22.09.1980

PARISWeg ins Unterholz

Der Bois de Boulogne ist das Zentrum hauptstädtischer Freiluft-Lust geworden.
Mann oder Frau -- das bis auf ein Bikinihöschen entblößte blonde Wesen ist im Dunkel der Nacht nicht genau zu erkennen. Autos bremsen bei seinem Anblick, halten am Rand der Avenue. Ein Herr mit Bart und Brille steigt aus seinem Peugeot, wechselt ein S.197 paar Worte mit dem nackten Gegenüber, dann verschwinden beide im Gebüsch.
Ein paar Meter weiter: Um einen parkenden Mercedes hat sich eine Gruppe von Männern geschart, im Innern des Wagens ein Paar. Eben ist die Dame dabei, sich auf dem heruntergekurbelten Beifahrersitz auszustrecken und die Kleider zu lüften. Großzügig zeigt sie, was sie zu bieten hat. Die Show dauert sieben Minuten. Dann fährt der Mercedes weiter.
Paris, 1980. Im Bois de Boulogne, dem großen Stadtwald im Westen, wird im Gras hautnah geboten, was in keinem Fremdenführer steht.
Wenn es in Paris Nacht wird und schwül bleibt -- aber zuweilen auch wenn es schneit --, wandelt sich der Wald im vornehmen 16. Arrondissement an der Grenze des Prominentenvororts Neuilly -- mit Luxus-Restaurants wie "La Cascade" und "Pre Catelan", mit seinen Reit- und Spazierwegen und dem Society-Sportverein "Racing Club de France" zum größten Bordell der Nation.
Dunkle Antillen-Mädchen animieren zu Sex in den grünen Alleen, tänzelnde Figuren im Babydoll locken lächelnd ihre Kunden ins Gebüsch, Männer knutschen unter Zedern und Eichen.
Rund 600 Prostituierte, Transvestiten, Homosexuelle, Exhibitionisten und Voyeure nutzen Nacht um Nacht den Stadtwald als Spielwiese schier unbegrenzter Möglichkeiten.
Während sich die Autoschlangen auf den eben zwei Kilometer entfernten Champs Elysees langsam auflösen und das von arabischer Geschäftigkeit durchsetzte Amüsierviertel Pigalle allmählich ruhiger zu werden beginnt, stauen sich am waldigen Rand der Hauptstadt die Autokolonnen. Bentleys wie Minis kurven aufgeregt im Kreis. Ihre Fahrer übersehen Stoppschilder und Einbahnstraßen. Man parkt und sucht sich seinen Weg ins Unterholz mit der Taschenlampe.
Während sich Kegelvereine aus Deutschland an Flitter und Federschmuck an knackigen Busen und wirbelnden Beinen im "Crazy Horse Saloon", im "Lido" oder im "Moulin rouge" ergötzen und japanische Touristen den Gipfel eines Pariser Plaisirs in den schmuddeligen Gassen von Pigalle oder der Rue Saint-Denis im Hallenviertel zu kosten hoffen, streifen Eingeweihte durch das Gestrüpp um den See im Stadtwald und scheuchen die Enten auf, die, durch das menschliche Rumoren gestört, schnatternd abheben.
Paris, die einstige Hauptstadt der Amouren und Flirts, wie es Poeten besangen und in unzähligen Liedern preisen, "ist eine Illusion geworden", findet Isaure de Saint-Pierre, Verfasserin bedeutender, von erotischen Szenen durchzogener Romane wie "L'Ombre S.198 Claire" und "Les Dieux et les chiens", "da bieten Amsterdam, Kopenhagen und St. Pauli an wildem Treiben weit mehr".
Das eigentlich Anziehende ist das "Paris secret des plaisirs" -- das heimliche Paris mit seinen verborgenen Vergnügen, eben jenen, die nur im dunklen Wald, in Villen oder Wohnungen zu finden sind, zu denen der Fremde nur durch besondere Kenntnis oder Empfehlung Zutritt hat.
Dutzende von "Partouse"-Klubs haben Konjunktur, einige sind in Reiseführern aufgezeigt. Auf Empfängen werden die Namen dieses oder jenes Politikers (oder der Frauen) geflüstert. Auch welche Schauspieler oder Filmstars am Gruppensex beteiligt sind, bleibt kein Geheimnis.
In einer Gesellschaft, in der die Maitresse im Bett eines heimlich angemieteten Appartements zuweilen ebenso als Zeichen von Lebensart gewertet wird wie ein Picasso an der Wand -- und obendrein von der Familie oft noch akzeptiert --, sind auch erotische Vergnügungen vieler Art nicht verpönt, selbst wenn Diskretion nicht gewahrt bleibt.
Ein Refugium der Pariser Prominenz liegt auf dem flachen Land: Im circa 80 Kilometer von der Metropole entfernten Tal von Chevreuse, im Keller des Betonbunkers eines Pariser Großindustriellen finden auf weißen Fellen, großen Puffs und auch am Pool die "ganz privaten Feste" statt. Isaure de Saint-Pierre: "Nur für Freunde des Besitzers."
Von einer "sexuellen Maskerade" weiß die Autorin zu berichten, die makaber begann: Drei geöffnete Särge mit nackten Mädchen werden feierlich in den Raum getragen, die Anwesenden beginnen, die Körper zärtlich zu streicheln, und dann "zieht man sich zurück in die oberen Etagen".
Im Bois de Boulogne spart der Interessent die 650 Francs für eine Flasche Whisky, die in den Klubs gefordert werden. Hier fallen die sozialen Barrieren und die Hüllen auf die Erde, über die tagsüber die Waldanrainer ihre Hunde Gassi führen.
In der dunklen Anonymität des weiten Waldes kann der Büromensch nach Dienstschluß schnell noch einen lustvollen Stopp einlegen, bevor er zu Ehefrau und Kindern in den Vorort zurückfährt.
Hier braucht der Direktor nicht zu fürchten, von seinen Angestellten ertappt zu werden. "Die Herren müssen nur aufpassen", so ein Beamter der Pariser Sittenpolizei, "daß sie vor lauter Aufregung nicht zu langsam fahren und den Verkehr aufhalten oder etwa falsch parken und sich ein Strafmandat aufhalsen."
Das geht dann an die häusliche Adresse und könnte die Ehefrau zu der berechtigten Frage veranlassen, was denn der liebe Gatte um Mitternacht im tiefen Wald gesucht habe.
Wenn sittenstrenge Bürger allzusehr gegen das nächtliche Treiben protestieren, rollt auch mal die Polizei in Bussen an und nimmt Mädchen wie Männer vorübergehend fest.
Der größte Teil der Transvestiten, das hat die Polizei durch Razzien im Labyrinth der Laster feststellen können, stammt aus Brasilien.
"Die kommen für drei Monate, reisen, sobald die Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist, kurz nach Brüssel, lassen sich einen neuen Stempel in den Paß geben, reisen wieder ein, und die Arbeit geht weiter", weiß die Sittenpolizei.
Wo im Bois die Transvestiten tanzen und Striptease bieten, wissen ihre Fans. Auch Gruppensex-Gruppen haben ihren genauen Treffpunkt: Sie finden sich zum nächtlichen Rendezvous an der Place de la Porte-Dauphine im Nordosten des Waldes ein.
Wer hier als unwissender Autofahrer, der etwa im "Racing Club" mit seiner Freundin dinierte, einen Wagen anblinkt, der offenbar den Verkehr versperrt, sieht sich unversehens von einer Autokarawane verfolgt.
Das sind die "echangistes du Bois", Paare, die per Blinkmanöver und Lichthupe andere Paare zum Paaren auffordern, zu einer "partouse", dem Spiel zu mehreren. "Sobald alle das Gefühl haben, dasselbe zu wollen", schreibt Isaure de Saint-Pierre, "hält man am Straßenrand, steigt aus und schwätzt erst mal."
Bis einer der Protagonisten -- zuweilen auch ein Professioneller, der zur Bitternis der Akteure am Ende des großen Beieinanders kassieren möchte -- eine Wohnung vorschlägt.

DER SPIEGEL 39/1980
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