22.09.1980

MANÖVERTarnung vom Förster

Dem Austausch von Manöverbeobachtern, der in der Schlußakte von Helsinki 1975 vereinbart wurde, messen Militärs nur noch wenig Bedeutung im Ost-West-Verhältnis bei.
Der Kanzler erspähte Unmilitärisches. "Die Panzer stehen aber ziemlich offen im Gelände herum", mäkelte Reserve-Hauptmann Helmut Schmidt, als er am Dienstag vergangener Woche im hessischen Vogelsbergkreis per Hubschrauber beim Panzerartillerie-Bataillon 345 einschwebte.
Die Militärs wußten Antwort. Im Ernstfall, erläuterte ein Batterie-Chef, hätte er für seine Geschütze natürlich eine andere Stellung gesucht -- "zum Beispiel da hinten, am Waldrand". Jetzt aber müsse er Rücksicht auf Ernte und Naturschutz nehmen. Schmidt: "Find' ich vernünftig."
Eine realistische Übung war ohnehin kaum möglich. Schuld daran hatten die Bestimmungen der Manöver-Bibel -- ein "Merkblatt zur Vermeidung von Übungsschäden", das der Batterie-Chef wie alle 47 000 Teilnehmer des Bundeswehrmanövers "Sankt Georg" bei sich trug. "Wege nutzen", hieß es da, "keine Bäume fällen, Tarnmaterial weist der Förster zu."
Wehrpflichtige und Reservisten verstanden bei so gestrengen Auflagen nur selten, warum sie gerade warten oder starten, siegen oder verlieren mußten. Die Weisung des Heeresinspekteurs Hans Poeppel, den Soldaten Übungsgeschehen und Befehle zu erläutern, wurde oft mißachtet.
Am schwersten taten sich die Fallschirmjäger der Luftlandebrigade 26. Sie mußten, mitten im Kampfgeschehen, plötzlich die Fronten wechseln -aus Gründen der Kostendämpfung fochten sie auf beiden Seiten, womit sich die Heerführer den Einsatz einer zweiten Brigade ersparten.
Einen zutreffenden Eindruck vom Zustand der Bundeswehr hat Schmidt bei seiner Kurzvisite wohl kaum gewonnen. Von 69 einberufenen Reservisten seien 67 pünktlich zum Dienst angetreten, meldete ihm ein Hauptfeldwebel stolz. Die neuen Zahlen der Bundeswehr-Spitze sehen anders aus: 1977 traten immerhin noch mehr als drei Viertel der Reservisten an; inzwischen fällt, mit und ohne Begründung, bei Mobilmachungsübungen über ein Drittel der Einberufenen aus.
Vollzählig antreten zum Herbstmanöver mußte die Nationale Volksarmee in der DDR, die eine Woche vor der Bundeswehr geübt hatte. SED-Chef Erich Honecker, die Propaganda im DDR-Fernsehen und im "Neuen Deutschland" rühmten, daß sich dort die Soldaten und Reservisten vor Begeisterung überschlugen nach dem Motto: "Vereint für Frieden und Sozialismus -- dem Feind keine Chance]"
Ausführlicher denn je berichteten die DDR-Medien über das Ostblock-Manöver "Waffenbrüderschaft 80" und die Feldparaden in Potsdam und Magdeburg. Honecker, in Räuberzivil (Parka und Hut), stellte sich zu einem Gruppenbild mit Spitzenmilitärs. Eingerahmt von den ordensgeschmückten Sowjet-Marschällen Dmitrij Ustinow und Wiktor Kulikow lächelte er, militärisch S.139 stillgestanden, gequält in die Kameras.
Doch seine Reden blieben, trotz der üblichen Vorwürfe gegen die USA und die Nato, trotz des pflichtschuldigen Treuebekenntnisses zu "unserem Obersten Befehlshaber, dem Genossen Leonid Iljitsch Breschnew", eher milde und auf Entspannung gestimmt. Wortgleich mit dem Bundeskanzler verkündete er inmitten des Manöverlärms, von "deutschem Boden dürfe nie wieder ein Krieg ausgehen".
Daß die Ost-Übung diesmal ohne westliche Militärbeobachter ablief, wurde von Schmidt im Gegenzug nur verhalten gerügt. Verpflichtet sei der Warschauer Pakt nach der Schlußakte von Helsinki dazu nicht, so Schmidt, aber "ich hätte es gerne gesehen".
Des Kanzlers Gelassenheit hatte noch einen anderen Grund. Denn die für "Feindnachrichten" zuständigen S-2-Spezialisten des Führungsstabes der Streitkräfte glauben, daß Waffenbrüderschaft 80 sowieso "just for show" war.
Das Großmanöver in der DDR, urteilen die Experten, habe ganz offensichtlich demonstrativen Charakter gehabt und sage über den wirklichen Kampfwert der Warschauer-Pakt-Truppen wenig aus.
Die Übungen seien zwar, so ein Generalstäbler, "präzise wie ein Uhrwerk" abgelaufen. Vor allem lobte er das große Landemanöver an der Ostseeküste, bei dem die Sowjets riesige Luftkissenboote zum Landen von Panzern und Truppen vorführten, den Einsatz der sowjetischen Luftlandetruppen und das Zusammenwirken zwischen Heer und Luftwaffe.
Anders aber als bei Nato-Manövern sei das ganze Geschehen bis ins Detail geplant worden und habe auf keiner Ebene Möglichkeiten für freie Entscheidungen gelassen. Übungen vor auserwähltem Tribünenpublikum und Fernsehkameras hätten, zumal wenn sie von Eliteeinheiten vorexerziert würden, nur begrenzten Aussagewert.
Dem Austausch von Manöverbeobachtern, einst von Politikern als vertrauensbildende Maßnahme hochgelobt und von den Militärs als legale Spionage argwöhnisch beäugt, wird zudem auf beiden Seiten immer weniger Bedeutung im Ost-West-Verhältnis beigemessen. Denn die Erfahrung lehre, daß jede Seite nur das zeigt, was sie zeigen will.
Der auch in diesem Jahr wieder zum Nato-Manöver geladene sowjetische Militärattache Alexander Knyrkow beschwerte sich schon 1978 lautstark, daß er den "Leopard 2"-Panzer nur von außen sehen durfte -- einsteigen war verboten. Und der erste bundesdeutsche Militärattache in Moskau, Brigadegeneral August-Wilhelm Vogel, faßte seine ersten Erfahrungen bei Manövern der Sowjet-Armee 1977 in dem schon klassischen Satz zusammen: "Viel zu trinken, wenig zu sehen."

DER SPIEGEL 39/1980
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