22.09.1980

ITALIENHeißer Atem

Fiat muß die Produktion um 20 Prozent drosseln; mit Streiks wollen die Gewerkschaften die geplanten Massenentlassungen verhindern.
Der Turiner Mechaniker Silvano Costa legte sein Werkzeug beiseite und zeichnete mit Farbstift ein Porträt: Carlo Marx, überlebensgroß, mit rotem Halstuch.
Demonstrierende Fiat-Arbeiter klatschten Beifall, als das Stück Volkskunst wie eine Fahne am Fabriktor gehißt wurde. Ein Spruchband hing schon da: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch."
In der Fiat-Stadt Turin herrscht Klassenkampf-Stimmung. Mit Streiks, Demonstrationen und grimmigen Parolen gegen die "Padroni", die Bosse, wollen die Gewerkschaften verhindern, daß Italiens größter Privatkonzern rund 14 000 Beschäftigte feuert. Der angekündigte Entlassungsplan, wetterte die in Turin regierende KPI, sei "der schwerste Angriff auf die Arbeitsplätze, den wir seit 15 Jahren in einem italienischen Unternehmen erleben".
Selbst der römische Arbeitsminister Franco Foschi plagte sich -- zunächst vergebens --, zwischen der Metallgewerkschaft FLM und dem Fiat-Management zu vermitteln. Die Konzernführung bestand darauf, daß Fiat, ähnlich wie andere von der Absatz-Krise betroffene Automobilunternehmen, die Belegschaft reduziert.
Der Konzern, bei dem 1979 rund 1,32 Millionen Pkw vom Band liefen, muß die Produktion um 20 Prozent drosseln, um die wachsenden Halden abzubauen. Deshalb, erläutert Fiat-Personalchef Cesare Annibaldi, "müssen wir auch personell schleunigst schrumpfen".
Seit Jahren haben die Turiner Autobauer an die europäischen und japanischen Konkurrenten Terrain verloren. Der Marktanteil der Fiat-Gruppe, zu der auch Lancia und Autobianchi gehören, sank im eigenen Land binnen zehn Jahren von 70 auf 51 Prozent. Zwar holten die Turiner seit Anfang dieses Jahres in der Heimat wieder etwas auf, doch nicht genug, um die Einbußen jenseits der Grenzen (1979: 2,5 Prozentpunkte) wettzumachen.
Den Hauptgrund für die Krise sieht Giovanni Agnelli, Präsident und Hauptaktionär des Konzerns, in der niedrigen Produktivität. Ein Arbeiter schafft bei Volkswagen zum Beispiel pro Jahr 12,3 Wagen, bei Ford in Detroit 12, bei Fiat dagegen nur 8,1 Wagen.
Eine wesentliche Ursache für das dürftige Ergebnis sind die häufigen Arbeitsniederlegungen. Im vergangenen Jahr verlor Fiat durch Streiks neun Millionen Arbeitsstunden; gut verkäufliche Modelle waren daher zeitweise nicht lieferbar.
Die Metallgewerkschaft FLM bestreitet natürlich, daß die Produktionsmisere nur schuld der Belegschaft sei. Sie kritisiert vielmehr die "mangelhafte Organisation der Arbeit" und wirft den Fiat-Managern "schwere Planungsfehler" vor.
Zumindest einen Fehler gab die Fiat-Spitze dieser Tage sogar ausdrücklich zu: Die Ölkrise 1973/74 hatte die Turiner Manager derart geschockt, daß sie zwei Jahre lang fast nichts im Automobil-Sektor investierten und geraume S.180 Zeit kaum neue Typen herausbrachten. Das Modellprogramm ist deshalb zum Teil veraltet. Auch der 1978 gestartete Kleinwagen "Ritmo" sorgte nicht für den erhofften kräftigen Absatzschub.
Auf dem wichtigsten Auslandsmarkt der Italiener, der Bundesrepublik, stiegen in den vergangenen Jahren Tausende von Fiat-Kunden auf französische und vor allem auf japanische Fahrzeuge um. Der Fiat-Marktanteil sank von 4,5 Prozent im Jahr 1977 auf jetzt magere 3,6 Prozent.
Zwar hat Fiat im eigenen Land von der japanischen Offensive wenig zu befürchten: Der italienische Staat läßt jährlich nur etwa 2400 Wagen aus Fernost über die Grenze. Aber auf Auslandsmärkten bekommt der Turiner Konzern -- wie einer seiner Manager klagt -- um so heftiger "den heißen Atem der japanischen Konkurrenz zu spüren".
Die Italiener gerieten zunehmend in die Defensive. Schon jetzt stehen rund 400 000 Wagen auf Halde; wird die Produktion nicht gedrosselt, werden es bis Ende 1981 rund 650 000 sein.
"Wenn wir nicht bremsen und Personal abbauen", fürchtet Umberto Agnelli, stellvertretender Fiat-Präsident, "kommen wir nie aus den roten Zahlen raus."
Um das häßliche Wort Entlassungen zu vermeiden und die Gewerkschaften nicht unnötig zu reizen, schlug Fiat zunächst vor, 24 000 Arbeiter vom 1. Oktober 1980 bis Ende 1981 nach Hause zu schicken. Die staatliche Lohnausgleichskasse sollte dabei den Lohn weiterzahlen, Anfang 1982 wollte die Firma dann die Hälfte der Ruhestands-Belegschaft wieder beschäftigen.
Die FLM jedoch sagte nein. Sie drang auf einen typisch italienischen Kompromiß: keinerlei Entlassungen, die Arbeiter der einzelnen Fiat-Abteilungen sollten vielmehr abwechselnd, im Rotationsverfahren, zu Hause bleiben -- auf Kosten der staatlichen Lohnkasse. Das wiederum lehnte die Konzernführung ab, weil ein solches System zum Chaos in der Produktion führen würde.
Am 11. September teilte schließlich die Konzernspitze den Gewerkschaften mit, daß 14 469 Beschäftigte entlassen werden sollen. Turins Arbeiter antworteten mit Streiks, die sich inzwischen auf die Region Piemont ausweiteten.
In der vergangenen Woche forderten Streikende dann gar die Besetzung der Fiat-Werkhallen. Was in Polen erfolgreich war, meinen Fiat-Arbeiter, müßte doch auch in Italien klappen.
"Der Sieg der polnischen Arbeiter", tönte Fiat-Monteur Rosario Santi, "gibt uns Aufschwung. Danzig ruft Turin."

DER SPIEGEL 39/1980
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