22.09.1980

Das war mein Leben

Von Erich Honecker / Teil V Alle Rechte bei Pergamon Press, Oxford.
Es gibt viele Tage in meinem Leben, die ich nicht vergessen werde. Dazu gehört der 2. Juli 1945. Es war gegen Mittag. Seit Wochen arbeitete ich mit meinen Jugendfreunden daran, diejenigen Kräfte der Jugend zu sammeln, die aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt hatten.
Das war nicht leicht, und ich überlegte gerade einige Fragen, die wir zu lösen hatten, als die Tür aufging und ein Mann hereintrat, dessen Name ein Begriff der Treue, des Vertrauens und des Fortschritts ist: Wilhelm Pieck.
Er war auf der Brüsseler Parteikonferenz der KPD für die Dauer der Einkerkerung Ernst Thälmanns zum Vorsitzenden der Partei gewählt worden und am Abend des 1. Juli 1945 aus langjährigem Exil von Moskau nach Berlin zurückgekehrt. Breit und stämmig, das Haar ergraut, mit klug und freundlich blickenden Augen unter den buschigen Brauen, stand er nun vor mir.
Wilhelm Pieck war im Sekretariat des Zentralkomitees der KPD auch für die Jugendarbeit verantwortlich und leitete die Jugendkommission. Seit mir Anfang Juli 1945 die Funktion des Jugendsekretärs des Zentralkomitees übertragen worden war, arbeitete ich in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren unmittelbar mit ihm zusammen.
Mitte Juli 1945 arbeiteten in Berlin bereits 21 antifaschistische Jugendausschüsse. Auch in zahlreichen anderen Orten der sowjetischen Besatzungszone waren solche Ausschüsse entstanden. In ihnen vereinten sich junge Christen, Sozialisten, Demokraten und Kommunisten zu gemeinsamer Arbeit mit den Jugendlichen, die ehrlich mit der "Hitlerjugend" und ihrem Ungeist gebrochen hatten.
Nicht selten mußten wir uns gegen den Standpunkt wenden, daß ehemalige Mitglieder faschistischer Organisationen nicht in die Jugendarbeit einbezogen werden dürften, weil sie sich erst einmal bewähren müßten. Auch die Ansicht, daß die Jugend für eine politische Betätigung nicht reif oder daß Politik für Jugendliche schädlich wäre, war damals weit verbreitet.
Es ist wohl nicht schwer, zu begreifen, daß alle diese Auffassungen darauf hinausliefen, die notwendige Einheit der Jugendbewegung in Frage zu stellen. Wir ließen uns jedoch nicht erschüttern und vertraten unsere durch eigene Erfahrungen gefestigte Überzeugung, daß nur eine einheitliche Jugendorganisation der historischen Situation gerecht wurde und den Interessen der gesamten Jugend entsprach. In langwierigen, teilweise heftigen Diskussionen gewannen wir die meisten unserer Partner dafür, eine einheitliche antifaschistische Jugendorganisation zu bilden.
Die Jugendausschüsse taten viel, um die materielle Not zu überwinden. Sie halfen, Lehrwerkstätten zu schaffen, Jugendheime einzurichten, Unterrichtsräume instand zu setzen und einen kontinuierlichen Unterricht nach dem Schulbeginn am 1. Oktober 1945 zu sichern.
In Berlin beteiligten sich 10 000 Jugendliche an Arbeitseinsätzen, um zerstörte Dächer auszubessern und rund 200 Jugendheime und Sportplätze einzurichten. In Dessau reparierten Jugendliche Wohnungen und Schulräume und schlugen Brennholz für die Bevölkerung. Thüringens Jugendliche sammelten S.114 400 Zentner Äpfel für Berliner Kinder.
Bis Anfang Februar 1946 fanden die Landesdelegiertenkonferenzen der Jugendausschüsse statt. Immer nachdrücklicher forderten sie, eine Jugendorganisation zu bilden. Wir wandten uns am 26. Februar 1946 an die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD), die Gründung der FDJ zu gestatten. Am 7. März 1946 gab die SMAD unserem Antrag statt.
Alle Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren, mit Ausnahme der hauptamtlichen Funktionäre der "Hitlerjugend", sollten der FDJ beitreten können. Ein provisorischer Vorstand der FDJ nahm seine Tätigkeit in der Mauerstraße 39/40, im späteren Gebäude des Verlages Junge Welt, auf. Auf Vorschlag der Vertreter beider Arbeiterparteien wurde ich zu seinem Vorsitzenden berufen. Im Zusammenhang mit meiner neuen Funktion übernahm Paul Verner die Leitung der Jugendabteilung im Zentralkomitee der KPD.
Wenige Tage nach dem Vereinigungsparteitag sprach ich auf einer Konferenz der FDJ über unsere nächsten Aufgaben, Hermann Axen über Organisationsfragen und Paul Verner über die Propagandaarbeit. Wir beschlossen, das I. Parlament der FDJ nach Brandenburg an der Havel einzuberufen. Bewußt wählten wir die Bezeichnung "Parlament".
Damit sollten der demokratische Charakter der FDJ, ihr unablässiges Eintreten für die Ausgestaltung der antifaschistischen Demokratie und für die vollständige Wahrnehmung der demokratischen Rechte durch das werktätige Volk und seine Jugend möglichst präzise gekennzeichnet werden.
Schon wenige Tage nach dem Parlament galt es, eine echte Bewährungsprobe zu bestehen. Im Land Sachsen, einem Industriezentrum der sowjetischen Besatzungszone, fand auf Vorschlag der SED und in Übereinstimmung mit dem Block der antifaschistisch-demokratischen Parteien am 30. Juni 1946 ein Volksentscheid zur entschädigungslosen Enteignung der Kriegs- und Naziverbrecher statt. Auch die FDJ beteiligte sich daran, ihn vorzubereiten und durchzuführen.
Deshalb kam es uns darauf an, allen Jugendlichen zu erklären, welche Ziele der Volksentscheid tatsächlich verfolgte. Jene Klassenkräfte sollten entmachtet werden, die für die faschistische Diktatur, die imperialistischen Aggressionsakte sowie die dabei verübten Verbrechen am Frieden und an der Menschheit hauptverantwortlich waren.
Die Übergabe der Betriebe der Monopolbourgeoisie in das Eigentum des gesamten Volkes und die Leitung des damit entstehenden volkseigenen Sektors in der Volkswirtschaft durch die neuen, demokratischen Staatsorgane waren ein entscheidender Fortschritt. Die volkseigenen Betriebe (VEB) ermöglichten es, die Wirtschaft planmäßig wiederaufzubauen, die schweren Kriegsfolgen, Hunger und Not zu überwinden, die Produktion zu steigern und die Lebenslage des Volkes schrittweise zu verbessern.
Als die imperialistischen Mächte und die monopolkapitalistischen Kreise in den Westzonen erleben mußten, daß die revolutionäre Umgestaltung bei uns trotz aller Schwierigkeiten voranschritt, wurde ihnen klar, daß ein einheitliches imperialistisches Deutschland nicht mehr zu erreichen war. Deshalb handelten sie nach dem Grundsatz: "Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb."
In den Westzonen wurden weder der Großgrundbesitz noch das Monopolkapital beseitigt, obgleich sich bei dem Volksentscheid in Hessen am 1. Dezember 1946 fast 72 Prozent der Wähler dafür ausgesprochen hatten und in den meisten westdeutschen Ländern entsprechende Gesetze und Verordnungen erlassen worden waren.
Im Juli 1948 erteilten die westlichen Besatzungsmächte den Ministern der westdeutschen Länder den Befehl, einen separaten Westzonenstaat zu schaffen.
Mit der Konstituierung des Bundestages am 7. September 1949 in Bonn und der Bildung einer Koalitionsregierung unter Konrad Adenauer aus Vertretern der Christlich-Demokratischen Union (CDU), der Christlich-Sozialen Union (CSU), der Freien Demokratischen Partei und der Deutschen Partei fand die staatliche Zerreißung ihren Abschluß. Ein gerüttelt Maß an Verantwortung dafür trugen auch die rechten Führer der SPD. Ihr Vorsitzender, Kurt Schumacher, hatte bereits im Oktober 1947 die Aufteilung Deutschlands als vollendete Tatsache bezeichnet S.117 und einen westdeutschen Separatstaat gefordert.
Jeder von uns spürte im Frühjahr des Jahres 1949, daß das Ringen um einen einheitlichen demokratischen deutschen Staat in eine entscheidende Phase getreten war. Am 29. und 30. Mai 1949 trat in Berlin der 3. Deutsche Volkskongreß zusammen. Er wählte einen neuen Volksrat und bestätigte den Entwurf einer Verfassung für eine deutsche demokratische Republik.
So trat am 7. Oktober 1949 der Deutsche Volksrat unter Vorsitz von Wilhelm Pieck in Berlin zusammen. Auf Antrag der SED, der anderen Blockparteien und der Massenorganisationen konstituierte sich der Volksrat zur Provisorischen Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik. Die Abgeordneten setzten die vom 3. Deutschen Volkskongreß bestätigte Verfassung in Kraft.
Es war für mich wie für alle Beteiligten ein bewegender Augenblick, als wir den historischen Akt der Gründung der DDR vollzogen. Wurde damit doch Wirklichkeit, wofür die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung, die besten Kräfte unseres Volkes seit eh und je gekämpft hatten.
Die Gegner der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung ließen keine Gelegenheit aus, um die bei großen Teilen der Bevölkerung weitverbreitete Auffassung zu nähren: "Erst mehr essen, dann mehr arbeiten." Aber es gab nur einen Ausweg aus dem Teufelskreis: Erst mehr produzieren, dann besser leben. Das stellten wir in den Mittelpunkt.
Um vor allem die jungen Arbeiter dafür zu gewinnen, regte ich an, Jugendaktivs und Jugendarbeitsbrigaden zunächst in der Industrie und dann auch in der Landwirtschaft zu bilden. Zugleich schlug ich vor, daß sich die Mitglieder des Jugendverbandes an die Spitze der 1947 entstehenden Aktivisten- und Wettbewerbsbewegung stellten.
Viele dieser Aktivs und Brigaden spornten durch ihr Beispiel andere Jugendliche an, es ihnen gleichzutun. Anfang 1948 zählten wir bereits etwa 450 Jugendaktivs und rund 4000 Jungaktivisten. Ein Jahr später war -- nicht zuletzt unter dem Einfluß der Aktivistentat von Adolf Hennecke am 13. Oktober 1948 -- die Zahl der Jungaktivisten bereits auf etwa 20 000 gestiegen.
Auf dem III. Parteitag der SED vom 20. bis 24. Juli 1950 beschlossen wir den ersten Fünfjahrplan für die Jahre 1951 bis 1955 und trafen Festlegungen nicht nur für die volkswirtschaftliche, sondern die gesamte gesellschaftliche Entwicklung in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre. Der Plan ging davon aus, Grundlagen des Sozialismus zu schaffen.
Für mich stellte der III. Parteitag in mehrfacher Hinsicht ein bedeutsames Ereignis dar. Die erste Tagung des von ihm gewählten Zentralkomitees nahm mich am 25. Juli 1950 als Kandidaten in das Politbüro auf. Achtunddreißig Jahre alt, war ich der Jüngste in einem Kollektiv von Arbeiterführern.
Auch als Kandidat des Politbüros blieb die Funktion des Vorsitzenden der FDJ meine vorrangige Aufgabe. Mit dem ersten Fünfjahrplan rückten die ökonomischen Initiativen der FDJ noch mehr in den Vordergrund unserer Tätigkeit. Die gesamte Jugend wollten wir für die bewußte Teilnahme am sozialistischen Aufbau gewinnen.
Großer Schaden wurde der DDR durch die Abwerbung von Wissenschaftlern, Hoch- und Fachschulkadern sowie Facharbeitern zugefügt. Gewiß hatte mancher, der die DDR verließ, seine politischen Gründe. Nicht selten lagen sie in seiner faschistischen Vergangenheit, in bei uns nicht zu befriedigender Gewinnsucht, in bürgerlich-kapitalistischen Vorstellungen vom Leben, im Unverständnis für unsere sozialistischen Ziele.
Allerdings gab es auch manchen Mißgriff dieses oder jenes staatlichen Organs. Doch gerade darauf, die DDR "auszubluten", verwandten die Gegner westlich unserer Staatsgrenze massive Mittel. Nicht wenige ließen sich irreführen, manche "Republikflüchtige" suchten zudem den, wie sie meinten, bequemeren und rascheren Weg zu materiellem Wohlstand. Der "Westen" schien ihn zu bieten und bot ihn auf Grund eines größeren ökonomischen Potentials und der Marshallplankredite bis zu einem gewissen Grad tatsächlich.
Die FDJ setzte die schon bewährte Praxis fort, wichtige Planvorhaben als Jugendobjekte zu übernehmen. Wir lernten besser und besser, die Initiative der Jugend zu wecken. Gerade im Ringen um die ökonomische Stärkung der DDR trat die Arbeiterjugend als jene Kraft in Erscheinung, die den Charakter unseres Jugendverbandes prägte.
Ebenso ging es mit der Kindervereinigung der Freien Deutschen Jugend, dem am 13. Dezember 1948 gegründeten Verband der Jungen Pioniere, gut voran. Mit ihrer Aufgeschlossenheit und Frische widerlegten die Jungen Pioniere alle Zweifler, die gemeint hatten, man müsse Politik von den Kindern fernhalten.
Bereits Mitte 1949 zählte der Verband der Jungen Pioniere 550 000 Mitglieder. Vorsitzende der Pionierorganisation von 1949 bis 1953 war Margot Feist (seit 1953 Honeckers zweite Frau -- Red.). Sie ist in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen -- ihr Vater war in jungen Jahren Kommunist geworden und hatte am antifaschistischen Widerstandskampf teilgenommen. 1945 trat S.120 sie in die Reihen der KPD ein und war seit 1946 Funktionär der FDJ.
Um die Gesamtheit der Bevölkerung für den Sozialismus zu gewinnen und jedem eine Perspektive zu geben, brauchte es Zeit. Damit ein rascheres Wachstumstempo der Volkswirtschaft erreicht und die Akkumulationsraten erhöht würden, faßten Partei und Regierung eine Reihe von Beschlüssen über langfristige Lösungen. Sie gingen mit preis- und steuerpolitischen Maßnahmen einher, die zunächst bewirkten, daß sich die Lebenslage der Werktätigen verschlechterte.
Als fehlerhaft erwies sich vor allem eine administrativ verordnete Heraufsetzung der Arbeitsnormen. Unter den Arbeitern entstand Unzufriedenheit, und das Vertrauensverhältnis der Arbeiter zu ihrer Partei und ihrer Regierung wurde beeinträchtigt.
Anfang Juni 1953 leiteten das Zentralkomitee der SED und der Ministerrat der DDR Maßnahmen ein, durch die fehlerhafte Entscheidungen korrigiert, die Wirtschaft stabilisiert und die Lebenslage der Werktätigen verbessert werden sollten. Doch ehe sie wirksam werden konnten, schlug der Gegner los.
Am 17. Juni 1953 kam es in Berlin und einigen anderen Städten der DDR zu Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. Die Feinde des Sozialismus nutzten Mißstimmungen von Werktätigen, um ihren von langer Hand vorbereiteten, durch imperialistische Geheimdienst- und Agentenzentralen gesteuerten konterrevolutionären Putschversuch zu starten. Doch der von ihnen angestrebte "Generalstreik" blieb aus.
Als die Arbeiter sahen, daß die konterrevolutionären Provokateure wie die Faschisten hausten, distanzierten sie sich sehr rasch von ihnen. In vielen Betrieben traten sie den Aufwieglern entschlossen entgegen. Die bewaffneten Organe der DDR schritten ein, an ihrer Seite Einheiten der in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte. Das war ausschlaggebend für den raschen Zusammenbruch des Putschversuches. Ein potentieller Krisenherd als Auslöser für militärische Konflikte im Zentrum Europas wurde gelöscht.
In jenen Tagen schlossen sich die fortgeschrittensten Arbeiter und andere Werktätige noch enger um die SED zusammen. Kampfgruppen der Arbeiterklasse entstanden. Wie alle führenden Funktionäre ging damals auch ich zu den Werktätigen. So sprach ich am 24. Juni 1953 vor den Werktätigen des VEB Lokomotivbau "Karl Marx" in Potsdam-Babelsberg über die Ursachen und Absichten des konterrevolutionären Putschversuches.
Mitte der fünfziger Jahre begann ein neuer Abschnitt meines politischen Wirkens. Ende Mai 1955 wurde ich vom V. Parlament der Freien Deutschen Jugend aus meiner Funktion als Vorsitzender des Zentralrats der FDJ verabschiedet. Natürlich blieb ich mit den Jugendlichen unseres Landes weiter aufs engste verbunden, aber ich verließ eine Tätigkeit, die mir sehr ans Herz gewachsen war.
Ich freute mich, daß mir meine Partei nun wieder Gelegenheit gab, mein Wissen systematisch zu erweitern. In den letzten Augusttagen des Jahres 1955 fuhr ich zusammen mit anderen Genossen aus dem Partei- und dem Staatsapparat sowie aus dem Jugendverband mit der Eisenbahn nach Moskau, S.122 um an der Parteihochschule beim Zentralkomitee der KPdSU ein einjähriges Studium aufzunehmen.
Im Herbst 1956 nahm ich meine Tätigkeit im Zentralkomitee der SED wieder auf. Dies geschah während der politisch angespannten Situation, als die internationale Konterrevolution in Ungarn ihr Haupt erhob. Die Nachrichten von den Greueln der Reaktion, den bestialischen Morden an ungarischen Genossen und Klassenbrüdern erfüllten mich, der ich die Grausamkeit des Faschismus am eigenen Leibe erfahren hatte, mit Erbitterung und Abscheu.
Um so mehr begrüßten wir die Bildung der revolutionären Arbeiter-und-Bauern-Regierung unter Janos Kadar. Sie scharte alle fortschrittlichen Kräfte um sich, verteidigte mit Unterstützung sowjetischer Truppen die sozialistischen Errungenschaften in Ungarn und führte das ungarische Volk wieder auf den Weg des sozialistischen Aufbaus.
Im Herbst 1956 wurde ich Sekretär der vom Ersten Sekretär des Zentralkomitees der SED, Walter Ulbricht, geleiteten Sicherheitskommission des Zentralkomitees unserer Partei. 1960, als der Nationale Verteidigungsrat der DDR gebildet wurde, dem Walter Ulbricht als Staatsratsvorsitzender ebenfalls vorstand, berief mich die Volkskammer der DDR zum Sekretär des höchsten staatlichen Organs, das die gesamte Landesverteidigung zu koordinieren hat.
Daß unsere Anstrengungen für den militärischen Schutz der DDR unerläßlich waren, sollte sich bald erweisen. Nach einigen Hoffnungsschimmern auf eine internationale Entspannung in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre zogen 1960/1961 erneut die drohenden Wolken eines Krieges herauf. S.123
Die Bundeswehr der BRD hatte unterdessen eine Stärke von über 350 000 Mann erreicht. In den Manövern der Bundeswehr und der Nato von 1959/ 1960 -- "Side Step", "Hold Fast", "Winterschild", "Wallenstein" und wie sie alle hießen -- wurde die Aggression gegen die DDR geprobt.
Im März 1961 erklärte die in der BRD erscheinende "Wehrpolitische Rundschau", die Möglichkeiten des Westens seien ausgeschöpft, vom Osten auf friedlichem Wege ein Nachgeben zu erreichen. Es bleibe nur die Möglichkeit einer gewaltsamen Änderung des Status quo oder "die Aufgabe eigener Prinzipien". Auf einer Pressekonferenz erklärte der damalige Verteidigungsminister der BRD, Franz Josef Strauß, man müsse auf eine Art Bürgerkrieg in Deutschland vorbereitet sein.
Die westlichen Massenmedien entfachten eine üble Hetze gegen die DDR, machten -- in fatalem Gleichklang zum August 1939 -- mit "Flüchtlingsströmen" und "Flüchtlingselend" Stimmung für eine Aggression. Grenzverletzungen und Grenzprovokationen häuften sich. Um Unruhe unter der Bevölkerung zu stiften, betätigten sich Saboteure im Berliner Vieh- und Schlachthof am Stadtbahnhof Leninallee und in der Humboldt-Universität im Zentrum Berlins als Brandstifter.
In Berlin-West hatten sich Zentralen für die Abwerbung von Arbeitskräften aus der DDR etabliert. Ja, man konnte es begründet den Umschlagplatz eines regelrechten Menschenhandels nennen, für den gewissenlose Manager hohe Kopfprämien kassierten.
Mitte 1961 hielten aggressive Kreise in der BRD und ihre Verbündeten in einigen anderen Nato-Ländern die Zeit für gekommen, erneut Unruhen in der DDR auszulösen. Mit einer als "innerdeutsche Polizeiaktion" getarnten Operation S.124 der Bundeswehr wollten sie den Provokateuren "zu Hilfe" kommen. Wir verfolgten diese bedrohlichen Vorgänge mit der gebotenen Wachsamkeit.
Vom 3. bis zum 5. August 1961 fand in Moskau eine Beratung der Ersten Sekretäre der Zentralkomitees der kommunistischen und Arbeiterparteien der Staaten des Warschauer Vertrages statt, der auch Vertreter von Bruderparteien aus anderen sozialistischen Ländern Asiens beiwohnten. Im Einvernehmen mit der KPdSU schlug die SED vor, die Grenzen der DDR gegenüber Berlin-West und der BRD unter die zwischen souveränen Staaten übliche Kontrolle zu nehmen. Diesem Vorschlag stimmte die Moskauer Beratung einmütig zu.
Vom damaligen Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Walter Ulbricht, wurde mir die Vorbereitung und Durchführung der hierfür erforderlichen Aktion übertragen.
Die notwendigen Maßnahmen und die Entwürfe der Einsatzbefehle für die Nationale Volksarmee, die Organe des Ministeriums für Staatssicherheit und des Ministeriums des Innern, für die Bereitschaftspolizei, die Volkspolizei und die Kampfgruppen der Arbeiterklasse sowie die Anweisungen für die zentralen staatlichen Institutionen, für das Verkehrswesen, das Bauwesen und S.125 andere wirtschaftsleitende Organe wurden ausgearbeitet. Später konnten wir befriedigt feststellen, daß wir nichts Wesentliches unberücksichtigt gelassen hatten.
Zur unmittelbaren Leitung der Operation richtete ich meinen Stab im Berliner Polizeipräsidium ein. Dort stand ich in ständiger Verbindung mit den Kommandeuren und Stäben der bewaffneten Kräfte, den Bezirksleitungen der SED Berlin, Frankfurt an der Oder und Potsdam, den zentralen Staatsorganen, dem Berliner Magistrat und den Räten der Bezirke Frankfurt an der Oder und Potsdam.
Als ich am Nachmittag des 12. August 1961 zum Döllnsee fuhr, sah ich beiderseits der Straßen, daß sich die motorisierten Schützenverbände unserer Volksarmee schon in ihren Bereitstellungsräumen befanden. Um 16.00 Uhr unterzeichnete der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Walter Ulbricht, die von uns vorbereiteten Befehle für die Sicherungsmaßnahmen an der Staatsgrenze der DDR zu Berlin-West und zur BRD.
Am späten Abend, eine Stunde vor Beginn der Operation, trat der von mir geleitete Stab im Berliner Polizeipräsidium zusammen. Um 0.00 Uhr wurde Alarm gegeben und die Aktion ausgelöst. Damit begann eine Operation, die an dem nun anbrechenden Tag, einem Sonntag, die Welt aufhorchen ließ.
Gemäß den Einsatzbefehlen rückten die Verbände der Nationalen Volksarmee und die Bereitschaften der Volkspolizei in die ihnen zugewiesenen Abschnitte. Auch die Kampfgruppen in Berlin und in den an Berlin-West grenzenden Bezirken Potsdam und Frankfurt an der Oder bezogen ihre festgelegten Einsatzpunkte.
Unsere bewaffneten Kräfte erhielten von den in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräften Unterstützung, deren Oberbefehl am 10. August 1961 Marschall der Sowjetunion I. S. Konew übernommen hatte.
Binnen weniger Stunden war unsere Staatsgrenze rings um Berlin-West zuverlässig geschützt. Ich hatte vorgeschlagen, direkt an der Grenze die politische und militärische Kampfkraft der Arbeiterklasse einzusetzen, das heißt, Werktätige aus sozialistischen Betrieben in den Uniformen der Kampfgruppen. Sie sollten mit Bereitschaften der Volkspolizei unmittelbar die Grenze zu Berlin-West sichern.
Falls es notwendig werden sollte, hatten die Truppenteile und Verbände der Nationalen Volksarmee und die Organe des Ministeriums für Staatssicherheit sie aus der zweiten Staffel zu unterstützen. Nur bei einem etwaigen Eingreifen der Nato-Armeen sollten die in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte in Aktion treten. Wie der Verlauf der Ereignisse bestätigte, bestanden die bewaffneten Kräfte der S.128 DDR ihre Bewährungsprobe hervorragend.
Wiederholt bin ich gefragt worden, ob wir seinerzeit bewußt das Risiko eines großen Krieges eingegangen wären. Wir hatten berechtigten Grund zu der Annahme, daß es der Nato nicht möglich sein würde, eine derartige Aktion, die sich ja ausschließlich auf unserem Territorium vollzog, mit einer militärischen Aggression zu beantworten.
Unsere Informationen besagten, daß sich die USA, die Hauptmacht der Nato, ohne die ein militärisches Vorgehen nicht denkbar war, in bezug auf Berlin-West von eindeutigen Interessen leiten ließ. Das waren: unveränderter Status von Berlin-West, Anwesenheit der drei Westmächte in Berlin-West, sicherer Verkehr zwischen Berlin-West und der BRD. Keines dieser Interessen wurde durch unsere Grenzsicherungsmaßnahmen verletzt.
Die Grenze zwischen der DDR und der BRD, der DDR und Berlin-West ist zugleich die Scheidelinie zwischen zwei entgegengesetzten Weltsystemen und militärischen Bündnissen. Niemals soll sie zu einer den Frieden gefährdenden "brennenden Grenze" werden.
Am 1. August 1975 setzte ich im Namen des Volkes der DDR meine Unterschrift unter die Schlußakte von Helsinki. Das Protokoll wollte es, daß ich zwischen dem Bundeskanzler der BRD, Helmut Schmidt, und dem Präsidenten der USA, Gerald Ford, saß. So hatte ich das Dokument als zweiter zu unterzeichnen. Jugoslawiens Präsident Josip Broz Tito unterschrieb als letzter.
Kaum hatte er es getan, brandete lang anhaltender Beifall auf. Keiner der Anwesenden konnte sich der Größe des historischen Aktes entziehen. Die Repräsentanten von 35 Staaten hatten ein Dokument unterzeichnet, das in mehr als drei Jahren langwieriger, harter und komplizierter Verhandlungen vorbereitet worden war.
Helsinki war für mich ein wichtiges Forum der Begegnung und des Meinungsaustausches mit unseren engsten Verbündeten ebenso wie mit Repräsentanten der kapitalistischen Welt. Es begann eine neue Etappe in der Gestaltung zwei- und mehrseitiger Zusammenarbeit zwischen der DDR und der Mehrzahl der in Helsinki vertretenen kapitalistischen Staaten.
Mit vielen der anwesenden Staats- oder Regierungschefs konnte ich sowohl über den Ausbau der bilateralen Beziehungen beraten als auch einen Meinungsaustausch über die großen Fragen der Weltpolitik führen.
Mancher Partner nutzte die Gelegenheit, sich zu humanitären Fragen zu äußern. Ich behandelte sie entsprechend den Prinzipien sozialistischer Politik großzügig und entgegenkommend. Das bestätigten übrigens auch fast alle meine damaligen Gesprächspartner.
Gut erinnere ich mich der Unterredung mit dem damaligen Präsidenten der USA, Gerald Ford. Die Sitzordnung auf der Konferenz erlaubte es, einen ausführlichen Gedankenaustausch zu führen.
Mit lebhaftem Interesse verfolgte die Weltöffentlichkeit die ersten Begegnungen zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und mir in Helsinki. Der Meinungsaustausch war nützlich. Wir konnten feststellen, daß im Verhältnis zwischen DDR und BRD Wandlungen zum Positiven eingetreten waren. Übereinstimmend kamen wir zu dem Schluß, das Erreichte zu konsolidieren, auszubauen und Hemmendes aus dem Weg zu räumen.
Allerdings habe ich schon damals in Helsinki mehrfach gesagt, daß es im Prozeß der Normalisierung der Beziehungen zwischen der DDR und der BRD noch ernste Störungen gebe und die Gefahr von Rückschlägen bestehe. Auch das hat sich leider bewahrheitet.
Westliche Massenmedien, selbst verantwortliche Politiker in kapitalistischen Staaten werden nicht müde, der DDR und den sozialistischen Ländern insgesamt einen angeblichen Nachholbedarf im humanitären Bereich zu unterschieben. Damit reden sie an der Wirklichkeit und der Wahrheit vorbei] Wir hatten und haben nie irgendwelchen Nachholbedarf, weder im "Humanitären" im allgemeinen noch in den von gewissen Kreisen des Westens strapazierten Menschenrechten im besonderen.
Überschaut man, was sich während der siebziger Jahre in den Beziehungen zwischen der DDR und der BRD verändert hat, und vergleicht es mit der Situation in den fünfziger oder sechziger Jahren, als die herrschenden Kreise der Bundesrepublik ihre revanchistische und aggressive Politik wiederholt bis an den Rand eines Krieges eskalierten, so gibt es keinen Grund, die positiven Wandlungen geringzuschätzen.
Wir treten für eine solche Entwicklung der Beziehungen mit der BRD ein, die sich frei von unnötigen Zuspitzungen und Komplikationen vollzieht. S.129 Deshalb war ich auch immer wieder bemüht, die Dinge voranzubringen. Obwohl Reaktionen der anderen Seite auf unsere Angebote oft zwiespältig waren und hinter den Erwartungen zurückblieben, Entgegenkommen unsererseits nicht selten mit unzeitgemäßen neuen Forderungen beantwortet wurde, lassen wir uns von unserem Konzept nicht abbringen. Wir arbeiten beharrlich weiter.
Hier möchte ich an mein erstes Treffen mit Bundeskanzler Helmut Schmidt 1975 während der Konferenz von Helsinki erinnern. Auch bei anderen Gelegenheiten und in anderen Formen nutze ich Kontaktmöglichkeiten mit dem Kanzler und mit Ministern der Bundesregierung, mit Vorsitzenden von Bundestagsfraktionen -- wie mit Herbert Wehner und Wolfgang Mischnick im Jahre 1973 -- sowie mit anderen führenden Politikern der BRD, um neue Schritte zur Normalisierung anzuregen oder Hindernisse auf diesem Wege auszuräumen.
Wenn ich die Ergebnisse unserer Bemühungen, normale Beziehungen mit der BRD herzustellen, überschaue, dann kann ich nicht unerwähnt lassen, daß Fortschritte von bestimmten, aber keineswegs einflußlosen Kreisen der Bundesrepublik immer wieder mit offenen Angriffen, Verleumdungen und Provokationen gegen die DDR beantwortet wurden. Auf Grund dessen konnte eine Reihe von Möglichkeiten, mit der BRD zu gutnachbarlichen Beziehungen zu kommen, nicht voll genutzt werden.
In der BRD gibt es einflußreiche Kräfte, die sich mit der Existenz der DDR und mit dem Sozialismus in unserem Land partout nicht abfinden wollen. Da sie sehen, daß eine Korrektur dieser historischen Tatsachen kurzfristig unter keinen Umständen möglich ist, arbeiten sie langfristig darauf hin.
Aber der Frieden kann sowohl kurzals auch langfristig nur dann gesichert werden, wenn man von der Wirklichkeit ausgeht, von der realen Existenz zweier deutscher Staaten und der unabänderlichen Tatsache, daß die DDR ein souveräner, gleichberechtigter, international anerkannter Staat ist.
Alle Erfahrungen unserer Zeit bestätigen, gerade auch was das Verhältnis beider deutscher Staaten betrifft, daß es zur friedlichen Koexistenz keine vernünftige Alternative gibt. Wie in der Vergangenheit, so werden wir auch in Zukunft beharrlich weiter an dieser Linie festhalten.
Wir werden darauf hinarbeiten, daß beide Staaten auf Dauer friedlich und in gegenseitiger Achtung miteinander auskommen und zu gutnachbarlichen Beziehungen gelangen. Dabei gehen wir von den Interessen unseres Landes aus und zeigen auch weiterhin Entgegenkommen, wo es der Sache dient.
Ende
S.117 Sowjet-General Tschuikow empfängt DDR-Ministerpräsident Grotewohl. * S.120 Oberes Bild, 4. von links: SED-Chef Ulbricht; am Tischende: Ministerpräsident Grotewohl, Staatspräsident Pieck. * Unteres Bild: Ein Arbeiter versucht, die Antenne des Sowjetpanzers abzureißen. * S.123 Seit 1953 mit Erich Honecker verheiratet. * S.124 Angehörige von Betriebskampfgruppen sichern den Mauerbau. *

DER SPIEGEL 39/1980
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