22.09.1980

SOWJET-UNIONSchmerzen weg

Hat die Masseuse Dschuna Dawitaschwili mit „bioenergetischer“ Behandlung Kranke - darunter Parteichef Breschnew - geheilt?
In dürrer Arzt- und Amtssprache bestätigen mit Stempel und Unterschrift die leitenden Ärzte zweier Moskauer Staats-Kliniken der Dame, sie habe so etwas wie ein Wunder vollbracht.
Die Ergebnisse "einer bioenergetischen Massage, durchgeführt von Dawitaschwili Jewgenija Juwaschewna", faßte K. P. Lewtschenko, stellvertretender Chef der Klinik Nummer 112 des Krasnopresnensker "ezirks in Moskau, zusammen: Vom 5. bis 12. Mai 1980 wurden in de" " Klinik Nr. 112 Patienten, die an neurologischen Erkrankungen " " leiden, von Frau Dawitaschwili behandelt. Die Patienten " " litten an Osteochondrose der Wirbelsäule, Plexusneuritis und " " Radikulitis. Es wurden elf Kranke behandelt. Es wurde ein " " Effekt der angewandten Methode festgestellt: Die " " Schmerzsyndrome verschwanden nach der ersten Sitzung (in " " allen elf Fällen). Bei sieben Kranken trat die Heilung nach " " einem Stadium akuter Verschärfung zwei bis drei Tage später " " ein. Die von Dawitaschwili praktizierte Methode ist von " " großem theoretischem und praktischem Interesse und verdient " " eine breite Einführung in die medizinische Praxis. "
Chefarzt Tschekmatschow von der Poliklinik des Staatlichen "lankomitees dokumentierte mit Brief und Siegel: Vom 16. Juni bis" " 14. Juli 1980 wurde in der Poliklinik des Gosplans der UdSSR " " eine Heilbehandlung von Patienten durchgeführt, die an " " Radikulitis und Bewegungsbehinderungen der Wirbelsäule " " litten. Es wurden 13 Kranke behandelt. Durch die Anwendung " " der Methode (von J. J. Dawitaschwili) gab es bei allen 13 " " Kranken nach der ersten Sitzung einen ausgeprägten Effekt; " " das Krankheitssyndrom verschwand. "
Folgerung des Gutachters: "Die von Dawitaschwili angewandte Heilbehandlung muß von Instituten erforscht und in die medizinische Praxis eingeführt werden."
Die junge Frau aus Georgien, die Moskauer Chefärzte zu solch ungewöhnlichen Zeugnissen veranlaßte, ist derzeit Thema Nummer eins, wo immer Russen zusammentreffen, die je von ihr gehört haben. Im Reich des "wissenschaftlichen Sozialismus" findet Mystisches allemal Resonanz, wird Parapsychologie wissenschaftlich ernst genommen und blüht der Aberglaube.
Rassul Gamsatow, "Volkspoet" aus dem kaukasischen Daghestan, Lenin- und Staatspreisträger sowie "Held der sozialistischen Arbeit", dankte seiner "lieben Dschuna" in einem überschwenglichen Brief für Heilung von Herz- und Kreislaufleiden: "Mein Körper war wie ein zerbrochener Krug. Als ich zu Ihnen kam, war ich ein verstimmtes Instrument, aber Ihre Hände ließen wie ein Dirigentenstab die Saiten längst vergessener Freuden wieder klingen."
Nach Gerüchten, die nicht verifiziert werden können, vollbrachten Dschunas Hände auch das augenscheinliche Wunder, den Parteichef Leonid Breschnew, 73, nach Jahren fortschreitender Krankheit "in ein Bild von Gesundheit und Kraft zu verwandeln" ("New York Times").
Obwohl Frau Dawitaschwili über Patienten aus der Politprominenz selbst nicht spricht, werden -- je öfter schwarze Wolgas oder Tschaikas sie zu S.196 offensichtlich hochgestellten Kranken holen -- immer mehr Männer genannt, die sie von allerlei Leiden befreit haben soll: Politbüro-Kandidat Ponomarjow, Gosplan-Chef Baibakow, Olympia-Organisator Nowikow.
Sie selbst nennt mit vollem Einverständnis der Behandelten nur Namen aus dem Kreis bekannter Dichter oder Künstler -- etwa die Dichterin Bella Achmadulina, den Fernseh-Satiriker Raikin, den Filmregisseur Tschcheidse.
Und sie macht, im Gegensatz zu anderen Vertretern ihrer Zunft, kein Geheimnis aus ihrer Behandlungsmethode. Sie dringt vielmehr darauf, ihr Verfahren wissenschaftlich zu erforschen. Damit hat sie jetzt auch Erfolg.
Die schlanke Schwarzhaarige, Anfang 30 und nervöse Kettenraucherin, gehört zur assyrischen Minderheit, von der etwa 25 000 Menschen in der Sowjet-Union leben. Mit 14 riß sie von zu Hause aus, arbeitete als Filmvorführerin und Kellnerin in der georgischen Hauptstadt Tiflis und fand schließlich eine Ausbildung als Krankenmasseuse. Dabei fiel auf: Von ihr Massierte fühlten sich plötzlich von allen möglichen Leiden befreit, insbesondere von Arthritis, Neuralgien, Ischias.
Sie bildete sich medizinisch fort, erwarb Zeugnisse der Volkshochschule Tiflis, eines Sportinstituts und einer Bildungsstätte für "klinische Psychologie": als Krankenpflegerin, Krankenmasseuse und Assistentin. Sie bekam eine Stelle an der Poliklinik für Eisenbahner in Tiflis; binnen Monaten machten ihre Heilerfolge sie so berühmt, daß Schwerkranke heimlich aus Spitälern schlichen, um sich von ihr behandeln zu lassen; Patienten strömten in solchen Massen zu ihr, daß ein Parteifunktionär ein "neues Mekka" fürchtete.
Bei ersten wissenschaftlichen Experimenten mit dem "psychoenergetischen Phänomen", so ein Professor am georgischen Institut für Physiologie, erwiesen sich die Apparate für jene bioelektrische Energie, die Dschuna ausstrahlte, als zu schwach -- die Zeiger der Meßinstrumente schlugen angeblich wie wild bis zum Anschlag aus.
Anläßlich eines parapsychologischen Kongresses in Tiflis im Sommer 1979 wurde ein Film über sie gedreht, da bekam das Bioenergie-Wunder Schwierigkeiten mit den georgischen Behörden. Von der Illustrierten "Ogonjok" nach Moskau gerufen, gab Dschuna in der Hauptstadt Proben ihrer Kräfte.
Die Gewerkschaftszeitung "Trud" brachte ein Interview mit dem Akademie-Mitglied Spirkin, der sagte, in einer 15-Minuten-Sitzung mit Dschuna sei "ein Geschwür ausgetrocknet".
Im georgischen Parteiorgan "Sarja Wostoka" wird geschildert, wie Dschuna bei zuvor von Ärzteteams geprüften Patienten Krankheiten rasch diagnostizierte (Magengeschwüre, Nierenleiden, Schilddrüsenerkrankungen) oder einen Mann in einer Minute von chronischen Kopfschmerzen befreite.
Adresse, Bekanntschaft oder Telephonnummer der Heilpraktikerin wurden zum heißesten Tip in der Sowjethauptstadt, aus fernsten Ecken der Welt trafen Bitten um Hilfe ein. Unter dem Ansturm mußte die Masseuse ihre Behausungen mehrmals wechseln.
Vorigen Monat nahm sich eine der wichtigsten Zeitungen des Landes des Phänomens Dawitaschwili an: Die "Komsomolskaja prawda" mit einer Auflage von neun Millionen, die gemeinhin der Sowjet-Jugend dialektischen Materialismus beibringen will, bescheinigte der Dawitaschwili: "Im Unterschied zu Kurpfuschern steht ihr Wirken nicht im Widerspruch zur offiziellen Medizin."
Aber: "Wenn wir ein Photo von Dschuna betrachten, sehen wir, wie ihre Hände Licht ausstrahlen, und über dem Kopf gibt es ein Leuchten."
Akademiemitglied, Professor und "Held der sozialistischen Arbeit" Kobsarew: "Ja, so etwas ist möglich, ähnliche Erscheinungen sind Tatsachen, haben nichts mit Mystik zu tun." Menschen, die durch Handauflegen heilten, habe es zu allen Zeiten gegeben.
Die Moskauer "Literaturzeitung" wenigstens äußerte sich skeptisch über Dschuna und druckte eine Diskussion unter Wissenschaftlern, die den Rummel als Gefahr ansehen.
Das Phänomen soll nun aufgeklärt werden: Auf Wink von höchster Stelle hat Nikolai N. Blochin, Präsident der Akademie für Medizinische Wissenschaften und zweifacher Lenin-Ordensträger, in seinem Institut eine Experimentreihe mit Dschuna begonnen.
S.193
Vom 5. bis 12. Mai 1980 wurden in der Klinik Nr. 112 Patienten, die
an neurologischen Erkrankungen leiden, von Frau Dawitaschwili
behandelt. Die Patienten litten an Osteochondrose der Wirbelsäule,
Plexusneuritis und Radikulitis. Es wurden elf Kranke behandelt. Es
wurde ein Effekt der angewandten Methode festgestellt: Die
Schmerzsyndrome verschwanden nach der ersten Sitzung (in allen elf
Fällen). Bei sieben Kranken trat die Heilung nach einem Stadium
akuter Verschärfung zwei bis drei Tage später ein. Die von
Dawitaschwili praktizierte Methode ist von großem theoretischem und
praktischem Interesse und verdient eine breite Einführung in die
medizinische Praxis.
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Vom 16. Juni bis 14. Juli 1980 wurde in der Poliklinik des Gosplans
der UdSSR eine Heilbehandlung von Patienten durchgeführt, die an
Radikulitis und Bewegungsbehinderungen der Wirbelsäule litten. Es
wurden 13 Kranke behandelt. Durch die Anwendung der Methode (von J.
J. Dawitaschwili) gab es bei allen 13 Kranken nach der ersten
Sitzung einen ausgeprägten Effekt; das Krankheitssyndrom
verschwand.
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DER SPIEGEL 39/1980
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