22.09.1980

BÖRSENoch verrückter

In einem neuen Buch warnt ein Wall-Street-Kenner, sich auf den Rat von Börsianern zu verlassen.
Die beiden Kunstliebhaber waren offenbar verrückt geworden. Bei einer Versteigerung in der New Yorker Galerie Parke-Bernet trieben sie den Preis für die Lithographie eines nicht sonderlich geschätzten amerikanischen Künstlers auf die Rekord-Marke von 84 000 Dollar hoch.
Der Auktionator und das sachverständige Publikum waren völlig verblüfft. S.182 Denn Kenner hatten den Marktwert des Kunstwerks zuvor auf allenfalls 1000 Dollar taxiert.
Die scheinbar ausgeflippten Litho-Liebhaber waren in Wirklichkeit kühle Rechner. Zusammen mit einigen gutverdienenden Freunden und Bekannten hatten sie das Auktions-Gefecht inszeniert, um einige Millionen Dollar Steuern zu sparen.
Der Steuertrick mit dem zu teuer erworbenen Kunstwerk war so schlicht wie bestechend: Zunächst einmal hatte das Steuerspar-Syndikat für insgesamt etwa 100 000 Dollar unauffällig rund 100 Lithographien des US-Künstlers zusammengekauft. Dann jagte es durch seinen 84 000-Dollar-Coup den vermeintlichen Marktwert der Litho-Sammlung schlagartig auf 8,4 Millionen Dollar hoch.
Natürlich wäre kein Käufer bereit gewesen, die Lithographien zu diesem hochmanipulierten Preis zu übernehmen. Doch die Steuerspar-Künstler hatten auch nicht auf einen gewinnbringenden Weiterverkauf spekuliert.
Sie schenkten ihren so wundersam auf einen Wert von 8,4 Millionen Dollar angeschwollenen Kunstschatz einem Museum -- und trugen in ihren Steuer-Erklärungen eine steuermindernde Spende von 8,4 Millionen Dollar ein.
Den Finanzbeamten gefiel das offensichtlich abgekartete Spiel zwar nicht. Aber nach den amerikanischen Steuer-Vorschriften bestimmt nun einmal der zuletzt gezahlte Preis je Stück den Wert des Ganzen.
Bei einem eigenen Einsatz von rund 100 000 Dollar sparten die Spender mehrere Millionen Dollar sonst fälliger Einkommensteuern ein.
Der Geschenk-Dreh ist der kunstvollste unter all den Finanz- und Börsentricks, die der Wall-Street-Kenner und Wirtschaftsprofessor Alan Lechner in seinem kürzlich erschienenen Buch "Street Games" ("Börsenspiele") beschreibt.
( Alan Lechner: "Street Games". Harper & ) ( Row, New York 1980; 176 Seiten; 8,95 ) ( Dollar. )
Neben Finanz-Schleichwegen für steuerscheue Großverdiener hält Lechner auch Ratschläge für Kleinanleger parat, die ihr Erspartes an der Börse mehren möchten.
Nach der Erfahrung des Wall-Street-Profis kennen die meisten Investoren nicht einmal die simpelsten Regeln des Börsengeschäfts, wenn ihnen Anlageberater und Makler raschen Profit beim Kauf von Aktien, Optionen, Fondsanteilen oder Warenterminkontrakten versprechen.
"Regelkenntnis allein", erläutert Lechner, "reicht zwar noch nicht hin, um eine Gewinnsträhne zu garantieren; aber sie verbessert sicherlich die Chancen." S.183
Als Grundregel für den Umgang eines Wertpapier-Sparers mit seinem Makler und Anlageberater empfiehlt Börsen-Insider Lechner: Der Anleger sollte stets selbst entscheiden, wann er an der Börse ein- und wieder aussteigt, und nicht etwa auf den Rat seines Brokers hören.
Dieser versuche sehr viel häufiger, zum Kauf als zum Verkauf zu überreden. Denn kaufen bedeutet Hausse-Stimmung an der Börse, und in Hausse-Zeiten gehen nun einmal die Makler-Geschäfte besser als in Zeiten sinkender Kurse.
Ältestes und beliebtestes Makler-Argument, mit dem sogar noch in einer Phase spekulativ stark überhitzter Kurse der Kauf von Aktien empfohlen wird, ist die "bigger fool theory", die Theorie vom noch größeren Verrückten.
Nach dieser Theorie ist es zwar verrückt, mehr für eine Aktie zu zahlen, als das Unternehmen eigentlich wert ist. Aber der Anleger sollte sich von dem überhöhten Kurs keineswegs abschrecken lassen. Denn es werde immer einen noch größeren Verrückten geben, der schließlich noch mehr zahlen werde.
"Das einzige Problem dabei ist", warnt Lechner, "daß es in diesem endlichen Universum irgendwo den größten Verrückten gibt -- und manchmal sind Sie es selbst."
So rät der Investment-Profi dem Anleger, nach selbst getroffener genereller Kaufentscheidung dem Börsen-Profi nur noch die Wahl der aussichtsreichsten Papiere zu überlassen. Der Verkaufszeitpunkt ist für Lechner in jedem Fall spätestens dann erreicht, wenn die Kurse um 15 oder 20 Prozent gestiegen oder gesackt sind.
Denn: "Man muß nicht immer richtig liegen", so Lechner, "um an der Börse Geld zu machen. Aber wenn Sie glauben, daß Sie stets richtig liegen, kann das Festhalten an einem Fehler Sie ruinieren."
Für unbedarfte Kleinaktionäre aber, die blindlings dem Rat ihres Brokers trauten, ist selbst dann noch nichts verloren, wenn die Kurse ihrer Papiere längst zusammengebrochen sind. Denn ihnen bietet Regel 405 der New Yorker Börse Schutz.
Die Regel schreibt einem Börsenmakler vor, sich über die finanziellen und beruflichen Verhältnisse eines Kunden zu informieren. Der Broker hat den Anleger dann so zu beraten, daß dieser nicht etwa mit seinem mühsam zusammengesparten Klein-Geld in hochspekulative Investments wie etwa Warentermingeschäfte tappt.
So hat ein Anlageberater einer Witwe, deren Einkommen allein aus den Zinsen ihres geerbten Kapitals besteht, eine möglichst sichere und hochrentierliche Anlage, beispielsweise Staatsanleihen, S.184 zu empfehlen. Lockt er die womöglich völlig naive Investorin dagegen mit der Voraussage hoher Kursgewinne in die gerade heißesten Börsenrenner, so hat er seiner Kundin den Schaden zu ersetzen, wenn die Spekulation auf raschen Gewinn in einem Kurssturz endet.
Macht sich die Maklerfirma nicht die Mühe, die Finanzen eines Kunden genau auszuforschen, so kann ein Reinfall für das Unternehmen ziemlich teuer werden. Lechner erläutert die Folgen mit einem Fall, der sich vor einigen Jahren an der Wall Street zutrug.
Da bat ein Anrufer den Angestellten einer Maklerfirma um die Unterlagen für die Eröffnung eines Kontos. Durch einige fachmännische Fragen zu einer Reihe spezieller Aktien wies er sich als offenkundig versierter Börsianer aus.
Der neue Kunde erhielt die gewünschten Formulare, sandte sie ordnungsgemäß ausgefüllt zurück und orderte dann telephonisch einige Aktien. Der Makler führte den Auftrag aus, und der Kunde hätte die Papiere nun in den nächsten fünf Börsentagen bezahlen müssen.
Doch vor Ablauf dieser branchenüblichen Zahlungsfrist meldete sich der Investor wieder telephonisch mit einem Verkaufsauftrag. Der Kurs war in der Zwischenzeit gestiegen, der Anleger hatte einen Gewinn erzielt.
Normalerweise hätte der Kunde dennoch zunächst einmal zahlen müssen. Erst dann hätte die Maklerfirma die Differenz zwischen Verkaufs- und Kaufkurs auf dem Konto des Anlegers gutschreiben dürfen.
Aber die Geschäftsbeziehungen ließen sich so gut an, daß die Maklerfirma nicht stur auf Einhaltung der Regeln bestand. Der Anrufer erhielt seine Gutschrift, ohne selbst gezahlt zu haben.
In den nächsten anderthalb Jahren stiegen die Börsenumsätze und Gewinne des gewieften Kunden -- und die Courtage-Beträge, die der Makler bei Kauf und Verkauf der Aktien kassieren konnte.
Bereitwillig gewährte der Broker Kredit, so daß der Anleger bis zu 50 Prozent seiner Aktienkäufe mit gepumptem Geld finanzieren konnte. Der Kurswert der stets telephonisch georderten Wertpapiere stieg auf fast eine Million Dollar, ohne daß der Kunde je auch nur einen Cent eigenen Geldes eingesetzt hätte.
Doch dann platzte die Aktien-Hausse. Die Kurse brachen zusammen. Der Marktwert der auf Kredit gekauften Aktien sank so stark, daß die Papiere als Sicherheit für die Darlehen der Broker-Firma nicht mehr reichten.
Der Makler bat seinen guten Kunden daher erstmals, Geld nachzuschießen. Diesem gelang es, den Makler mit Zahlungsversprechen noch eine Weile hinzuhalten. Schließlich verkaufte der Broker die Aktien. Der Erlös aber war bereits zu gering, um die gewährten Kredite abzudecken.
So versuchte die Firma nun, das noch fehlende Geld bei ihrem Kunden einzutreiben. Doch da gab es nichts zu holen.
Der einst so erfolgreiche Börsenspekulant entpuppte sich als ein 17jähriger College-Schüler.
S.182 Alan Lechner: "Street Games". Harper & Row, New York 1980; 176 Seiten; 8,95 Dollar. *

DER SPIEGEL 39/1980
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