellten Managern geführt: Die Sparte Schiffahrt, Banken und Versicherungen lenkt in Hamburg John Henry de La Trobe, für Finanzen und Steuern ist in Bielefeld Rudolf Stelbrink zuständig, und der Lebensmittel- und Getränkebereich wird von Oetkers engstem Vertrauten Guido Sandler geführt.
Das Trio, vom Inhaber nach ostwestfälischer Gutsherrenart per Handschlag verpflichtet, darf meist nur ausführen. Die Linie bestimmt allein der Chef.
Sie war so simpel wie erfolgreich: Erst wenn in einer Sparte die Wachstumsgrenze erreicht war, expandierte er in einer anderen. Vom angestammten Gebiet der Nahrungsmittelbranche ging es zunächst in die Schiffahrt, dann in die Bierbrauerei und schließlich ins Banken- und Versicherungsfach.
Nicht immer, wenn Rudolf August Oetker zum großen Wurf ansetzte, bewies er eine glückliche Hand. Seine Fischfangflotte, die zweitgrößte in Bundesdeutschland, fährt ihm derzeit Verluste von jährlich fast zehn Millionen Mark ein.
Sein als nationale Bier-Marke kreiertes Prinz-Bräu wurde ein Flop. Oetker mußte allein im letzten Jahr für seine notleidenden Dortmunder Sudhäuser einen Überbrückungskredit von zwölf Millionen Mark überweisen.
Damit die Rendite bei Bier und Limonade ("Sinalco") bald wieder schäumt, will er nun mit einem neuen Vertriebs-Hit den Ausstoß ankurbeln. Zusammen mit der Welt drittgrößten Schnellimbißkette, der US-Firma Wendy, plant Oetker, im McDonalds-Stil die Bundesrepublik mit "Hamburger"-Stuben zu überziehen.
Danach wird der Bielefelder Nabob Geschäftliches mehr und mehr Sohn August überlassen. Als Ruheständler will er sich vornehmlich seinem Reisehobby widmen. Und dafür braucht er viel Zeit: Aus Angst vorm Fliegen reist der Senior vorzugsweise mit dem Schiff.
In Deutschland wird Rudolf August Oetker nach der Pensionierung wohl nur noch selten auftauchen. Er hat seine Alterssitze vorzugsweise im Ausland angesiedelt.
In Argentinien kann Oetker sich auf einer Hazienda ausruhen, in Bridgehampton auf Long Island vor New York hat er sich ein 700 000-Dollar-Haus eingerichtet.
Da fühlt sich allerdings die gegenwärtige Frau Oetker nicht sonderlich wohl. Ihr Gatte will daher schon bald an die Captain's Neck Lane in Southampton auf Long Island umziehen.
Dort, wo es noch feiner ist, hat er sich jetzt ein Grundstück gekauft. Reiche New Yorker sprechen von dieser Sommeradresse nur als "That's the place".

DER SPIEGEL 39/1980
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