22.09.1980

CIRCUSAn den Nerv

Alteingeführte Circus-Unternehmen versuchen sich an einem Dressurakt mit neuen Kollegen. Der Alternativ"Circus Roncalli“ soll mit Gerichtshilfe zu den Bräuchen der Branche gezwungen werden.
Jahrzehntelang war die Circuswelt fest gefügt. Die Stadt München etwa ließ neben dem Bayern-Circus Krone nur einen weiteren rein pro Jahr; in Hannover sind es stets zwei im Frühling und zwei im Herbst gewesen, von der Kategorie Althoff oder Busch. Und auch in Düsseldorf war nur Platz für drei.
Immer schön nach der Reihe ging es da zu. Hagenbeck mußte sich schon 1976 für dieses Jahr anmelden, wer neu hinzu will, stellt sich im Troß hintenan. "Das sind nun mal", sagt Gerd Simoneit, Chef von Barum, "bei uns die Spielregeln, die sind existenznotwendig."
Ein neuer aus Köln aber, "Circus Roncalli", mag weder die Regeln der Zunft noch die Zeitläufte akzeptieren. Statt Rekordakrobatik zeigt der Alternativ-Circus -- einst 1976 von Andre S.77 Heller gegründet und zur Pleite geleitet, vom Wiener Bernhard Paul wieder hervorgezaubert -- eine exotischnostalgische "Reise zum Regenbogen". Keine große Reiterei wird da losgelassen, sondern die sentimentale Nummer vom Frosch, der sich in Elvira, die Königin von Lipizza, verwandelt. Oder die Schau mit den lieblichen Löwen, die sich im Raubtierkäfig dem Messerwerfer stellen. Paul selber macht den Clown.
Nach dem Start in Köln (150 ausverkaufte Vorstellungen) rollte das Unternehmen nach Essen (25 000 Zuschauer) und Duisburg (13 Tage), und die Manager von den Etablierten kriegten es bald mit der Angst. In Düsseldorf schließlich versuchten sie den großen Dressurakt.
Auf Antrag des Hamburgers Hagenbeck zwang das Oberlandesgericht Düsseldorf die Stadt, den Vertrag mit den Roncalli-Gauklern zu annullieren. "Wegen der besonderen Aufmerksamkeit, die der Circus Roncalli erregt", so erklärten die Richter, werde das Publikum nur zu den Alternativen und nicht außerdem noch nach Hagenbeck gehen -- zumal nur fünf Tage dazwischengelegen hätten. Schließlich habe der Circus, "wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern", auf die jahrelange Vergabepraxis vertrauen müssen.
Die Düsseldorfer Beamten, von dem Branchenrenner offenbar angetan, machten einen neuen Termin frei. Mittwoch letzter Woche war Premiere, und "der dumme August", kommentiert ein Beamter, ist die Stadt. Barums Simoneit hat -- obwohl zwischen Roncallis Finale und seiner Erst-Vorstellung am 13. November vier Wochen liegen -- seinerseits beim Landgericht eine Einstweilige Verfügung gegen die Kommune erwirkt und will 100 000 Mark Ausfallbürgschaft von der Stadt, wenn Roncalli weiterspielt. Wenn Roncalli gekündigt wird, droht das Kartellamt mit einem Verfahren, und das kann genauso teuer werden.
Unaufgefordert hat die Landeskartellbehörde des Wirtschaftsministers Reimut Jochimsen ein Gutachten beigebracht, wonach Roncallis Abweisung "Diskriminierung und Mißbrauch" bedeutet hätte -- denn die Stadt sei bei der Vergabe von Plätzen durch Mietverträge, wie sie es in ihrer Benutzungsordnung regelt, "ein marktbeherrschendes Unternehmen".
Andererseits pflegte das zuständige Ordnungsamt der Kommune den Alteingeführten stereotyp zuzusichern, daß "andere Unternehmen vergleichbarer Art" zur selben Zeit nicht zugelassen würden und nur drei im Jahr kämen -- eine Garantie, die schon im Hagenbeck-Verfahren gegen die Behörde und mithin gegen Roncalli ausgelegt wurde.
Ganz wohl ist dem Barum-Anwalt Josef Wältermann trotzdem nicht: "Wir haben wegen Roncalli so viel Negativ-Reklame. Das geht an den Nerv. Dennoch müssen wir durchziehen."
Und auch die Stadtverwalter bemühten sich, um den Streit doch noch herumzukommen. Einen Tag vor der Premiere baten sie die Roncallis brieflich, "den Platz auf dem Alten Messegelände nicht für die Durchführung eines Circus-Gastspiels zu benutzen".
Doch Roncalli-Chef Paul wollte sich nicht wieder verschieben lassen und pochte auf "gültige Vereinbarungen". Im übrigen, meint er, irrten die Gerichte: "Mir san koa Circus, mir san a Theater."

DER SPIEGEL 39/1980
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