22.09.1980

SÜDKOREAGefahr fürs Überleben

Diktator Chun entledigte sich des Oppositionspolitikers Kim durch einen Prozeß, der eine Farce war.
Er hatte "fälschlicherweise den Ruf eines Patrioten". Tatsächlich war er ein "um jeden Preis machthungriger Mann, ohne Achtung vor dem Gesetz, der Demokratie, der verfassungsmäßigen Regierung".
"Seine Machtbesessenheit sprengte die friedliche Gesellschaft seiner Landsleute, ließ ihr Blut vergießen."
Da stand natürlich eine "große Gefahr für das Überleben der Nation" ins Haus; sie wurde aber gottlob "abgewendet durch ... die einsichtsvolle Zurückhaltung der Regierung".
So wurde der Volksfeind in einer Broschüre der südkoreanischen Regierung beschrieben. Die Richter, Militärs allesamt, die über ihn zu urteilen hatten, legten sich weniger Zurückhaltung auf, vielleicht, weil sie sich ohnehin überflüssig vorkamen, hatte doch die Regierung in ihrem Pamphlet -- vor Prozeßbeginn -- längst den Stab gebrochen: Vergangenen Mittwoch verurteilte ein Militärgericht in Seoul den Politiker Kim Dae Jung, 55, zum Tode durch den Strang. Er soll -- so der Chefankläger Oberstleutnant Chung Ki Yong -- "ein für allemal von dieser Erde eliminiert werden".
Kims todeswürdiges Vergehen war seine Überzeugung, Demokraten könnten auch in einem Land wie Südkorea eine Chance haben. Kims Verderben: Er setzte sich seit 20 Jahren aktiv für eine Demokratisierung Südkoreas ein. 1961 wurde er erstmals ins Parlament gewählt. Doch Abgeordneter blieb er nur drei Tage lang -- dann putschte General Park, die Volksvertretung wurde aufgelöst. Nach Parks Tod hatte er den Wunsch und beste Aussichten, zum Präsidenten der Republik gewählt zu werden -- wenn denn die Südkoreaner in einer freien Wahl die Möglichkeit hätten, ihre Regierung selbst zu bestimmen.
Die Liste der förmlichen Anklagepunkte gegen Kim Dae Jung reichte vom Devisenvergehen bis zum Hochverrat, von der Planung eines Staatsstreichs bis zur subversiven Tätigkeit in nordkoreanischem Auftrag.
Und alle Anklagen waren nachweislich unbegründet -- weshalb wohl auch das Seouler Gericht auf die Anhörung jeglicher Zeugen verzichtete.
* Am 13. August 1973 soll Kim in Tokio die staatsfeindliche Organisation "Hanminton" (Nationalkongreß für die Wiederherstellung der Demokratie und das Betreiben der Wiedervereinigung Koreas) gegründet haben und zu ihrem Präsidenten gewählt worden sein. "Unter seiner (Kims) Ägide folgte die Gruppe sklavisch der nordkoreanischen Linie" (Seouler Regierungspapier). Nur: Am 8. August 1973 bereits wurde Kim vom südkoreanischen Geheimdienst in seinem Tokioter Exil (Park hatte 1972 durch Notstandsgesetze die aktive Opposition in den Untergrund getrieben) gekidnappt und "unter Anwendung von Gewalt repatriiert", wie es die Regierung S.152 in Seoul nennt. Er kam unter Hausarrest und ins Gefängnis.
* Im Frühjahr dieses Jahres hat er angeblich von Gefolgsleuten in den USA 10 000 Dollar erhalten und -gesetzeswidrig -- nicht innerhalb von zehn Tagen in Landeswährung umgetauscht. Stimmt, sagt Kim, er wurde nämlich schon nur zwei Tage nach dem Transfer verhaftet.
* Bei "den blutigen und langwierigen Aufständen in Kwangju", die Ende Mai dieses Jahres fast tausend Todesopfer forderten, habe er "eine zentrale und nachweisbare Rolle" gespielt. Zu der Zeit aber saß Kim Dae Jung bereits wieder -- nach kurzer Freiheit durch eine Amnestie zu Parks Tod -- im Gefängnis.
Warum Kim Dae Jung dennoch zum Tode verurteilt werden mußte, ist exklusives Herrschaftswissen des 5. Präsidenten der Republik Korea, des abgedankten Fallschirmjäger-Generals Chun Doo Hwan.
Nach der Ermordung von Park Chung Hee, der 18 Jahre lang Südkoreas Diktator war, hat Chun sich in zielstrebiger Usurpation den Chef-Sessel in Seouls Blauem Haus (Präsidenten-Palais) gesichert. "Vom 26. Oktober (Parks Tod unter den Kugeln seines Geheimdienstchefs) bis jetzt haben wir wohl den langwierigsten und gleichzeitig am besten geplanten Militärputsch der Geschichte erlebt", urteilt der ehemalige amerikanische Korea-Diplomat Gregory Henderson.
Seit vier Wochen ist Chun, 49, "gewählter" Präsident Südkoreas, und er duldet keine anderen politischen Götter neben sich. Wo sein Vorgänger und politischer Ziehvater Park noch Scheindemokratie mit erheblichem persönlichen S.153 Risiko für ihn selbst ansatzweise zuließ -- Kim Dae Jung gewann 1971 als Präsidentschaftskandidat gegen Park 46 Prozent der Stimmen --, macht Chun Tabula rasa. Das Verlangen der Südkoreaner nach demokratischer Selbstbestimmung, im Mai dieses Jahres im Volksaufstand von Kwangju offenkundig geworden, zerstörte er mit erbarmungsloser Brutalität.
Kim Dae Jung war sein Opferlamm: Mit dem Schauprozeß, über den die einheimische Presse nur aus der Sicht des Anklägers berichten durfte, wollte der Diktator ein Zeichen setzen. Politische Parteien hat er bereits verboten, ihre wichtigsten Vertreter, ein ehemaliger Premier darunter, unter demütigenden Umständen nach Haus geschickt, Politiker unter Arrest gestellt, ihre Vermögen "für karitative Zwecke" eingezogen.
"In den Jahren der Diktatur", wie südkoreanische Diplomaten heute schon die Park-Ära nennen, hatten Verwaltung und Politik, Industrielle und Kleingewerbetreibende immerhin noch einen meßbaren Freiraum. Das findet Chun widerlich: "Unser Volk ist moralisch degeneriert."
Daß er noch härter also durchgreifen kann als sein Vorgänger Park, bewies der Vier-Sterne-General in den Wochen vor seinem Amtsantritt als Präsident: In einer allumfassenden "Säuberung der Nation" trimmte er die Gesellschaft auf Gefolgschaftskurs.
Mehr als 8000 Staatsbeamte wurden wegen "Unfähigkeit" gefeuert, Industrielle mußten ihr Vermögen -- bis hin zum Schmuck ihrer Ehefrauen -- abliefern.
Unter dem gewiß schon brutalen Park faßten die Gefängnisse nicht annähernd so viele "unreine Elemente": Über 40 000 "Tagediebe und Gauner" mußten zeitweilig in Zellen und Umerziehungslager. Die Ruhe im Land ist die Stille einer Strafkolonie. "Das ist Chuns historische Glanztat", schwärmte ein koreanischer Diplomat.
Blieb als letzte Hürde vor der widerstandlosen Alleinherrschaft der unbeugsame katholische Demokrat Kim Dae Jung. Regierungen und Politiker aus aller Welt äußerten vorige Woche die Hoffnung, er werde nicht hängen, sondern wegen des internationalen Protests -- und um innenpolitisch keinen Märtyrer zu schaffen -- von Chun zu lebenslanger Haft begnadigt werden.
"Und wenn ich denn schon sterben muß", sagte Kim in einem Schlußwort vor seinen Richtern, "wünsche ich als Letzten Willen die baldige Herstellung der von der ganzen Bevölkerung ersehnten Demokratie in diesem Lande."
Das auch wünscht Chun der Starke: "Wir bauen einen demokratischen Wohlfahrtsstaat", sagte er in seiner Antrittsrede als Präsident, "sobald die politische Lage sich stabilisiert hat."

DER SPIEGEL 39/1980
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