22.09.1980

REIFEN-INDUSTRIEStürmen oder ausscheiden

Die Reifen-Branche rätselt, warum Conti-Gummi die angekündigte Fusion mit der französischen Firma Kleber plötzlich wieder absagte.
Noch vor wenigen Wochen pflegte Carl H. Hahn, Vorstandschef der hannoverschen Continental Gummi-Werke AG, Besucher mit großflächigen Luftaufnahmen zu beeindrucken: "Sehen Sie, das sind ganz neue Fabriken", schwärmte der Conti-Mann, "die sind ganz hervorragend."
Der Reifenmanager sprach von den Fabrikationshallen der französischen Pneu-Firma Kleber-Colombes. Hahns Conti-Werke und Kleber sollten, so hatte es im Juni geheißen, mit ihren 44 000 Beschäftigten, mit ihren 26 Fabriken und über vier Milliarden Mark Umsatz zu einer breitwandigen europäischen Reifen-Entente verschmelzen.
Doch seit einigen Tagen will Hahn von dem zuvor so gelobten Bündnis nichts mehr wissen: So überraschend wie zuvor der Entschluß kam, zwei Drittel des französischen Unternehmens für 50 Millionen Mark aufzukaufen, so abrupt ließ der deutsche Reifenmanager in der vergangenen Woche den Handel wieder platzen.
"Es hat ein Element gegeben", so Hahn über seinen Rückzug, "das uns geraten erscheinen ließ, bei Kleber nicht weiterzumachen."
Das Element, über das der Gummimanager selbst nicht reden will, ist die S.110 Verlustsituation bei den Franzosen: Den vollen Ernst der Lage bei Kleber erkannten die Hannoveraner offenbar erst nach längerem Studium der von den Franzosen vorgelegten Bücher.
Als Hahn klar wurde, daß die Minuszahlen aus Frankreich auf seine gerade erst mühsam aus den roten Zahlen gekommene Conti durchschlagen würden, war alles weitere schnell beschlossen.
Ein erneuter Rückschlag bei Conti wäre für Hahns weitere Laufbahn wenig dienlich gewesen. Er hatte auf der Hauptversammlung im Juli den nach acht dividendenlosen Jahren noch reichlich verbiesterten Conti-Aktionären gerade erst eine Dividende für 1980 in Aussicht gestellt. Daraus wäre nach dem Aufkauf des Verlustmachers Kleber wohl wieder nichts geworden.
Hahns plötzlicher Schwenk ist für die Aktionäre, unter denen die Deutsche Bank, Bayer und die Münchener Rückversicherung die größten sind, daher eine gute Nachricht. Dennoch haben sie einige Mühe, den Hakenschlägen des Conti-Chefs noch zu folgen.
Vor drei Monaten war der Kauf von Kleber für Hahn noch das Nonplusultra unternehmerischer Weisheit. "Im Reifengeschäft", so Hahn, "muß man nach vorn stürmen oder ausscheiden." Und: "Mit Kleber zusammen sind wir jemand, in allen europäischen Märkten."
In der Tat ließen sich für den jetzt geplatzten Reifenhandel eine ganze Reihe guter Gründe anführen.
So ist Kleber mit 1,1 Milliarden Mark Umsatz ein Unternehmen, das auf dem französischen Markt gut eingeführt ist. Außerdem hat die Firma europaweit eine führende Position bei Reifen für Ackerschlepper und Flugzeuge.
Gefallen konnten den Deutschen auch die modernisierten Fabriken der Franzosen. Sie wurden in den vergangenen Jahren mit Krediten aus der Kasse des Großaktionärs Michelin großzügig erneuert. Außerdem liegen in Frankreich die Löhne in der Gummibranche weit unter dem bundesdeutschen Niveau.
Die Conti-Manager kalkulierten, daß es mit einigen Änderungen im Vertrieb gelingen würde, Kleber wieder ins Rollen zu bringen. Weitere Millionen, so das Kalkül, müßte der gemeinsame Material-Einkauf für Conti/Uniroyal und Kleber an Einsparungen bringen.
Mit einer ähnlichen Rechnung hatte Hahn Erfolg gehabt, nachdem er 1979 von den Amerikanern die Firma Uniroyal-Englebert aufgekauft hatte.
Uniroyal konnte nach der Übernahme durch die Conti bereits für das zweite Halbjahr 1979 knapp 15 Millionen Mark Gewinn nach Hannover überweisen.
Erst beim zweiten Hinsehen dämmerte den Conti-Managern, daß Kleber mit Uniroyal kaum vergleichbar war. Insbesondere, so heißt es, stellte sich heraus, daß bei Kleber entgegen den ursprünglichen Annahmen auch in der Produktion noch einiges zu richten gewesen wäre.
Außerdem waren die Finanz-Zahlen von Kleber wenig erfreulich. Das Unternehmen machte in den beiden letzten Jahren einen Verlust von rund 100 Millionen Mark.
Zusätzlich schockierte die deutschen Manager, daß die kommunistische Gewerkschaft CGT offen gegen die Westdeutschen opponierte. Auf Kommunisten aber ist Hahn schlecht zu sprechen, sie haben ihn schon einmal viel Geld gekostet.
Conti-Gummi machte in den Jahren 1978 und 1979 mit seiner spanischen Tochter Continental Caucho Espana (Barcelona) Millionenverluste. Ursache waren kommunistische Gewerkschafter, die, zumindest nach Ansicht der Hannoveraner, das Betriebsklima bei Conti-Barcelona ruiniert hatten.
Hahn hatte schließlich nur noch einen Ausweg: Ende des vergangenen Jahres schloß er das Werk in Spanien und buchte dafür in der Heimat einen Verlust von etwa 20 Millionen Mark.
An diese bittere Erfahrung wurde Hahn in den letzten Wochen mehr als einmal erinnert. Vor den Werktoren der Kleber-Fabriken in Frankreich demonstrierten kommunistische Gewerkschafter und skandierten: "Kleber muß französisch bleiben."

DER SPIEGEL 39/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

REIFEN-INDUSTRIE:
Stürmen oder ausscheiden

  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Videoanalyse zum Brexit-Deal: "Für Johnson wird es sehr knapp werden"
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien