18.05.1981

SCHULENWaffen strecken

Bleibt der Abschluß an einer Gesamtschule Makulatur? Nachdem sich SPD- und CDU-regierte Länder endlich verständigt hatten, wurde der Streit wieder einmal verlängert - wegen des Vetos aus Bayern.
So innig war es noch nie zugegangen unter Deutschlands Kultusministern. Sozialdemokrat Horst von Hassel aus Bremen sah eine "gute Grundlage, das leidige Problem endlich aus der Welt zu bringen". Sein Düsseldorfer Kollege Jürgen Girgensohn ging geradezu "felsenfest davon aus", daß es nun mit den unionsregierten Ländern "zu einer Verständigung kommt".
Auch für den Christdemokraten Werner Remmers aus Niedersachsen begann sich "ein vernünftiger Kompromiß zu entwickeln", und selbst Bayerns CSU-Schulminister Hans Maier, sonst gegen fast alles, zweifelte "nicht, daß wir zusammenkommen".
Es wäre ja schön gewesen. Denn die Streitfrage, eine bundesweite Anerkennung der Gesamtschulabschlüsse, ist schon so alt wie die Reformschule selber, runde zehn Jahre. Ende vorletzter Woche schienen sich die Minister bei einem Treffen in Bonn endlich auf einen Kompromiß verständigt zu haben -- aber dann blockten die Christdemokraten doch wieder ab und drängten auf Vertagung.
Dabei schien Eile geboten. Ein vorläufiges Abkommen der Länder über die gegenseitige Anerkennung der Gesamtschulabschlüsse S.68 war befristet bis zum 24. Juni dieses Jahres. Und daß es keine unbefristete Regelung geben könne, bevor nicht die Gesamtschule die Gleichwertigkeit ihrer Abschlüsse mit den traditionellen Schulen belege, hatten die Unionsminister schon lange signalisiert, vorneweg Bayer Maier.
Einfacher Ausweg aus dem Dilemma nach Unionsmeinung: Stundentafeln und Lernziele des neuen Schultyps sollten sich ausschließlich an den herkömmlichen Schulen ausrichten, Gesamtschüler frühzeitig, möglichst ab Klasse 5, und in vielen Fächern in drei unterschiedliche Leistungskurse (Fachleistungsdifferenzierung) aufgeteilt werden -- die überkommene Paukschule also, nur neu organisiert und für die Sozialliberalen unannehmbar.
Dennoch schien vorletzte Woche ein Ende des Schulkampfes erstmals nahe. Kultusbeamte beider Lager hatten sich noch vor der Bonner Konferenz ihrer Minister arrangiert und gemeinsame Grundsätze vorgelegt.
Die vor allem umstrittene Fachleistungsdifferenzierung ist nach dem Einigungspapier nur mehr
* "vorzusehen für Deutsch, 1. Fremdsprache, Mathematik" und Naturwissenschaften;
* sie soll "auf mindestens zwei Niveaus" erfolgen und
* "in der Regel ab Klasse 7", in Deutsch und Naturwissenschaften aber auch "ein bis zwei Jahre später" einsetzen.
Mit dem Zugeständnis an die Zweier-Differenzierung, wie sie in Nordrhein-Westfalen, Bremen oder Niedersachsen die Regel ist, konnten die sozialliberalen Länder ihre Position behaupten. Beistand leistete ihnen Christdemokrat Remmers: "Wir können als CDU nicht verlangen, daß die SPD den Grundgedanken Gesamtschule ganz aufgibt."
Die Praxis vor allem in Berlin und Hessen, den Ländern mit den größten Gesamtschulerfahrungen, hatte den Reformern gezeigt, daß bei starker Differenzierung in viele Kurse und vielen Fächern die alten Fehler wie Auslese und Chancenungleichheit in der neuen Schule unverändert durchschlagen. Berlin war im vergangenen Jahr von der zehn Jahre lang betriebenen Differenzierung in vier Niveaus auf das Zweier-Konzept umgeschwenkt.
Solchen Erfahrungen mochten sich auch Christdemokraten wie der Kieler Kultuschef Peter Bendixen nicht länger verschließen. Nach einem Besuch beim CDU-Kollegen in Hannover gab er seinen Widerstand gegen die Zweier-Differenzierung auf, und auch die anderen CDU-Länder ließen wissen, sie wollten sich "pragmatisch verhalten" (Baden-Württemberg). Einzig der CSU-Freistaat wollte und will nun noch immer in der Sache "weiterverhandeln".
Bayrische Zustimmung steht auch zu anderen Punkten aus, über die sich Sozialliberale und CDU in ihrem Kompromißpapier verständigt hatten. Der Übergang in die gymnasiale Oberstufe (Klasse 11 bis 13) etwa wird zwar "in der Regel" von "entsprechenden Kenntnissen" in der zweiten Fremdsprache abhängig gemacht, aber nicht ausschließlich -- ein bedeutsamer Unterschied für die Gesamtschule, die eine Gleichwertigkeit von Arbeitslehre/ Polytechnik und zweiter Fremdsprache auch bei angehenden Abiturienten anstrebt. Auch wird der Übergang zur Oberstufe für alle Schüler bis zuletzt offengehalten, unabhängig von der Zugehörigkeit zum besseren oder schlechteren Leistungskurs.
Einigkeit selbst mit den Bayern gab es dagegen in der sozialliberalen Forderung, die Gesamtschulfachbereiche Naturwissenschaften (in denen die Fächer Physik, Chemie und Biologie integriert sind) und Gesellschaftswissenschaften (Erdkunde, Geschichte, Sozialkunde) unangetastet zu lassen. Obschon die CSU-Vertreter bis zuletzt kritisiert hatten, daß "Inhalte und Ziele der Einzelfächer" in Fachbereichen "unklar" seien, wurde am Ende lediglich für Geschichte ein Mindestmaß festgeschrieben -- ein Drittel der gesellschaftswissenschaftlichen Stunden.
Auch beim umstrittenen Bereich der Wahlpflichtfächer -- in dem Gesamtschüler, unabhängig von dem angestrebten Schulabschluß, zwischen verschiedenen Disziplinen frei wählen können -- ist mit einem Maximalanteil von 30 Prozent des Unterrichts der neuen Schulform Genüge getan. Zugeständnisse mußten freilich auch die Gesamtschulbefürworter machen: Nordrhein-Westfalen etwa oder Bremen müssen sich, anders als bisher, in Naturwissenschaften zur Leistungsdifferenzierung verstehen.
Daß den Sozialliberalen der Kompromiß gleichwohl von so trefflicher Qualität erschien, daß sie ihn am liebsten "so rasch wie möglich" (von Hassel) verabschiedet hätten, machte die Christdemokraten, vor allem wo sie in Opposition sind, mißtrauisch. Da müsse die Union wohl, hieß es etwa aus Hamburg und Hessen, im Schulkampf "sämtliche Waffen strecken".
Nun wollen CDU und CSU erst einmal mit sich selber ins reine kommen. Die vorläufige Frist für die Abschlußanerkennung wurde um ein Jahr verlängert. Im Herbst, nach einem Bildungsparteitag der CDU, dürfen, so hoffen die Sozialliberalen, die Unionschristen endlich auf breiter Front umfallen, sogar der eiserne Maier.

DER SPIEGEL 21/1981
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